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Test: Orange Super Crush 100, Verstärker für E-Gitarre

9. November 2021

100 Watt ganz ohne Glaskolben

Der weltbekannte und immer noch kultige Hersteller Orange ist nun mit einem neuen Modell am Start. Die 100 Watt Class-A/B-Endstufe aus dem Orange Pedal Baby wurde hier mit einer Vorstufe auf J-FET-Basis (Feldeffekttransistoren, die eine ähnliche Kennlinie wie eine Röhre aufweisen), kombiniert. In dem Verstärker befindet sich also nicht ein einziger Glaskolben, was meine Ohren aufhorchen lässt. Ich selbst bin ein absoluter Vertreter der Röhre und kann mich bis heute nicht wirklich mit Modellern, Simulanten und dergleichen anfreunden, auch wenn die klanglichen Möglichkeiten hier manchmal schier unbegrenzt sind und sich auch die Klangqualität dieser Vertreter in den letzten Jahren extrem verbesserte. Dynamik und Lebendigkeit schneiden im Vergleich Röhre versus Transistor stets zugunsten der ersten Variante ab, wobei die Nachteile der Röhrenvariante bekannt sind (Gewicht der vergleichsweise großen Trafos, Hitzeentwicklung, schlechtere Energieeffizienz, Reparaturanfälligkeit und Kosten der Röhren, um nur einige zu nennen). Orange selbst behauptet, hier einen großen Wurf gelandet zu haben, nie zuvor sei Orange mit einem Transistor-Amp so nah an das „Röhren-Spielgefühl“ herangekommen. Das haben auch andere schon versucht, oft mit mäßigem Erfolg. Papier ist geduldig. Schauen wir mal, ob die Aussage tatsächlich realitätsnahe ist.

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Der Solid-State-Amp ist als Topteil oder Combo erhältlich und versucht, dem Röhren-Sound und der Dynamik des Rockerverb-Boliden nahezukommen. Das Topteil wäre auch in einer schwarzen Farbgebung zu erstehen. Die 1×12”-Combo Version wurde mit einem Celestion G12H-150 Lautsprecher bestückt.

Orange Super Crush 100 – Facts & Features

Der Verstärker macht bei der ersten Sichtkontrolle einen sehr gut verarbeiteten Eindruck, das ist man von Orange auch bereits seit Jahrzehnten gewohnt. Die Abmessungen betragen (B x T x H): 520 x 365 x 620 mm, was für einen 1 x 12″ Combo eher großzügig bemessen ist. Da Größe und eine massive Bauweise eines Comboverstärkers maßgebliche Kriterien für einen guten Sound sind, darf man annehmen, dass der Testkandidat auch klanglich davon profitieren wird. Gerade aber diese massive Bauweise leistet einen erheblichen Beitrag zum Gesamtklang eines Verstärkers. Ein „kleiner Hasenstall“ wird niemals den Sound einer qualitativ hochwertigen bzw. voluminösen Lautsprecherbox erreichen. Hier gilt leider und dies quasi ohne Ausnahme: Was nichts wiegt, klingt nicht wirklich gut. Das hat Orange verstanden. Das Gewicht der Orange Super Crush 100 Combo beträgt satte 21,5 kg, was gerade noch akzeptabel ist. Die Produkte des Hauses Orange sind seit jeher außerordentlich stabil und robust gebaut. Das kenne ich bereits von meinem mittlerweile als Vintage zu bezeichnenden Orange Overdrive 80 aus den 70ern, der mit zwei 12″ Celestions bestückt war und alleine quasi nicht zu heben ist. Die Verarbeitung des Verstärkers ist ausgezeichnet und absolut roadtauglich. Das Tolex wurde perfekt aufgeleimt, auch die schwarzen Schrauben und Kunststoffecken wirken sehr solide.

Orange Super Crush 100, Back

Die Rückseite des robusten Super Crush

Der Verstärker mit einer Endstufenleistung von 100 Watt bietet zwei unabhängige Kanäle: klar und verzerrt. Auch ein digitaler Hall mit Federhallcharakteristik wurde ihm implementiert. Abgesehen von seiner recht spartanischen Ausstattung besitzt er einen seriellen und gebufferten Effektweg (FX Send/Return: 2x 6,3 mm Klinke) und eine Kanalumschaltung, die ohne den optional zu erwerbenden Fußschalter ausschließlich am Amp selbst vorzunehmen ist. Dieser Fußschalter könnte bei Bedarf auch den Halleffekt ein- bzw. ausschalten. Ein Fußschalter wäre allerdings im Combogehäuse am Boden leicht zu verstauen, da er an der Unterseite des Chassis angeschlossen wird und, soweit eingeklinkt, nicht „heraussteht“. Ein XLR-Anschluss mit Lautsprechersimulation ist ebenfalls nutzbar, wenn eine Abnahme (beim Gig oder Studiodate) nicht mit einem Mikrofon gewünscht ist. Dieser lässt sich zwischen Open-Back- und Closed-Back-Sound umschalten.

Bedienelemente

Die Ausstattung ist relativ spartanisch. Neben der Eingangsbuchse befinden sich die Regler für den klaren Kanal, dieser bietet eine zweibandige Klangregelung (Bass, Treble) und einen Lautstärkeregler. Natürlich finden wir auch die typischen Piktogramme, die zur kultigen Optik der Orange-Verstärker beiträgt. Dem verzerrten Kanal wurde eine dreibandige Klangregelung spendiert und selbstverständlich auch ein Gain-Regler, der den Grad der Verzerrung justiert. Die Master-Sektion bietet Mastervolume und Reverb mit Federhallsimulation. Die beiden robusten Kippschalter erledigen die Kanalumschaltung und das Einschalten des Verstärkers.

Orange Super Crush 100, von oben

Klassischer Orange Style und Look

Rückenpanel

Die Rückwand des Verstärkers ist halb offen, was für eine gute Balance zwischen Bass- und Höhenanteilen sorgen dürfte. Die beiden mit orangenem Tolex beklebten Bretter sind stabil gebaut und gestatten durch die halboffene Bauweise den schnellen Zugriff auf die Unterseite des Chassis. Da man beim Kauf eines zweikanaligen Verstärkers auch sicherlich den verzerrten Kanal nutzen will, empfiehlt es sich, zeitbasierende Effekte wie beispielsweise ein Delay einzuschleifen. Die hierfür benötigten Buchsen wurden gleichfalls an der Unterseite des Chassis verbaut. Auch das Kaltgerätekabel für die Stromversorgung wird an der Unterseite des Chassis eingeklinkt, es steht also nicht heraus. Leider gibt es außer dem einen verbauten Lautsprecheranschluss keine Möglichkeit, noch weitere Lautsprecherboxen parallel anzuschließen, was gelegentlich möglicherweise gewünscht wird. Das frequenzkorrigierte Line-Out-Signal verlässt des Chassis bei Bedarf durch eine XLR-Buchse. Der kleine Drucktaster neben der Buchse erlaubt das Umschalten zwischen einer open bzw. closed Back-Variante.

Orange Super Crush 100, Anschlüsse

Die Rückseite des Chassis

Sound

E-Gitarren brauchen eine gewisse Klangkorrektur, die den Sound für das Ohr angenehm gestalten. Hier macht die verbaute Pedal Baby 100 Endstufe einen guten Job. Der Grundsound ist schön warm mit durchsetzungsfähigen Mitten, die vor allem bei einen verzerrten bzw. aggressiven Klang gefragt sind. Die Höhen liefern nicht die Frische und Luftigkeit, die ein guter, clean eingestellter Röhrenverstärker an den Tag legt. Der Treble-Regler ist zwischen 12 h und max. nur begrenzt effektiv und beeinflusst vorwiegend die hohen Mitten, nicht aber die Präsenzen.

Möchte man aufnehmen, bietet der Super Crush, abgesehen von einer Aufnahme mithilfe eines Mikrofons auch den CAB-Sim-Ausgang an. Hierbei kann man zwischen den Einstellungen Closed-Back und Open-Back wählen. Die Klangbeispiele erfolgten jedoch mit einem Shure SM57.

Hören wir uns zunächst den klaren Sound an, hierfür wurde eine Strat auf dem Hals-Pickup bemüht. Der Klang ist sicherlich nicht vergleichbar mit einem klaren Sound eines Fender Princeton, Deluxe, Twin etc., macht sich aber sicherlich gut und besitzt eine gute Dynamik. Im Klangbeispiel wurde ein dezenter Anteil des internen Federhalls hinzugemischt, Treble 12 h und Bass 10 h:

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Kommen wir zum verzerrten Kanal zunächst nur leicht „angecruncht“, die Klangregelung der drei Regler der Klangregelungen befanden sich jeweils auf 12 h. Der Sound ist tatsächlich röhrenähnlich und bietet eine harmonische Verzerrung mit guter Durchsetzungskraft:

Nun reißen wir den Gain-Regler noch etwas weiter auf, der Sound wird dementsprechend fetter. Der Klang hat seinen eigenen Charakter, ist also weder ganz so mittig, wie es beispielsweise ein Marshall an den Tag legt, es drängen sich keine wirklichen Übereinstimmungen mit Verstärkern weiterer bekannten Herstellern auf:

Erfreulich ist, dass sich auch bei heftigen Gain-Einstellungen die Nebengeräusche in Grenzen.

Bei maximalem Gain wird der Transistorbolide dann bei Bedarf recht aggressiv und bissig, wir hören einige Rhythmuspassagen mit rockigem „Genudel“.

Schließlich hören wir einige Solopassagen mit voll aufgedrehtem Gain-Regler, hier wurde etwas Delay aus Logic ins Spiel gebracht. Der Klang entwickelt ein gutes Sustain und eignet sich sicherlich hervorragend für harten Rock:

Das recht gewagte Versprechen seitens des Herstellers, mit dem Super Crush 100 einen Röhrensound zu bekommen, ist nur teilweise zutreffend. Die warmen Höhen, die Dynamik, Luftigkeit und Lebendigkeit eines Vollröhrenverstärkers lassen sich ohne Röhren schlicht nicht herstellen, deswegen verkaufen sich diese auch nach wie vor gut, obgleich die Konkurrenz der „Simulanten“ und Modeller bekanntermaßen stark zunimmt und deren Sounds immer authentischer und hochwertiger werden. Schön, dass Orange seiner Linie treu bleibt und weiterhin robuste, hochwertige Produkte herstellt, die den Rocker zufriedenstellen.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Gibson ES335, Stratocaster – Orange Super Crush 100 – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

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Fazit

Man kann dem Testkandidaten einen sehr satten, rockigen Sound attestieren, der tatsächlich ein „röhrenartiges“ Spielgefühl liefert. Sein Gewicht ist recht hoch für eine Combo ohne Glaskolben, der keine großen Trafos benötigt und zudem lediglich einen 12″-Lautsprecher besitzt, dennoch schafft gerade seine robuste Bauweise den Boden für den soliden und kraftvollen Klang. Der Super Crush 100 hat seine Stärken sicherlich im verzerrten Bereich, beim klaren Sound kann man die Abstinenz der Röhre in den hohen Frequenzen bei genauem Hinhören ausmachen.

Plus

  • guter Grundsound
  • digitaler Federhall
  • ausgesprochen robust
  • bei Bedarf sehr laut
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Gewicht
  • Fußschalter nicht im Lieferumfang

Preis

  • 699,- Euro
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Equilibrium

    Also 700 find ich schon teuer für einen Transistor. Vergleichbare, weitenteils sogar besser ausgestatte, Amps von ein Boss, Blackstar usw. bekommt man für unter 500.

  2. Profilbild
    RainerJ45  

    Da fällt mir z.B. auch Hughes&Kettner ein, die in dem Segment schon seit gefühlten 3 Jahren sehr aktiv sind.

    • Profilbild
      Equilibrium

      Hughes & Kettner Attax 40 war mein erster Amp überhaupt. Schon damals sehr nett, hatte sogar einen richtigen Federhall drinnen.

    • Profilbild
      OscSync  

      Tatsächlich eher seit rund 30 Jahren. Die alten Attax-Amps waren wirklich ziemlich tauglich, sowohl die größeren mit Vorstufenröhre als auch reinen Transistoramps.

  3. Profilbild
    RainerJ45  

    Es bietet sich, die Audiofiles dieses Tests einfach mal (unter Kopfhörer) mit den Aufnahmen des unter dem Artikel verlinkten Test des Orange Rockerverb 50 zu vergleichen.

    Mir persönlich gefallen vor allem die verzerten Aufnahmen des Röhrenamps viel besser.
    Da ist richtig Musik drin.

    Wenn man aber bedenkt, dass der Preisunterschied schlappe 1.200 € ausmacht, dann macht des Tramsistorteil keine so schlechte Figur.

    Authentizität und Echtheit haben halt ihren Preis.

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