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Test: Peavey Invective, Gitarrenverstärker

11. Dezember 2018

Clean, Metal, Metal, Metal!

Peavey Invective

Peavey Invective

Ob Peavey seiner Zeit ein feines Näschen oder eventuell auch nur Glück hatte, als sie ein entsprechend dickes Bündel Scheine für die Zusammenarbeit mit Edward van Halen auf den Tisch legten, weiß heute wahrscheinlich niemand mehr. Dass sich nach der Trennung von EvH die technisch identisch gehaltenen 6er Topteile 6150 oder auch 6505 allerdings so stark auf der Gitarristen Wunschliste halten sollten, hat Peavey wahrscheinlich selber überrascht. Noch heute sind die genannten Modelle neben Marshall fest im Gear-Park eines jeden ernst zu nehmenden Backline Rental Service als DER typische US-Metal Sound zu finden. Mit dem in China gefertigten Peavey Invective geht das amerikanische Vorzeigeunternehmen einen Schritt weiter und will insbesondere in Sachen Flexibilität einen Zahn zulegen. Nun denn, lassen wir uns überraschen!

Peavey Invective

Peavey Invective – Facts & Features

Der Peavey Invective tritt als Dreikanaler auf, wobei man mittels einer Boost-Funktion, die individuell für alle drei Kanäle sowohl in Sachen Gain als auch in der Klangfarbe über je zwei Potis einstellbar ist, fast von sechs unterschiedlichen Sounds sprechen kann. Der Amp baut auf Vollröhrentechnik, wobei als typischer Vertreter des US-Marktes natürlich keine EL34, sondern die ebenfalls allseits beliebten 6L6 Endröhren zum Einsatz kommen. Wie allgemein üblich pressen diese gegenüber den EL34 5 Watt mehr je Glaskolben aus dem Amp und kommen auf eine Leistung von insgesamt 120 Watt. Der Amp basiert auf dem Channel Standard Clean, Crunch und Lead, wobei man sich jedoch klanglich teilweise komplett von dem verabschieden muss, was man im Allgemeinen unter „Crunch“ versteht. Hierzu jedoch später mehr im Praxisteil. In Sachen Regelmöglichkeiten stehen einem wahrlich jede Menge Potis auf der Vorder- und Rückseite zur Verfügung. Ingesamt 23 Regler erlauben eine individuelle Klangformung, wobei sich die Kanäle Crunch und Lead sogar noch die Klangregelung teilen.

Peavey Invective - Rueckseite

Peavey Invective – Rückseite

Der Aufbau des Peavey Invective

Fangen wir zunächst mit dem Frontpanel von links nach rechts an. Der  Invective rühmt sich gegenüber seinen Vorgängern, erstmals einen „echten“ cleanen Kanal zu besitzen, der jedoch mittels der Boost-Sektion letztendlich auch wieder in einen verzerrten Kanal verwandelt werden kann. Für eine individuelle Regelung stehen hierfür neben Pre- und Post-Gain eine Dreiband-Klangregelung nebst Tone- und Gain-Regler für die Boost-Sektion zur Verfügung. Es folgt der manuelle Kanalwechsel, der durch drei farbige LEDs (grün, orange, rot) den jeweiligen Kanal anzeigt. Kanal 2 und 3 verfügen jeweils über die Möglichkeit, ein Noisegate zu verwenden und sich abermals eine Boost-Sektion zu teilen. Die Endstufe ermöglicht noch die Regelung der Resonance- und Presence-Frequenzen, bevor der Mastervolume-Regler den Abschluss bildet.

Rückseitig geht es in Sachen klanglicher Verwaltung ebenfalls recht intensiv zur Sache. Neben Kaltgerätestecker, Hauptsicherung und Spannungswahlschalter (220/230V und 240V) sorgt der Leistungswahlschalter in Kombination mit dem Impedanzwahlschalter erstmals für Stirnrunzeln. Über einen Kippschalter lässt sich die Leistung des Peavey Invective halbieren. Wahrscheinlich wird hierfür wie üblich ein Paar der in der Push/Pull A/B-Schaltung gehaltenen Endröhren abgeschaltet. Um diese „Fehlanpassung“ im Trafo zu kompensieren, muss der Wahlschalter auf die doppelte Ohmzahl gestellt werden und mit den angeschlossenen Boxen angeglichen werden.

Peavey Invective - Mastersektion

Peavey Invective – Master-Sektion

So kann man bei vier Endröhren zwischen den üblichen 4, 8 und 16 Ohm wählen. Bei der Endröhrenhalbierung werden nun aus 4 Ohm = 8 Ohm, 8 Ohm = 16 Ohm und 16 Ohm = 32 Ohm. Dies mag schaltungstechnisch richtig sein, aber es gibt keine 32-Ohm-Boxen auf dem Markt! Es würden sich lediglich 2x 16 Ohm Boxen in Reihe schalten lassen, aber diese Schaltung ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht untergekommen. Natürlich ist es fertigungstechnisch preiswerter, einen einzelnen Schieberegler zu platzieren, aber entsprechende Einzelausgänge würden für mehr Sicherheit bzgl. Fehlbedienung führen, zumal gerade Gitarristen nicht für die perfekte Handhabung des Ohmschen Gesetzes bekannt sind.

Der Rest der Rückseite sorgt hingegen für ein strahlendes Lächeln auf dem Gesicht des Testers. Neben einem symmetrierten XLR-Direct-Out verfügt der Invective über einen schaltbaren Mastervolume, dessen Pegel auf der Rückseite eingestellt werden kann , gibt es 2 schaltbare FX-Loops und 2x 9 Volt Outputs mit insg. 500 mA für entsprechende Boden-FX-Pedale. Peavey geht wohl davon aus, dass viele ihre Pedale gerne auf oder sehr nahe am Amp platzieren, sodass sich über die Loops 2 voreingestellte Pedal-Presets abrufen lassen. Dass diese auch noch mit Spannung versorgt werden können, ist ein Höhepunkt in Sachen Praxistauglichkeit. MIDI In/Out bildet den Abschluss der Rückseite des Peavey Invective.

Peavey Invective - Unterseite

Peavey Invective – Unterseite

Das Zubehör des Peavey Invective

Werksseitig erscheint der Invective ohne jegliche Bedienungsanleitung oder sonstigem Bonusmaterial wie Schutzhülle o. ä., allerdings ist ein sehr umfangreicher Fußschalter im Lieferumfang mit inbegriffen. Insgesamt zehn Schalter, montiert in ein massives Stahlgehäuse, sorgen für eine umfangreiche Fernsteuerung des Verstärkers. Der Footswitch ermöglicht eine Stompbox-Schaltung oder aber er verwaltet bis zu 9 verschiedene Presets. Ob das mitgelieferte Multipin-Kabel lang genug ist, muss jeder für sich selbst entscheiden, einfach verlängern kann man es aufgrund der proprietären Belegung jedenfalls nicht so einfach.

Peavey Invective - Fußschalter

Peavey Invective – Fußschalter

Der Peavey Invective in der Praxis

In den verschiedenen Vorankündigungen hat Peavey besonderen Wert auf den cleanen Kanal gelegt, zumal sich bei seinen Vorgängern der Musikerstamm diesbezüglich schnell in zwei Lager spaltete. Der cleane Kanal des Peavey Invective hingegen dürfte beide Lager vereinen, da er in der Tat einen guten Eindruck hinterlässt. Er klingt warm, ist recht übersteuerungsfest und hat genügend Headroom für einen durchsetzungsstarken Sound.

Der Klangcharakter ändert sich abrupt, sobald der Boost-Kanal aktiviert wird. Der Drive wird für einen cleanen Boost sehr hoch angesetzt, sodass man sich umgehend im Crunch-Bereich befindet. Der Klang wird etwas matt, weiß aber als zusätzliche Soundoption zu gefallen.

Das eigentliche Einsatzgebiet des Invective offenbart sich hingegen ab dem Crunch-Kanal aufwärts. Der Amp wurde im Vorfeld als der ultimative Metal-Amp beworben und ich habe selten ein Röhrentop in die Hände bekommen, das so kompromisslos in diese Richtung geht.

Der Grundcharakter der beiden Kanäle Crunch und Lead lehnt sich an seine Vorgänger der 6er Serie an, von daher ist der latent Scoop-lastige Sound keine Überraschung. Allerdings erschließt sich mir die kompromisslose Auslegung der vier Soundoptionen Crunch, Cruch Boost, Lead und Lead Boost nicht wirklich. Bereits der Crunch-Kanal ist extrem hoch komprimiert und verfügt über Gain-Reserven, die anderswo nicht einmal im Lead-Kanal erreicht werden. Gleichzeitig klingt der Kanal trotz des starken Höhenanteils etwas belegt, was zu Lasten des Durchsetzungsvermögens geht. Man erkennt es am beigefügten Soundfile, dass die Gitarre sich trotz ausreichender Lautstärke im Bandgefüge etwas schwer tut.

Diese klangliche Grundausrichtung setzt sich in den drei anderen Stufen weiter fort, lediglich der Gain-Anteil und der Höhenbereich nimmt weiterhin zu. Für ein schweres Riff-Gewitter, insbesondere im Downtuning-Bereich, sind diese Sounds sehr gut geeignet, mir persönlich hingegen drückt der ultra-komprimierte Sound die individuelle Spielkultur zu stark in Richtung mangelnder Dynamikmöglichkeiten.

Ein weiteres Problem ist die Platzierung des Noisegate im Signalweg. So wie es scheint, greift das Noisegate das Signal sehr früh am Verstärker ab, eventuell sogar schon unmittelbar hinter der Eingangsbuchse. Dies bedeutet, dass eventuell anfallende elektromagnetische Einstreuungen, die vom Pickup aufgenommen werden und durch eventuelle Pedale vor der Vorstufe noch verstärkt werden, in den Spielpausen gut abgefangen werden.

Das Eigenrauschen des Verstärkers hingegen wird nicht eliminiert, was sich mir nicht erschließt. Gerade im Lead-Kanal rauscht der Amp sehr stark, so stark, dass in den Spielpausen z. B. während einer Ansage des Sängers der Kanal gewechselt werden muss oder aber es setzt böse Blicke von der Bühnenmitte aus. Man muss es leider sagen, so ein Noisegate macht in meinen Augen leider keinen Sinn, da es seinen Zweck nicht erfüllt.

Fazit

Der Peavey Invective ist ein Amp, der von seiner Ausrichtung her kompromisslos in Richtung Metal geschoben wurde. Die sechs Grundsounds überzeugen mit einem sehr guten cleanen Sound, einem geboosteten Clean-Sound für Crunch-Sounds und vier hoch komprimierten Metal-Sounds, die sich klanglich primär im Gain- und Treble-Ansatzpunkt unterscheiden.

Der Amp hinterlässt insbesondere im Downtuning-Bereich in Sachen Riff-Gewitter eine fette Duftmarke, hätte meines Erachtens aber aufgrund seiner schaltungstechnischen Möglichkeiten deutlich flexibler und offener im Sound aufgezogen sein können. Details wie eine 9-Volt-Stromversorgung für Bodenpedale und der luxuriöse Fußschalter erfreuen den erfahrenen Musiker, über die Platzierung des Noisegate im Signalweg sollte sich der Hersteller allerdings noch einmal Gedanken machen.

Das Test-Setup bestand aus einer Fame Forum IV mit EMG Pickups, einem H&K 412 Coreblade Cabinet mit Celestion Classic Lead Lautsprechern und einem Fame MS57 Mikrofon.

Plus

  • Sound Clean-Kanal
  • luxuriöser Fußschalter
  • 9-Volt-Anschlüsse
  • schaltbarer Mastervolume

Minus

  • Wirkungsweise Noisegate
  • verwirrende Impedanzanzeige

Preis

  • Ladenpreis: 1.777,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Langsuan

    Vielen Dank für den Test, die sehr gute Praxisbeschreibung und vor allem für die aufwändig gemachten Klangbeispiele!

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      @Langsuan: Danke für das Lob. Der Sound eines Amps kann eigentlich nur innerhalb eines Bandkontextes beurteilt werden, daher mache ich mir die Mühe.

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