MIDI-Gadget für Performances und Zwischenmenschliches
“TouchMe, das Musikinstrument, das Haut, Wasser oder Blumen in Töne verwandelt“. Und: „Der Körper ist ein Instrument“. So preisen die Entwickler von Playtronica aus Estland ihren in jeder Beziehung höchst ungewöhnlichen TouchMe MIDI-Controller an. Also genau mein Ding, hatte ich doch in den letzten Jahren hier immer wieder recht außergewöhnliche MDI-Controller – wie Charlie Lab Digitar, Artiphon Orba 2 oder zuletzt den Artinoise Controller – auf dem Prüfstand. Während diese aber durchaus auch den Anspruch haben, im Tonstudio als Spielhilfe eingesetzt zu werden, geht der Playtronica TouchMe eher in die Richtung Gadget für Performance und Kunst, wie auch diverse TouchMe-Videos zeigen. Zwischenmenschliche Interaktion, Verfremdung von Objekten und Klangexperimente sind das Spielfeld des TouchMe. Das unterstreicht auch die Aussage „Keine musikalischen Fähigkeiten erforderlich“ auf der Produktseite. Das muss bei der Einordnung und Bewertung berücksichtigt werden, ein Vergleich mit anderen MIDI-Controllern greift da wenig und wäre unfair.
Inhaltsverzeichnis
Das Künstler-Kollektiv Playtronica
Playtronica ist kein Entwickler wie alle anderen und bezeichnet sich selbst sowohl als Community als auch als Startup, genauer: als ein Kollektiv aus Künstlern und Ingenieuren aus verschiedenen Lebensbereichen, die über den ganzen Globus verteilt sind.
Sie entwickeln zum einen ungewöhnliche Produkte (dazu gleich mehr), beschäftigen sich aber auch mit interaktiven Events und Installationen. Letztere waren und sind im Centre Pompidou in Paris oder im Exploratorium in San Francisco zu sehen, dem „Museum für Wissenschaft, Kunst und menschliche Wahrnehmung“. Auch arbeiten sie bei ihren Interaktionsprojekten mit und für große Unternehmen wie Nike, Google oder Boeing und treten live bei Musik- und Wissenschafts-Festivals auf.
Entstanden 2013, erschien 2016 mit dem Playtron ihr erstes Produkt, ein MIDI-Controller in Form einer gezackten Platine, der mit seinen 16 Eingängen 16 verschiedene Töne auslösen kann. Beworben wurde er mit „Verwenden Sie den Inhalt ihrer Obstschale als Klaviertastatur“. 2018 folgte mit dem TouchMe dann eine weitere, dann einkanalige Version, die per Hautkontakt die Tonhöhe ändert, später dann mit dem IO-Lights ein Controller, der MIDI-Daten über Umgebungslicht steuert und das „Biotron“ mit zwei MIDI-Kanälen, die von einem Pflanzen- und einem Lichtsensor angesteuert werden.
Das neueste Projekt ist der „Orbita“, eine Art Plattenteller mit vier Instrumentenspuren, der über Farbmagnete gesteuert wird. Über ein CV/Gate-Board soll der Orbita auch mit Modular-Systemen verbunden werden können. Seit 2021 tauchte der Orbita immer wieder mal bei der Superbooth auf. Eine Veröffentlichung via Kickstarter ist seitdem im Gespräch.
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Das Künstler-Ingenieurs-Kollektiv, das in Estland beheimatet ist, aber auch Büros in Paris und Berlin unterhält, engagiert sich auf seiner Website zudem auch politisch (Ukraine) und beendet seinen Aufruf mit den Worten „Seien Sie freundlicher – zu allen“ und „Love & Resistance“.
Playtronica ist eben kein Hersteller wie (fast) alle anderen.
Lieferumfang und Verpackung des Touch Me
Geliefert wird der Playtronica TouchMe nicht in einem bunten Karton, sondern in einer simplen schwarzen Polstertüte, die man vom Versand von Speicherbausteinen her kennt. Neben dem Controller selber gibt es auch noch ein weißes Flachbandkabel (USB-A auf USB-C) und zwei ca. 40 cm lange schwarze Patch-Kabel – allerdings mit Krokodilklemmen an den Enden und nicht mit Klinkensteckern.
Hinzu kommt auf einem Flyer der Aufruf, Reviews, Performances oder Zuhörerreaktionen zu filmen und mit dem Hashtag Playtronica zu verteilen – dafür gebe es 15 % Discount beim nächsten Einkauf. Virales Marketing, nennt man das wohl. Und schließlich – nein, kein Handbuch, sondern eine Seite mit bunten Stickern als Hommage an die Design- und Architektengruppe „Memphis“ von Ettore Sottsass. Was die künstlerische Ausrichtung von Playtronica und ihren Produkten noch einmal unterstreicht.
Wie sieht der Playtronica TouchMe MIDI-Controller aus?
So ungewöhnlich wie es bis hierher war, geht es auch weiter: Der TouchMe besitzt kein echtes Gehäuse, sondern ähnelt eher einer Platine (wobei hier die Leiterbahnen allerdings im Inneren verlaufen, während einige Chips sich wiederum auf der Platte befinden), etwa 20 cm lang, 4 cm breit und 2 mm hoch.
Links und rechts befinden sich auf der Vorder- und Rückseite je zwei etwas größere runde Kupferflächen, die Kontaktflächen, wodurch der TouchMe eine dezente Knochenform hat. Über je zwei weitere, deutlich kleinere runde Kontaktflächen links bzw. rechts der Großen lassen sich Tonart und Grundton und zwölf verschiedene Skalen einstellen, darunter Dur, Moll, Chromatisch, Blues, einige Kirchentonarten, Pentatonik und vermindert.
Töne und Skalen wiederum werden über kleine grüne bzw. rote LEDs angezeigt, die in einer Zickzack-Linie angeordnet sind. Für einen versenkten USB-Anschluss ist die Platte des TouchMe zu klein, weshalb dieser aufgelötet wurde. Das sieht schon alles etwas behelfsmäßig aus, eher wie ein erstes Muster („um das Gehäuse kümmern wir uns später“), und wirkt nun auch nicht übermäßig stabil, ist aber andererseits auch konsequent eigenwillig und spart zudem sicher auch Kosten.
Und im Test gab sich der TouchMe auch recht robust und schwächelte nicht. „Things should sound“ – ist klein auf dem Controller zu lesen, um uns daran zu erinnern, wozu er gedacht ist. Um Objekte zum Klingen zu bringen, oder sie wenigstens als Trigger-Pad zu nutzen. Aber dazu gleich mehr.
Das Konzept des TouchMe: So funktioniert der Controller
Das zugrunde liegende Konzept des TouchMe ist simpel. Über die USB-Schnittstelle fließt (schwacher) Strom durch den TouchMe. Werden nun beide großen Kontaktflächen wie auch immer verbunden, wird der Stromkreislauf geschlossen, was denselben Effekt hat wie „Taste gedrückt“. Den fließenden Strom bemerkt man selber überhaupt nicht. Er ist natürlich ungefährlich, aber trotzdem empfiehlt Playtronica die Verwendung des TouchMe nicht für Personen mit einem Herzschrittmacher.
Je nach Intensität des Kontaktes/Drückens und je nach Berührungsfläche fließt mehr oder weniger Strom und es ändert sich die Tonhöhe. Wobei ein gezieltes Ansteuern einer bestimmten Tonhöhe nur schwer möglich ist. Tonart und Skala können (wie erwähnt) aber angepasst werden. Das Schließen des Stromkreislaufes kann auf verschiedene Arten erfolgen. Hier einige Beispiele:
- Eine Person berührt beide Kontaktflächen
- Je eine Person berührt eine Kontaktfläche und die beiden Personen berühren sich gegenseitig
- Je eine Person berührt eine Kontaktfläche und bilden mit weiteren Personen eine Menschenkette
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Gerade der „Multiplayer“ ist ein schönes „Gruppenerlebnis“, da die Intensität und Art der Kontakte eben auch Einfluss auf die erzeugten Töne hat. Wie diese zustande kommen, erkläre ich gleich.
Mit den beiliegenden Kabeln mit den Krokodilklemmen lassen sich die Kontakte verlängern und nach außen legen. Das andere Ende kann so beispielsweise in leitfähige Materialien gesteckt werden. Playtronica führt als Beispiele an:
- Obst, Gemüse und Pflanzen (solange sie nicht zu stark gewachst sind)
- Metalle wie Besteck, Werkzeug, Kleiderbügel etc.
- Seife
- Knete
- Wasser und andere Flüssigkeiten (Vorsicht, TouchMe selber ist nicht wasserdicht)
- Nasse Oberflächen, Gelee, Alufolien
- Und vieles mehr…
Damit sind zum Beispiel folgende Szenarien möglich:
- Eine Krokodilklemme an einen Apfel, die andere an einen mit Alu umwickelten Drumstick. Schlägt man damit auf den Apfel, wird der Stromkreislauf geschlossen. Mit mehreren TouchMe lässt sich so ein komplettes Obst-Schlagzeug bauen. Warum auch immer man das machen möchte. Einfacher ist dieses Szenario jedoch mit dem „Playtron“ von Playtronica zu bewerkstelligen, da dieser Controller 16 Eingänge für 16 verschiedene Töne besitzt. Da wiederum lässt sich aber die Tonhöhe nicht ändern – perfekt für Drums also.
- Die beiden Krokodilklemmen werden in zwei Wassergläser versenkt. Hält man nun in die beiden Gläser je einen Finger, schließt sich der Kreislauf.
Playtronica bietet in seinem Shop überdies zusätzliche Klemmen, Kabel, Klebepads für die Haut mit Kabeln (wie beim EKG – die in der deutschen Version der Website etwas irritierend „8 Pflanzenpflege für Haut und Pflanzen“ heißen), leitfähiges Gewebeband und Kupferband, um nicht leitfähige Objekte leitfähig zu machen und mehr. Damit kann man wunderbar experimentieren und findet immer neue Möglichkeiten und Objekte für aberwitzige, ungewöhnliche Installationen und Performances.
Im Internet (besonders auf TikTok und YouTube) finden sich zahlreiche witzige User-Videos, die ihre Anwendungsideen präsentieren. Die besten davon hat Playtronica auf der Produktseite abgebildet, wirklich sehenswert. Zwei verkabelte Pilze, die miteinander musikalisch kommunizieren, ein gedeckter Mittagstisch, wo Spargel, Pudding und Dessertplatten (per Kupferband verbunden) zum Klingen gebracht werden, ein Maler, der Leinwand und Pinsel mit dem TouchMe verbindet und während des Malens dann immer andere Klänge hört, eine Katze, die auf Alufolie steht und aus einem Wasserglas trinkt, in dem ein Kabel aus dem TouchMe hängt, und bei jedem Schluck ertönt Musik. In den Bewertungen der TouchMe-Käufer wird auch der Einsatz in Schulen und Hochschulen und in der Arbeit mit autistischen Kindern erwähnt.
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Klangsteuerung mit dem Playtronica TouchMe
Der TouchMe erzeugt als MIDI-Controller selber keine Töne, lässt sich aber zum einen mit einer DAW verbinden. Im Test habe ich das mit Studio One unter Windows 10 ausprobiert, das den Controller beim ersten Anstöpseln auch namentlich erkannt und eingerichtet hat. In Studio One taucht der TouchMe beim Hinzufügen eines externen Gerätes ebenfalls auf und kann problemlos ins Setup eingebunden werden ( -> neues Keyboard, -> Empfangen von: TouchMe, -> Senden an: M8U XL1).
Sucht man sich bei den Skalen zum Beispiel einen Blues in Dur und schaltet die Eingangsquantisierung ein, um wirre Tonfolgen zu vermeiden, bekommt man tatsächlich einige ganz passable Ergebnisse. Im Tonstudio ist das eher wenig sinnvoll, aber live ist so ein Solo, das gespielt wird, wenn sich Gitarrist und Keyboarder gegenseitig auf die Arme trommeln, sicherlich recht eindrucksvoll. Oder ein Drummer, der auf eine Gemüseplatte eindrischt – falls man den TouchMe tatsächlich zum „richtigen“ Musikmachen nutzen möchte.
Außerdem hält Playtronica eine Sammlung mit Web-Synthesizern bereit, mit denen man direkt loslegen kann. Darunter Emulatoren bekannter Synthesizer (wie DX7 oder Juno-106), aber auch Modulares, Experimentelles und Drums. Es macht Spaß, da herumzuprobieren. Das alles funktioniert aber nur im Chrome-Browser, andere Browser arbeiten nicht mit TouchMe zusammen. Der TouchMe kann auf Wunsch auch mit Tablets oder Smartphones verbunden werden.
Hier noch einige „Soundbeispiele“, wie der TouchMe durch Berührungen Tonfolgen triggert. (Die stammen aus diversen Web-Synthesizern)
Und zum Schluss noch ein Beispiel, wie der TouchMe auch in der Musikproduktion eingesetzt werden kann (zu Beginn und dann ab Minute 3:00):
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Grundsätzlich finde ich solche Ideen durchaus gut und vor allem ausbaufähig! Richtig brauchbar für Musik scheint der TouchMe dann doch nicht zu sein. Als er vor ein paar Jahren auf dem Markt kam war ich zugegeben erst begeistert, bei näherer Betrachtung dann doch eher ernüchtert.
Das ist dann doch alles zu rudimentär. Sicherlich ein tolles „Gadget“ für Leute, die nicht wissen, was sie verschenken sollen oder denen langweilig ist. Ich glaube aber nach der ersten Euphorie schwindet der Wow – Effekt und das Ding landet in ner Kiste.
Dafür sind mir 109 € dann doch zu schade…!
Es ist leider überhaupt nicht meine Art Musik zu generieren, dennoch bin ich schwer begeistert. Die Ideen scheinen hier grenzenlos zu sein. Das Beispiel mit der Katze fand ich am lustigsten. Wie gut das die Katze das nicht checkt. 🐱