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Test: Ploytec Pi L Squared, Hybrid-Synthesizer


E = πλ²!

Synthese 

An einem MIDI-Ausgang angestöpselt, liefert der Pi L Squared leider keine optische Rückmeldung über seinen Betriebszustand, denn auf eine Power-LED musste aus Stromspargründen verzichtet werden. So liegt oder hängt er erst mal dort herum, an MIDI-Kabel und Cinch-Kabel …

Durch Senden von Noten auf Kanal 1 gibt das Gerät einen Piep von sich, der da heißt: „Upright Bass“! 32 Presets lassen sich über Programmwechselbefehle auswählen, die eine wichtige Ausgangsbasis für Eigenkreationen darstellen, die in weiteren 32 Klangspeichern abgelegt werden können. Im Erstauslieferungszustand liegen hier Kopien der Werkspresets.

Die Werkssounds.

Die Werkssounds

Das Durchsteppen von Presets ist dann auch schon einmal alles, was ein durchschnittlich begabter Mensch ohne weitere Informationen mit der Black Box anstellen kann, denn eine „Bedienoberfläche“ fehlt zur Gänze. Weiter kommt man nur durch „Reverse Engineering“ – etwa das experimentelle Abfeuern von MIDI-Controllern – ODER mit der Anleitung, die mir auf Anfrage in einer verheißungsvollen, deutschsprachigen Version 0.3 zugemailt wurde. Sie ist bereits jetzt sehr informativ und gut geschrieben, reich bebildert und mit derzeit 21 Seiten auch nicht zu lang.

Das Blockschaltbild der Klangerzeugung sagt bereits mehr als 1000 Worte.

Signalfluss im Pi L Squared. SCHWARZ: Steuerleitungen, in Klammern die MIDI-Controllernummern. ROT: Signale

Signalfluss im Pi L Squared.
In SCHWARZ: Die Steuersignale.
In den Kästchen mit #: Die MIDI-Controllernummern zur Steuerung des betreffenden Parameters.
Ergänzende Informationen zu den diversen *(Fußnoten) finden sich im Handbuch.
In ROT: Die Audiosignale.

Der Pi Lambda Square ist ein duophoner Synthesizer, es können also bis zu zwei Noten gleichzeitig gespielt werden. Insgesamt gibt es 5 Playmodes und eine Portamentofunktion mit einstellbarer Zeitkonstante.

Es gibt 2 in der Pulsbreite modulierbare Pulsschwingungs-Oszillatoren, denen durch trickreiche Überlagerung insgesamt 4 „Schwingungsformen“ entlockt werden. Durch eine „verbotene“ Mischung der Zustände „Ein“ und „Aus“ am Ausgang der beiden Oszillatoren ergibt sich eine instabile Mittelspannung, ein Trick, der schon den berühmten SID-Chips des Commodore 64 zu mehr Klangvielfalt verholfen hat. Dessen Klangerzeugung wurde später von findigen Entwicklern auf Microcontrollern der Atmel AVR-Familie emuliert – es besteht also durchaus eine Verwandtschaftsbeziehung zum Pi L Squared.

Die 4 Wellenformen.  1: Klassische Rechteckform (Pulse) - [PWM 1] regelt. 2: Zusammengesetzt aus A und B - [PWM 1] regelt A, [PWM 2] regelt B. 3 und 4: Komplexe Rechteckformen - [PWM 1] regelt untere Halbwelle, [PWM 2] regelt obere Halbwelle.

Die 4 Wellenformen.
1: Klassische Rechteckform (Pulse) – [PWM 1] regelt.
2: Zusammengesetzt aus A und B – [PWM 1] regelt A, [PWM 2] regelt B.
3 und 4: Komplexe Rechteckformen – [PWM 1] regelt untere Halbwelle,
[PWM 2] regelt obere Halbwelle.

Ein LFO, der sich automatisch zu einer anliegender MIDI-Clock synchronisiert, beeinflusst die Pulsbreite, die Tonhöhe beider Oszillatoren, die Filtereckfrequenz oder die Lautstärke.

Eine ADSR-Hüllkurve steuert ebenfalls die Lautstärke und – schaltbar – ein digitales Resonanzfilter zweiter Ordnung, welches als Tief-, Band- und Hochpass arbeiten kann. Velocity wirkt leider nur auf „Volume“, aber nicht auf die Filtereckfrequenz.

Ein nachgeschaltetes, über ein Kondensator-Netzwerk veränderbares, Analogfilter erster Ordnung kann auf Wunsch Aliasingprodukte und das Quantisierungsrauschen der „8 Bit-Klangerzeugung“ reduzieren, für etwas Wärme im Klangbild sorgen oder Kopfschmerzen verhindern helfen.

Der Pi L Squared kann auch Gleichspannung! Diese ist mit dem „DC Offset“-Filter – de facto ein Bitshifter – regelbar.

Am Ende folgt der in der Lautstärke regelbare Inverter als „Saturation Stage“.

Durch das Senden vordefinierter Werte auf MIDI-Controller 31 und 82 lässt sich das Modulationsrad insgesamt sieben Modulationszielen (und Zielkombinationen) zuordnen. Welcher Controllerwert welche Kombination aktiviert, darüber informiert eine Tabelle mit „Bitpatterns“ im Handbuch, das man für diesen – ja – Programmierschritt wirklich vor der Nase haben muss, um sich zurechtzufinden.

Was sich auch im Blockschaltbild erahnen lässt: Der Pi L Squared bietet eine Vielzahl von Modulationsmöglichkeiten.

Laut Ploytec lassen sich künftig über DUMP-Utilities – im Zweifel MIDI-OX – und, wichtig, bei laufender MIDI-Clock, auch Software-Updates aufspielen.

Was fehlt? 32-facher Multimode, Lexicon Hall, iPhone Slot, alles…Quatsch! Natürlich ist die Reduktion eine wesentliche Tugend dieses Instrumentes. Und 8k Byte Programmspeicher des Mikrocontrollers erfordern ein sorgfältiges Abwägen des Feature-Sets. Im Gegenzug lautet die Devise: Was nicht verboten ist, ist erlaubt! So kommt es, dass wir im Jahre 2013 endlich in den Genuss kommen, am Ausgang eines sanft sättigend vor sich hin „röhrenden“ Logikbausteins den Datenpins eines 8Bit-Mikrocontrollers zu lauschen, der über eine Datenleitung versorgt wird, die in grauer Vorzeit einmal für die Übertragung von „Notennummern“ und anderen Belanglosigkeiten entwickelt wurde …

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Klangbeispiele

  1. Profilbild
    Marius Seifferth AHU

    Guter Testbericht und auch sehr interessantes Konzept. Kommt nicht mehr alle Tage vor, dass jemand „aus fast nichts“ etwas baut. Bei dem Klang bin ich aber ein bisschen zweigeteilt. Teilweise klingt es ja schon irgendwie „rockig“ und manchmal auch „schön weit“ aber auch irgendwie eine Spur zu kaputt und als ob zu wenig Saft drin wäre. hhmmm…..

    • Profilbild
      falconi RED

      Du hast Recht, die Klangbeispiele haben teils einen etwas bröseligen Einschlag, und natürlich ist das auch ein wesentlicher Charakterzug des Pi L Squared.
      Ich muss den Synthesizer dennoch ein wenig in Schutz nehmen. Natürlich sind auch beim Pi L Squared sämtlich Controller mit 127 Stufen aufgelöst. Da man hier jedoch ohne Umwege – insbesondere Controller-„Kennlinien“ – auf die Hardware zugreift, bedeutet das noch nicht, dass alle 127 Stufen auch musikalisch sinnvoll einzusetzen sind; manchmal ist es nur ein eng begrenzter Bereich (zutreffend z.B. bei der Filterresonanz und dem Bitshifter). Ich habe recht ungezwungen drauflos geschraubt, was auch großen Spaß macht – „soviel Artefakt war nie“, einen stabilen Klangcharakter aber eher verhindert.
      Wer den Synthesizer musikalisch sinnvoll einsetzen will, sollte dosierter vorgehen und sinnvolle Wertebereiche sorgfältig ausloten. Die gibt’s durchaus, und dann klingt der Pi L Squared „kräftig“ und „lowbittig“ zugleich…

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        Marius Seifferth AHU

        hhmmm…. so hab ich das noch gar nicht betrachtet. Vielleicht werd ich mir das Würfelchen mal, nach meinem Umzug, zulegen. Noch etwas was nicht’s mit ihm zu tun hat, aber hier auf den Bildern zu sehen ist: Lohnt sich der VP-9000 heute noch? Ist des Stretching und Pitching tatsächlich so gut, dass man nur eine Taste absampeln braucht? Ein bisschen „off topic“, ich weiss :-D

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          falconi RED

          Hallo,
          mit dem Pi L Squared zieht es sich bequemer um als mit einem Modularsystem, und er macht sich auch gut in einem „mobilen Setup“, sofern eine MIDI-Buchse vorhanden ist.

          Zum „off-topic“ antworte ich Dir per Mail.

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          rez_azel

          Hallo, ich denke, das was der Roland VP kann, machen heute viele Softsynths (Harmor, Alchemy, jeder Sampler mit Granular-Stretching, IK SampleTank und Ableton Live) wesentlich besser. Ich habe mir mal die „Variphrase Sampling CD“ von mbits zugelegt. Das klingt schon alles sehr nett, aber für realistische Klänge wird „nur eine Taste sampeln“ eben nie reichen. Der VP wurde ja auch zu einer Zeit entwickelt, als Speicher noch horrend teuer war, da klang das Konzept schon verlockend :) Aber eigentlich ist der VP schon eher was zum Drumloop in Richtung Lo-Fi verwursteln. So was ähnliches wie Live in Hardware ist ja glaube ich auch der Octatrack…

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            falconi RED

            Der VP-9000 hat einen recht spezifischen, „glockigen“ Klangcharakter, den ich sehr schätze, und den man auch bei den alten Daft Punk-Produktionen oder beim „Funk Soul Brother“ gut heraushören kann. Auch ohne „VariPhrase“ klingt er immerhin so gut wie alle Hardware-Sampler von Roland (also sehr gut), er hat aber nur sechs Stimmen, keinerlei Hüllkurven, und ein Filter gibt es nur in der Effektsektion. Seit dem Verschwinden von Windows 95/98/ME gibt es zudem keine Möglichkeit mehr, das Gerät vom Rechner aus zu steuern.

            Der VP9000 ist einer der Gründe, warum in meinem Rechner immer noch eine SCSI-Karte steckt, und im benutze ihn immer dann, wenn es die Zeit in einer Produktion zulässt, wobei ich jedes Mal einen Horror davor habe, weil die Vorbereitungszeit so lange ist. Hinterher bin ich oft froh, weil oft etwas Besonderes dabei herauskommt.

            Ein Neueinstieg in den VP9000 halte ich für wenig sinnvoll…

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    Hans-Peter Wagner

    Im Jahre 1985 aus nem C-64 wäre das Unglaublich. Aber jetzt echt…. wer kauft sowas denn

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    Markus Schroeder RED

    Klasse Test, Falk!
    Vor allem sind die vielen Hintergund Infos interessant.
    Hätte ich mir nicht gerade ein Pitch-Shifter Pedal und einen Video-Synthesizer gekauft wäre DAS die Anschaffung des Jahres geworden. Aber wenn da noch ein Bausatz kommt warte ich vielleicht doch lieber auf den.

    Mit iPad /iPhone!!! LOL, MIDI DIN Interface (iRig, Mobilizer II etc.) und TouchOSC/ Lemur sicher ein super Set. Wäre auch eine super Ergänzung zu meinem ReMote SL Controller.

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    falconi RED

    Ja, super, danke. und vielleicht einfach als Vorsatz für’s neue Jahr aufheben.
    Liebe Grüße von Warschau nach … Tokio ???

    • Profilbild
      Markus Schroeder RED

      Danke, auch liebe Grüße nach Polen. Leider bin ich noch in D. Hab noch jede Menge zu tun hier, im Frühling gehts wieder nach Hause, nach der Musikmesse ’14.

  6. Profilbild
    falconi RED

    Die Ungereimtheiten mit „abreißenden Hüllkurven“ und gelegentlichen „Tickergeräuschen“ sind geklärt:
    Es ist wichtig, dass der Pi L Squared, sofern man ihn denn mit MIDI-Clockdaten versorgt, um z.B. den LFO dazu zu synchronisieren, diese MIDI-Clock wirklich permanent empfangen kann. In Cubase ist das Haken in den „Projekt-Synchronisationseinstellungen“: „MIDI-Clock-Befehle im Stop-Modus setzen.“
    Während meines Tests kamen die Clockdaten nicht aus dem Sequencer, sondern aus meinem „Masterkeyboard“, dem microKORG. Durch Umschalten der Quellen in Cubase und den Wechsel zwischen „Live“- und „Sequenzerbetrieb“ wurde der Strom der MIDI-Clockdaten unterbrochen; es kommt dann zu den im Test beschriebenen Problemen.

    Markus Medau, der Entwickler, schrieb mir:

    „Das Verhalten ist so: Wenn Du den PL2 ansteckst, hängt er erstmal im Bootloader. Schickst Du einen MIDI Clock, wird er zum Metronom („Tick – tick – tick“). In diesem Zustand kann man Firmwareupdates einspielen.

    Mit dem ersten MIDI Event verlässt er den Bootloader und läuft los. Bricht der MIDI Clock ab, macht der PL2 einen Reset, da ja auch die Hüllkurve diesem folgt und sonst hängenbleiben würde. (Der tiefere Grund liegt bei den CE/FCC Tests; wenn der Chip keinen Clock mehr hat, wird der Watchdog nicht mehr resettet. Das kann ja auch die Folge von Hochspannungsstörung im Labor sein.)

    Ich danke Dir für den Hinweis auf das Problem, Falk! Wir werden einen entsprechenden Bedienhinweis in die endgültige Version des Handbuches aufnehmen!“

  7. Profilbild
    MidiDino AHU

    Ich bin von den rauhen Tönen sehr angetan. Inzwischen gibt es einen Editor auf der Homepage des Herstellers (Win), der die (experimentelle) Erstellung von ‚Presets‘ erleichtert. Auch sind viele Soundbeispiele zu hören. Echt geil, der winzige Würfel!

  8. Profilbild
    falconi RED

    Danke für den Tipp, schau‘ ich mir gerne an. Übrigens gibt’s ein Interview mit Markus Medau in der aktuellen KEYS.

  9. Profilbild

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Ploytec Pi L Squared

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