Test: Positive Grid Bias Mini Bass, Bassverstärker

9. April 2019

Positive Grid Bias Mini - Cyborg-Amp im Kleinformat

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass. Auf üblichem Postweg zugeschickt zum Test, was Neues, Heißes … aber was? Ehrlich gesagt sagte mit weder der Firmenname noch das Modell irgendwas. „Wieder so eine kleine Class-D-Kiste,“ sagt mein Chef. Okay, davon hatte ich ja schon einige zum Test und auch mein normaler Livestack wird von so was angesteuert. Das Ende vom Lied war ein ratloser AMAZONA.de-Autor, der im Proberaum stand, einen Bassverstärker testen wollte und den Knopf zum Einschalten nicht fand. Aber davon später mehr.

Meine völlige Ignoranz bezüglich der Firma Positive Grid, die sich zwar in ihrer Online-Präsenz deutlich als Startup präsentiert, aber schon seit 2013 existiert, rührte natürlich daher, dass ich mich bislang eher wenig mit Modeling-Amps beschäftigt hatte. Um einen genau solchen handelt es sich nämlich beim Positive Grid Bias Mini Bass, einem Class-D-Topteil mit 300 W Endstufe, das für 788,- Euro erhältlich ist. Entsprechend war meinen Gitarrenkollegen auch sofort klar, was das ist, während ich in typischer Bassistenmanier mit völliger Unwissenheit glänzen konnte.

Natürlich hat mein mangelndes Interesse an Modeling-Verstärkern einen Hintergrund, der, wie ich irgendwann feststellen musste, eher an den Anwendern solcher Geräte als an der Qualität des Equipments lag. Jeder, der schon einmal mit irgendwelchen neueren Amp- und Effekt-Plugins in seiner DAW herumgespielt hat, sollte wissen, wie gut die inzwischen geworden sind. Dass digitale Emulation von Effekten, Röhrenverstärkern und Cabinets müllig klingt, ist ein Klischee aus vergangenen Zeiten.

Was mich an Modeling-Verstärkern bislang meistens störte, war die Live-Anwendung von (meist) Gitarristen im Metal-Bereich. Ein solcher Verstärker erlaubt ja in der Regel, ein Signal direkt ins Mischpult zu senden, das einem perfekt aufgenommenen und bearbeiteten Sound eines beliebigen analogen Verstärkers entspricht. Und entsprechend gingen zumindest eine ganze Weile Legionen von mittelmäßigen Metal-Gitarristen daran, auf Kemper und dergleichen umzurüsten und so live „genau wie auf der Platte“ zu klingen. Metal-Alben, vor allem die von semiprofessionellen Bands, sind aber oft schon völlig tot produziert und das etwas unkontrollierte Verhalten aufgedrehter, völlig überdimensionierter Vollröhrentops ist dann das Einzige, was dem Ganzen bei Live-Konzerten wieder etwas Leben einhaucht. Also, Modeling-Amps, Teufelswerk, gefällt mir nicht.

Natürlich kann man diese Geräte aber auch ganz anders einsetzen und damit selbstverständlich auch das von mir erwähnte, etwas lebendigere Verhalten emulieren. Vielleicht ist das sogar eher im Sinne des Erfinders als ein Sound „wie im Studio“, nur dass der jetzt eben auch möglich geworden ist. Solche Verstärker haben sich in den letzten Jahren bei Gitarristen großer Beliebtheit erfreut, im Bassbereich war es da aber deutlich stiller. Aber mit dem Positive Grid Bias Mini Bass bekomme ich nun die Gelegenheit, zuerst einmal Erfahrung mit Modeling-Amps zu sammeln und dann auch auszuleuchten, ob sich das vielleicht in naher Zukunft noch ändern wird.

Positive Grid Bias Mini Bass – Facts & Features

Was genau ist denn nun eigentlich ein Modeling-Amp? Nun, an sich nichts weiter als ein DAW-Plugin mit einer Endstufe. Das ist natürlich etwas vereinfacht gesagt, der tatsächliche Live-Betrieb stellt höhere Anforderungen an die Echtzeitfähigkeit und erlaubt keine signifikanten Latenzen in der Klangbearbeitung, was bei der Anwendung eines Plugins auf ein existierendes Signal weniger eine Rolle spielt. Aber nichtsdestotrotz ist ein solcher Verstärker im Grunde genommen ein Computer, der das Verhalten eines beliebigen Verstärkers emulieren kann, gekoppelt mit einer Endstufe, um entsprechend Boxen ansteuern zu können.

Der Positive Grid Bias Mini Bass stellt die seit letztem Jahr erhältliche kleinere Version des schon länger verfügbaren Positive Grid Bias dar, der ebenso wie die Miniversion für Bass und Gitarre erhältlich ist. Die Unterschiede sind gering, da der Klang aus dem Rechner kommt und beliebig modifizierbar ist, wird es problemlos möglich sein, mit der Bassvariante auch Gitarre zu spielen und anders herum. Das Topteil kommt, anders als die Gitarrenvariante, komplett in Schwarz gehalten und im handlichen Class-D-Format. Mit 2,5 kg Gewicht und Abmessungen von 26,6 x 4,6 x 24,8 cm gehört er für seine 300 W Ausgangsleistung allerdings nicht zu den ganz kleinen Vertretern der Zunft.

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass: Vorderes Bedienfeld

Schaut man sich das vordere Bedienfeld an, schaut der Positive Grid Bias Mini Bass auch zunächst aus wie ein ganz normales, kleines Class-D-Topteil, von denen es so viele auf dem Markt gibt. Neben einer kleinen Leuchte, die signalisiert, dass der Bassverstärker läuft – sofern man vorher darauf gedrückt hat, um das Gerät einzuschalten, denn das war das „Feature“, das mich eine Viertelstunde gekostet hat, bevor ich es verstanden hatte – sind ein ganz normaler Input, ein Kopfhörerausgang, Gain, Dreiband-EQ, Master … und dann noch ein Master, „Output“ genannt, und ein Preset-Wahlregler. Zudem befinden sich neben dem Output-Regler vier Leuchten, beschriftet mit „Speaker Out“, „Line-Out“, „FX-Send“ und „Headphones.“ Man kann hier also die Lautstärken des Boxenausgangs, des DI-Ausgangs, des Einschleifwegs und des Kopfhöreranschlusses separat wählen, zwischen den Optionen schaltet man durch Druck auf den Regler.

Der separate Master-Regler lässt sich ganz einfach durch die Modeling-Charakteristik des Positive Grid Bias Mini Bass erklären. Der Amp modelliert nicht nur einen Verstärker, sondern je nach Position des Preset-Reglers viele verschiedene. Und nicht nur das, sondern auch noch die dazugehörigen Boxentypen und die Mikrofonierung. Komplette mikrofonierte Stacks ändern natürlich ihre Klangcharakteristik, je nachdem wie laut man sie aufdreht und genau das emuliert der Master-Regler. Der Output-Regler setzt dann die tatsächliche Lautstärke fest, die an den jeweiligen Ausgang gegeben wird. Sinnigerweise geht an den Speaker-Out das „cleane“ Amp-Signal, während die Boxen- und Mikrofonsimulationen nur auf dem DI-Out und dem Kopfhörerausgang anliegen. Das zumindest ist gut durchdacht, da sich an der Software so ziemlich alles modifizieren lässt, was man möchte, könnte man das natürlich auch ändern, was aber in den meisten Fällen sinnlos wäre. Der Mittenregler im EQ verfügt auf Druck über eine Zusatzfunktion, je nach hinterlegtem Amp-Modell kann man hier entweder auf ein zweites Mittenband oder die semiparametrische Einstellung des Mittenbandes zugreifen.

Welches Amp- bzw. Stack-Modell gerade anliegt, lässt sich über den Preset-Drehregler anwählen. Der hat acht Positionen, der Bias Mini Bass hat 16 Speicherplätze und zwischen den beiden Achter-Bänken lässt sich durch Druck auf den Preset-Regler wechseln. Die je nach Position aufleuchtenden kleinen Zahlen um den Regler herum ändern dann ihre Farbe von Grün zu Rot, womit man eine „rote“ und eine „grüne“ Bank zur Verfügung hat, soweit auch die Terminologie im Positive Grid Handbuch.

Was im Handbuch nicht drin steht, welches Preset in der Werkskonfiguration welchen Amp simuliert. Das ließ sich letztendlich auch im Internet finden, führte aber im Proberaum erst mal zu Ratespielchen mit amüsanten Ergebnissen, mehr dazu im Praxistest. Um selber nachsehen zu können, müsste man per Wi-Fi- oder USB-Verbindung zu einem Endgerät in die Software des Geräts Einsicht bekommen. Und genau hier lag beim Testgerät der Hase zunächst im Pfeffer. Es gibt natürlich ein Desktop-Programm für Windows und MacOS, das war aber für den Test nicht verfügbar (ist beim Kauf des Amps aber enthalten) und ich wurde auf die App für Mobilgeräte verwiesen.

Die hingegen existiert bislang nur für iOS und da ich kein Apple-User bin und weder ein iPhone noch ein iPad besitze, war ich erst einmal aufgeschmissen. Nicht sonderlich nutzerfreundlich, zumindest eine Android-Version hätte ich eigentlich erwartet. Für Nicht-Apple-Nutzer reduziert das den Gebrauchswert des Gerätes deutlich, man kann nicht mal eben per Smartphone Einstellungen ändern, was eigentlich Sinn der Sache ist, sondern muss den Laptop mitschleppen oder den Amp heimtragen dazu. Letztlich half mir mein mit iPhone ausgestatteter Schlagzeuger dann ein paar Tage später aus.

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass: Einblick in die Wahlmöglichkeiten in der Mobilapp

Das größte Problem der mobilen App ist tatsächlich, dass sie eben nur für Apple-Geräte verfügbar ist, denn hat man das Ding einmal am Laufen, stellt es sich als gut gemacht und intuitiv bedienbar heraus, selbst für den „Modeling-Laien“. Auf der Rückseite des Bassverstärkers fängt beim Einschalten eine blaue Leuchte an zu blinken, die signalisiert, dass die WLAN-Verbindung bereit ist. Die Leuchte arbeitet wieder einmal als Schalter, mit dem man die Funktion (und das Blinken) auch ausschalten kann. Tut man dies nicht, kann man nun auf dem Handy die App starten, die das Gerät erkennt und sich damit verbinden lässt. Und schon ist man mittendrin, kann nach Herzenslust Verstärker, Boxen und Mikrofone auswählen, die Position des Mikros vor dem Speaker wählen und dergleichen mehr, wie man das von Guitar Rig und ähnlicher Software gewohnt ist.

Man ist hier zunächst auf eine – ziemlich große – Auswahl von Komponenten aus der Positive Grid-Datenbank limitiert, kann aber auch auf teils kostenpflichtige Modelle aus der ToneCloud zugreifen, wenn man das möchte. Da man selbst innerhalb der Verstärkermodelle herumbasteln, Röhren, Tonestacks oder gleich ganze Verstärkerstufen tauschen und beliebig kombinieren, Röhrenspannung einstellen und dergleichen mehr kann, dürfte es, wenn man ein wenig Zeit mitbringt, aber sogar fast überflüssig sein, sich neue Modelle zu kaufen. Das Messen der Impulsantwort und die Nutzung dessen zur Erstellung eines 1:1-Modells eines entsprechenden Verstärkers kann der Bias Mini Bass (anscheinend) nicht selbst, man kann sich aber so erstellte Modelle laden und auch nutzen. Laut Herstellerinfo scheint das mit der Desktop-Software aber zu funktionieren, die ich allerdings leider nicht zum Test gestellt bekam.

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass: Modifizierbares Verstärkermodell in der Mobilapp

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass: Boxenmikrofonierung

Per Knopfdruck lassen sich alle Settings auf den Positive Grid Bias Mini Bass übertragen und stehen dann an gewählter Stelle in den Presets bereit. Über ein MIDI-Interface lassen sich daran dann auch noch Modifikationen vornehmen bzw. Komponenten schalten und auch zwischen den verschiedenen Modellen umschalten, die entsprechende Hardware muss allerdings zugekauft werden, ebenso wie gegebenenfalls ein Fußschalter. Die entsprechenden Anschlüsse finden sich auf der Rückseite des Verstärkers neben den Buchsen für einen seriellen Effektweg, die USB-Buchse, einen DI-Out und ein kombinierten Speakon Klinkeausgang für den Anschluss von Lautsprechern.

Positive Grid Bias Mini Bass: Rückseite

Von der Verarbeitungsqualität her macht der in Taiwan gefertigte Bias Mini Bass einen guten Eindruck, was aber bei einem geschraubten Metallkasten mit ein paar Reglern nicht weiter schwierig ist. Die Reglerknöpfe wirken nicht übermäßig massiv, wackeln aber nicht, laufen satt (auch wenn es natürlich keine Potis, sondern reine Signalgeber sind), liegen aber auch etwas exponiert und sind somit potentiell abbruchgefährdet.

Positive Grid Bias Mini Bass – ein Zwischenfazit!

Der Bias Mini Bass kombiniert ein handliches Class-D-Topteil mit 300 W mit einer vollen Modeling-Funktionalität, auf deren Parameter sich aber nur über ein Desktop-Programm oder eine mobile App zugreifen lässt. Dass es Letztere nur für iOS gibt, ist wohl der einzige wirkliche Minuspunkt – alles andere wird nun davon abhängen, wie das Ding klingt, denn in Sachen Bedienung und Features gibt es hier sonst nichts zu meckern. Natürlich ist so ein Modeling-Amp etwas komplexer als ein herkömmlicher Verstärker, zumindest wenn man die volle Funktionalität nutzen will, aber das liegt in der Natur der Sache.

Positive Grid Bias Mini Bass

Positive Grid Bias Mini Bass: Lieferumfang

Positive Grid Bias Mini Bass – Praxistest

Ich erwähnte eben Komplexität – einfach einstöpseln und loslegen fällt also aus? Nein, genau nicht. Selbst wenn einen erst mal nicht weiter interessiert, was im Bias Mini Bass wirklich drin steckt oder die Abwesenheit eines iPhones einen aus den Editier-Funktionen aussperrt, kann man mit dem Gerät direkt einigen Spaß haben. An eine Box hängen, anschalten (man erinnere sich, auf die kleine Leuchte vorne drücken), irgendein Preset auswählen und einfach mal schauen, was passiert. Direkt out of the box ist das erste Preset, das einem in die Hände fällt, die grüne 1, und selbst ohne Einsicht in die Datenbank ist sofort klar, dass es sich um einen Ampeg SVT handelt. Und der ist verdammt gut gemacht! Ich zumindest bemerke hier nichts an Latenz, dafür bollert der Positive Grid Bias Mini Bass an meinen beiden Ampeg Boxen sofort los, als hätte man das Original angeschlossen. Natürlich ist der kleine Class-D-Amp nicht so laut wie eine 300-W-Vollröhre, aber genug Reserven, um sich auch in einer lauten Rockband durchzusetzen, sind allemal da. Das hängt aber dann noch stark vom gewählten Amp-Modell ab – ein stark komprimierender Ampeg Head setzt sich auch als digitales Modell halt einfacher durch als ein Hi-Fi-Transistor-Amp.

Alle folgenden Klangbeispiele sind mit meinem alten PJ-Bass eingespielt und über den DI-Ausgang aufgenommen. Während der Bassverstärker auch am Stack eine sehr gute Figur macht – zumal die Speaker-Simulation dann überbrückt ist – habe ich nicht viel Sinn darin gesehen, hier zehn verschiedenen Amps die Charakteristiken meiner eigenen Ampeg Boxen aufzudrücken. Es sei aber gesagt, dass die Ampeg 4×10 Simulation schon extrem ähnlich klingt wie das Original.

Jedes Preset kommt übrigens mit einem EQ-Preset, das man in der Software einstellen kann. Die Regler auf der Frontplatte stellen keinen zusätzlichen EQ dar, der dann in den voreingestellten Sound eingreift, vielmehr simulieren sie den EQ des echten Amps und das auch ziemlich gut und individuell unterschiedlich. Das Problem dabei ist nur, dass man das voreingestellte Setting nicht sieht, aber darin eingreift, wenn man an einem der Regler dreht. Hätten die Regler Servos verbaut, könnten sie sich direkt in die richtige Position drehen, damit man sieht, wo man anfängt – das ist aber nicht der Fall, man fängt stets bei null an. Das hinterlegte Modell ignoriert die Stellung des Reglerknopfes zunächst, aber nur so lange, bis man daran dreht. Hat man nun ein Modell eines schon zerrenden Röhrenamps mit ordentlich aufgedrehtem Gain-Regler hinterlegt und man hätte gerne noch etwas mehr, ist das erst mal kein Problem (sofern das hinterlegte Modell nicht schon am Anschlag ist). Es kann sich eben nur die absurde Situation ergeben, dass der Gain am tatsächlichen Verstärker von vorher noch auf 12 Uhr stand, man ihn etwas nach rechts dreht – und erst mal weniger Gain bekommt, weil das Preset ihn auf 3 Uhr stehen hatte. Also muss man jetzt erst mal wieder den voreingestellten Wert finden und dann von da aus weiter arbeiten. Kleiner Schönheitsfehler, da man eine Klangregelung aber sowieso nicht mit den Augen, sondern mit den Ohren bedienen sollte, nur halb so schlimm.

Verzerrte Röhrenamps, ja das wurde von Positive Grid ja vollmundig angepriesen und meinen ganz speziellen Freund habe ich da auf der grünen 4 gefunden, auch der relativ einfach direkt als Fender Super Bassman erkenntlich. So einen Verstärker musste ich vor Jahren bei einem Gig in England zwangsläufig spielen, weil mein eigener abgeraucht war und die Supportband „nur“ einen 100-W-Bassman da hatte. Der klang gut – bei gefühlter Zimmerlautstärke, darüber fing er an zu zerren, was die Gitarristen freut, den Basser aber in den Wahnsinn treibt, weil er bei Bühnenlautstärke einfach mal keinen Clean-Kanal mehr hat. Entsprechend ließ die folgende Basslinie über das ebenfalls wirklich gut gemachte Bassman-Modell gleich ungute Erinnerungen aufkommen.

Aber nicht nur Röhrenamps sind in den Presets hinterlegt, auch vor den üblichen Transistoren schreckt man nicht zurück. Ich musste tatsächlich lachen, als ich sah, dass sich hinter dem Preset, bei dem ich „klingt furchtbar, was soll das?“ notiert hatte, ein billiger Hartke Kickback-Combo verbarg. Wer schon immer mal mit einem 800 Euro Topteil wie auf einem Übungsverstärker klingen will, bitte. Das Modell des Gallien Krueger 700 RB-II, das ich auf derselben erwähnten Tour dann als zweite Übergangslösung mithatte, gefiel mir dann schon besser. Genau so einer steht auch noch bei uns im Proberaum und was soll man sagen … man hört auf jeden Fall, dass er das sein soll!

Neben der Peinlichkeit, dass ich mir beim Modell eines Markbass Little Mark II „Ampeg-Transistor?“ notiert hatte – die Frage wäre allerdings, ob das jetzt für mich, für Markbass oder Positive Grid peinlich sein sollte – waren tatsächlich noch einige Modelle hinterlegt, die auf Anhieb zu erkennen waren. So zum Beispiel der Acoustic 360 mit an Jaco Pastorius angelehnten EQ-Einstellungen und den dazu passenden Boxen.

Dass sich die EQs, auf die die Regler zugreifen, je nach Modell individuell unterschiedlich verhalten, wird wohl am Modell des Marshall JMP Super Lead am deutlichsten. Genau wie das Original klingt der nämlich vor allem dann gut, wenn man alles außer dem Gain voll aufdreht, während das beim legendären SWR-Redhead-Combo eher nicht geraten ist. Billy Sheehans Hartke HA-5000 hingegen profitiert von etwas mehr Höhen, bringt aber ansonsten schon direkt den mittigen Sound des Bass-Shredders mit. (Für die letzten beiden Beispiele habe ich meine Neckthrough-Preci mit Quarterpounder hergenommen, was will man bei dergleichen 80er-Kram auch sonst machen?)

Generell klingt nach etwas Anpassen der EQs eigentlich alles, was aus der DI des Positive Grid Bias Mini Bass herauskommt, wirklich brauchbar und auch den Originalen sehr nahe, wenn auch nicht zwingend 1:1 genau so – gerade bei manchen Röhrenamp-Modellen hört man bei höheren Zerrgraden doch etwas, dass es da nicht ganz mit rechten Dingen zugeht. Als Beispiel dafür mag das aus der Datenbank gezogene Modell eines Peavey 6505 dienen – ich besitze so einen Gitarrenverstärker und niemals im Leben klingt der mit dem Bass gespielt so gut.

Generell gilt aber: Sofern man nicht in der Software herumgepfuscht und das Mikro zwölf Meter weit weg und gen Himmel zeigend aufgestellt hat, klingt es meist wirklich wie ein (etwas zu) gut mikrofonierter Bassstack. Gleiches gilt für das Spielen über echte Boxen – die Probe mit meiner Heavy-Metal-Band klang, als ob ich wirklich einen SVT angeschlossen hätte und auch der Gallien Krueger 700 klang direkt neben dem Original täuschend echt. Überhaupt scheinen die gängigen Ampeg-Modelle (es sind von Werk noch Portaflex, B-15 und SVTII Pro enthalten) am realistischsten modelliert zu sein, was aber auch Brot und Butter für ein Aggregat wie den Bias Mini Bass ist.

Also alles super? Leider nicht zu 100 %. Leider tauchte sowohl beim Verbinden der DI mit der PA einmal ein ziemlich lautes Rauschen auf, das sich auch über die Ground-Lift-Option oder neue Verkabelung nicht beheben ließ. Nach Neustarten des Amps war das weg und kam auch nicht abrupt wieder, aber das Ganze kam mir etwas seltsam vor. Es kann an der Stromversorgung in unserem Proberaum liegen, mein TC Electronic RH750 hatte das Problem allerdings nicht. Da die üblichen User-Foren das Problem nicht kennen und es auch bei anderen Testern nicht auftrat, erwähne ich das lediglich, lasse es in die Bewertung aber nicht mit einfließen.

Es gibt für den Positive Grid Bias Mini Bass auch regelmäßig Firmware-Updates mit Bugfixes, samt online dokumentierter History, was schon alles mal irgendwann Probleme gemacht hat, was auch bei mir natürlich erst mal Stirnrunzeln hervorruft – aber ich glaube, das dürfte bei dieser Art von Gerät normal sein. Man darf halt nicht vergessen, dass es sich hier im Grunde genommen um einen Computer handelt und nicht um einen reinen Hardware-Amp.

Fazit

Mit dem Positive Grid Bias Mini Bass bekommt man für unter 800,- Euro einen wirklich guten Modeling-Amp, mit dem sich nicht nur bestehende Verstärkermodelle sowohl live als auch bei Aufnahmen sehr gut replizieren lassen, sondern der auch jede Menge Kreativität beim Basteln neuer Sounds erlaubt. Als Allround-Lösung für den viel beschäftigten Bassisten oder aber einfach nur zum Herumprobieren mit verschiedenen Komponenten, Spaß kann mit diesem Gerät sicher jeder Bassist haben.

Die Bedienung ist relativ intuitiv, lediglich die mit Voreinstellungen behafteten EQ-Regler erfordern etwas Gewöhnung. Die bereits implementierten Verstärker- und Boxenmodelle sind zum größten Teil sehr realistisch und sowohl über den DI-Ausgang (mit Speaker- und Mikrofonsimulation) als auch als Topteil an einer Box genutzt dringen durch die Bank sehr brauchbare Sounds ans Ohr. Live als Verstärker genutzt bringt der Positive Grid Bias Mini Bass halbwegs genug Leistung mit, wobei die gefühlte Lautstärke natürlich stark vom gewählten Verstärkermodell abhängt. Der einzige wirkliche Minuspunkt ist die Beschränkung der Mobilapp auf iOS.

Plus

  • Format
  • realistische Amp- und Cabmodelle
  • Sound
  • relativ intuitive Bedienung

Minus

  • etwas fummelige EQ-Bedienung
  • Mobile-App nur für iOS verfügbar
  • Online deutlich nachvollziehbare Geschichte von Bugs und Bugfixes

Preis

  • Ladenpreis: 788,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Jörg Hoffmann  RED

    Ich habe hier einen Boss Katana, der ja auch einige Modelling Optionen ab Werk hat. So cool die einzelnen Simulationen auch klingen: Das Problem ist, dass man im Eifer des Gefechts nicht immer weiß, ob auch Channel 1, Effekt 4 auch die gewünschte Distortion ist. Und man kann ja nicht vor jedem Umschalten das Notebook (oder iPhone) bemühen.
    Für das Homestudio ist das vollkommen in Ordnung, Wenn man aber sowieso nur einen Lieblingsamp spielen möchte, dann wäre es wohl besser, sich das Original zu holen.
    Ein sehr gut geschriebener Test – Danke!

    • Profilbild
      Peter-Philipp Schierhorn  RED

      Da haste natürlich Recht, wobei ich das bei dem hier ganz nett gelöst finde… es gibt halt tatsächlich nicht so ultra viele Optionen, da verliert man weniger schnell den Überblick.

      In der Realität ist es ja sicher so, dass die allerwenigsten Bassisten in der Band x verschiedene Amps brauchen – und da macht’s dann natürlich Sinn, sich das Original zu besorgen. Wobei man bei einem Acoustic 360 arm werden würde wenn man das wollte – aber außer Jaco braucht den auch keiner. Ich seh so Geräte auch eher im Homestudio, oder zum Ausprobieren. Wann kann man schon mal 12 verschiedene Amps im Bandkontext testen?

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