Test: Positive Grid Bias Rack, Gitarrenverstärker

28. Februar 2017

Klangliche Vielfalt im Extrembereich!

Erst analog, dann digital, oder? Haben wir das nicht alle so gelernt? Sobald ein Amp sich seinen Platz in der analogen Welt erkämpft hat und das Maximum an Marketing heraus geholt wurde, kommt die Softwareschmiede XY und startet die Zweitverwertung in Form von Algorithmen, die dem Original so nah wie möglich kommen sollen. So will man sich die „analoge Mühe“ in Form von Transport, Wartung, Lagerung, Mikrofonierung und Lautstärkenbekämpfung sparen, auf dass die nächste Gitarrenaufnahme zur Not auch auf jedem x-beliebigen Bahnhofsklo durchgeführt werden kann. Die letzte Stufe der Leiter ist dann das Sampeln in Form eines Kemper Presets, welches dem Original-Setting zu 95% entspricht und mittlerweile die Standard-Aufnahmesituation in professionellen Studios darstellt.

Mir war bisher die umgekehrte Herangehensweise unbekannt, sprich eine etablierte Software-Emulation geht hin und entwickelt auf Algorithmus-Basis einen analogen Hardware Verstärker, welcher die virtuellen Amps primär auf die Bühne oder aber als Oldschool mikrofonierte Version ins Tonstudio bringt. Eben dies hat die Firma Positive Grind in die Tat umgesetzt und parallel zu ihrer Head-Version auch den Positive Grid Bias Rack auf den Markt gebracht. Oha, das nenne ich mal einen konträren Ansatz zum Establishment. Eins kann ich euch jetzt schon versprechen, ihr werdet Augen machen!

Facts & Features

Selten war die Unterabteilung Konzeption so interessant wie bei dem Positive Grid Bias Rack, ist die Herangehensweise doch eine hochinteressante Kombination aus klassischem Potenziometer-Geschraube und hochmoderner Presetverwaltung. Gleich zu Anfang, sowohl die Head- als auch die Rack-Variante verfügen über das gleiche Innenleben, die Rack-Variante lässt sich hingegen erwartungsgemäß ins 19-Zoll-Rack schrauben und somit besser transportieren. Und schnell noch eine Vermutung mehr aus dem Weg räumen. Auch wenn die Head-Variante in Sachen Layout kräftig bei Kollege Kemper auf die Fotogalerie geschielt hat, die technische Konzeption ist doch eine völlig andere.

Wir lassen zunächst mal den ganzen Software-Hokuspokus beiseite und widmen uns dem Amp right-out-of-the-box, ohne uns über die ganzen Möglichkeiten einen Kopf zu machen. In diesem Augenblick haben wir einen 2-HE Rack-Amplifier vor uns, welcher mit einem vergleichsweise moderaten Gewicht von knapp 7 Kilogramm aufwartet. Der in den USA entwickelte Amp wird in Taiwan zusammengeschraubt und verfügt über die aberwitzige Leistung von 600 Watt RMS an 8 Ohm, respektive 300 Watt an 16 Ohm. Ach du meine Fresse, das sind Leistungsdaten, welche wir sonst nur von Class-D Bassverstärkern her kennen und schon haben wir eine weitere Besonderheit auf dem Schirm. Ja, der Positive Grid Bias Rack kann auch für den E-Bass benutzt werden, es gibt eine eigene Datenbank dafür.

Spätestens hier merkt der geneigte Leser, dass es sich bei diesem Verstärker unmöglich um einen typischen Verstärker, womöglich noch auf Vollröhrenbasis, handeln kann. Tut es auch nicht, vielmehr geht es darum einen Sound, den man sich vorher aus den klassischen Komponenten Vorstufenröhren, Endstufenröhren, Kaskadierung der Röhren, Röhrenwahl, Transformatorwicklung, Equalizer und vielen anderen Nettigkeiten zusammengeklebt hat, möglichst neutral zu verstärken. 600 Watt für einen Gitarrenamp ist natürlich an Gigantismus schwer zu toppen, für einen Bassamp hingegen garantiert eine solche Leistungsangabe einen Headroom-reichen Sound. Von daher, aufpassen mit dem Output-Regler.

Positive Grid Bias Rack – Seitenansicht

Frontpanel des Positive Grid Bias Racks

„Output, wie das schon klingt, sind wir hier im Outgear-Land oder was?“ Nun ja, etwas befremdlich mag dieser Regler schon anmuten, der Rest der Frontplatte hingegen wirkt auch auf den Average Guitar Player sehr vertraut. Gain, Bass, Middle, Treble, Presence und Master sind ja nun auch alles andere als Software Aliens, sondern etablierte Elemente der Klangformung. Die Regler in der oberen Reihe hingegen zeigen schon mal an, warum der knapp 1.400 Euro teure Amp viel, viel mehr zu bieten hat, als was auf den ersten Blick zu erkennen ist.

Die Kurzfassung: Der Positive Grid Bias Rack verfügt über 25 verschiedene Grundsounds, welche sich in 5 verschiedene Basissounds (Clean, Glassy, Blues, Crunch, Metal) mit jeweils 5 verschiedenen Amp-Modellen aufsplitten. Danach sind 5 verschiedene „Tube Stages“ schaltbar, welche den Grad der Verzerrung und der Kompression mit separatem Distortion-Regler der 25 Grundsounds bestimmen, macht im Prinzip 125 Sounds. Im Anschluss hieran kann man zudem wählen, ob man als Endstufenemulation (Topology) die Varianten Solid State, Push Pull, Split Load oder Single Ended bevorzugt, macht zusammen ca. 500 verschiedene Sounds. Und das ist erst ein Bruchteil der Möglichkeiten …

Es befindet sich zudem ein programmierbarer Custom-Regler rechts außen, welcher vom Werk aus mit dem Noise Gate belegt ist. Zusätzlich befinden sich noch 2 Miniswitches oberhalb der Kopfhörerbuchse, welche eine individuelle Belegung für 2 externe Fußschalter ermöglichen.

Die Rückseite

Auch die Rückseite des Positive Grid Bias Rack macht keinen Hehl daraus, dass es sich hier um eine Art „Homunkulus der Gitarrenverstärker“ handelt. Ein einzelner Speaker Out (hätten bei diesen Leistungsangaben auch gerne einmal zwei oder mehr sein können) hält noch den Kontakt zur Bühnenwelt, danach übernehmen Studioanschlüsse in Form von XLR und TRS das Zepter. Zwei verschiedene Expressionpedale Inputs und ein FX-Loop erlauben den Anschluss externer Pedale, ein USB-Port den direkten Anschluss an die DAW. Dreifach MIDI (In, Out, Thru) lassen verschiedene Fußschalter zu und ermöglichen das Verwalten der Sounds. Aber was ist das? Ein Antenneananschluss mit der Bezeichnung „Wireless“ auf der Rückseite?

Positive Grid Bias Rack – Rückseite

Overkill!

Wer bei den 500 Soundmöglichkeiten des Frontpanels bereits nach Luft schnappte, sollte diesen Artikel jetzt besser abbrechen und mit dem Lesen aufhören. Was sich in Zusammenarbeit mit einem iPad und der App Bias Amp an Möglichkeiten auftut, sprengt jegliche Vorstellungskraft. Über Bluetooth stellt der Positive Grid Bias Rack den Kontakt zum iPad her und lässt eine Editierung der Sounds dann nochmals um den Faktor 200 zu. Die Oberfläche der App ist optisch hervorragend programmiert und lässt einen undisziplinierten Nutzer sofort in einen Dreh- und Tauschwahn verfallen.

Vorstufen- und Endstufenröhren können getauscht werden, die Tone Stack Topologie von verschiedenen Verstärkern können importiert und gemischt werden, die Gitterspannung kann verändert werden, die Wicklungszahl und die Materialbeschaffung des Ausgangstrafos kann bestimmt werden und vieles mehr. Nimmt man über die XLR- und Studio-Outs nun auch noch die Speakersimulation für eine Direkteinspeisung für die P.A. oder eine DAW mit ins Boot, können auch noch Cabinet, Lautsprecher, Mikrofontyp und Abstrahlwinkel bestimmt werden. Klar, alter Hut, hat auch Logic und Konsortien an Bord, aber man sollte sich mal den klanglichen Unterschied vor Ohren führen. Alles in allem soll der Positive Grid Bias Rack laut Herstellerangaben über 100.000 verschiedene Klänge erzeugen können, wer über den Sommer also nichts anderes vorhat …

Ach ja, über eine Funktion namens Amp Matching kann man bei Interesse ein wenig „Kemper für Fußgänger“ machen. Man nimmt ein Amp-Modell , was dem persönlichen Amp sehr nahe kommt, sampelt eine Tonprobe seines Amps und lässt den Positive Grid Bias Rack das Tonmaterial nachbauen. Das Ergebnis kann sich je nach Ausgangsmaterial wirklich sehen lassen. Schöne Beispiele lassen sich auf der Positive Grid Website ansehen. Natürlich kann man die Sounds auch über das Netz tauschen und nach Lust und Laune speichern.

Positive Grid Bias Rack – Detailansicht 1

Klangbeispiele
Forum
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    Markus Schroeder  RED

    Was PositivGrid so abliefern ist schon ziemlich fett! Was ich jetzt nicht aus dem Test lesen konnte, war ob da jetzt Software dabei ist oder nicht?

    In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Amazona Test von BIAS Amp und FX Software aufmerksam machen (Desktop & iPad), wobei ich anmerken möchte, dass die Kritik an den Desktop-Versionen inzwischen überholt ist. Die Desktop Versionen sind nun ebenbürtig mit den iOS-Apps!

    https://www.amazona.de/curios-4-bias-amp-fx-ipad-vs-desktop/4/

    LG
    Markus

  2. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    100000 sounds, das klingt ja mal wieder nach einem schönes Werbeversprechen. Aber ehrlich gesagt mein Amp kann das auch, aber egal. Wer noch keinen Röhren Amp zuhause hat sollte sich das hier mal anhören. Dass die Beispiele so gut klingen liegt auch an der old school Gitarren Abnahme, und das finde ich gut denn nur damit kann ich wirklich was anfangen. Das schwächste Glied war schon immer die üble Speaker Simulation und Mikrofone simulieren, das fand ich schon immer Werbeversprechen.
    Software gibt es nur im iPhone? Dann kann ich nur sagen, ihr habt viele Potentielle Kunden mit Android handy verkrault.

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    uelef  

    Axel, ich mag ja deine unterhaltsam geschriebenen Texte. Aber ist das hier eigentlich ein Testbericht oder nur eine Feature-Beschreibung? Für mich eher Letzteres. Zum Klang ganze zwei Absätze – ein bisschen mehr darf es ja doch sein.
    Und was mich bei vielen Tests hier stört (und eben auch hier): Es wird meist nicht geschrieben, wie die Audiobeispiele aufgenommen wurden: Line out oder über eine Box – das macht hier einen gewaltigen Unterschied.. Wenn Box, dann sollte man wohl noch mindestens sagen: mit welcher Box, mit welchem Mikrofon aufgenommen und mit welchem Programm?

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      Axel Ritt  RED

      Hallo Uelef, es tut mir leid dass mein Testbericht nicht deiner Erwartungshaltung entsprochen hat, aber es gibt Tests, welche sich in ihrer Konzeption nicht in die klassische Schreibweise einreihen. Es ist schlicht und ergreifen nicht möglich, die Komplexität des Amps in einem gut lesbaren Test zu erfassen, deshalb meine Empfehlung sich den Amp zukommen zu lassen und selbst zu testen. Bzgl. Aufnahmeverfahren, ich dachte meine Erläuterung unter „Herangehensweise“ wäre selbsterklärend, sorry wenn nicht. Die Sounds wurden mit einem Fame MS 57 aufgenommen.

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        uelef  

        Hallo Axel, danke für die Erläuterungen (verwendetes Cabinet und Mikrofon sind ja zumindest schon mal neue wichtige Informationen). Ich verstehe schon, dass man angesichts der vielen Möglichkeiten Schwierigkeiten einer Klang-Bewertung hat. Aber von dir als erfahrenem Gitarrero hätte ich mir halt trotzdem so was gewünscht wie „Bias Rack steht im Sound Röhrenverstärkern nicht nach und kann die auf der Bühne problemlos ersetzen“ (oder das Gegenteil). Denn das wüsste ich gerne: Klingt das alles über Cabinet wirklich wie ein ordentlicher Amp – sei es Marshall, Fender oder whatever. Viele solcher Simulationen (und das ist Bias Rack trotz Hardware eben trotzdem) klingen eben doch irgendwo nicht nach richtigem Amp …
        Viele Grüße, Ulf

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          Axel Ritt  RED

          aber das ist ja gerade der springende Punkt. Nehmen wir den JTM45 Ansatz. Der Amp besitzt ein Preset was sich sehr schön an das Original anlehnt. Klingt er identisch? Natürlich nicht, weil ein Modelling Amp niemals wie das analoge Vorbild klingen kann, aber das weiss doch jeder Gitarrist. Kann er das Original auf der Bühne ersetzen? Natürlich kann er das. Gefällt einem er Sound? Nun, DAS muss jeder selber für sich entscheiden.

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          Axel Ritt  RED

          noch nie war es so einfach sich in Zeiten von Thomann ein eigenes Bild zu machen. Amp ordern und ihn einige Tage persönlich auf Herz und Nieren prüfen. Und genau DANN verstehst du auch meinen Testansatz.

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    Macilias

    ich will jetzt hier nicht in die alte Kerbe schlagen, aber irgendwie hören sich doch die vorgestellten pressest ein wenig kalt an, so wie der Unterschied zwischen einen class D und einen class A Verstärker. Vielleicht ist es rein subjektiv…

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    Spartakus  

    Ich hatte mal einen Diezel Herbert mit 180 Watt. Einen Millimeter am Lautstärkeregler zu weit gedreht und schon war die Lautstärke ohrenbetäubend. Würde mich mal interessieren, ob man bei 600 Watt Wohnzimmer-Lautstärke einstellen kann ?

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      Axel Ritt  RED

      kann man, da es mehrere Regler innerhalb des Setups gibt, welche die Endlautstärke beeinflussen.

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