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Test: Presonus Studio One 4, Digital Audio Workstation

7. September 2018

Vier gewinnt!

Als ich Mitte der 80er Jahre mit der Musikproduktion anfing, geschah das in der ersten Zeit noch auf dem Amiga mit seinem Sound- und Noisetracker (und wie die Tracker alle hießen). Ende der 80er kam dann der Atari ST mit dem damals alternativlosen Cubase 2.0 dazu, ein paar Jahre später der Umstieg auf (Micro)Logic auf dem Windows PC. Als dann Logic Mac only wurde, ging es wieder zurück zu Cubase. Was ich damit sagen will: Logic und Cubase waren eben für lange Zeit die unbestrittenen Platzhirsche auf der DAW-Lichtung für den Durchschnittsnutzer. 2009 dann erschien die erste Version von Studio One und bestach schon damals durch seine extrem zugängliche Bedienung – auch heute noch einer der Riesen-Pluspunkte der DAW. Nachdem die Versionen 2 (2011) und 3 (2015) auch technisch ordentlich aufgerüstet hatten – unter anderem mit der Integration von Melodyne, Multitrack-Comping, Arranger Track, Effect-Chains oder Automationskurven – ist Studio One zu einer echten Konkurrenz von Cubase, Logic & Co geworden. Geht man diesen Weg mit Presonus Studio One 4 nun weiter? Oder ruht sich Presonus auf den erreichten Lorbeeren aus? Checken wir gleich mal.

Versionen von Presonus Studio One 4

Studio One 4 wird in drei Versionen angeboten. Die kleinste Version namens „Studio One 4 Prime“ gibt es kostenlos, ist aber natürlich dann auch stark limitiert: Kein Melodyne, keine Akkordspur, kein SamplerOne XT, keine Video-Unterstützung, nur neun Effekte und an virtuellen Instrumenten „nur“ den Presence XT an Bord – um nur einige der vielen Einschränkungen zu nennen. Aber für einen ersten Eindruck ist das völlig ok – und 800 MB an Loops und Sounds werden auch mitgeliefert, da muss man sich nicht beschweren.

Wesentlich mehr, aber natürlich immer noch nicht das volle Paket liefert da der „Studio One Artist“ für rund 95 Euro. Hier müssen wir unter anderem auf Melodyne (liegt nur in einer Testversion vor), auf die Projektseite (alles vom Mastering bis zur digitalen Veröffentlichung), auf die Akkordspur und Harmoniebearbeitung, den Arpeggiator, Scratch Pads, Multi-Instrumente und einen beträchtlichen Teil der Loops und Samples verzichten – wie auch auf viele kleine Details wie AAF Import/Export oder den Import von Samplerdaten. Im Gegensatz zur Pro-Version arbeitet der Artist zudem nur mit 32 Bit Rechentiefe.

Das volle Paket namens „Studio One 4 Professional“ gibt es dann für 389 Euro. Und genau das habe ich hier zum Test vorliegen. Übrigens gibt es auf der Webseite des Herstellers auch diverse Upgrade und Crossgrade-Angebote.

Download & Installation von Presonus Studio One 4

Auch wenn viele Online-Shops eine Verpackung abbilden: Studio One 4 gibt es – wie seine Vorgänger auch – nur als Download. Der funktioniert gut und unkompliziert, kann aber – bei langsamen Leitungen, die es ja besonders auf dem Land noch gibt – durchaus eine Weile dauern. Das Programm selber ist recht schlank, allerdings gibt’s dann eben auch noch gut 26 GB an Samples und Loops; allein der integrierte Sampler Presence XT bringt da 14 GB mit. Gut Ding will eben Weile haben. Das englischsprachige PDF-Manual ist sehr umfangreich, eine deutsche Version fehlt leider (noch). Die Software selber aber kommt mit einer komplett deutsch lokalisierten Oberfläche.

Ein Hinweis noch: Im Test werde ich mich in erster Linie auf die Neuerungen der Version 4 konzentrieren. Für die „Basics“ verweise ich auf unsere Artikel zu

Presonus Studio One 4 – ein kleiner Überblick

Presonus Studio 4 One läuft unter Windows (7, 8.1 oder 10 – nur 64 Bit) und auf dem Mac (ab MacOS 10.11, ebenfalls nur 64 Bit). Die DAW setzt auch in der vierten Generation auf schnellen Workflow, (fast) bedingungslose Einfenstertechnik und Drag & Drop, wo immer es nur möglich ist: Ob Plugin-Effekte oder Samples/Loops oder Instrumente, alles kann blitzschnell und bequem per Maus gezogen werden. Die Zahl an Audio- und Instrumentenspuren ist (in der von mir getesteten Pro-Version) nicht limitiert; mitgeliefert werden fünf virtuelle Instrumente und 41 Audioeffekte. Unterstützt werden sowohl VST 2 und VST 3-Plug-ins, als auch AU-Plug-ins.

Alles in einem Fenster – da empfiehlt sich ein Widescreen-Monitor

Das ist neu: Outfit, Design & Handling

Beim Layout und Design wurde eher am Feinschliff gearbeitet – mehr war auch gar nicht notwendig, groß umstellen muss man sich also nicht. So sieht der Mixer dank einiger Detailänderungen jetzt (noch) etwas übersichtlicher aus; über den neuen Sync-Modus wird die Editoransicht zudem nun stets der des Arrangements angeglichen. Identische Zoomstufen und Songpositionen sorgen dann so für mehr Übersicht und befeuern den Workflow. Dazu passt auch, dass in Studio One in der Version 4 der Editor die gewählte Ansicht für jede einzelne Spur merkt und dass sich Noten nun auch in Abhängigkeit ihrer Lautstärke/Velocity verschieden einfärben lassen; so erkennt man dynamische Ausreisser gleich auf den ersten Blick. Alles Kleinigkeiten, die sich in der Summe aber dann doch positiv auf den Gesamteindruck und den Workflow auswirken.

Im Editorbereich finden sich ebenfalls einige sinnvolle Detailverbesserungen wie der Notenfilter zum gezielten Auswählen (z.B. nach Tonhöhe, Anschlagstärke oder Zählzeit), verbessertes Multipart-Editing, komfortableres Bearbeiten beim Humanizing und das Anpassen verschiedener Noteneigenschaften.

Das ist neu: Die Akkordspur

In anderen DAWs schon länger/lange zu finden und bei Studio One schon seit längerem von den Nutzern gefordert, hat nun endlich auch die Version 4 eine Akkordspur bekommen. Nach dem Motto „Wenn, dann aber auch gleich richtig“ kann man hier aus dem Vollen schöpfen. Damit lassen sich nämlich nicht nur MIDI-Tracks sondern auch Audiospuren harmonisch analysieren und anpassen. Je nach Ausgangsmaterial ist das Ergebnis bei letzteren dann mal mehr, mal weniger nah dran am Original, funktioniert aber im Großen und Ganzen recht ordentlich.

Mit der Akkordspur kommen die Ideen wie von selbst

Beispiel aus der Praxis: Ich hatte unlängst den Auftrag bekommen, doch bitte einen alten Titeltrack aus einem Game, zu dem ich vor über 25 Jahren mal die Musik gemacht hatte („No Second Prize“ für den Amiga – wie gesagt, lange her) für eine Compilation neu aufzulegen. Ein Job, den ich lange vor mir hergeschoben hatte – mehr als den Audiotrack hatte ich nicht mehr und da die Harmonien der markanten  Funkgitarren-Samples herauszuhören, erwies sich als so tricky und zeitraubend, dass der Auftrag seitdem in der Warteschleife hing. Nun hab ich besagten Audiotrack jetzt einfach in Studio One 4 abgelegt, analysieren lassen und die so (schnell) ermittelten Harmonien auf den Track mit dem „Scarbee Funk Guitarist“ übertragen, (fast) fertig. „Fast“, weil hier und da dann noch ein wenig Feintuning notwendig war, aber auch das ist kein Problem; das Editieren der Akkordspur ist – gemäß der Studio One-Philosophie – wirklich kinderleicht.

Das harmonische Material kann aber nicht nur aus vorliegenden Spuren ermittelt, sondern natürlich auch von Hand eingespielt oder über einen grafischen Editor eingegeben und anschließend bearbeitet werden. So lassen sich schnell Akkordprogressionen ausprobieren und wieder ändern. Dabei kann ich dann Spuren auswählen, die dem Chord-Track folgen sollen, heißt: Jede Änderung im Chord Track wird automatisch auf den ausgewählten Tracks übernommen. Dabei hat man auch noch die Wahl zwischen den Tracking-Styles „Parallel“ für die sklavische Grundton-Verfolgung „Narrow“ für möglichst wenig Bewegung und kleine Tonsprünge sowie „Bass“ für monophone Basslines – plus „Scale“ und „Universal“, zwei Modi speziell für Audiospuren. Um – das dabei manchmal etwas störrische – Audiomaterial besser anpassen zu können, bietet Studio One 4 zudem noch instrumentenspezifische „Tune Modes“ für Bass, Gitarre, Piano, Streicher, Bläser und Lead an, sowie diverse Time Stretch-Varianten.

Um das Kapitel zu einem Abschluss zu bringen: Das Thema Akkordspur ist zwar nicht neu, aber keine andere DAW behandelt es so ausführlich und bietet dabei derart viele Möglichkeiten wie Presonus Studio One 4 – nicht nur für Songwriter ein Traum.

Forum
  1. Profilbild
    Marcel Halbeisen  

    Ich arbeite seit einiger Zeit mit der 3er-Version und bin soweit sehr zufrieden. Allerdings fehlt mir als Seaboard-Nutzer die Unterstützung von MPE (Multidimensional Polyphonic Expression). Bisher habe ich nicht auf die 4er-Version gewechselt, da ich nie erfahren habe ob jetzt MPE unterstützt wird oder nach wie vor nicht. Wer weiss da genaueres?

  2. Profilbild
    Mick  AHU

    Nach 17 Jahren Cubase, 3 Jahren zweigleisig und einem Jahr nur noch Studio One only, ….herrlich entspannend diese DAW!
    -logisch
    -nicht überfrachtet, und doch alles dabei
    -Ressourcen schonend
    -läuft super stabil

    Das Beiwerk wie die Library könnte anspruchsvoller sein, und hier und da ein FX, oder Spielhilfen wie die NoteFx könnte man mal aufbohren und auch auf den neuesten Stand bringen. Auch die GUI ist nicht so ansehnlich wie die von Cubase, aber OK.

    Für mich ist S1 die derzeit innovativste DAW am Markt, und zudem mit einer super Integration, der Hauseigenen Hardware!…

  3. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Kann mich dem Fazit in vollem Umfange anschließen. Allerdings beziehe ich das noch auf die 3.5er Version. Die 4er mit ihren Kompositionstools zieht bisher komplett an mir vorbei, so dass ich noch auf 3.5 unterwegs bin. Aber letztendlich ist das schon konsequent, was Presonus da macht. Jede volle Versionsnummer geht auf die Bedürfnisse eines anderen Musikertypen ein. Diesmal ist eben mehr an den „klassischen“, an Chordstrukturen orienterten, Mukker. der nach gewissen Schablonen komponiert, gedacht worden.

  4. Profilbild
    BalloonCoin

    Reason, Fl Studio, Reaper, Abelton Live… Rundum zufrieden war ich mit keiner DAW.
    Dann wechselte ich vor einem Monat auf Studio one 4 und bin voll und ganz von dieser Software überzeugt. Stabil, logisch, ungemein einfach zu erlernen und ermöglicht dazu einen reibungslosen Workflow. Ein dickes Lob an Presonus für diese kreative Daw und mit dem Test kann ich übereinstimmen.

  5. Profilbild
    RaHen  

    Benutze Studio One V4 in der aktuellsten Version mit einem 2017er MacBook Pro i7 Quad / 16 GB RAM / 1 TB SSD / 4 GB Video an UA Arrow TB3 Interface. Alles aktuellste Softwareversionen! Von 10 Startvorgängen schlagen ca. 6 fehl und Studio One crashed. Es hängt sich bei „externe Geräte“ auf. Presonus weiß auch keinen Rat un d hat den Fehler an die Entwickler weiter gegeben. Außerdem ist es mir trotz vieler Stunden Sucherei nicht gelungen, eine Audio Spur aufzunehmen. UA Console gibt Signal raus. Bei Studio One Pro V4 kommt nichts an. Alle erdenklichen Tipps aus dem Netz und vom Support umgesetzt. Zweiter Studio One user dazugezogen… kein Signal. Öffne ich Logic Pro X habe ich innerhalb Sekunden ein Signal zum aufnehmen. Ebenso bei Ableton Live 10. Also wenn’s funktionieren würde, wäre Studio On V4 meine erste Wahl. So bin ich etwas frustriert und vor allem ratlos.

    • Profilbild
      TimeActor  AHU

      Hallo RaHen,
      nicht schön zu lesen, dass du solche Probleme mit S1 4 hast.
      All diese habe ich Gott sei Dank nicht und S1 läuft sehr stabil. Audio Aufnahmen (externe Synths) funktionieren sofort nach Programmstart.
      Für mich bereits die 1. Wahl bei den DAW´s. Leider kann ich auch nichts zur Problemlösung beitragen.
      Ich würde auf ein Treiberproblem tippen.

      Grüße
      Martin aka TimeActor

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