Filterbank-Plug-in im Sherman-Style
Rave Generation Filterbank ist ein Filter-Plug-in, das nach dem Signalfluss der Sherman Filterbank 2 geformt wurde. Der Re-Style-Vertrieb möchte klar darauf hingewiesen haben, dass das Plug-in lediglich davon „inspiriert“ wurde und auch keine Emulation der Hardware sein soll. Diese Art der „Inspiration“ kennt man ja schon von den zahlreichen Moog und Roland TR-Klonen, von den Gitarren-Effektpedalen ganz zu schweigen. Das muss nicht automatisch heißen, dass die Klone schlecht sind, aber man darf sich dann auch nicht wundern, wenn einige wissen möchten, ob es außer der optischen noch weitere Ähnlichkeit gibt. Diese und weitere Fragen möchten wir im folgenden Artikel beantworten.
- Klangqualität: Hochwertiger, kontrollierbarer Sound mit analogem Charakter – kein echter Sherman-Klon, aber eigenständig stark.
- Bedienung: Sehr gute, skalierbares GUI mit klarer Struktur und direktem Zugriff – ideal für kreative Soundarbeit.
- Modulation: Umfangreiche Hüllkurven- und LFO-Steuerung mit MIDI-Optionen – allerdings keine FM-/AM-Eingänge.
- Design: Inspiriert vom Workflow der Sherman Filterbank, aber mit modernen Verbesserungen und ohne deren Eigenheiten.
- Fazit: Kein Ersatz für die Sherman, aber ein starkes, eigenständiges Plug-in für detailverliebte Sounddesigner.
Inhaltsverzeichnis
Eines vorneweg: Zur genauen Funktionsweise der Sherman Filterbank sind auf Amazona.de schon drei Artikel verfügbar, daher verweise an dieser Stelle auf folgende Berichte:
- Test: Sherman Filterbank 2, Desktop-Analogfilter von Peter Grandl
- Der Filter-Klassiker im neuen Gewand von der Jim
- Test: Sherman Filterbank 2 Dual Rack, analoges Filter von Chris Pfeil
Re-Style (der Künstler)
Re-Style ist ein Künstler aus den Niederlanden, wo die Techno-Szene ja zum Kulturerbe gehört. Schon mit neun Jahren experimentierte er mit Plattenspielern Cassetten- sowie VHS-Decks und Keyboards bevor er 1997 die Software Magix Music Maker 3.0 entdeckte. Danach gründete 1998 ein Tracker-Label. Seit den 2000ern hat er sich mit dem Künstlernamen Re-Style als eine treibende Kraft im Harder-Style, einem Subgenre von Techno, zu dem auch Hardcore, Gabba, Hardtrance oder Schranz gehören, etabliert. Re-Style entwickelt und vertreibt im Übrigen seine Plug-ins in Eigenregie unter dem Label Rave Generation.
Inbetriebnahme der Rave Generation Filterbank
Das Plug-in Rave Generation Filterbank wird nur direkt über den Shop Ravegeneration.io vertrieben und ist für macOS ab 10.13 und ab Windows 10 als Audio Unit und VST3 erhältlich. Eine Demoversion gibt es leider nicht, was gerade in diesem Fall einige Missverständnisse aus dem Weg räumen könnte. Freigeschaltet wird die Software über eine Seriennummer. Grundlage dieses Tests ist Version 1.0.4.
Die Bedienoberfläche hat ein gestochen scharfes Bild (100 % Zoom) und einen sehr gut lesbaren Kontrast, hier können sich einige andere gerne was abgucken. Auf einem 1080p-Bildschirm ist das Plug-in bei 100 % schon groß und lässt sich dann noch zwischen 70 % und 200 % anpassen. Das macht auch auf 4k-Bildschirmen Spaß!
Die Installation verlief auf meinem Mac Mini M4 Pro reibungslos, wie auch der Betrieb des Plug-ins. Ein englischsprachiges PDF-Handbuch ist auch im Paket enthalten und beschreibt die Funktionsweise und Besonderheiten der Filterbank knapp, aber ausreichend.
Das Handbuch widmet jedoch deutlich mehr Raum den technischen Finessen, die bei der Rave Generation Filterbank zum Einsatz kamen. So wurde extensives Analog Circuit Modeling betrieben, das alles von spezifischen Diodenpaarverhalten über die Eigenheiten der Ladung und Entladung von Kondensatoren auffährt.
Auch die Bauteilinteraktionen auf systemweiter Ebene wurden bedacht, mit nichtlinearen Verhalten bei hoher Resonanz bis zu Artefakten wie natürlicher Kompression bei der Sättigung und Übersteuerung in Abhängigkeit vom internem Gain-Staging.
Hier gibt es wohl kein Bit, das nicht irgendwie mit einem anderen organisch interagiert. Das wärmeabhängige Rauschen und Verstimmen (THD und Grundrauschen) bekamen zum Glück seinen eigenen Regler spendiert. So was will man definitiv nicht ständig im Signalweg haben.
State-Variable-Filter versus Switched-Capacitor-Filter
Das Plug-in ist auf einem State-Variable-Filter-Design aufgebaut, um wie die Sherman zwischen Hoch-, Band- und Tiefpass stufenlos überblenden zu können. Das stufenlose SVF ist meines Wissens z.B. auch so im Oberheim SEM umgesetzt. Für die Resonanz benutzt die Software aber eine Ladder-Filter-Emulation (nicht selbstresonanzfähig). Beide Designs kommen in der Sherman nicht vor.
In der Sherman Filterbank wird hingegen das von Herman Gillis entwickelte Switched-Capacitor-Filter verwendet, dessen Cutoff-Verhalten per hochfrequenter Clock gesteuert wird, im Gegensatz zu den spannungsgesteuerten Filtern (VCF) wie z. B. Curtis, SVF, Ladder oder OTA (Korg). Das SCF verleiht der Sherman Filterbank ihren einzigartigen Klang und wird laut Herman global nur noch in zwei oder drei anderen Geräten verwendet.
Mit der Clock-Steuerung ermöglicht es auch den Cutoff von Filter 1, in einem harmonischen Verhältnis zu Filter 2 zu regeln. Allerdings hat das Switched-Capacitor-Design auch einen Nachteil. Nämlich die Hörbarkeit bzw. Einstreuung der Clock unterhalb eines Cutoff von 100 Hz.
Wer sich also bei der Hardware schon einmal gefragt hat, was das für komische rhythmische akustische Artefakte sind – jetzt wisst ihr es. Also allein schon vom Filter-Design her, ist die Rave Generation Filterbank keine Emulation der Sherman.
Unterschiede Rave Generation Filterbank vs. Sherman Filterbank
Weitere Unterschiede sind z. B. die Ausgänge OUT1 und MAIN der Sherman. Wird bei der Hardware nur MAIN abgegriffen, liegen hier die Signale beider Filter an. Werden beide Ausgänge abgriffen und steht der Regler für den Signalweg ganz links auf parallel, so liegt an OUT1 nur Filter 1 an und MAIN nur Filter 2. Damit lassen sich auch Pseudo-Stereoeffekte realisieren.
Das Plug-in kann das nicht, doch man darf auch ruhig fragen, ob das bei beliebiger Instanzanzahl hier notwendig oder gar sinnvoll ist.
Die fehlenden Eingänge für die Frequenz- und Amplitudenmodulation beim Plug-in werden dagegen recht schmerzlich vermisst und lassen so auch einiges an Effektpotential, wie die Möglichkeit eines TB 303-artigen Key-Following, liegen. Was etwas seltsam ist, denn es gibt ja schon die Side-Chain-Eingänge für ADSR- und AR-Hüllkurven, die mit Audio oder MIDI beschickt werden können.
Zur Info: Bei nicht belegtem FM-Eingang dient das Ausgangssignal von MAIN und OUT 1 als FM-Quelle, während bei nicht belegtem AM-Eingang das Ausgangssignal von Filter 2 als Modulationquelle benutzt wird und was sich auf beide Ausgänge (MAIN und OUT 1) auswirkt.
Das Ansprechverhalten und Triggern der Hüllkurven ist bei beiden gleich implementiert (Noten C4 bis B4), aber beim Plug-in können die Hüllkurven wahlweise auch per MIDI getriggert werden, während bei der Hardware nur Audio geht.
Überhaupt hat das Plug-in einige sehr gute Ergänzungen, wie das präzise Einstellen des Schwellenwertes zum Auslösen mit ADSR-Sense und AR-Sense. Das Einstellen des Input-Reglers ist bei der Sherman Filterbank der Schlüssel zum Erfolg. Hier sind es hingegen diese Sense-Parameter. Werden diese unterschritten, reagiert das Plug-in gar nicht mehr. Das hat den Vorteil, dass man z. B. exakt auf den Peaks einer Kickdrum reiten kann.
Auch der Regler für die LFO-Synchronisation per MIDI-Clock ist eine willkommene Ergänzung. Bei der Sherman kann der LFO per Audio oder per MIDI (C4/C#4) zwar getriggert, aber nicht in dem Sinne „synchronisiert“ werden.
Der Regler für die Ausgangslautstärke ist besonders hilfreich, da das Plug-in sehr oft und sehr leicht an der Vollausteuerungsgrenze arbeitet. Was die Verzerrung angeht, gibt hier es noch vier Modi: CLEAN, WARM, CRUNCH und EDGE. Wobei für mich WARM am passendsten klingt.
Mit dem INPUT-Regler allein kann ja schon eine Sättigung bzw. Verzerrung erzeugt werden, die vier Modi setzen da noch einen drauf. CRUNCH und EDGE haben mir persönlich jetzt nicht so gut gefallen.
Die Hardware macht Gain-Staging an drei Stellen. Einmal im Eingang (Preamp), dann in den Filtern und schließlich im VCA (AR-Hüllkurve) und bietet daher auch drei Stellen zum Zerren.
Was die Parametereichung im Plug-in angeht, sind im Vergleich zur Sherman Filterbank einige Parameter exponentiell anstatt linear ausgeführt (wie z. B. die Filter). Andere, wie LFO-Speed und Hüllkurven, haben eine größere Laufweite. Das macht zwar beispielsweise die Kontrolle der Hüllkurvengeschwindigkeiten per MIDI (CC 16 bis 19, G4, bis B4) wie bei der Hardware recht überflüssig, aber einen direkten 1:1-Vergleich damit auch nahezu unmöglich.
Ansonsten gibt es für das Plug-in ja auch noch DAW-Automation. Aber das verschiebt auch die Gewichtung des Sherman-Konzepts von der Live-Anwendung zum reinen Produktionswerkzeug.
Noch zu Info: Ich bin mir nicht sicher, wie das bei anderen Sherman Filterbänken (Post-7786-Seriennummer) ist, aber bei meiner (Prä-7786) ist z. B. bei Filter 1 Cutoff der Frequenzgang von offen bis ca. 30 Hz in den Reglerstellungen 7 bis 10 abgedeckt, was recht eng ist, während sich alles zwischen ~0 Hz und ~30 Hz auf den Stellungen 1 bis 6 breitmacht. Das war bei meiner schon immer so. Beim Plug-in ist das deutlich praktikabler verteilt.
Die Post-7786-Modelle haben auch noch zusätzlich den NOISE GENERATOR/ FEEDBACK CIRCUIT und ab der 8280-Seriennummer gibt es die RANGE EXTENSION FUNCTION dazu.
Wie klingt die Rave Generation Filterbank?
Kurz gesagt: hochwertig und exakt. Sicher lässt sich hier durch die Modulationen ein gutes Maß an Chaos hervorzaubern, aber die Software bleibt im Rahmen. Egal, was ich mache, ich kann immer exakt hören, was die Parameter machen. Am auffälligsten ist das für mich bei der AR-Hüllkurve und beim LFO, der viel prägnanter wirkt.
Da ich der Auffassung bin (bzw. gelernt habe), dass man eine Sherman Filterbank nicht wirklich beherrschen, sondern (vorwiegend) nur erfühlen kann, was die Parameter da gerade machen, ist das eine interessante Erfahrung. So kann ja schon allein die Cutoff-Frequenz von Filter 1 bis zu sechs Modulationsquellen haben, von denen vier immer präsent sind. Selbst Herman Gillis gibt zu, er würde nicht immer verstehen, was da in der Hardware vor sich geht. Auch diese, wie ich es nenne, „bauchige Musikalität“ der Sherman hat das Plug-in nicht.
Aber auch wenn die Rave Generation Filterbank nicht wie eine Sherman klingt – und dazu brauch ich keinen Analyzer – erzeugt sie mit dem Verhalten von Modulation, Triggern und Hüllkurven bei diversen klanglichen und rhythmischen Strukturen doch so manchen Wiedererkennungsmoment.
Was andere Software-Filter angeht, braucht sich die Rave Generation Filterbank auch nicht zu verstecken. Z. b. gegenüber Soundtoys Filterfreak oder dem Ohmforce Frohmager kann dieses Plug-in mit dem analogen Gefühl absolut mithalten. Der Filterfreak klingt aber ganz anders, deutlich geschmeidiger, während der Frohmager mit seiner Wildheit wieder eher in die Richtung der Rave Generation geht.
Alle können scheidende Resonanzen erzeugen und dennoch das Low-End schieben. Doch allein vom Design der Bedienoberfläche, ist die Rave Generation Filterbank am spaßigsten und direktesten zu bedienen von den dreien und vielleicht war das auch der eigentlich ausschlaggebende Grund für dessen Entstehung.
Sicher hat jedes dieser Plug-ins seine besonderen Eigenheiten und es ist sicher auch so, dass nach über 20 gemeinsamen Jahren mit der Sherman Filterbank einfach der Gewohnheitsfaktor größer ist. Die Rave Generation schafft es durchaus, eine eigenständige Klangsignatur zu etablieren.
Was die Klangbeispiele angeht, so wurden auch die Plug-ins einmal durch die Aus- und Eingänge des Audiointerfaces gejagt, um die gleichen Bedingungen wie bei der Sherman Filterbank zu haben. Die Sherman Demos sind 100 % wet, während die Rave Generation Demos über den Bypass <> Effekt-Regler überblendet werden. Die Lautstärken der Beispiele wurde manuell angepasst.
Wie gesagt ist durch die andere Eichung der Parameter im Plug-in eine direkte Übernahme der Einstellungen nicht möglich. Von daher ist es sinnlos, sich in der Detailanalyse zu verlieren. Stattdessen sollte man eher auf das Gesamtbild achten. Denn Rave Generation und Sherman Filterbank sind zwei sehr verschiedene Produkte, wie die Demos zeigen.
Wer mehr über die Sherman Filterbank wissen will, sollte sich unbedingt das folgende Video von Anthony Marinelli im Interview mit Herman Gillis ansehen. Hier werden so ziemlich alle Fragen zur Hardware beantwortet
The SCREAMING Filter: How Herman Gillis Created the Sherman Filterbank
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Stelle ich mir sehr geil im Automationsmodus vor! Der Preis ist relativ „happig“ für einen reinen Filter. Aber ich denke bei der Qualität und dessen Möglichkeiten geht das in Ordnung. Skalierung ist heutzutage das A&O und ich verstehe immer noch nicht, warum das noch keine Selbstverständlichkeit ist. Gerade bei Plugin’s mit Microschriftcharakter würde ich mir das oftmals wünschen. Apropos, bei mir zeigt es aktuell und plötzlich den alten Massive (Native Instruments) in ca. doppelter Größe an. 😅 Leider arg verpixelt, aber ist mir tatsächlich lieber wie diese mikroskopisch kleine Schrift – Kein Witz! Bug oder Absicht? Keine Ahnung! Mir gefällt es.
Auf der einen Seite schade, dass nicht die Filterbank direkt nachgebaut wurde, grade auch, weil die Bedienoberfläche ja annähern die gleiche ist. Andererseits ist etwas eigenes ja auch immer interessant.
Ich sehe grade, NI Reaktor hat wie so oft natürlich auch eine Filterbank als Nachbau, muss ich mal ausprobieren.