Tele mit Bigsby-Twang und aktiven P90-Pickups
Die Reverend Greg Koch Gristle 90 ist das Signature-Modell des US-Gitarristen Greg Koch und verbindet klassische Telecaster-Optik mit modernen Features und eigenständigem Konzept. Geleimter Hals, aktive Fishman-P90-Tonabnehmer, Bigsby-Vibratosystem und zahlreiche durchdachte Details sollen traditionelle Sounds mit zeitgemäßem Handling kombinieren. Ob die ungewöhnliche Mischung aus Vintage-Charme und moderner Technik in der Praxis überzeugt, klärt dieser Test.
Worum geht es? Die Reverend Greg Koch Gristle 90 ist Greg Kochs Signature-Modell und kombiniert Tele-Optik mit modernen Features wie aktiven Fishman-P90s und Bigsby-Vibrato.
- Konzept: Moderne Tele-Interpretation mit geleimtem Hals, Compound-Radius und gekammertem Korina-Korpus.
- Pickups: Aktive Fishman-P90s liefern brummfreie Sounds mit höherem Output und vielseitigem Klangspektrum.
- Features: Out-of-Phase-Schaltung, Mid-Boost und Bigsby-B50 erweitern die klanglichen Möglichkeiten deutlich.
- Handling: Sehr gute Bespielbarkeit, geringes Gewicht und überzeugende Stimmstabilität trotz Bigsby-System.
- Kritik: Laden per Micro-USB wirkt nicht mehr zeitgemäß und der Akku verlangt Aufmerksamkeit im Alltag.
Inhaltsverzeichnis
Reverend Greg Koch Gristle 90
Greg Koch ist ein begnadeter Gitarrist, der früher als Endorser für Fender agierte und nun mehr mit seiner eigenen Band unterwegs ist oder auch bei zahlreichen Workshops zu sehen ist. Er ist ausgesprochen vielseitig und beherrscht sämtliche Stile von Rock, Jazz, Blues, Fingerstyle oder Country in Perfektion. Er besitzt darüber hinaus langjährige Erfahrung und genaue Kenntnis aller Techniken, die er auch gerne mal im Netz vermittelt (YouTube-Lessons, Tutorials, z. B. truefire-Gitarrenkurse etc.).
Auch sein Humor ist speziell, wenn auf Dauer für den einen oder anderen möglicherweise etwas anstrengend. Es gibt nur wenige Gitarristen, die eine solch grandiose Stilvielfalt überzeugend beherrschen. Es lohnt sich also, sich Greg Koch einmal anzuhören.
Seit einigen Jahren arbeitet er unter anderem auch mit dem Gitarrenhersteller Reverend zusammen. Hier legt man großen Wert auf gute Materialien und Verarbeitung und versucht, den speziellen Vorlieben und Wünschen seiner Endorser gerecht zu werden bzw. diese in der Praxis umzusetzen.
Greg Koch hat bereits einige Signature-Modelle am Start, die über interessante und praxistaugliche Features verfügen. So findet man in seinen Modellen gerne aktive (brummfreie) Fishman-Singlecoils. Im Falle unserer heutigen Testkandidatin sind es P90s, die sich mithilfe von USB laden lassen und daher keinen 9-Volt-Block mehr zur Stromversorgung benötigen. Ob man das mag, ist Geschmackssache. Es hat Vor- und Nachteile, auf die wir später noch zu sprechen kommen.
Die Reverend Greg Koch Gristle 90 kommt ab Werk mit einem Satz „Zehner“ (.010 – .046) und wird ohne Koffer oder Gigbag geliefert. Schauen wir nun genauer drauf.
Facts & Features
Auch wenn die Reverend Greg Koch Gristle 90 auf den ersten Blick einer gewöhnlichen Tele recht ähnlich erscheint, so gibt es doch gleich eine ganze Reihe von entscheidenden Unterschieden bzw. Besonderheiten, die man bei einer Fender Tele nicht antreffen wird, als da wären:
- geleimter Hals
- eine Mensur von 629 mm (24,75″), „Gibson-mäßig“
- Bigsby-Vibratosystem mit Rollen als Saitenreitern für bessere Stimmstabilität
- aktive P90-Tonabnehmer
- Hals mit Compound-Radius für eine angenehmere Bespielbarkeit
- Laden des verbauten Lithium-Akkus über USB (spezielle Klinkenbuchse an der Zarge)
Des Weiteren ist ein schaltbarer Mitten-Boost und eine mittels Push-Pull-Tonpoti aktivierbare Out-of-Phase-Option eingebaut. Diese wäre auch im Elektrikfach noch mittels eines kleinen Trimmpotis regelbar, d. h., der Sound kann auf „mehr oder weniger out of phase“ eingestellt werden.
Auffällig ist auch die verstärkte Korpusmitte, wie man sie beispielsweise bei einer Gibson Firebird antrifft. Alternativ wäre die Gristle 90 auch in Türkis erhältlich.
Korpus
Der Korpus aus leichtem Korina wurde „gekammert“. Unter dem kleinen Schlagbrett wurde eine Ausfräsung vorgenommen. Ich bezeichne dies einfach mal als „Thinline light“.
Ein weißes Binding umschließt die Decke der Gitarre. Der Bereich unter den Tonabnehmern und des Bigsby-Vibratosystems (Korpusmitte) wurde ähnlich wie bei einem Gibson-Firebird-Modell stufenartig verstärkt.
Hals
Der Hals aus geröstetem Ahorn wurde mit dem Korpus verleimt, was sich positiv auf das Sustain des Instruments auswirken dürfte. Das Griffbrett aus Ebenholz wurde mit weißen Dot-Griffbretteinlagen bestückt. Auch die Griffbrettkanten werden von einem weißen Binding umschlossen, was der Gitarre etwas Edles verleiht.
Die 22 Jumbo-Bünde wurden perfekt eingesetzt, abgerichtet und poliert. Die Sattelbreite beträgt 43 mm, dem Instrument wurde ein guter Boneite-Sattel spendiert. Der Hals fühlt sich großartig an, das Halsprofil wird vom Hersteller mit „Medium Oval“ beschrieben. Der Compound-Griffbrettradius (10″ – 14″) sorgt dafür, dass man in niedrigen Lagen die Akkorde etwas leichter greifen kann und in höheren Lagen durch den größeren Radius angenehmer solieren kann.
Die Kopfplattenform erinnert grob an das Original einer Fender Telecaster, wurde aber selbstredend aus rechtlichen Gründen verändert. Zudem wurde diese für mehr Druck auf dem Sattel leicht abgewinkelt.
Elektrik & Hardware
Die aktiven Fishman Pickups in der Reverend Greg Koch Gristle 90 sorgen für absolute Brummfreiheit, selbst bei High-Gain. Damit ist ein typisches „Problem“ der Telecaster bzw. im Allgemeinen mit Single-Coil-Tonabnehmern bestückter Instrumente eliminiert.
Die Elektrik ähnelt der einer Telecaster, hier wurde jedoch noch ein schaltbarer Fishman-Mid-Boost (Druckknopf) implementiert.
Der Tonregler (Push-Pull) aktiviert auf Wunsch in der Mittelposition des 3-Wege-Schalters die Invertierung der Phase, was für einen ausgedünnten Ton sorgt. In den Klangbeispielen kann man dies später hören.
Das verbaute Bigsby-B50-Vibratosystem mit Rollen als Saitenreitern sorgt für weniger Reibung und somit bessere Stimmstabilität.
Die Hardware der Gristle 90 wurde komplett verchromt, das cremefarbene Schlagbrett deckt die Ausfräsung ab.
Der eingebaute Akku für den Preamp bzw. Mid-Boost der aktiven Tonabnehmer kann mit jedem gewöhnlichen USB-Netzteil (Handy/Tablet etc.) geladen werden. Etwas enttäuschend ist die Tatsache, dass man hierfür noch ein Micro-USB-Kabel (im Lieferumfang) bemühen muss. USB-C wäre hier sicherlich zeitgemäßer gewesen, aber es gibt Schlimmeres. Jeweils nur beim Einklinken des Instrumentenkabels leuchtet neben der Klinkenbuchse eine kleine Leuchtdiode, die Auskunft über den Ladezustand des Akkus gibt (grün bzw. rot, wenn Nachladen erforderlich ist).
Unbedingt zu erwähnen ist: Zieht man den Klinkenstecker nicht aus der Buchse, wenn die Gitarre etwas länger nicht gespielt wird, kann dies dazu führen, dass der Akku irgendwann leer ist. Hätte man dann beim Gig keine zweite Gitarre dabei, bekäme man Probleme. Das Nachladen geht zwar recht schnell, aber man ist besser vorbereitet, wenn man ein Auge auf den Ladezustand hat.
Ein Vorschlag meinerseits zur Verbesserung dieses Instruments ist, unter dem schnell abschraubbaren Schlagbrett alternativ einen zum Akku parallel geschalteten 9-Volt-Block anschließen zu können. Platz wäre dafür ja vorhanden.
Handling
Die Reverend Greg Koch Gristle 90 kam erfreulicherweise ab Werk perfekt eingestellt bezüglich der Saitenlage und der Oktavreinheit).
Die Gitarre kommt ausgewogen auf den Knien zu liegen, das Gewicht ist mit ca. 3,3 kg angenehm leicht. Der Hals bietet eine grandiose Bespielbarkeit und liegt perfekt in der Hand.
Die im Vergleich zu Fender-Instrumenten etwas kürzere Mensur sorgt für eine perfekte Bespielbarkeit, da die Bünde insgesamt etwas enger zusammenliegen und man ggf. die Finger nicht so weit spreizen muss, beispielsweise beim Greifen kleiner Intervalle auf zwei benachbarten Saiten.
Im Lieferumfang befindet sich auch eine zweite Feder für das Bigsby-System, falls einem das Vibratosystem zu weich läuft. Ich besitze selbst eine Reverend Gristle 90 und habe nach einigem Experimentieren die stärkere Feder eingebaut, da mir die werksseitig montierte Feder zu weich war und das Vibratosystem nicht immer exakt in die Ausgangsposition zurückkehrte, was für leichte Verstimmungen sorgte.
Wie man weiß, sind Bigsby-Vibratosysteme als „zickig“ bekannt. Es gibt zu viele mechanische Faktoren, die Verstimmungen begünstigen. Auch das Aufziehen neuer Saiten ist anspruchsvoll, da man das Gefühl hat, eine Hand zu wenig zu besitzen, um die neuen Saiten korrekt aufzuziehen. Es gibt aber Kniffe, wie man trotzdem zum Ziel kommt.
Tipp: Im Netz findet man einige „nerdige“ Videos, die sich damit beschäftigen, ein Bigsby-System tatsächlich komplett verstimmungsfrei zu bekommen.
Da die Saitenreiter Rollen sind, helfen diese, unnötige Reibung auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Die verbauten Locking-Mechaniken leisten ebenfalls ihren Beitrag zur guten Stimmung. Etwas Grafitstaub oder käufliche, in Spritzen aufgezogene vaselineartige Produkte für die Sattelkerben könnten ebenfalls eine gute zusätzliche Maßnahme sein.
Insgesamt kann man unserer Testkandidatin eine mehr als befriedigende Stimmstabilität attestieren.
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Sound
Der Output ist aufgrund der aktiven Pickups etwas höher, als wir es von mit passiven Tonabnehmern bestückten Gitarren erwarten dürfen.
Hören wir zunächst den P90-Halstonabnehmer der Reverend Greg Koch Gristle 90 mit klarem Sound:
Beide Tonabnehmer parallel (Mitte) könnten folgendermaßen klingen:
Wenn wir schon in der Mittelposition sind, checken wir gleich, wie sich die „Out-of-Phase“-Schaltung auf den Klang auswirkt, denn nur in der Mittelposition ist diese (Push-Pull) aktivierbar. Die Umschaltung erfolgt nach fünf Sekunden. Der Sound wird naturgemäß dünner und „quakiger“:
Hören wir den Steg-P90 mit klarem Sound:
Der schaltbare Mitten-Boost hat eher subtile Auswirkungen auf den Klang, aber er ist wahrnehmbar. Wir hören den Halstonabnehmer clean und aktivieren nach vier Sekunden den Boost durch Drücken des Druckknopfes an der „Control Plate“.
Die Reverend Greg Koch Gristle 90 kann selbstverständlich auch rocken (brummfrei). Wir hören den Steg-Pickup mit etwas Crunch meines verzerrten Kanals (Peavey Classic 20 MH):
… und schließlich den Hals-Tonabnehmer mit identischer Einstellung:
Die Reverend Greg Koch Gristle 90 klingt also nicht wirklich wie eine klassische Telecaster mit ihrer typischen Single-Coil-Bestückung. Wer dies bevorzugt, könnte auf dieses Modell ausweichen. Abgesehen davon gibt es auch Strats, die auf den Namen Greg Koch hören und ebenfalls zeitgemäße Features eingebaut haben.
Signalweg: Reverend Gristle 90 → Peavey Classic 20 Minihead → Mesa/Boogie 1×12″ Thiele-Box mit Creamback-Celestion-Lautsprecher → Sennheiser e906 → MOTU M4 → Mac Studio mit Logic








































Greg Koch ist wirklich ein fantastischer Gitarrist. Ich schaue mir oft seine „Wildwood-Guitars“ Gitarren-Präsentations-Videos an – nicht weil mich die Gitarren interessieren, sondern um ihn spielen zu sehen und zu hören. Empfehlenswert ist auch sein Interview mit Rick Beato auf YouTube.