Studio-Kompressor in Stereo
Die Philosophie des Audiopioniers Rupert Neve bestand immer darin, auch drastische Bearbeitungen am Audiosignal zu ermöglichen, ohne dass diese hörbar werden und so die Natürlichkeit des Signals voll erhalten bleibt. Der Stand der Technik hingegen ermöglichte es oft noch nicht, dieser Zielsetzung gerecht zu werden, sodass viele legendäre Entwicklungen des Altmeisters gerade für ihre speziellen Färbungen und Artefakte geliebt und geschätzt werden.
Beispielsweise der 1969 erschienene Neve 2254 Kompressor auf Diodenbasis, in den 1980er Jahren als Stereo-Rack-Version zum 33609 weiterentwickelt, der bauartbedingt leicht in die Sättigung gerät und über besonders charakteristische Übertrager verfügt. Geradezu als Erlösung dürfte in diesem Zusammenhang das Erscheinen der VCA-Technik empfunden worden sein, bedient sich doch auch der Gegenstand dieses Testberichtes, der Rupert Neve Designs Portico 5043 Stereokompressor dieser Steuerungsmöglichkeit für die Kompression, die besonders saubere und präzise Ergebnisse ermöglicht.
Rupert Neve Designs Portico 5043: Lieferumfang & Verarbeitung
Der Stereokompressor ist in einer halben 19-Zoll-Format bei einer Höheneinheit ausgeführt, zwei Porticos lassen sich mittels Adapter mechanisch verbinden und passen so ins Studio-Rack. Rupert Neve Designs bietet alternativ auch einen Rahmen an, in den sich 8 Portico-Module hochkant montieren lassen.
Außerdem ist eine Monovariante für das API 500 Format erhältlich, die mir allerdings preislich mit 1.099 Euro vergleichsweise unattraktiv erscheint, zumal man dieses Gerät ja ohne Gehäuse und Stromversorgung so alleine gar nicht betreiben kann.
Ansonsten erhält man eine ausführliche gedruckte englischsprachige Bedienungsanleitung und einen 12 Volt Netzadapter, wobei die erforderliche Spannung von 17,5 Volt im Inneren des RND Portico durch einen Gleichspannungswandler bereitgestellt wird.
Das Gerät wirkt sehr hochwertig und robust, die Regler haben einen verhältnismäßig hohen Drehwiderstand und die Druckschalter rasten bei Betätigung definiert und spürbar ein. Das edle Design mit der hellgrauen Frontplatte, den verschiedenfarbigen Metallknöpfen und der aufgedruckten Signatur von Rupert Neve ist typisch für die Portico Modellreihe, die vor ein paar Jahren ein Facelifting erhalten hat.
Wie man es in dieser Preisklasse erwarten darf, ist der RND Portico 5043 hervorragend verarbeitet und designt. Die Regler stehen trotz des wenigen Platzes nicht zu dicht beieinander und ermöglichen beherztes Herumschrauben an den Reglern, ein nicht unwichtiges Argument für den teuren Kauf eines hochwertigen Analogprozessors anstatt eines entsprechenden Plugins.
RND Portico 5043: Bedienung & Ausstattung
Der Testkandidat besteht aus zwei identisch aufgebauten Mono-Kompressoren, die im Inneren mit jeweils speziell angefertigten Übertragern für Eingangs- und Ausgangsstufe bestückt sind. An Reglern stehen pro Kanal die üblichen Vertreter für diese Gerätegattung zur Verfügung: „Threshold“ bestimmt den Schwellwert, an dem die Pegelreduzierung einsetzt von 22 bis -36 dB, „Attack“ (20 bis 75 ms) und „Release“ (0,1 bis 2,5 Sekunden) regelt die Hüllkurve der Kompression, „Ratio“ von 1:1 bis „Limiter“ (=unendlich) die Intensität und „Gain“ die Lautstärke des komprimierten Signals.
Zwei 8-fache LED-Ketten, mit „Input“ und „Gain Reduction“ beschriftet, unterstützen das Einstellen der Parameter optisch, wobei ein mit „Meters Select“ beschrifteter Drucktaster die Metering-Sektion einem der beiden Kanäle zuordnet.
Das Gerät bietet weitere per Druckschalter pro Kanal abrufbare Funktionen an. „In“ schaltet den jeweiligen Kompressor in den Signalweg, „Link“ ermöglicht es, andere Portico-Kompressoren per Steuerspannung über eine rückseitig montierte Klinkenbuchse zu kontrollieren. Ist der Knopf an beiden Kanälen aktiviert, lässt sich das Gerät als Stereokompressor verwenden. Hierzu müssen allerdings beide Kanäle möglichst gleich eingestellt sein, der Kanal mit dem höheren Pegel bestimmt dann den Pegel des anderen Kanals. Alternativ ist in diesem Betriebsstatus auch Ducking möglich.
„To Bus Input“ ermöglicht die Verwendung des RND Portico 5043 innerhalb des hauseigenen Busing-Systems. Hier wird der Eingangsübertrager übergangen, so lassen sich mehrere Portico-Geräte kaskadieren. So verfügen beispielsweise der RND Portico 5033 Equalizer und der RND 5012 Mic-Preamp über Bus-Outputs.
Eine weitere Besonderheit bietet der „FF/FB“-Schalter an, mehr dazu in „Sound & Praxis“.
Alle Schalter sind hintergrundbeleuchtet und strahlen im aktivierten Zustand in verschiedenen Farben, was die Übersichtlichkeit bei der Handhabung deutlich erhöht.
Die Rückseite enthält neben dem Anschluss für das externe Steckernetzteil die Audioanschlüsse für die Ein- und Ausgänge im XLR-Format sowie die schon erwähnten „Link“- und „Buss“-Anschlüsse, die als Klinkenbuchsen ausgeführt sind.
Rupert Neve Designs Portico 5043: Sound & Praxis
Bereits die Regelbereiche für Attack und Release deuten darauf hin, dass das Gerät für bestimmte Einsatzzwecke gut, für andere weniger gut geeignet ist. So liegt die minimale Attack-Zeit bei gerade mal 20 Millisekunden, was für einen Einsatz als Peak-Limiter, um beispielsweise einen Wandler vor Übersteuerung zu schützen, eindeutig zu lang ist – da werden schon mal Attack-Zeiten von 5 Millisekunden und niedriger benötigt. Andererseits ist die Gefahr, die Transienten des Signals zu verunstalten, praktisch ausgeschlossen und für die Summenkompression scheinen die Regelbereiche sehr gut geeignet.
Betrachten und hören wir zunächst den weiter oben schon erwähnten „FF/FB“-Schalter. Dieser Schalter bestimmt, an welcher Stelle im Signalweg die Steuerspannung für die Kompression abgegriffen wird. Unterschieden wird zwischen „Feed Forward“ (Vorwärtsregelung) und „Feed Back“ (Rückwärtsregelung) . Die Vorwärtsregelung, die bei den meisten modernen VCA-Kompressoren Anwendung findet, erzeugt die Steuerspannung direkt am Eingang des Gerätes. Dadurch können diese Kompressoren sehr schnell und direkt reagieren, während bei der Rückwärtsregelung das Steuersignal erst aus dem direkt vor der Ausgangstufe anliegenden Signal gewonnen wird. Dieses hat dann die Schaltung bereits einmal durchlaufen und ist dann schon von dieser beeinflusst. Das Ergebnis dieser in Vintage-Geräten verbreiteten Schaltung ist eine etwas trägere „musikalische“ Kompression.
Im folgenden Klangbeispiel habe ich den Drumloop bei ansonsten identisch eingestellten Parametern jeweils einmal im Feed Back und im Feed Forward Modus durch den RND 5043 gejagt:
An der Snare kann man die unterschiedliche Bearbeitung des Attacks hören, an der HiHat-Figur das etwas trägere Verhalten des Release-Parameters bei der Feedback-Steuerung
Der eingespielte E-Bass mit einer Mischung aus Fingerstyle- und Slap-Technik verlangt geradezu nach Komprimierung, die Pegelsprünge wären im Mix sonst kaum zu beherrschen. Der Testkandidat macht hier eine, wie ich finde, sehr gute Arbeit. Die durchaus heftige Bearbeitung ist hörbar, klingt aber sehr gut:
Die Funk-Gitarre erhält ihren typischen Sound durch Kompressoreinsatz. Der bleibt unauffällig, gibt dem Lick aber den letzten Schliff:
Gesang für die Klangbeispiele liefern zwei Künstler, die im Lieferumfang von Logic Pro enthalten sind: Janice und Kayla. In beiden Fällen gelingt eine deutliche Glättung der Dynamik, die dennoch kaum auffällt. Zugegeben ist die Aufgabe beim weiblichen Gesangsbeispiel (Kayla) nicht allzu anspruchsvoll, ist das Ausgangsmaterial doch schon relativ flächig und mit geringer Dynamik ausgefallen. Beim männlichen Gesang (Janice) allerdings werden die Silben im ersten Teil der Phrase dynamisch deutlich geglättet, was klanglich kaum Auswirkungen hat.
Der Vollständigkeit halber hier noch ein Klangbeispiel mit einem Software-Rhodes, das ebenfalls von der Bearbeitung durch den RND Portico 5043 profitieren kann.
Für einen Stereokompressor stellt sich natürlich auch die Frage, wie er sich bei der Komprimierung eines Summensignals anstellt. Die Antwort für den Testkandidaten kann da nur mit „sehr gut“ beantwortet werden.
Die bisher auffällige Unauffälligkeit ließ ja schon erahnen, dass ein Stereomix davon profitieren kann. So ist es dann auch: Der Mix wirkt kompakter und druckvoller, die einzelnen Signale verschmelzen zu einem gemeinsamen Ganzen. Hier habe ich neben dem unbearbeiteten („Dry“) und komprimierten („Wet“) auf Wunsch einiger User eine dritte Variante („comp“) hinzugefügt, bei der ich den Lautheitsunterschied zwischen „Wet“ und „Dry“ kompensiert habe. Das komprimierte Beispiel hat als – gewünschten – Effekt eine höhere Durchschnittslautheit als das trockene, wobei beide Beispiele normalisiert sind, also den gleichen Spitzenpegel haben. Da es einige User zu geben scheint, die dieser Lautheitsunterschied beim Vergleichen stört, kam der Wunsch nach diesbezüglich kompensierten Klangbeispielen auf.
Auch Ducking ist im aktivierten Link-Modus beider Kanäle möglich. Hierbei steuert das anliegende Signal in Kanal 1 das Verhalten von Kanal 2. Hier ein Beispiel:
Zusammenfassend kann man sagen, dass der RND Portico 5043 dem Ziel seines Schöpfers Rupert Neve, einen Kompressor zu konstruieren, der komprimiert, ohne das Signal zu verfremden, doch ziemlich nahekommt. Eine charakteristische Klangfärbung ist kaum auszumachen und die Dynamikbearbeitung verfälscht nie den Charakter des Urprungsignals. Nebengeräusche bleiben außen vor und die Klangqualität ist über alle Zweifel erhaben.
Ob man nun genau das im Zeitalter hochwertiger und dennoch oft preiswerter Plugins von analoger Hardware erwartet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mit Sicherheit gilt jedoch, dass man hier für sein Geld hochwertige und namhafte Audio-Hardware erhält, die man in der Musikproduktion immer gebrauchen kann und gerne einsetzen wird, weil sie zuverlässig zu hochwertigen Ergebnissen führt und die Bedienung, das intuitive „Herumschrauben“ einfach Spaß macht.
I bought one of the to go with my RND 5211… Very good vca comp !