Test: Sennheiser Evolution 900 Serie Schlagzeug-Mikrofone

15. August 2019

Komplettes Set für Drum-Mikrofonierung

Die Selektion im Case: Sennheiser Drumset 900 (Zusammenstellung am Ende des Tests)

Die Mikrofone der Evolution Serie 900 des Traditionsunternehmens Sennheiser, das sich mit Klassikern wie dem MD 421, MD441 und der MKH Serie für einige meiner absoluten Lieblingsmikrofone verantwortlich zeigt, gibt es nun bereits seit über 10 Jahren fast unverändert am Markt, wurde aber im Detail auch verbessert. Eine Mikrofon-Serie, die sich über einen so langen Zeitraum hinweg etablieren konnte, muss was an sich haben. Was genau, das sehen wir uns nun an.

Mit der Band Apoptygma Berzerk hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einiger Shows in Paris, Amstelveen und Köln die Mikrofone unter guten technischen Voraussetzungen (Midas Heritage 2000 und Meyer bzw. EAW Line-Array …) auf ihre Live-Tauglichkeit zu prüfen und mit den gängigen Konkurrenzprodukten zu vergleichen.

Ein paar Tage später habe ich dann in aller Ruhe, ohne den engen Zeitfenstern einer Veranstaltung gerecht werden zu müssen, in einem Club in Hannover weitere Vergleiche mit anderen Mikros, die jeder kennen dürfte, durchgeführt und die Klangbeispiele aufgenommen. Für die Bassdrum standen AKG d112, Audio-Technica ATM25, Shure SM91 und die Sennheiser Modelle e 901,Sennheiser e 902 und Sennheiser e 602 zur Verfügung, für Snare Sennheiser e 905 und Shure SM57, für Gitarre SM57, e609 und e 906, für Toms MD421, e 604, e904, e908d und e908t, sowie AKG C414 und C1000 und die Sennheiser Modelle e914, k6me64 und MKH40 als Overheads.

Mein Set für meine Tour

Der erste Eindruck

Zunächst bestückte ich das Schlagzeug mit einem Sennheiser e 901 und e 902 für die Bassdrum, die Snare mit e 905, Toms mit e 904 und als Overheads nutzte ich zwei e 914. Die Klemmen von 904 kennt man schon von den e 604. Erfreulich ist die schnelle einfache Montage, unerfreulich dagegen, dass man nur Höhe und Winkel variieren kann, nicht aber, wo auf dem Radius der Trommel sich das Mikrofon befindet. Dieser Parameter ist elementar wichtig, um Grundton und Obertöne auszubalancieren. Durch Variation des Winkels kann man lediglich das Verhältnis von Anschlaggeräusch und Ton beeinflussen. Das e 901 ist im Gegensatz zu Grenzflächenmikrofonen anderer Hersteller mit einer großen XLR-Buchse ausgestattet. Die einen mögen darin den Vorteil der größeren Betriebssicherheit sehen. Ich persönlich halte den Nachteil, dass ich den dicken Stecker nicht durch die Luftaustrittsöffnung im Kessel führen kann, als gravierender, da so das Mikrofonkabel immer auf dem Resonanzfell aufliegt, Nebengeräusche verursacht und die Schwingung des Fells behindert und im Falle eines geschlossenen Resonanzfells überhaupt nicht herausgeführt werden kann.

Sennheiser e 914

Sound

Einzeln angespielt wird mit den ersten Schlägen sofort klar: Diese Mikrofone geben dem Schlagzeug ihre eigene Note. Toms und Snare klingen gleichermaßen rund und offen mit einer deutlichen Präsenzanhebung, die sie frisch und attackreich überträgt. Die Becken werden sehr natürlich und offen, aber niemals kratzig abgebildet. Lediglich die Bassdrum macht mir Sorgen.

Das e 902 besitzt eine so deutliche Mittenabsenkung, dass jegliche vom vorgegebenen Klang abweichende Gestaltung mittels Equalizer unmöglich wird. Der Bassbereich wird so tief betont, dass die Bassdrum nicht schiebt, sondern schwimmt. Ein Einsatz ohne Gate ist unmöglich. Die Hochtonanhebung wirkt sehr synthetisch. Eine vergleichbare Klangfarbe bekomme ich, wenn ich beim AKG D112, einem Bassdrum Mikrofon, das anerkanntermaßen gut funktioniert, bei 300 Hz mit 2 Oktaven Bandbreite 12 dB absenke. Allerdings hat dieses dann immer noch eine definierte Länge, die Hüllkurve wird also originalgetreu abgebildet. Pegelt man beide Mikrofone gleich ein, wirkt das e902 wesentlich leiser, setzt sich also in einem dichten Mix wesentlich schlechter durch. Live wird man sehr früh die Limiter der PA spüren. Mischt man nun dem e 902 das e 901 hinzu, hört man primär einen extrem überzogenen Kick, aber leider immer noch keine Bassdrum. Bisher hielt ich das SM91, den Inbegriff eines Grenzflächenmikros für Bassdrums, für ein aggressives Mikrofon. Im Vergleich zum e901 wirkt es jedoch warm und rund. Auch ohne Unterstützung eines dynamischen Mikros für den Bassbereich wird die Trommel gut dargestellt. Das e 901 überträgt und übertreibt lediglich den Kick. e 602, e 902 und e 901 bilden, wie die folgenden Klangbeispiele zeigen, eine Bassdrum extrem unnatürlich ab. Um ein hochwertiges Instrument abzunehmen, sind sie vollständig ungeeignet, möglicherweise aber, um den Klang eines mittelmäßigen Kits größer wirken zu lassen.

Grenzflächenmikro Sennheiser e 901

Bis hierhin haben wir uns nur mit Einzelsignalen beschäftigt. Nun ist aber ein Schlagzeug alles andere als eine Anhäufung einzelner isolierter Klangquellen, sondern ein großes Ganzes, in dem jede schwingende Trommel und jedes Becken alle anderen Elemente des Klangkörpers genauso mit in Schwingung versetzt, wie jedes Mikrofon mehr oder weniger das gesamte Schlagzeug aufnimmt. Betonungen bestimmter Frequenzen, die einem Instrument zuträglich sind, können durchaus ein benachbartes eher unangenehm verfärben. Besonders deutlich macht sich dieses Problem bei lauten offen gespielten Hi-Hats auf dem Snare-Mikrofon und Crash-Becken auf den Tom-Mikros bemerkbar.

Wie man an dem Klangbeispiel Snare deutlich hört, blendet das e 905 die Hi-Hat wesentlich schlechter aus als ein gewöhnliches SM 57. Das ist wenig verwunderlich, da es sich bei diesem Mikrofon um eine Niere handelt und somit die Hi-Hat genau hinter dem Mikrofon am besten ausgeblendet wird. In einer typischen Aufstellung befindet sich die Hi-Hat aber schräg hinter dem Mikrofon. Eine Superniere, die bei ca. 150° die höchste Dämpfung hat, ist daher für die Abnahme einer Snare wesentlich besser geeignet. Auch in puncto Dynamik kann das e905 mit dem SM57 nicht ganz mithalten.

Sennheiser e 906

An den Klangbeispielen Toms erkennt man, dass es nicht nur wichtig ist, wie stark sich Übersprechen bemerkbar macht, sondern auch in welcher Klangfarbe.
Auch ein MD 421 nimmt viel von den Crash-Becken über den Toms auf. Allerdings klingen sie über diese Mikros ausgewogen, beim e904 dagegen zischelig und störend. Wesentlich besser funktioniert hier das gute alte e604. Gerade weil es im Präsenzbereich zurückhaltend ist, kann man genau die Frequenzen gezielt hervorheben, die sowohl dem Tom als auch den unfreiwillig mitverstärkten Becken guttun. Die beiden Kondensatormikrofone klingen sehr hell und dürften daher nur bei sehr leisen oder extrem hoch aufgehängten Becken verwendbar sein.

Wie unangenehm die Wunderwelt der Übersprechung sein kann, spürte ich dann, als ich mir das liebevoll gecheckte Drumset im Kontext anhörte. Obwohl die Overheads noch stummgeschaltet waren, übertönten zischelnde Becken das gesamte Bühnengeschehen. Anstatt liebevoll die schönen Seiten der Trommeln mit dem EQ zu betonen, war Phillip Crusius, unser Monitormischer, schlagartig nur noch damit beschäftigt, auf der Jagd nach unschönen Frequenzen einen halbwegs guten Klang hinzuschrauben.

Sennheiser e 904

Schade eigentlich für das gemutete e914, denn das klingt wirklich toll!! Das Klangbeispiel macht deutlich, wie dicht es an dem Overheadmikrofon schlechthin, dem AKG C414, dran ist.

Neben Schlagzeug habe ich das e906 für Gitarre ausprobiert. Wem ein SM 57 zu bissig, ein e609 aber zu weich war, dürfte hiermit glücklich werden.

PS: Als FOH-Techniker der letzten Dimmu Borgir Tour freue ich mich jeden Tag wieder über den Tom-Sound, den mir die e604 liefern. Warum muss man etwas ändern, wenn es einfach schon gut ist?

Sennheiser e 902

Sennheiser Drumset 900 Set-Koffer

Beim Musikhaus Thomann gibt es einen Set-Koffer der 900er-Serie, der wie folgt bestückt ist (siehe Aufmacherbild dieses Tests).

  • 1 e 902 Bassdrum-Mikrofon
  • 4 e 904 Tom-Mikrofone
  • 1 e 906 Snare-Mikrofon
  • 2 e 914 Overhead-Mikrofone

Fazit

Eine abschließende Wertung fällt schwer, da in dieser Serie absolute Sahnestücke auf weniger ausgereift wirkende Entwicklungen prallen. In dieser Preisklasse haben mir noch keine Overhead-Mikrofone besser gefallen, aber auch keine Bassdrum-Mikros schlechter. Gegen den Plug and Play Gedanken habe ich prinzipiell nichts einzuwenden, sondern nur gegen die Umsetzung.
Will man sicherstellen, dass die Präsenzbetonung der Tom-Mikrofone die Becken nicht verfärbt, muss sie wesentlich breitbandiger ausgeführt werden. Eine moderate Mittenabsenkung zwischen 200 und 400 Hz ist etwas, das einer Bassdrum fast immer guttut, aber eine totale Mittenauslöschung wohl kaum. Gegen eine Bassbetonung habe ich auch nichts, finde sie lediglich zu tief angesetzt. Soll die 900er Serie eine positive Weiterentwicklung der 600er Serie sein,
ist das im Falle von e 914 und e 906 hervorragend gelungen, bei e 905, e 902 und e 904 hingegen leider nicht. Für alle, die mit einer Plug and Play Mentalität an die Verstärkung ihres Instruments herangehen und möglichst wenig über z. B. Equalizer-Einstellungen nachdenken wollen oder können, weil sie nicht über entsprechende hochwertige Hardware verfügen, dürfte diese Serie allerdings eventuell eine richtige Wahl sein.
Wer jedoch bis ins kleinste Detail Kontrolle über seinen Sound behalten will oder einen eher naturalistischen Anspruch pflegt, ist mit anderen Mikrofonen sicher besser beraten. Wie gut oder schlecht diese Mikrofone an einem bestimmten Set funktionieren, variiert stark je nach Aufbau. Wer eher leise Becken spielt oder sie sehr hoch hängt, dürfte weniger Probleme mit Übersprechen haben und von den Präsenzanhebungen der e 904 profitieren. Immerhin bleibt zu bemerkten, dass einige der härtesten Konkurrenten aus dem eigenen Hause Sennheiser kommen.

Plus

  • hervorragende bezahlbare Overheads
  • praktische Klemmen

Minus

  • teilweise wenig praxisgerechte Frequenzgänge

Preis

  • Sennheiser Drumset 900 im Case 1.699,- Euro
  • Sennheiser e 901: 235,- Euro
  • Sennheiser e 902: 189,- Euro
  • Sennheiser e 602II: 143,- Euro
  • Sennheiser e 906: 163,- Euro
  • Sennheiser e 609: 109,- Euro
  • Sennheiser e 904: 158,- Euro
  • Sennheiser e 914: 379,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    nativeVS  

    Aus 5 jahren e904 erfahrung stehe ich diesen mikros noch kritische gegenueber als der autor. Das einzige positive ist meiner meinung nach die groesse und die robuste bauform; da die becken anscheinend immer lauter werden aber drummer nicht in der lage sind toms richtig zu tunen dass sie dagegen ankommen sind e904s sehr aergerlich.
    Bisher meine besste erfahrung an kleineren tom mikros waren Shure Beta 98 fuer leisere musik und die Audix D2/3 fuer lauteres spiel (tom halterungen dafuer sind etwas nerfiger aber man findet irgendwann schon etwas das fuer einen funktioniert).

  2. Profilbild
    Armin Bauer  RED

    Lieber Kollege,
    super informativer Test, der viel praktischen Nutzen rüber bringt.
    Auch die Interaktion zwischen den Miks ist sehr gut dar gestellt.
    Ich experimentiere gerne, da bietet sich das Drumset mit 4-10 verwendeten Miks natürlich sehr gut an.
    Grundsätzlich fahre ich da sehr gut mit einem Audio-Technica Set, nehme aber gern auch mal Beyerdynamic, Audix, AKG, Blue, JZ, mit dazu. Die Neat Worker Bees warten hier noch auf einen Livetest.
    Nochmals, toller Test, danke.
    Grüße Armin

  3. Profilbild
    moinho

    Meine Erfahrung mit dem 901er war, daß es sich innerhalb der Trommel klanglich sehr unwohl fühlt (und schaut man sich den dokumentierten Frequenzgang an, ist das mit dem Nachbesprechungseffekt auch keine Überraschung).

    Umgekehrt kriegt man vor der Trommel ein gutes Fundament, speziell in Kombination mit nem dynamischen Mikro in der Trommel. Dann muß man dem 901er nur noch die Höhen eliminieren…

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