Test: Sennheiser Evolution 900er Serie

1. November 2008

Sennheiser Mikros

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Wenn das in der Wedemark bei Hannover ansässige Traditionsunternehmen Sennheiser, das sich mit Klassikern wie dem MD 421, MD441 und der MKH Serie für einige meiner absoluten Lieblingsmikrofone verantwortlich zeigt, eine neue Mikrofonserie ins Rennen schickt, ist die Erwartungshaltung meinerseits entsprechend hoch.

Mit der Band Apoptygma Berzerk hatte ich Gelegenheit, im Rahmen einiger Shows in Paris, Amstelveen und Köln die Mikrofone unter guten technischen Voraussetzungen (Midas Heritage 2000 und Meyer bzw EAW Linearray…) auf ihre Livetauglichkeit zu prüfen und mit den gängigen Konkurrenzprodukten zu vergleichen.

Ein paar Tage später habe ich dann in aller Ruhe, ohne den engen Zeitfenstern einer Veranstaltung gerecht werden zu müssen, in einem Club in Hannover weitere Vergleiche mit anderen Mikros, die jeder kennen dürfte, durchgeführt und die Klangbeispiele aufgenommen. Für die Bassdrum standen AKG d112, Audio Technika ATM25, Shure SM91 und die Sennheiser Modelle e901,e902 und e 602 zur Verfügung, für Snare e 905 und Shure SM57, für Gitarre SM57, e609 und e906, für Toms MD421, e 604, e904, e908d und e908t, sowie AKG C414 und C1000 und die Sennheiser Modelle e914, k6me64 und MKH40 als Overheads.

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Der erste Eindruck

Zunächst bestückte ich das Schlagzeug mit einem e902 und e901 für die Bassdrum, die Snare mit e905, Toms mit 904 und als Overheads nutzte ich zwei e914. Die Klemmen von 904 und 905 kennt man schon von den e604. Erfreulich ist die schnelle einfache Montage, unerfreulich dagegen, dass man nur Höhe und Winkel variieren kann, nicht aber, wo auf dem Radius der Trommel sich das Mikrofon befindet. Dieser Parameter ist elementar wichtig, um Grundton und Obertöne auszubalancieren. Durch Variation des Winkels kann man lediglich das Verhältnis von Anschlaggeräusch und Ton beeinflussen. Das e901 ist im Gegensatz zu Grenzflächenmikrofonen anderer Hersteller mit einer großen XLR-Buchse ausgestattet. Die Einen mögen darin den Vorteil der größeren Betriebssicherheit sehen. Ich persönlich halte den Nachteil, dass ich den dicken Stecker nicht durch die Luftaustrittsöffnung im Kessel führen kann als gravierender, da so das Mikrofonkabel immer auf dem Resonanzfell aufliegt, Nebengeräusche verursacht und die Schwingung des Fells behindert und im Falle eines geschlossenen Resonanzfells überhaupt nicht herausgeführt werden kann.

Sound

Einzeln angespielt wird mit den ersten Schlägen sofort klar: Diese Mikrofone geben dem Schlagzeug ihre eigene Note. Toms und Snare klingen gleichermaßen rund und offen mit einer deutlichen Präsenzanhebung, die sie frisch und attackreich überträgt. Die Becken werden sehr natürlich und offen aber niemals kratzig abgebildet. Lediglich die Bassdrum macht mir Sorgen. Das e902 besitzt eine so deutliche Mittenabsenkung, dass jegliche vom vorgegebenen Klang abweichende Gestaltung mittels Equalizer unmöglich wird. Der Bassbereich wird so tief betont, dass die Bassdrum nicht schiebt, sondern schwimmt. Ein Einsatz ohne Gate ist unmöglich. Die Hochtonanhebung wirkt sehr synthetisch. Eine vergleichbare Klangfarbe bekomme ich, wenn ich beim AKG D112, einem Bassdrum Mikrofon, das anerkanntermaßen gut funktioniert, bei 300Hz mit 2 Oktaven Bandbreite 12 dB absenke. Allerdings hat dieses dann immer noch eine definierte Länge, die Hüllkurve wird also originalgetreu abgebildet. Pegelt man beide Mikrofone gleich ein, wirkt das e902 wesentlich leiser, setzt sich also in einem dichten Mix wesentlich schlechter durch. Live wird man sehr früh die Limiter der PA spüren. Mischt man nun dem e902 das e901 hinzu, hört man primär einen extrem überzogenen Kick, aber leider immer noch keine Bassdrum. Bisher hielt ich das SM91, den Inbegriff eines Grenzflächenmikros für Bassdrums, für ein aggressives Mikrofon. Im Vergleich zum e901 wirkt es jedoch warm und rund. Auch ohne Unterstützung eines dynamischen Mikros für den Bassbereich wird die Trommel gut dargestellt. Das e901 überträgt und übertreibt lediglich den Kick. e602, e902 und e901 bilden, wie die folgenden Klangbeispiele zeigen, eine Bassdrum extrem unnatürlich ab. Um ein hochwertiges Instrument abzunehmen, sind sie vollständig ungeeignet, möglicherweise aber, um den Klang eines mittelmäßigen Kits größer wirken zu lassen.

Bis hierhin haben wir uns nur mit Einzelsignalen beschäftigt. Nun ist aber ein Schlagzeug alles andere als eine Anhäufung einzelner isolierter Klangquellen, sondern ein großes Ganzes, in dem jede schwingende Trommel und jedes Becken alle anderen Elemente des Klangkörpers genauso mit in Schwingung versetzt wie jedes Mikrofon mehr oder weniger das gesamte Schlagzeug aufnimmt. Betonungen bestimmter Frequenzen, die einem Instrument zuträglich sind, können durchaus ein Benachbartes eher unangenehm verfärben. Besonders deutlich macht sich dieses Problem bei lauten offen gespielten Hihats auf dem Snaremikrofon und Crashbecken auf den Tom Mikros bemerkbar.

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Wie man an dem Klangbeispiel Snare deutlich hört, blendet das e905 die Hihat wesentlich schlechter aus als ein gewöhnliches SM 57.Das ist wenig verwunderlich, da es sich bei diesem Mikrofon um eine Niere handelt, und somit die Hihat genau hinter dem Mikrofon am besten ausgeblendet wird. In einer Typischen Aufstellung befindet sich die Hihat aber schräg hinter dem Mikrofon. Eine Superniere, die bei ca. 150° die höchste Dämfung hat, ist daher für die Abnahme einer Snare wesentlich besser geeignet. Auch in punkto Dynamik kann das e905 mit dem SM57 nicht ganz mithalten.

An den Klangbeispielen Toms Beispiel erkennt man, dass es nicht nur wichtig ist, wie stark sich Übersprechen bemerkbar macht, sondern auch in welcher Klangfarbe.
Auch ein MD 421 nimmt viel von den Crashbecken über den Toms auf. Allerdings klingen sie über diese Mikros ausgewogen, beim e904 dagegen zischelig und störend. Wesentlich besser funktioniert hier das gute alte e604. Gerade weil es im Präsenzbereich zurückhaltend ist, kann man genau die Frequenzen gezielt hervorheben, die sowohl dem Tom als auch den unfreiwillig mitverstärkten Becken gut tun. Die beiden Kondensatormikrofone klingen sehr hell und dürften daher nur bei sehr leisen oder extrem hoch aufgehängten Becken verwendbar sein.

Klangbeispiele
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