Test: Sennheiser MK4

27. Juni 2011

Sennheiser MK4

Das Sennheiser MK4 ist ein Großmembran-Kondensatormikrofon mit fester Nierencharakteristik, das von der Seite besprochen wird und sich primär für Recordingzwecke anbietet. Somit ist es das erste Mikrofon dieser Art unter dem Markennamen Sennheiser. Das Mikrofon kostet rund 300 Euro, mit im Karton befinden sich ein Aufbewahrungsbeutel, ein einfacher Mikrofonhalter und die Bedienungsanleitung. Eine passende Spinne MKS4 kann für 90 Euro erworben werden.

Das MK4 in einer Visualisierung von Sennheiser

Das MK4 in einer Visualisierung von Sennheiser

Das Mikrofon MK4

Sennheiser hat im Jahre 1991 den Berliner Traditionshersteller Neumann als einhundertprozentiges Tochterunternehmen übernommen. Neumann-Produkte werden weiterhin weit überwiegend in Berlin entwickelt, aber seit 1993 auf dem Sennheiser Campus in Wennebostel nahe Hannover hergestellt.

Derartige Übernahmen bewirken im Idealfall einen offenen Erfahrungsaustausch in beide Richtungen, und es ergeben sich diverse  Synergien. Dazu gehören die Nutzung gemeinsamer Fertigungsanlagen und eines gemeinsamen Vertriebsnetzwerkes. Sennheiser legt aber sehr viel Wert auf den Hinweis, dass es sich beim MK4 nicht um ein „gemeinsames Entwicklungsprojekt“, sondern um eine eigenständige Entwicklung aus der Wedemark handelt.

Hinter dem MK4 verbirgt sich die folgende Überlegung. Neumann-Produkte müssen im besonderen Maße sämtliche technischen Anforderungen professioneller Audiokunden erfüllen. Das sind Radio- und Fernsehsender, Theater, Systemhäuser und Veranstalter. Diese Kunden sind in der Regel anspruchsvoll, aber auch zahlungskräftig. Dafür erwarten sie neben sehr guten Klangeigenschaften eine hohe Serienkonstanz und Zuverlässigkeit auch unter widrigen Klimabedingungen, eine hohe elektromagnetische Verträglichkeit, kompetenten Service und eine schnelle Versorgung mit Zubehör und Ersatzteilen. Viele Musiker und private geführte Tonstudios sind ebenfalls bereit, für ein Neumann-Mikrofon mehr Geld auszugeben. Anderen fehlt der Wille oder die Möglichkeit. Für diese Kunden bietet der Markt ein mittlerweile riesiges Angebot von preiswerten Großmembran Mikrofonen.

Im untersten Preissegment tummeln sich zahlreiche Produkte aus dem Reich der Mitte, die mit Namen diverser Hausmarken und Vertriebsfirmen bedruckt und anschließend in die weite Welt verschickt werden. Das Problem ist weniger, dass diese Produkte meist Nachahmungen älterer Mikrofondesigns namhafter europäischer Hersteller sind, oder dass sie durch die Bank weg schlecht klängen. In Wahrheit ist eine Beurteilung dieser Mikrofone deshalb so schwierig, weil ihre Fertigungsqualität noch immer deutlichen Schwankungen unterliegt. Auch chinesische Hersteller haben sich mittlerweile dekorative Mess-Systeme aufgebaut, aber die Kompetenz, auf der Grundlage von Messwerten gezielt in Fertigungsprozesse einzugreifen, fehlt häufig noch. Zudem werden immer wieder Bauteile nach Preis und Verfügbarkeit getauscht, hinzugefügt oder gestrichen. Dort, wo es kein echtes Kunden-Lieferantenverhältnis gibt, entsteht weder ein Verantwortungsbewusstsein seitens des Lieferanten noch Vertrauen seitens des Kunden.

Ab etwa 150 Euro beginnt das Angebot namhafter Hersteller von Großmembran-Mikrofonen, die mit mehr Innovationskraft, Erfahrung, moderner Fertigungstechnik und umfassenden Qualitätssicherungssystemen ausgestattet sind. Das sind vor allem Rode, Audio Technica und AKG.

Natürlich möchte Sennheiser in diesem Markt vertreten sein. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten: Man bietet einige Produkte der Neumann-Tochter deutlich billiger an und verdient damit auch bei den zahlungskräftigen Broadcast-Kunden weniger Geld. Oder man erhält die bestehenden Margen aufrecht, entwickelt ein „preiswertes Neumann-Mikrofon“, fertigt es an einem Niedriglohn-Standort unter Senkung der im Unternehmen üblichen Qualitätsstandards und beschädigt damit das weltweit hervorragende Markenimage.

Viel besser ist die dritte Variante: Man entwickelt ein gänzlich neues Mikrofon, bedient sich dabei an einigen Ecken der Technologie, Fertigungsanlagen und bestehender Lieferantenbeziehungen von Neumann, lässt ein paar Broadcast-spezifische Details außen vor, fügt aber musikerrelevante Details hinzu und verkauft das Ergebnis unter der ohnehin „musikerfreundlichen“ Marke Sennheiser zum einem eben solchen Preis. Klingt gut? Ist gut!

Forum
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    Alex Kölling  

    Spitzen Test! Kompetent, informativ, gut zu lesen.

    LOL:“Ein LEBENDER Mensch in einem schalldichten Aufnahmeraum verursacht in jedem Falle mehr Geräusche als diese beiden Mikrofone.“
    ….Untote bekommen da also ein Problem mit dem Rauschen! ;-)

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      falconi  RED

      Untote standen mir während des Testzeitraumes nicht zur Verfügung. Vor Gesangsaufnahmen in Vollmondnächten sollten Knoblauchbrote verzehrt werden.

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    sir stony

    Außerordentlich gut geschriebenes Review, schöne Vergleiche herangezogen, bodenständig aber mit professionellem Überblick.
    Ein paar A/B Vergleichsklangbeispiele hätten sich hier aber noch sehr gut gemacht, z.B. Akustikgitarre, Sprache, Overhead, und mit jeweils anderen typischen Mikros in dem groben Preisrahmen wie AT 4040, NT 1000, TLM 102, Bluebird, um mal so die derzeit wohl populärsten Konkurrenten abzudecken.

    • Profilbild
      falconi  RED

      Preisähnliche Alternativen für den A/B-Vergleich im Geschäft oder, noch besser, zu Hause:

      Etwas teurer: Das Audio Technica AT4040;

      Bereits in der Charakteristik umschaltbar und noch preiswerter: Das Rode NT2;

      Umschaltbar und etwas teurer: Rode NT2000 und AKG C4000B;

      Sehr innovativ und kompakt, mit neutralem Klangcharakter, aber vom „Look&Feel“ und der akustischen Abstimmung weniger „Einsteiger-Gesangsmikros“: AKG C214 und Neumann TLM102.

      Als „kräftige“ und „direkt klingende Niere“ kann sich das Mk4 auch gegen deutliche teuere Mikrofone behaupten.

      Dennoch: Ich rate jedem Mikrofonkäufer mit einem Budget von unter 500 Euro, in Ruhe ein paar preisähnliche Konkurrenten auszuprobieren und diese auch zu kaufen, wenn sie rein subjektiv „besser passen“.

      Beim Ausprobieren sollte man unbedingt auf identische Pegelverhältnisse achten. Das MK4 ist recht laut, und klingt allein deshalb schnell einmal „besser“.

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    Garm

    Würde man das MK4 auch für Aufnahmen von Akustikgitarren und Chören verwenden?

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      falconi  RED

      Für Akustikgitarre: Ja.

      Für Chöre: Weniger. Ein ordentliches Paar Kleinmembranmikrofone mit Kondensatorkapsel ist besser geeignet und auch für 300 Euro schon zu haben, z.B. von Rode, MBHO, beyerdynamic etc. Mit diesen Mikrofonen kann man fast alles sehr gut aufnehmen, auch Gitarren.

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    a.e.neumann

    Eine der besten und lesenswerteste mic-reviews, die man hier je gelesen hat.
    Allein schon die grundsätzlichen vorbehalte zur laufenden qualitätskontrolle chinesischer fertigung verdienten es, auf jedes mic-gehäuse funkenerodiert zu werden. Das dilemma, das Sennheiser sich mit der einverleibung von Neumann hinsichtlich neuer produktentwicklungen eingehandelt hat, ist auch perfekt analysiert.

    • Profilbild
      falconi  RED

      Das „Dilemmas“ wurde recht weise und überaus kundenfreundlich gelöst. Durch den niedrigen Preis vermeidet man die Konkurrenz mit Neumann-Produkten und erschliesst der Marke Sennheiser einen völlig neuen Kundenkreis: Den der Produzenten, „Homerecorder“ und Projektstudios.

      Ich vermute, dass ein Grossmembran-Erstling aus dem Hause Sennheiser OHNE die Liaison mit Neumann höher eingepreist wäre, nämlich ähnlich wie die Produkte von AKG, beyerdynamic, Gefell, Brauner etc.

      Wenn es ihn überhaupt gegeben hätte.

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    Garm

    Vielen Dank für das tolle Review und die anschaulichen Erklärungen. Top!

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    Flowmeister

    Hallo,
    sehr guter Test mit vielen Hintergrundinformationen/ Details!

    Das mit der besseren Körperschallentkopplung durch eine „Mini-Spinne“ wage ich aber zu bezweifeln. Die besteht ja aus mehreren Teilen die selber wieder Geräusche machen können. Beim Automobilbau z.B. wird ein Cockpit am besten aus einem Stück gefertigt, da jedes weitere Teil fixiert werden muss und mit der Zeit anfängt zu „arbeiten“.

    Die aufwändigerer Lösung ist also nicht immer die bessere ;)

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    mhagen1  

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Test, der technische Sachverhalte fundiert erläutert und interessante Hintergrundinformationen bietet!
    Mir gefällt das MK4 auch sehr gut. Es ist trotz fehlender technischer Flexibilität universell einsetzbar und klingt toll!

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