Test: Seymour Duncan Shape Shifter, Gitarren Tremolo Pedal

23. September 2018

Tremolo Magie aus dem Hause Seymour Duncan

Nun also das Shape Shifter – es tut sich was im Hause Seymour Duncan: Die Palladium Gain Stage Endstufen, das Andromeda Delay, das Silver Lake Reverb – man hat das Gefühl, dass der Spezialist für Tonabnehmer aus Santa Barbara versucht, nachzuziehen und eine ordentliche Effektsparte zu etablieren. Ganz neu ist das nicht (der Dirty Deed und das Killing Floor haben bereits ein paar Jährchen auf dem Buckel), aber allmählich schließen sich die Lücken. Was gibt’s diesmal auf die Ohren? Modulation, liebe Leute! Noch wagt Seymour Duncan den Schritt nicht zu einer Modulations-Workstation à la Strymon Mobius. Bis es so weit ist (falls es soweit kommt), gibt es die Modulationsklassen als einzelne Pedale. Das Shape Shifter ist ein Stereotremolo mit analogem Signalweg und besonderer Live-Tauglichkeit – Zeit, mal genauer hinzusehen!

Seymour Duncan Shape Shifter – Facts and Features

Shape Shifter

Auf der Produktseite wird der Shape Shifter als „most versatile tremolo pedal you can find“ bezeichnet – der erste Blick auf das Panel lässt das zunächst nicht vermuten, aber dazu später mehr. Zunächst ein paar Worte zur Verarbeitung – ganz typisch für Seymour Duncan genügt es höheren Ansprüchen, auch wenn die befestigte Bodenplatte ein kleines bisschen gewölbt ist. Insgesamt aber weist das Pedal handliche Maße von 114 x 152 x 82 mm auf, ist nicht zu schwer und besitzt genug Raum zwischen den Potis, um ein nerviges Handling zu vermeiden. Optisch macht der violette Metal-Flakes-Lack durchaus was her.

Shape Shifter

Ganz groß wird beim Shape Shifter damit geworben, dass es sich um eine Stereotremolo handelt, und wenn wir später einen Blick aufs Panel werfen, werden wir feststellen: Zu Recht – die Stereohandhabe macht einen großen Teil des Reizes des Shape Shifters aus. Die Input- und Output-Buchsen sind jeweils doppelt neben der 9-Volt-Buchse befestigt und machen einen solide verarbeiteten Eindruck, ebenso der Bypass- und der Tap-Stomper – kein Platzverlust also auf dem Board wegen nerviger Seitenbuchsen. Das LED-Licht bleibt auch im Bypass-Modus aktiv und zeigt das Tempo an, nicht zu grell und genau richtig von der Intensität her (an dieser Stelle ein Gruß an Earthquaker Devices!). Eine Expression- oder CV-Buchse sucht macht jedoch vergeblich, was eigentlich schade ist, wenn man bedenkt, dass Seymour Duncan den Shape Shifter als zeitgemäßes, enorm vielseitiges Tremolo bewirbt. Denn viele konkurrierende Pedale wie beispielsweise das Gravitas von Chase Bliss Audio oder der Twin Stag von Dwarfcraft Devices besitzen solche Features. Trotzdem besitzt das Shape Shifter Pedal ein paar Alleinstellungsmerkmale, die es verdienen, näher beleuchtet zu werden.

Seymour Duncan Shape Shifter – Bedienpanel

 

Shape Shifter

Das Panel weist vier große und einen kleinen Potis auf, der jedoch so etwas wie die Geheimwaffe der Stereofähigkeiten des Shape Shifter darstellt und auf den wir später zu sprechen kommen. Seit jeher kommen die meisten Tremolos mit ähnlichen Kontrollpotis aus und auch der Shape Shifter erfindet das Rad im Grunde hier nicht neu – und braucht er auch nicht. Die Potis lauten wie folgt:

  • Speed weist zwei grundsätzliche Funktionsweisen auf: Ratio und Rate. Im Rate-Modus wird im Grunde das Tempo des Tremolos eingestellt – natürlich lässt sich dieses aber auch mit dem Tap-Stomper einstellen. Das LED-Licht passt sich der Geschwindigkeit entsprechend an. Im Ratio-Modus gestaltet sich das Ganze anders: Hier wird das Verhältnis der Repeats des Tremoloeffekts zur gespielten Note eingestellt – die Subdivisions des Tremolos also. Die Ratio reicht hierbei von 1:1 zu 4:1 und reagiert auch auf das Eintappen von Tempo. Natürlich lässt sich ein Helikopter-Tremolo-Effekt vor allem mit einer höheren Ratio bewerkstelligen, abhängig von der eingestellten Wave.
  • Wave ermöglicht es, die Schwingungsform der Modulation grundsätzlich einzustellen, wobei die Übergänge fließend sind, anstatt abrupt ineinander überzugehen. Die drei Formen sind Sine, Triangle sowie Square für besonders akzentuierte, abgehakte Tremolo-Sounds. Bei langsamen Tempi ist der Verlauf der Sine-Kurve besonders schön nachzuvollziehen und sehr transparent.
  • Shape ergibt vor allem in Kombination mit dem Wave-Potis Sinn und lässt einen die Rise- und Fall-Intervalle des Signals einstellen – ein Feature, das man nur auf wenigen Tremolopedalen findet und von kurzen, pulsierenden Schüben, über gleichmäßige Signalverläufe bis hin zu einem interessanten Reverse-Effekt reicht.
  • Depth lässt einen die Intensität einstellen, mit der sich der Tremoloeffekt bemerkbar macht, die Stärke des modulierten Signals in Verhältnis zum Dry-Signal.
  • Channel Phase ist ein weiteres cooles Feature des Shape Shifters und nimmt auf die Stereofähigkeiten des Tremolos Bezug. Hier kann nämlich die Stereosymmetrie und das Panorama des Tremolos auf dem linken und rechten Output von 0° bis 180° problemlos eingestellt werden – natürlich nur, wenn man ein Stereo-Setup besitzt.

Gitarren Tremolo Pedal

Man merkt dann recht schnell: Ein üblicher Verdächtiger fehlt hier, nämlich der Mix-Knob. Ob das so eine gute Idee ist, wird sich im Praxisbeispiel zeigen, grundsätzlich ist es aber so, dass es für Modulationen, sei es Flanger, Chorus, Phaser oder eben Tremolo, gängig ist, ein Mix-Poti für das Dry-/Wet-Signal zu haben. Dass das hier komplett wegfällt, ist deshalb zu verschmerzen, da sich über das Depth-Poti die Intensität des Signals gut einstellen lässt. Die Möglichkeit jedoch, einen kompletten Wet-Tremolo-Effekt zu erzeugen, der das unmodulierte Signal quasi „verschluckt“, ist hier nicht möglich.

Seymour Duncan Shape Shifter – in der Praxis

Shape Shifter

Auch wenn es sich bei Seymour Duncan um ein Traditionsunternehmen handelt, ist dies kein Garant für stets grandiosen Sound – man denke an die eher enttäuschende Klangqualität des Silver Lake. Dass da mehr geht, bewiesen unter anderem die Palladium Gain Stages. Beim Shape Shifter stellt man erfreut fest, dass es sich hier eher um einen Hit anstatt Miss handelt – der analoge Effektweg tut sein Übriges: Der Sound wirkt ungemein organisch und warm und macht vor allem bei einer gleichmäßigen Sine-Kurve mit mittlerem Depth viel Spaß – doch dazu gleich mehr.

Rauschen sucht man vergeblich – das Signal kommt klar und deutlich an und scheint auch im Direct-In keine nennenswerten Verluste aufzuweisen – auch das keine Selbstverständlichkeit. Das Silver Lake zeichnete sich beispielsweise durch eine klare Ausdünnung des Signals aus. Aber genug gefachsimpelt – auf zu den Klangbeispielen.

Beginnen wir mit einer Ratio von zu 2:1, einer deutlichen Square-Schwingungsform und einem gleichmäßigen Verlauf von Rise und Fall. Das Signal ist samtweich und warm, selbst mit der Square-Form – eben wie man es von einem Tremolo erwartet. Gefällt!

In verzerrten Gefilden lässt sich die Square-Wave ebenfalls gut an, wieder mit gleichmäßigem Rise und Fall.

Stellt man den Signalverlauf so ein, dass es ein rapiden Fall gibt und gibt der Schwingungsform eine Triangle Shape, bekommt recht einfach tremolotypische Helikopter Sounds – natürlich mit einer höheren Subdivision, in diesem Falle 4:1.

Sphärische, butterweiche Tremolo-Sounds bekommt der Shape Shifter selbstredend auch hin. Hier mit einer weitläufigen Sinuskurve, gleichmäßigem Rise und Fall sowie langsamen Tempo. Der warme Grundklang des Pedals ist hier besonders spürbar.

Wenn man sich für Sounds erwärmen kann, die in die Reverse Delay Schiene gehen, lohnt es sich, mit einem langsamen Rise und schnellen Fall zu experimentieren – hier produziert der Shape Shifter fast schon psychedelische Klänge. Eingespielt wurde dies auch wieder mit hoher Depth und einer Triangle Shape.

Zuviel versprochen wurde also nicht – der Shape Shifter beherrscht eine Bandbreite an Tremolo-Sounds, die sich allesamt sehr warm anlassen. Von Helikoptersounds bis psychedelische, echoartige Klänge deckt das neueste Werk aus dem Hause Seymour Duncan eine Menge ab. Das Einzige, was im Grunde fehlt, wäre die Option, unregelmäßige Subdivisions einstellen zu können oder die Tremolointervalle rampen zu können. Verrückte Klänge sind mit dem Pedal also nicht möglich, aber das ist ja auch nicht schlimm: Hier hat ein Traditionsunternehmen einfach ein makelloses, technisch vielseitiges Tremolo erschaffen, das in einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis steht.

Fazit

Bei den vielen Modulations-Workstations, die es inzwischen auch in Pedalform gibt, braucht es ein paar starke Argumente, warum man sich eine einzige, separate Effektklasse zulegt. Entweder man ist großer Fan der Modulation – oder man hat es einfach mit einem bärenstarken Pedal zu tun. Feststeht: In Sachen Tremolo dürfte Seymour Duncan mit dem Shape Shifter hier so etwas wie der große Wurf gelungen sein. Abgedrehte Subdivisions oder Ramping sucht man hier vergeblich, dafür bekommt man einen warmen, analogen Signalweg und eine hohe Flexibilität, die durch separate Wave- und Shape-Potis ermöglicht wird.

Seymour Duncan erfindet das Rad zwar nicht neu, hat aber alles bedacht, was man sich als Fan des traditionellen Tremolo-Sounds in einem Pedal wünscht. Ein paar technische Features wie eine Buchse für ein Expressionpedal wären das Sahnehäubchen gewesen, aber auch ohne hat man es hier mit solidem Handwerk zu tun – zu einem angemessenen Preis.

Plus

  • warmer, analoger Klang
  • hohe Flexibilität durch Wave- und Shape-Potis
  • Tap-Möglichkeit
  • hohe Stereoflexibilität

Minus

  • keine Expression-Buchse
  • kein Ramping für Tremolointervalle möglich

Preis

  • Ladenpreis: 219,- Euro
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