Kann Shure auch hochwertige Kondensatormikros?
Es gibt wohl kaum einen Musikschaffenden oder Toningenieur, der noch nie mit einem Mikrofon der Firma Shure gearbeitet hat. Gilt doch das dynamische Gesangsmikrofon Shure SM58 als der Klassiker im Live-Bereich, während fast jeder Podcaster, der etwas auf sich hält, ein Shure SM7 prominent im Bild präsentiert. Weniger bekannt ist, dass Shure auch schon seit Jahrzehnten hochwertige Kondensatormikrofone für Sprachaufnahmen und Musikproduktionen anbietet. Das neue Shure KSM32C haben wir für euch einmal unter die Lupe genommen.
Was ist es? Das Shure KSM32C ist ein professionelles Kondensatormikrofon mit Nierencharakteristik, das für neutrale und verfärbungsfreie Aufnahmen konzipiert wurde.
- Kapseldesign: Das Mikrofon verwendet eine Dreiviertel-Zoll-Membrankapsel, die eine schnelle Abbildung von Transienten und eine lineare Off-Axis-Frequenzabbildung ermöglicht.
- Klangcharakteristik: Es liefert einen linearen, transparenten und spritzigen Klang, der sich besonders für Aufnahmen eignet, bei denen keine Klangfärbung gewünscht ist, wie Klassik, Jazz, Vocals oder Drum-Overheads.
- Ausstattung: Eine hochwertige Spinne zur Entkopplung von Trittschall und ein magnetischer Popschutz gehören zum Lieferumfang.
- Flexibilität: Das Mikrofon verfügt über einen zweifachen Low-Cut-Schalter (80 Hz/115 Hz) und ein schaltbares 15-dB-Pad für hohe Schalldruckpegel bis zu 155 dB.
- Schwächen: Als Back-Elektret-Design weist es ein geringfügig höheres Eigenrauschen auf, was es für extrem leise Aufnahmen weniger geeignet macht.
- Anwendungsbereiche: Das KSM32C eignet sich gut für akustische Gitarren, als Drum-Overhead und für Stimmen, die sich im Mix durchsetzen müssen, kann aber bei Operngesang eine gewisse Schärfe aufweisen.
Inhaltsverzeichnis
Zur diesjährigen NAMM hat Shure die KSM-Reihe überarbeitet und drei neue Modelle vorgestellt. Diese werden wir nun nach und nach hier bei AMAZONA.de testen. Den Anfang macht das günstigste Modell, das auf den Namen Shure KSM32C hört. Die Top-Modelle tragen die Namen KSM 40C (nur Nierencharakteristik) und KSM44MP (zusätzlich zur Niere gibt es hier auch noch Acht und Kugel), deren Tests sukzessive folgen.
Übersicht über das Shure KSM32C
Günstig heißt in diesem Fall ein Listenpreis von knapp über 700,- Euro. Wir haben es hier also keineswegs mit einem Einsteigermikrofon für Home-Recording, sondern mit einem professionellen Werkzeug zu tun. Schauen wir uns an, was das Shure KSM32C zu bieten hat.
Das Design des Mikrofons ist um eine Dreiviertelzoll-Membrankapsel herum gebaut. Mithin ist es also kein vollwertiges Großmembranmikrofon, sondern eher ein sogenanntes Mittelmembran-Design. Inwiefern sich das klanglich auswirkt, werden wir im Praxisteil noch sehen und vor allem hören.
Durch die kleinere Kapsel und das damit einhergehende geringere Gewicht klingen Mittelmembranmikrofone eher wie ihre Kleinmembran-Kollegen. Der Klang wirkt etwas direkter und spritziger, was sich vor allem durch eine verbesserte Transientenabbildung bemerkbar machen sollte. Außerdem ist die Off-Axis-Frequenzabbildung über den gesamten Verlauf betrachtet etwas linearer als bei einer Großmembranmikrofon.
Das Shure KSM32C hat eine fixe Richtcharakteristik und das ist wenig überraschend, eine Niere. Dass es sich bei der Mikrofonschaltung um ein Back-Elektret-Design handelt, sollte heutzutage niemanden mehr abschrecken. Früher assoziierte man so etwas mit billigen, einfachen Mikrofonen. Mittlerweile haben aber viele Hersteller nachgewiesen, dass damit auch extrem hochwertige Mikrofone möglich sind.
Technische Funktionsweise des Shure KSM32C
Ganz kurz zur technischen Funktionsweise: Im Gegensatz zu einem True-Condenser-Mikrofon ist hier die feste Rückplatte hinter der Membran dauerhaft statisch geladen. Das wird durch das Elektret-Element gewährleistet. Eine 48-Volt-Phantomspeisung wird dennoch benötigt. Die Spannung wird in diesem Fall nicht für die Kapselladung gebraucht, sondern um den eingebauten Vorverstärker – den Impedanzwandler im Mikrofongehäuse – zu betreiben.
Der einzige Nachteil eines solchen Designs mag darin liegen, dass es ein geringfügig höheres Eigenrauschen aufweist. Man sollte dieses Mikrofon also nicht unbedingt für extrem leise Aufnahmen einplanen. Da wären dann die größeren Geschwister Shure KSM40C und Shure KSM44MP zu präferieren, die wir in einem zukünftigen Testbericht vorstellen werden.
Das Mikrofon selbst verfügt über einen schwarzen Aluminiumkorpus, der schlicht und edel zugleich wirkt. Im Lieferumfang ist dankenswerterweise eine hochwertige Spinne enthalten, die das Mikrofon sicher auf dem Stativ hält und Trittschall zuverlässig eliminieren kann. Außerdem befindet sich ein magnetischer Popschutz im Lieferumfang, der einfach vor das Mikrofon geklemmt wird.
Ähnliche Lösungen kennt man zum Beispiel bereits von Lewitt Audio – ein kleines, aber sehr feines Detail. Denn wer hat sich im Studio nicht schon einmal über einen Popschutz geärgert, der ständig der Schwerkraft gehorchte und genau in dem Moment wegkippte, als man den perfekten Take aufnehmen wollte?
Technische Werte Shure KSM32C
Kommen wir zu den technischen Werten: Der Frequenzgang reicht laut Hersteller von 20 Hz bis 20 kHz und deckt somit den gesamten menschlichen Hörbereich ab. Als Ausgangsimpedanz werden 150 Ohm angegeben. Die Empfindlichkeit liegt bei -36 dBV/Pa. Mit einem Gewicht von ca. 260 g (ohne Spinne) ist das Mikrofon zwar kein absolutes Fliegengewicht, lässt sich aber dennoch problemlos auf herkömmlichen Stativen befestigen und beispielsweise leicht über einem Schlagzeug positionieren.
Shure bezeichnet das Shure KSM32C als das linearste und neutralste Mikrofon innerhalb der KSM-Linie. Damit ist es unter anderem prädestiniert für Aufnahmen, bei denen man möglichst keine Klangfärbung wünscht, etwa bei Klassik oder Jazz, aber auch für Vocals oder als Drum-Overheads ist das Mikrofon vorgesehen.
Die beiden größeren Geschwister Shure KSM40C und Shure KSM44MP besitzen übrigens eine 1-Zoll-Großmembrankapsel und sollten sich klanglich deshalb von unserem heutigen Testkandidaten absetzen. Großmembranmikrofone reagieren meist etwas träger und schmeicheln manchen Signalen gerade dadurch.
Das Shure KSM32C bietet außerdem einen zweifachen Low-Cut-Schalter, der bei 80 Hz (18 dB) respektive 115 Hz (6 dB) eingreift, um tieffrequentes Rumpeln schon bei der Aufnahme auszuschließen.
Außerdem kann am Mikrofon ein 15 dB-Pad-Schalter aktiviert werden, wodurch das Mikrofon Schallpegel bis zu 155 dB verzerrungsfrei aufzeichnen kann.
Einsatz des Shure KSM32C im Tonstudio
Während der Testphase hatte ich alle drei Modelle parallel im Studio und konnte sie ausführlich vergleichen. Das Shure KSM32C hält dabei genau das, was der Hersteller verspricht: Man hat es mit einem Mikrofon zu tun, das extrem linear und sauber arbeitet und Signale weitgehend verfärbungsfrei aufzeichnet. Für Situationen, in denen genau das gewünscht ist, ist es ein hervorragender Helfer im Studioalltag.
Verglichen habe ich es zunächst mit meinem Standardarbeitsmikrofon, einem Audio-Technica AT4047. Das mag zunächst wie ein unfairer Vergleich wirken, da das Audio-Technica AT4047 zum einen mit einem Übertrager ausgestattet ist und zum anderen ein echtes Großmembran-Design aufweist. Aber ich kenne dieses Mikrofon sehr gut und kann dadurch sofort einschätzen, welche klangliche Richtung ein Testkandidat einschlägt.
Beim ersten Höreindruck wirkte das Shure wesentlich spritziger und höhenreicher, was aufgrund der unterschiedlichen Bauweisen zu erwarten war. Legt man die Frequenzgänge übereinander, sieht man, dass beide im Mitten- und Höhenbereich ähnlich linear arbeiten, das Audio-Technica AT4047 aber eine kräftige Anhebung im Bassbereich besitzt. Dadurch wirkt das AT4047 klanglich wärmer. Oder aber das Shure offener, transparenter und spritziger. Je nachdem, wie man es betrachten möchte. Die Ursache dafür liegt aber ganz sicher auch an der kleineren Membran, die eben weniger Masse besitzt und dadurch schneller auf Transienten und Impulse reagieren kann.
Klangbeispiele Shure KSM32C
Kommen wir zu den Klangbeispielen. Alle Beispiele habe ich über die neutralen Preamps meines MOTU-Audiointerfaces aufgezeichnet, um möglichst nur den Klang des Mikrofons zu hören. Um den oben erwähnten Unterschied zwischen den beiden Mikrofonen (KSM32C vs AT4047) zu verdeutlichen, habe ich das erste Beispiel – eine kurze Sprachaufnahme – parallel mit beiden aufgezeichnet.
Wenn ihr zwischen diesen Beispielen hin und her schaltet, werdet ihr genau das hören: Das Shure KSM32C klingt wesentlich offener, während das Audio-Technica AT4047 eine gewisse Gutmütigkeit und Wärme in die Stimme bringt. Wie so oft gilt: Es gibt kein „Besser“ oder „Schlechter“, man muss entscheiden, welches Mikrofon für das jeweilige Szenario das passendere Ergebnis liefert.
Natürlich kann man beide Mikrofone mittels EQ klanglich annähern, aber es ist effizienter, direkt das richtige Werkzeug zu wählen, wenn man ein höhenbetontes, schnelles Signal benötigt.
Als Nächstes hört ihr eine Gesangsimprovisation einer Opernsängerin. Hier haben wir weniger harte Impulse, sondern eher getragene Vokale. Man kann deutlich hören, dass das Signal des Shure KSM32C eine gewisse Schärfe besitzt. In diesem Fall würde ich wahrscheinlich eher zu einem wärmer klingenden Großmembranmikrofon greifen. Dennoch kann diese Präsenz genau richtig sein, wenn man eine solche Stimme im Kontext eines Orchesters aufnimmt und sie sich gut durchsetzen muss.
Danach folgen zwei Beispiele mit einer Westerngitarre. Beim Strumming-Beispiel hört man gut, wie das Shure KSM32C die Transienten detailliert abbildet. Obwohl die Saiten nicht mehr ganz neu sind, klingt es brillant und jede Plektrum-Bewegung ist hörbar. Ein solches Signal würde sich im Mix fantastisch durchsetzen. Für sich allein genommen fehlt mir etwas der „Larger-Than-Life“-Sound eines Großmembrandesigns, was jedoch eine Ermessensentscheidung bleibt, je nachdem, was die Produktion erfordert.
Beim Picking-Pattern ergibt sich ein ähnliches Bild: Die einzelnen Töne perlen sehr schön aus den Lautsprechern. Man kann auch hören, dass das Mikrofon für meinen Geschmack etwas zu weit auf das Schallloch gerichtet war, wodurch es dezent dröhnt. Eine Ausrichtung auf den Hals-Korpus-Übergang wäre hier hilfreicher gewesen. Dieses Beispiel zeigt, dass das Mikrofon sehr exakt arbeitet und Fehler bei der Positionierung schonungslos aufzeigt – ein echtes Plus für ein Mikrofon meiner Meinung nach.
Da Shure das Shure KSM32C ausdrücklich als Overhead-Mikrofon für Drums bewirbt, habe ich auch hierzu einen Test gemacht. Da ich kein ganzes Kit aufnehmen konnte, hört ihr lediglich eine Snare mit zwei Mikrofonen. Das KSM32C fungiert dabei als Overhead, während ein SM57 den Punch liefert. Die ersten vier Schläge hört man nur das SM57, bei den zweiten vier Schlägen kommt das Shure KSM32C als Overhead hinzu. Man hört deutlich, dass das Shure SM57 allein eher dumpf klingt und das Fundament liefert, während die Obertöne und die Brillanz erst durch das Overhead-Mikrofon ermöglicht werden. Diese Disziplin beherrscht das Shure KSM32C hervorragend.
Alternativen zum Shure KSM32C
Wer sich nach gleichwertigen Alternativen zum Shure KSM32C umschaut, sollte vor allem drei Kandidaten ins Auge fassen. Zunächst bietet sich das Audio-Technica AT4040 an, das genau wie das KSM32 auf eine feste Nierencharakteristik setzt und mit einem extrem klaren, transientenreichen und verfärbungsarmen Klang punktet – ein echter Allrounder für Gesang und akustische Instrumente.
Wer den typisch Neumann-Sound sucht, findet im Neumann TLM 102 eine exzellente, kompakte Option; es glänzt mit präzisen Mitten, einer feinen Höhenanhebung und verträgt zudem einen enorm hohen Grenzschalldruckpegel.
Falls hingegen mehr Flexibilität im Studio gefragt ist, lohnt sich ein Blick auf das AKG C314: Es basiert auf der bewährten Kapsel des Klassikers C414, liefert einen sehr linearen, natürlichen Frequenzgang und bietet im Gegensatz zum Shure umschaltbare Richtcharakteristiken.







































dankeschön!🙂