Test: Solid State Logic SSL Native Plug-ins V6, Plug-ins

SSL Native Drumstrip

SSL Native V6 Drum-Strip

SSL Native V6 Drum-Strip

Auch dieses Plug-in ist keine direkte Emulation von irgendwas, auch wenn es den „Listen Mic Compressor“ enthält, der laut diversen Aussagen erhebliche Mitschuld an den Drum-Sounds der 80er Jahre trägt (und das meine ich nicht ironisch).
Der Drum-Strip bietet eine Gate-Sektion, um z. B. das räumliche Ambiente aus einem akustisch abgenommen Schlagzeug zu reduzieren. Die graphische Anzeige stellt dabei die Arbeit des Gates explizit dar. Ab welcher Lautstärke es öffnet und ab welcher es zumacht, auch bekannt als Hysterese und dem natürlichen Klang des Gates stark zuträglich ist, in dem sich einstellen lässt, wie stark das Signal abgeschwächt wird. Range ist ein wenig besonders, denn je mehr der Range-Wert also die Dynamikbandbreite reduziert wird, desto mehr wirkt Range wie ein Downward-Expander, bei dem das Signal nur leiser gemacht wird, wenn es unter den Threshold fällt, anstatt es Gate-mäßig komplett wegzuschneiden. Das alles erlaubt schon mal den Raumklang einer Aufnahm zu reduzieren, ohne ihn einfach abzuschneiden und damit künstlich klingen zu lassen.

Der Transienten-Shaper regelt nicht nur die Stärke der Attack-Transienten eines Schlagzeuges oder sonstigen Instrumenten, sondern damit einhergehend auch seine räumliche Position. Sehr hilfreich für fast alles, was mit Klangdesign zu tun hat. Die Wirkungsweise des Transienten-Shapers kann mit dem „Listen“-Taster kontrolliert werden. Die Einstellungen lassen sich auch invertieren. Das ist mir auch nicht häufig untergekommen.

Schließlich kommen die Enhancer für die tiefen tiefen und die hohen Höhen. Damit lässt sich einem Schlagzeug mehr Fundament oder Brillanz verleihen. Zusammen mit einem regelbaren Sättigungseffekt, der stets unterstützend wirkt und nie übertreibt, wird dem Klangmaterial mehr Körper und Luftigkeit verliehen.

Wobei „schließlich“ natürlich nicht stimmt, denn wie bei allen Strips von SSL lässt sich auch hier die Reihenfolge der Sektionen verschieben.

SSL Native Bus Compressor

SSL Native V6 Bus Compressor

SSL Native V6 Bus Compressor

Neben dem Channel-Strip ist der Bus Compressor die einzige andere direkte Emulation im Bundle. Auch er stammt offensichtlich auch aus der XL 9000 K Konsole.
Im Gegensatz zu vielen anderen Kompressoren verfügt er nur über sechs fixe Attack-Zeiten zwischen 0,1 und 30 ms, fünf Releasezeiten zwischen 0,1 und 1.2 Sekunden plus Auto-Release und drei Ratio-Einstellungen mit 2:1, 4:1 und 20:1. Dazu noch Threshold zwischen +/-20 dB und einen Make-Up-Regler zwischen -5 und +15 dB und für diese Minimalaustattung wollen SSL 249,- Euro als Einzel-Plug-in? Dafür gibt es bei z. B. FabFilter schon ganz andere Sachen.

Die vordergründige Einfachheit des Bus Conpressors täuscht aber. Selten habe ich einen transparenteren Kompressor ins Software-Form gehört als diesen und die wenigen Einstellungen sorgen in der Tat dafür, dass man sich nicht in unnötigen Details verliert. Wenn eine Einstellung passt, hört man das sofort bzw. eben nicht – also den Kompressionseffekt. Trotzdem verleiht er dem Material einen herrlichen Zusammenhalt, der wirklich auf jedes Material passt. Für Einzelspuren eignet er sich bedingt auch, wenn man ihn z. B. zur Vorkompression benutzt oder das Material noch einen letzten Schliff braucht. Für gezielte eine Klangbearbeitung würde ich aber eher einen anderen Kompressor bevorzugen. Der Bus Compressor ist aber trotzdem mein per persönlicher Favorit in dem Bundle, weil er so unscheinbar daher kommt, aber niemals fehl am Platz ist.

SSL Native X-Comp

SSL Native V6 X-Comp

SSL Native V6 X-Comp

Die X-Serie läuft bei SSL unter der Bezeichnung „Mastering Plug-in“. Klangfärbung im „Effekt-iven“ Sinne ist hier also nicht zu erwarten, obwohl X-Comp mit einem Vintage-Charakter und „der schieren Kraft“ des SSL Listen-Mic-Kompressors beworben wird. Immerhin arbeitet der Algorithmus mit einer 64 Bit Fließkomma-Genauigkeit. Dynamik-Headroom ist damit schon mal nicht das Problem der X-Serie.
Neben den üblichen Kompressorparametern Attack, Release, Knee, Threshold und Make-Up-Gain sticht der Ratio-Parameter mit einem Kompressionsverhältnis bis 1:50 heraus, das zudem noch mit zwei Dezimalstellen punkten kann.

Die eigentlichen Hingucker sind aber das Gain-Reduktion-Meter mit Reduktionshistogramm und die Bleeding-Sektion mit Listen-Option. Beim Bleeding lassen sich die unteren und oberen Frequenzbereiche festlegen, die nicht in den Kompressor gelangen sollen. Übliches Anwendungsbeispiel wäre, wenn der Bass ständig den Kompressor triggern würde und damit auch anderen die Instrumente und Stimmen mit „nach unten ziehen“ würde. Effektiv erspart das größtenteils auf sehr praktische Weise einen Side-Chain-Eingang. Aber eben nicht immer. Doch könnte man argumentieren, wenn man beim Mastering einen Side-Chain-Eingang benötigt, war der Mix schon fehlerhaft. Die Side-Chain hätte aber den Einsatzrahmen des X-Comp beträchtlich erweitert. Ebenso wie ein Dry/Wet-Regler.

Noch ein kleiner Hingucker ist die „I/O Difference“-Anzeige in der Kompressionsdarstellung. Diese zeigt die Häufigkeit der Lautstärkeverteilung im Signal über einige Sekunden hinweg. Dabei ist oberes Ende der Skala 0 dBFS und unten -∞, wobei links das Eingangssignal anliegt und rechts das Ausgangssignal. In etwa so ähnlich wie die LUFS Short Time Integration. Werden die Balken z. B. nach oben dicker, ist der Mix sehr laut.

SSL Native X-EQ

SSL Native V6 X-EQ

SSL Native V6 X-EQ

Dieser parametrische 10-Band EQ hat ein modernes, mausgerechtes Interface, bei dem die EQ-Bänder alle per Klick und Ziehen positioniert werden. Die Bänder sind fix als Hochpassfilter, Low-Shelf, sechs mal Peak mit Gütefaktor, High-Shelf und Tiefpassfilter ausgeführt. Leider kann der Gütefaktor der Peak-EQs nicht per Taste+Maus eingestellt werden, sondern nur über den Q-Regler. Die Peak-EQ sind alle zwischen 20 Hz und 20 kHz einsetzbar und nicht festgelegt.
Sie bieten auch mehrere Peak-Chakrakteristiken an, insgesamt 10, wobei die klassische „Symmetrical“-Form für Boost und Cut die gleiche Glockenform besitzt. Die anderen neun Formen sind jeweils eine Kombination von konstantem und proportionalem Q-Faktor separat für das Anheben oder Absenken der Lautstärke. Also einmal wird die EQ-Kurve bei nur steigender Anhebung der Lautstärke immer spitzer.

Eine weitere Besonderheit ist die serielle oder parallele Bearbeitung des Signals für die Peak-EQs. Im parellelen Passivmodus wird das Signal in jedes Peak-Band gleichzeitig geschickt, anstatt nacheinander. Paralleles EQ-ing stammt aus den Vintage-Tagen und war für seinen transparenten und natürlichen Klang beliebt, der Name Pultec ist hier zu nennen. Hier gibt es allerdings keine Anhebung einzelner Frequenzbänder, nur deren Absenkung. Eine Anhebung kann nur für das Gesamtsignal am Eingang oder Ausgang erfolgen.

Auch für die Hoch- und Tiefpassfilter gibt es auch verschiedene Filtermodelle, denen verschiedene mathematische Modelle zugrunde liegen, wie analoge, passive Flanken, Bessel, Gauss, Butterworth und Chebychev je nach Bedarf.

Es scheint aber eine Fehlkonzeption oder einen Bug in den Peak-Bändern zu geben. Entgegen der graphischen Darstellung im Plug-in ist die Frequenzantwortkurve in der Nähe der 20 kHz Grenze nicht nur keineswegs entzerrt, sondern bei Q-Werten unter 1 auch überhaupt nicht repräsentativ. Das, was in der Darstellung angezeigt, wird entspricht überhaupt nicht dem, was frequenztechnisch tatsächlich abläuft. Bei einem Peak bei ca. 17 kHz ist im Plug-in die Kurve bei ca. 2 kHz wieder bei 0 dB Verstärkung. tatsächlich fällt die Kurve aber selbst bei 500 Hz noch weit über Null.

SSL Native V6 X-EQ EQ-Kurvendarstellung

SSL Native V6 X-EQ EQ-Kurvendarstellung

SSL Native V6 X-EQ Tatsächliche Antwortkurve

SSL Native V6 X-EQ tatsächliche Antwortkurve

Sind die Peaks nicht von Nyquist-Grenze betroffen, also nicht gestaucht, scheint die Darstellung der Antwortkurve korrekt zu sein. Eine solche fehlerhafte Darstellung ist zwar auch bei anderen nicht entzerrten EQs zu finden, aber beim X-EQ ist sie besonders falsch.

Eiosis AirEQ Darstellung

Zum Vergleich: Eiosis AirEQ Darstellung (entzerrte Kurve)

 

... und dessen tatsächliche Antwortkurve

… und dessen tatsächliche Antwortkurve

Hören ist zwar die Goldene Disziplin beim Mixen und Mastern, aber wenn eine Darstellung derart fehlleitend ist, dann hinterlässt das keinen guten Eindruck. Was sehr schade ist bei diesem ansonsten gut durchdachten und außergewöhnlich flexiblen EQ. SSL, bitte nachbessern! Das und die beim X-EQ wirklich viel zu kontrastarme und viel zu kleine Beschriftung!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    BÄM  

    Ich frage mich, wie die Channels im Vergleich zu diesen hier abschneiden:
    (Anm.Der Red: Links wurden gelöscht, bitte Link-Shortener verwenden)

  2. Profilbild
    JohnDrum  

    Die Teile kann man ja auch einzeln kaufen! Außerdem gibt es ab und zu gute deals. Letztes mal wurden einzelne Plugins auch weit unter 50.-€ verkauft!

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.