WARP: Wenn Effekte zum Instrument werden
SOMA Warp ist ein neues Desktop-Multieffektgerät. Es gibt Effektgeräte, die kauft man, weil man sie braucht. Und es gibt Effektgeräte, die kauft man, weil man sie will – auch wenn man rational eigentlich keinen Grund dafür findet. Der SOMA WARP gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Mehr noch: Er ist eines dieser Geräte, die nicht nur den Sound, sondern auch die eigene Arbeitsweise nachhaltig verändern.
- Charakter: Kein Preset-Alleskönner, sondern ein kompromisslos experimentelles Effektinstrument mit eigenem Klangverhalten.
- Klang: Tiefe, lebendige Reverbs, granulare Texturen und radikale Spezialeffekte bei hoher Audioqualität.
- Bedienung: Minimalistische Oberfläche, direkter Zugriff, digitaler Mix-Regler und musikalischer Soft-Limiter.
- CV-Steuerung: Vollständig spannungssteuerbar, ideal für Modular-Setups und lebendige Klangmodulation.
- Fazit: Ein inspirierendes Werkzeug für Klangforscher und Performer – charakterstark, fordernd und sehr gut.
Inhaltsverzeichnis
Ich habe den WARP intensiv genutzt – im Studio, an Synthesizern, Gitarren und sogar auf kompletten Mixen. Und ich kann gleich vorwegnehmen: Das hier ist kein gewöhnlicher Multieffekt. Wer nach einem klassischen Hall-Delay-Chorus-Alleskönner sucht, liegt hier falsch. Wer aber Lust auf Tiefe, Unberechenbarkeit und klangliche Grenzerfahrung hat, könnte im WARP sein persönliches Lieblings-Tool finden.
Einordnung: Was ist der WARP – und was nicht?
Der SOMA WARP ist ein Stereo-Desktop-Multieffektgerät mit 15 Algorithmen. Wichtig ist vor allem zu verstehen, was der WARP nicht ist:
- kein Preset-Monster
- kein MIDI-gesteuerter Studio-Standard
- kein Effektgerät für schnelle Recall-Situationen
- kein transparentes „Veredelungs-Tool“
Stattdessen ist der WARP ein prozessuales Instrument, das Klang als etwas Lebendiges begreift. Viele Algorithmen sind bewusst so ausgelegt, dass sie auf Pegel, Feedback und interne Zustände reagieren, teilweise auch unvorhersehbar. Und genau darin liegt seine große Stärke.
Ausstattung, Verarbeitung und Haptik
Optisch bleibt SOMA sich treu: schwarzes Metallgehäuse, minimalistische Beschriftung, LEDs statt Displays.
Die Regler haben genau den richtigen Widerstand, nichts wackelt, nichts wirkt billig. Die Touch-Sensoren zum Wechseln der Algorithmen funktionieren sehr gut und fühlen sich dazu überraschend gut an. Aber hier möchte ich im Rahmen der Bedienung schon anmerken, dass man beim wilden Drehen am MIX-Regler schön mal versehentlich den Effekt wechselt, wenn man die Sensoren berührt. Das ist der Nachteil bei aller Coolness.
Mit 1,5 kg Gewicht steht das Gerät satt auf dem Tisch. Kein Pedal, kein Rack. Der SOMA WARP ist ein echtes Desktop-Instrument.
Auf der Oberfläche bietet der WARP:
- Input-Gain mit LED-Anzeige
- Output-Gain mit Limiter-Anzeige
- Mix-Regler (Dry/Wet, digital!)
- vier große Parameter-Regler
- zwei Touch-Tasten für Algorithmus-Wechsel
- acht LEDs zur Algorithmus- und Parameteranzeige
- fünf CV-Eingänge (inkl. Mix!)
Das war’s – und trotzdem, oder gerade deshalb, ist der WARP extrem schnell zu bedienen. Jeder Algorithmus nutzt dieselben vier Regler, aber mit komplett unterschiedlicher Bedeutung. Die Beschriftung auf dem Panel hilft dabei enorm und verhindert, dass man ständig ins Handbuch schauen muss.
Besonders gelungen ist der Mix-Regler, der bei allen Algorithmen aktiv ist. Gerade bei den extremen Effekten ist paralleles Arbeiten oft der Schlüssel zur Musikalität.
Klangqualität und Signalführung des SOMA WARP
Bei all dem experimentellen Ansatz hätte man erwarten können, dass der WARP klanglich eher rough ist. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die AD/DA-Wandler sind hochwertig, das Grundrauschen ist niedrig und auch bei der Bearbeitung kompletter Mixe bleibt das Signal stabil.
Die interne Verarbeitung erfolgt mit 32 Bit, was vor allem bei extremen Feedback-Settings hörbar hilft. Selbst wenn Algorithmen in Selbstoszillation gehen, bleibt der Klang kontrollierbar – zumindest so weit, wie man das möchte. Der eingebaute Soft-Clipping-Limiter am Ausgang ist eine clevere Lösung. Er greift musikalisch ein und kann bewusst als Sound-Tool genutzt werden, besonders bei Drums oder aggressiven Effekten.
Die Reverb-Algorithmen: Raum ohne Grenzen
Lush Reverb
Der Einstieg in die Welt des WARP ist vergleichsweise zahm. Der Lush Reverb basiert auf modulierten Delay-Lines und erzeugt einen dichten, breiten Raum. Mit kurzen Delay-Zeiten wird daraus ein Chorus-artiger Effekt, der besonders auf Pads und Gitarren hervorragend funktioniert.
Was sofort auffällt: Der Hall klingt nicht nach Plug-in. Er hat Tiefe, Bewegung und eine gewisse Körnigkeit, die ihn sehr organisch wirken lässt.
Infinity Reverb
Spätestens hier wird klar, dass WARP kein normales Effektgerät ist. Der Infinity Reverb erlaubt unendliche Decay-Zeiten. Dreht man den TIME-Regler weit auf, beginnt der Algorithmus, sich selbst zu nähren. Kleine Klangpartikel werden eingefangen, recycelt und weiterentwickelt.
Mit etwas Drive wird daraus eine lebendige Klangfläche, die sich langsam verändert. Ideal für Ambient, Drone, Filmmusik – oder einfach zum Verlieren.
Generative Reverb
Dieser Algorithmus klingt weniger nach Raum und mehr nach Klangzustand. Er reagiert extrem sensibel auf Filtereinstellungen und Resonanz. Schon kleine Änderungen führen zu komplett anderen Ergebnissen.
Besonders spannend: Selbst kurze Impulse – etwa Rimshots oder einzelne Noten – können minutenlange Texturen erzeugen.
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Granular-Reverbs
Die beiden granularen Reverbs sind für mich das eigentliche Herzstück des WARP.
Granular Shimmer
Pitch-Shifting, Feedback, Diffusion – alles verschmilzt zu schwebenden Klangwolken. Mit leichtem Input entstehen schimmernde Obertöne, mit mehr Feedback fast sakrale Drones. Hier verliert man sehr schnell das Zeitgefühl.
Granular Reverb (mit Reverse)
Reverse-Anteile im Reverb sind nichts Neues – aber so organisch und musikalisch habe ich sie selten gehört. Besonders in Kombination mit dem Mix-Regler lassen sich extrem spannende Übergänge bauen, etwa von Rhythmus zu Fläche.
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Delays & Micro Loops
Das LoFi Delay ist bewusst kaputt. Filter, Reverse, Feedback – alles klingt ein bisschen nach defekter Hardware. Wer sterile Delays sucht, wird hier nicht glücklich. Wer Charakter sucht, schon.
Die Micro Loops sind dagegen ein eigenes Universum. Drei interne Loops, die sich gegenseitig beeinflussen, erzeugen rhythmische oder völlig amorphe Strukturen. Das fühlt sich mehr nach Granular-Synthese als nach Delay an – und ist unglaublich inspirierend.
Special Effects
Nyquist
Der Nyquist-Algorithmus ist einer der radikalsten Effekte im SOMA WARP. Er verfolgt die Tonhöhe des Eingangssignals und moduliert darauf basierend die Sample-Rate. Das Ergebnis reicht von subtiler digitaler Textur bis zu brutalem Aliasing-Chaos.
Auf Monosynths und Vocals absolut fantastisch – auf komplexem Material eher zerstörerisch, aber genau das kann ja auch gewollt sein.
Old Tape
Keine nostalgische Tape-Emulation, sondern eine Simulation einer kaputten Bandmaschine. Wow, Noise, Flicker – alles greift ineinander. Besonders schön auf Drums oder Synth-Leads, die etwas Charakter brauchen.
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Dynamik & Drive
Pump Compressor
Der Pump der SOMA WARP ist kein transparenter Kompressor. Er ist laut, aggressiv, kompromisslos. Ideal für Drum-Busse oder komplette Mixe, wenn es knallen soll. Die Auto-Makeup-Funktion macht ihn extrem einfach zu bedienen – ein Regler, viel Wirkung.
Multiband Drive
Drei Frequenzbänder, separat verzerrbar. Damit lassen sich Sounds formen, die mit klassischer Verzerrung unmöglich wären. Besonders Bass-Sounds profitieren enorm.
Wavefolder
Ein Highlight für Synth-Fans. Der Wavefolder reagiert dynamisch auf Pegel und erzeugt komplexe Obertöne. In Kombination mit dem nachgeschalteten Filter lässt sich der Sound erstaunlich gut kontrollieren.
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CV-Steuerung: Der wahre Gamechanger
Was den WARP endgültig von klassischen Multieffekten abhebt, ist die vollständige CV-Steuerbarkeit. Jeder Parameter, inklusive Mix, kann mit 0–5 V moduliert werden.
Im Modular-Setup wird der SOMA WARP damit zu einem lebendigen Instrument. LFOs, Hüllkurven, Zufallsspannungen – alles ist möglich. Besonders die Reverbs profitieren enorm von langsamer, subtiler Modulation.
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Alltag & Praxis
Im Studio ist der SOMA WARP eine wahre Inspirationsquelle. Man schaltet ihn ein – und plötzlich entstehen Ideen, wo vorher keine waren. Für Live-Performer ist er ebenfalls spannend, erfordert aber Mut. Ohne Presets und MIDI ist nichts reproduzierbar. Jeder Auftritt wird einzigartig – im Guten wie im Schlechten. Selbst schräge digitale Synthesizer-Klänge gewinnen mit dem WARP an Tiefe und Komplexität.
Allerdings muss man sich darüber im Klaren sein, dass der SOMA WARP kein subtiler Feingeist ist, auch wenn er dem Signal Struktur geben kann. Ein leichter Dreh an einem der sämig laufenden Regler kann viel verändern und ein, wie erwähnt, mutiger Performer kann mit dem Gerät eine Halle zum Beben bringen. Die Filter greifen zackig ein und bieten einen weiten Bereich von fast Nichts bis „Wooooah“.
Abschließend noch eine Anmerkung zu den Kommentaren aus unserer News-Meldung zum SOMA WARP, in denen angemerkt wird, dass das Gerät kein richtiges Multieffektgerät sei, denn man könne nicht mehrere Effekte kombinieren oder gleichzeitig anwenden.
Dazu möchte ich aus meiner Erfahrung mit dem WARP klarstellen, dass sich die einzelnen Algorithmen derartig umfassend auf den Klang auswirken, dass bei Kombinationen wahrscheinlich nur Klangmüll rauskommen würde. Mir hat diese Funktion definitiv nicht gefehlt.
Möchte man richtig klassische Stereo-Effekte, so gibt es bspw. die seit Jahren bewährten Produkte Eventide H9000 (8.299,- Euro), Lexikon PCM96 (4.798,- Euro) oder eine Tegeler Raumzeitmaschine (2.699,- Euro).
Natürlich kann man diese Effekt-Boliden nicht mit dem WARP vergleichen und einen echten Mitbewerber gibt es schon aufgrund seines einzigartigen Klangkonzepts nicht. Wer aber in diesem Bereich etwas Passendes sucht, dem sei beispielsweise der Bastl Thyme+ (für 589,- Euro) empfohlen, der mich in meinem Amazona Test schon stark gefordert hat.
Eine weitere Option wären die Erica Synths Effektgeräte Echolocator (569,- Euro), Zen Delay (für 595,- Euro) und Nightverb (564,- Euro), die allesamt ebenfalls sehr speziell sind und auch nicht in die Schublade „Multieffekt“ zu packen sind. Weiter unten findet ihr ein paar Klangbeispiele, die zeigen, wie schon recht komplexe Klangstrukturen aus einem Digitalsynthesizer (Yamaha MODX M) mit dem SOMA WARP an Lebendigkeit gewinnen:












































aber im Prinzip hat er doch auch Presets. nur dass sonst nix speicherbar ist.
ohne Display und mit Touch… naja
nix für mich.😉
@Numitron Finde ich auch. Man könnte auch noch ergänzen: ohne MIDI, also auch nicht automatisierbar. Das wäre dann für mich noch ein wichtiger Ausschlussgrund. Aber es soll ja Leute geben, die finden das gut, wenn ein Gerät eher zum spontanen Rumschrauben einlädt und reden dann so vom „Zauber des Augenblicks“ (der niemals wiederkehrt) usw. Ich mag meine Sachen auf der Bühne wie im Studio gern kontrolliert und reproduzierbar. 😅 Haha…
@UAP Ok, ich hätte es anders formulieren sollen: Für mich persönlich ist das Teil nicht automatisierbar. Ich arbeite seit 1990 mit Midi und habe kein Interesse daran, auf meine alten Tage noch das Fass CV aufzumachen oder CV zu Midi zu konvertieren oder so. Ich zitiere somit meinen Vorredner Numitron: „Nix für mich“. 🤷♂️
„ Möchte man richtig klassische Stereo-Effekte, so gibt es bspw. die seit Jahren bewährten Produkte Eventide H9000 (8.299,- Euro), Lexikon PCM96 (4.798,- Euro) oder eine Tegeler Raumzeitmaschine (2.699,- Euro).“
Das sind wohl kaum ernst gemeinte Alternativen, bei den aufgerufenen Preisen. Gerade die Ergebnisse des H9000 lassen sich heutzutage auch mit Geräten zwischen 500-1000€ erzielen. Nicht zuletzt ist der Cosmos ein ähnliches Gerät jenseits der 1000€-Grenze.
@Johann the Bach Hast Du nach diesem Absatz aufgehört zu lesen? 😀
@Jörg Hoffmann Nein, überhaupt nicht. Aber die erwähnten Geräte sind heutzutage keiner ernsthaften Erwähnung als Alternativen wert.
Ich bin immer noch zwiegespalten. Es sind spannende Effekte dabei keine Frage. Wenn man zumindest zwei der FX gleichzeitig nutzen könnte wäre schon cool. Andererseits sind andere FX wie Zen Delay oder Echolocator preislich auch in ähnlichen Regionen unterwegs, Eurorack Sachen sowieso und Gitarrenpedale gerne auch.
Eigentlich darf man gar nicht meckern. Aber bei 699€ gucke ich halt doch genauer hin.
Das Bedienkonzept erinnert ein wenig an das 25 Jahre alte Alesis Ineko, welches 48 Algorithmen in Matrix-Anordnung mit je drei steuerbaren Parametern, aber keine CV-Steuerung hatte.
Limiter ist schon mal gut weil Effekte, insbesondere Überlagerungen, beispielsweise von Delays gleich mal übermächtig laut werden können und sehr viel lauter werden soll es in der Regel nicht. Dafür gibt es schließlich einen Lautstärkeregler. Dronesounds (zum Beispiel vom Soma Lyra 4 & 8) und Effekte können ohne Limiter ordentlich krach machen. Fazit: Der Warp scheint gut durchdacht zu sein. Soma war nie wirklich günstig, aber wer genau darauf abfährt, wird es sich leisten. Ich arbeite sehr gerne mit Effekten, aber eher softwarebasierend.
Soma schmeißt eigentlich immer feinste Geräte am Markt.
M.M. kann man anhand der „Klangbeispiele“ sehr gut erkennen wie das Teil wirklich klingt.
Hallo, ja, da gehen die Meinungen auseinander. Denn die altbackenen Klangbeispiele wurden mit dem derzeit aktuellsten digital Synthesizer (Yamaha MODX M8), mit der seit wenigen Tagen verfügbaren neuen Firmware 3.0 und deren brandneuen Sounds erstellt. Altbacken……🙂
Die Klangbeispiele hören sich, entgegen dem Text, alle sehr zahm und unspektakulär an. Von unendlichen Klangwolken im wabernden Raum mit Feedback ist nichts zu hören. „Sucht“ hört sich anders an.