Neue Wege in der Ambient Musik
Der japanische Hersteller Sonicware hat sich in Musikerkreisen mittlerweile einen guten Namen gemacht, vor allem mit den kompakten Grooveboxen der Liven-Serie. Mit dem Sonicware Liven EVOKE steht nun ein neues Modell bereit, das mit dem vielversprechenden Zusatz „Acoustronic Synthesizer with Granular Effect“ verkauft wird. Das klingt für mich spannend und daher habe ich mich gerne an diesen Test herangemacht.
Kurz & knapp
- Klangdesign & Bedienung: Inspirierender Acoustronic-Synth mit Granular-Engine, ideal für Ambient, Drones und cineastisches Sounddesign.
- Preis-Leistung: Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, aber einige Abstriche bei Klangtiefe und Bedienkomfort.
- Verarbeitung & Mobilität: Kompaktes, leichtes Gerät, allerdings ohne Netzteil im Lieferumfang.
- Soundqualität: Lo-Fi-Grundsamples, die erst durch Granularprozessor und Effekte zum Leben erwachen.
- Workflow & Interface: Leistungsfähiger Sequencer, aber umständliche Bedienung durch Doppelbelegungen.
Inhaltsverzeichnis
Sonicware Liven-Serie: Überblick
Die Grooveboxen der Liven-Serie des Herstellers Sonicware sind bereits seit einigen Jahren auf dem Markt und der Hersteller hat bislang neun verschiedene Modelle veröffentlicht. Das Besondere daran ist, dass die Baugröße und das User-Interface – sprich – die Taster, Regler, Display und Anschlüsse immer gleich platziert sind. Die grundlegenden Funktionen, wie zum Beispiel der Sequencer und die kleine Klaviatur bleiben ebenfalls meistens gleich. Jede Groovebox ist jedoch auf eine eigene, spezielle Form der Klangerzeugung ausgerichtet.
So erzeugt beispielsweise das Model Liven XFM Klänge per FM-Synthese, das Modell Lofi-12 ist als Sampler mit 12 Bit Samplerate ausgelegt oder das Modell Mega Synthesis klingt charmant nach einer Spielekonsole der späten 1980er-Jahre.
Wohlgemerkt, alle Modelle eint eine nahezu identisch gestaltete Benutzeroberfläche. Das hat natürlich große Vorteile, sowohl für den Hersteller als auch für den Nutzer. Der Hersteller spart am Produktdesign und der Nutzer findet sich schnell auf unterschiedlichen Modellen zurecht. Das erklärt vermutlich auch den moderaten Preis dieser Geräte.
Aufbau des Sonicware Liven Evoke
Der Sonicware Liven Evoke steckt in einem schwarzgrauen Gehäuse aus Kunststoff und ist knapp so groß wie ein Blatt DIN A4 Papier im Querformat. Mit 790 g ist das Instrument nicht sonderlich schwer und eignet sich daher gut zur mobilen Produktion oder auf Reisen.
Mit sechs AA-Alkaline-Batterien sollen laut Hersteller durchschnittlich sechs Stunden Laufzeit zur Verfügung stehen. Ein 9 Volt Steckernetzteil ist für den konstanten, beziehungsweise stationären Betrieb erforderlich. Ein passendes Netzteil wird allerdings nicht mitgeliefert, was ich persönlich sehr schade finde.
Auf der Gehäuseoberseite befinden sich sämtliche Bedienelemente und Anschlüsse des Liven Evoke. Oben gibt es neben einem 4-stelligen LED-Display die Ein- und Ausgänge für Sync als Miniklinke, die klassischen 5-Pol MIDI In- und Out-Buchsen, Line In und Line Out in Form von Stereo-Miniklinkenbuchsen sowie die Kopfhörerbuchse als Miniklinke.
Darunter befindet sich ein eingebauter kleiner Lautsprecher, so dass der Sonicware Liven Evoke grundsätzlich ohne zusätzliche Verstärkung oder Kopfhörer auskommen könnte. Allerdings ist die Bandbreite und Klangqualität des Lautsprechers für das Gerät nicht repräsentativ. Es ist allenfalls zum Vorhören oder Vorspielen geeignet. Beim Produzieren mit dem Gerät wird man mit dem Lautsprecher nicht glücklich und sollte entsprechend eine geeignete Abhöre nutzen.
Im mittleren Teil der Benutzeroberfläche befinden sich 15 Drehregler und ein Encoder. Hiermit werden überwiegend die klanglichen Parameter des Instruments gesteuert und eingestellt.
Darunter gesellen sich zahlreiche Taster sowie die Steuerungsfunktionen für den Sequencer, weitere Klangparameter, die Transportkontrolle und die Speicherverwaltung dazu. Ein bisschen nervig ist die Doppelbelegung der Tasten und Regler, denn man benötigt sehr oft beide Hände, um Parameter zu ändern.
Die Verarbeitung des Gehäuses, der Taster und Regler vermitteln insgesamt einen stabilen und dem Preis angemessenen Eindruck.
Die Klangerzeugung des Liven Evoke
Sonicware hat für das Modell Evoke den „Acoustronic Flux Oscillator“ entwickelt. Was ist denn das eigentlich?
Der Synthesizer ist insgesamt 11-stimmig polyphon, dynamisch verteilt auf die vier vorhandenen Tracks. Herzstück der Klangerzeugung sind 34 gesampelte, überwiegend akustische Instrumente. Hierzu gehören beispielsweise Pianos, Vibraphon, Marimba und Harfe oder auch Violine, Cello, Flöte, Gitarre oder Sitar. Also eine Mischung aus Zupf-, Streich- und Schlaginstrumenten.
Die Samples werden jeweils in 256 Zeitfragmente unterteilt. Diese „Slices“ werden vom so genannten Backtide Modulator in Wellenbewegung kontinuierlich durchfahren. Also in etwa das, was aus der Wavetable- oder Granular-Synthese her prinzipbedingt bekannt ist. Die Samples werden dadurch künstlich verlängert und das hört man deutlich. Insgesamt klingen die Samples stark nach Lo-Fi.
Zu den so erzeugten Klängen mischt sich als Sub-Oszillator ein zusätzlicher Harmonic Wave Generator. Dieser erzeugt 22 digitale Schwingungsformen, wie Sinus, Dreieck, Rechteck und diverse Mischarten, mit jeweils 128 Harmonischen und Rauschen, die sich zu den geslicten Samples dazu mischen lassen.
Durch die Kombination der beiden Generatoren lassen sich viele Klangkombinationen erstellen, wobei der Einfluss der Harmonischen bei den meisten Schwingungsformen eher gering ausfällt.
Sonicware Liven Evoke verfügt über ein resonanzfähiges Multimode-Filter mit Tiefpass, Bandpass und Hochpass. Das Filter und die Resonanz verhalten sich harmonisch im Gesamtbild. Es klingt gutmütig, da ist keine Aggressivität oder Dominanz des Filtersounds im Gesamtkontext zu vernehmen.
Zwei LFOs helfen bei der Modulation und bieten eine Fülle von Schwingungsformen, teilweise mit Zufallsform, die über den klassischen LFO hinaus gehen. Das lädt zum Spielen und Experimentieren ein, allerdings ist der LFO nicht besonders schnell. Von Audioraten ist er weit entfernt.
Weniger umfangreich gestalten sich die Hüllkurven, denn es gibt nur eine Hüllkurve für die Lautstärke und diese bietet lediglich Attack- und Release-Zeiten zur Steuerung an. Da hätte ich mir zumindest noch eine Filter-Hüllkurve gewünscht.
Aus den gegebenen Oszillatoren und Modulatoren lässt sich schon zahlreiches Klangmaterial als Rohstoff herstellen. Aber es geht ja noch weiter.
Liven Evoke – GrainFX
Das Signal fließt dann in den GrainFX. Dieser zerteilt, der Name verrät es bereits, das Audiosignal in maximal zwölf granulare Bestandteile gleichzeitig. Es lassen sich mehrere Parameter steuern, wie beispielsweise die Grain-Größe, Spielrichtung, Pufferzeit oder Feedback.
Das zufällige Pitch-Shifting erfolgt harmonisch über bis zu +/-2 Oktaven zum Grundton. Es kann auf Wunsch auch unquantisiert und mit Zufallsparametern zum völligen Klang-Chaos geführt werden. Hier lässt sich wild rumexperimentieren. Am Ende dieser Prozesskette steht ein eigenes Filter ohne Resonanz, mit Hoch-, Tief- und Bandpasscharakteristik zur Verfügung.
Fertig erstellte GrainFX Patches lassen sich auf 16 Speicherplätzen ablegen und können für neue Projekte wieder geladen werden.
Am Ende der Signalkette wartet ein Reverb auf seinen Einsatz. Das Audiosignal kann entweder direkt oder über den GrainFX zum Reverb gelangen und beides auch parallel. Insgesamt stehen zehn Halltypen zur Auswahl. Von kleinem über einen mittleren bis großem Raum gibt es Abstufungen, das ist relativ rudimentär gehalten und sagt nichts über die Klangeigenschaften des Raumes aus. Der Hall klingt aber gut und erfüllt seinen Zweck.
Der Algorithmus „Mirage“ schafft einen sehr spacigen, verschleierten Raum, der in Verbindung mit GrainFX üppige Klanglandschaften entstehen lässt.
Arpeggiator
Der Arpeggiator sorgt für Bewegung, wenn es sich nicht gerade um träge Pad-Sounds handelt. Die Bedienung ist allerdings durch Menu-Diving etwas umständlich. Dennoch ist der Arpeggiator brauchbar und durch verschiedene Abspielmodi gut ausgestattet.
Chord-Funktion
Die Chord-Funktion ist sehr hilfreich und bietet unter anderem die Möglichkeit, Chord-Progression zu nutzen. Hier werden vorgefertigt zueinander passende Akkordabfolgen angeboten, die über die „weißen“ Keyboard Tasten gespielt werden. Das macht viel Spaß und ist inspirierend. Die Funktion erinnert mich an Playbox von Native Instruments.
Sequencer
Der Sequencer des Sonicware Liven Evoke verfügt über vier Spuren, die sowohl im Step-Mode als auch in Echtzeit programmiert oder aufgezeichnet werden können. Ein Metronom mit Vorzähler hilft bei Bedarf beim Aufnehmen. Pro Pattern stehen maximal 64 Steps bereit. 128 Patterns lassen sich speichern.
Typische Sequencer-Parameter stehen zur Auswahl, wie Gate-Length, Transposition und Swing-Factor. Dazu gibt es weitere nette Funktionen, wie Parameter-Locking, Note-Probability oder Random-Sequence sowie Step-Tie-Funktionen. Also Dinge, die von einem guten Sequencer zu erwarten sind.
Jede der vier Spuren kann in der Lautstärke und im Panorama geregelt werden und lässt sich stummschalten. Eine Solo-Funktion gibt es nicht.
Wie klingt der Sonicware Liven Evoke?
Die Klangqualität der Samples und der Granular Engine ist für meine Ohren eher mittelmäßig. Die Samples klingen wie aus den 1980er-Jahren entsprungen, teils sogar leblos und sehr kurz. Erst durch die Backtide-Funktion und die Granular-Engine und natürlich dem Reverb erwachen die Sounds zum Leben.
Ich habe in Form von Plug-ins wie Slate&Ash’s Cycles, Portal von Output und Arturia Pigments oder Eurorack Modulen wie Clouds und Beads diverse Granular-Engines, die besser klingen. Vermutlich eine Frage der Prozessorleistung.
Beim Evoke Synthesizer steht dagegen die Performance und der Spielspaß im Vordergrund. Da müssen Abstriche, gerade hinsichtlich des Preis-Leistungs-Verhältnises, in Kauf genommen werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Anwendungsfelder
Der Sonicware Liven Evoke ist aufgrund seines Klangcharakters alles andere als ein Allrounder. Der Schwerpunkt liegt hier eindeutig bei der Erstellung ungewöhnlicher Klänge, Drones und Sound-Scapes mit einem speziellen akustischen Touch. Das eignet sich für Ambient-Produktionen, Sound-Design, cineastische Klänge und vieles mehr in Richtung Klangforschung, wo bewegende Texturen und Sounds übereinander gelegt werden.
Mit diesem Instrument möchte man gezielt in bestimmte soundtechnische Richtungen gehen und das kann Evoke sofort und intuitiv bedienen.
Der Evoke ist in seiner Preisklasse lediglich durch Konkurrenz aus dem eigenen Hause gefährdet, der Sonicware Liven Ambient ist in derselben Zielgruppe zum gleichen Preis unterwegs. Da hat der Anwender die Qual der Wahl zwischen zwei recht ähnlichen Instrumenten.
Und hier merkte mein Kollege Timm Brockmann im Test zum Liven Ambient Ø an:
„Das Sequenzieren von Klangschichten rückt in den Vordergrund und man begreift die Layer als eine Einheit von Sequenz und Sounddesign, was gewissermaßen das Alleinstellungsmerkmal der Maschine ist.
Recht hat er und das trifft auf den Sonicware Liven Evoke ebenso zu.










































Gerade weil es so gar nicht mein Geschmack ist, muss ich einfach die Klangbeispiele loben: Super gemacht, demonstriert das Gerät wirklich toll und musikalisch passend. (Und nicht ein Mal „Sequenzertuckern mit Filterschrauben“, allein das ist einen Extrapunkt wert!) 😎
@chardt „was hast du gegen Filter“ Fragte Melitta 😀
@chardt Die Klangbeispiele sind wirklich gut gelungen. Sie zeigen vor allem, dass diese Geräte zu Unrecht als Groovebox abgetan werden (nicht, dass Grooveboxen schlecht sind), aber das Format verleitet schnell dazu, sie als Sound-Lieferant zu übersehen. Deshalb haben wir das dieses Mal auch im Bereich Keys und nicht Beats veröffentlicht.
Die Lo-fi Qualität finde ich sehr gelungen und gerade für Ambient Sounds sind sie eine gute Abwechslung zum oftmals sehr poliert wirkenden Sound von Plug-ins.
Hab ihn gerade hier und muss auch mal die Klangbeispiele loben, die sind wirklich gut! Generell kann ich nur bestätigen was du schreibst. Für den Preis eine wirklich nette kleine Kiste :)
Im Text wird beschrieben, dass man oft zwei Hände benötigt um Parameter zu ändern. Allerdings gibt es auch eine “func lock”-Funktion um den func-Taster festzustellen – mit shift + func. Die beiden Tasten liegen direkt nebeneinander.