Ausgezeichnetes und günstiges ES335-Modell
Die Stanford CR Thinline 35 will den klassischen Semi-Hollow-Sound à la ES-335 zu einem überraschend attraktiven Preis liefern – und tritt dabei mit viel Vintage-Charme und sauberer Verarbeitung an.
Was ist es? Stanford Thinline 35, Semi-Hollow-Gitarre im ES-335-Stil mit massivem Preis-Leistungs-Fokus
- Verarbeitung: Sehr sauber gebaut, hochwertige Details und dünne Lackierung
- Klang: Warm, ausgewogen und vielseitig von Jazz bis Rock
- Handling: Top Setup ab Werk und sehr angenehme Bespielbarkeit
- Ausstattung: Klassische Hardware mit Humbuckern, Formkoffer inklusive
- Preis/Leistung: Sehr stark, kleine Abstriche bei Details zur Kostensenkung
Inhaltsverzeichnis
Einige von euch dürften von Stanford Guitars bisher noch nichts gehört haben, anbei einige Fakten:
Stanford ist eine deutsche Marke mit Vertrieb u. a. durch Munich Guitar Company, deren Instrumente hauptsächlich in China gefertigt werden. Es gibt Unterschiede zwischen den angebotenen Serien. Während günstigere Modelle (46er-Serie) in Fernost produziert werden, wurden hochwertigere Serien teilweise von der tschechischen Firma Furch gefertigt. Die Marke wurde in den 1990er-Jahren gegründet. Die Instrumente sind u. a. für ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt und zeichnen sich durch klassische Designs, spezielle dünne Lackierungen und meist massive Hölzer aus.
Stanford-Gitarren haben in diversen Fachmagazinen (England, Skandinavien, Deutschland) einige Auszeichnungen erhalten, darunter den „Gear of the Year – Player’s Award“ in Gold.
Der erste Eindruck ist sehr positiv. Wie wir später nach ausgiebigem Testen noch erfahren werden, bestätigt sich dieser. Schauen wir uns diese „Gitte“ nun mal genauer an.
Stanford CR Thinline 35 – Facts & Features
Die Stanford CR Thinline 35 aus der sogenannten Crossroads-Serie mit der Bauform Semi-Hollowbody ist zweifelsohne eine mehr oder weniger exakte Kopie einer Gibson ES-335. Sie besitzt also einen Sustain-Block und quasi identische Maße. Der Korpus ist, verglichen mit meiner Original Gibson ES-335, etwa 3 mm dünner. Die Kopfform ist nicht nur aus rechtlichen Gründen eigenständig. Sie erinnert an das Cola-Flaschen-Design bzw. an die Kopfform der Instrumente aus dem Hause Danelectro.
Die Gitarre wurde ab Werk mit einem Satz 10er-Saiten (D’Addario EXL 110 .010–.046) bestückt und kommt erfreulicherweise inklusive eines stabilen und gleichfalls schönen Formkoffers ins Haus.
Korpus
Decke, Boden und Zargen wurden erwartungsgemäß aus furniertem (gesperrt, also im 90-Grad-Winkel verleimt und dadurch stabiler) Ahorn gefertigt. Die Verarbeitung muss man als perfekt einstufen. Unsaubere Stellen (z. B. am F-Loch) sucht man vergeblich. Auch die geschmackvolle, matte Lackierung wurde perfekt ausgeführt.
Dabei hat man darauf geachtet, das Instrument nicht „in Glas zu packen“, sondern nur ausgesprochen dünn zu lackieren, was das Schwingungsverhalten der Decke positiv beeinflussen dürfte.
Die Mensur wird vom Hersteller mit 630 mm angegeben, wobei ich Zweifel habe, warum man hier vom üblichen Maß von 628,65 mm abweichen sollte. Das Binding wurde perfekt um den Korpus gelegt. Auch an Stellen, an denen gelegentlich Verarbeitungsmängel auftreten (Hals-Korpus-Übergang etc.), gibt es nichts zu beanstanden.
Für den Boden wurden Hölzer bzw. Maserungen gewählt, die die insgesamt unaufdringliche, aber dennoch edle Erscheinung der Gitarre unterstützen. Mit anderen Worten: Sie protzt nicht mit optischem Schnickschnack, sondern eher mit Understatement. ES-335-Modelle werden häufig in Cherry Red, Tobacco Sunburst oder Blond angeboten. Unsere Testkandidatin bietet daher mal etwas anderes.
Hals
Der Hals aus Ahorn ist recht kräftig (laut Hersteller Halsprofil C, für mich eher ein D), fühlt sich spontan sehr angenehm an und die Bespielbarkeit lässt absolut nichts zu wünschen übrig. Erfreulich, wenn man eine Gitarre zum Testen ausgeliefert bekommt, die bereits perfekt eingestellt wurde.
Das sollte man bei dem Preis eines Instruments dieser Preisklasse (etwas über 1.000,- Euro) durchaus erwarten, dennoch muss man nicht selten mit einem Gang zum Gitarrenbauer nachhelfen.
Die 22 Medium-Jumbo-Bünde (angenehm hoch und breit) sitzen perfekt in ihren Bundschlitzen. Sie wurden optimal abgerichtet, verrundet und poliert. Die Sattelbreite beträgt 43 mm, ein häufig anzutreffendes Maß bei diesem Modell.
Das Griffbrett aus Ebenholz wurde mit geschmackvollen Einlagen (sogenannten Mother-of-Pearl-Split-Blocks) bestückt, die allesamt sauber umgesetzt wurden. Die Inlays am 19. und 21. Bund hat man sich gespart. Warum auch immer, vielleicht sorgt dies für ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Auch hier kommt Freude auf, da die Arbeit einen sehr sauberen Eindruck macht.
Audio-Teaser – Halstonabnehmer
Wer mit einem ES335-Model liebäugelt, möchte natürlich in Erfahrung bringen, ob dieses einen authentischen Blues- und Jazz-Sound überzeugend abliefern kann. Diesbezüglich muss man sich bei der Testkandidatin keine Sorgen machen. Diesen Test meistert sie überzeugend. Abgesehen davon lässt sich dieser Ton natürlich für viele Stilrichtungen schön einsetzen.
Wir hören die Gitarre zunächst mit cleanem Sound auf dem Halstonabnehmer:
Möchte man noch „jazziger“ klingen, könnte man den entsprechenden Tonregler etwas zurückfahren oder sich des Treble-Reglers am Amp bedienen, um die recht perkussiven Höhen etwas zu bändigen.
Vergleich mit dem Vorbild
Unterschiede zu deutlich kostenintensiveren Gitarrenmodellen der „oberen Regale“ (Gibson, PRS, Gretsch U.S.A. usw.) sind auf den ersten Blick nicht auszumachen. Bei genauer Prüfung stellt man jedoch fest, dass die Bünde über das Binding der Griffbrettkante gesetzt und nicht etwa „ausgeklinkt“ und vom Binding eingefasst wurden, was einen höheren Arbeitsaufwand bedeutet hätte.
Die Kopfplatte wurde, wie man auf der Rückseite erkennen kann, angesetzt. Hier hat man bei der Fertigung also etwas gespart, aber irgendwo muss der überaus günstige Preis auch herkommen.
Elektrik & Hardware
Hinsichtlich dieser Abteilung findet man in der Stanford CR Thinline 35 die gewohnten Komponenten: zwei Humbucker mit leicht gealterten Kappen sowie pro Tonabnehmer jeweils einen korrespondierenden Volume- und Tonregler und den Toggle-Switch zur Anwahl der Pickups.
Des Weiteren natürlich auch der Tune-o-matic-Steg und das Stop-Tailpiece. Die Kluson-Style-Tulip-Mechaniken sorgen für einen gewissen Vintage-Vibe. Sie laufen leicht und sprechen gewohnt zügig an. Also kein „Schlackern“ oder Spiel.
Die schwarzen, klassisch gehaltenen Poti-Knöpfe passen perfekt zur Optik des gesamten Instruments. Die Potis bieten beim Drehen den gewünschten leichten Widerstand. Auch die matt gehaltenen Tonabnehmerkappen fügen sich schön in das Gesamtbild ein, da hochglänzende Kappen womöglich zu sehr „ins Gesicht springen“ würden.
Handling
Auf Stanford CR Thinline 35 fühlt man sich sofort zu Hause. Das Werks-Setup lässt nichts zu wünschen übrig. Halsspannung, Oktavreinheit und Saitenlage sind optimal eingestellt und die Sattelkerben sauber gefeilt.
Die Gitarre wiegt etwa 3,3 kg und liegt gut ausgewogen auf dem Oberschenkel. Semiakustische Instrumente bieten den Vorteil, dass der rechte Arm entspannter auf den Zargen aufliegt. Das macht das Spiel insgesamt angenehmer.
Die Stimmstabilität ist ausgezeichnet. Nachdem die neuen Saiten etwas „eingespielt“ waren, blieb die Stimmung auch nach Bendings im Terzbereich (b3/3) stabil.
Sound
Die Gitarre bietet bereits trocken gespielt einen ausgezeichneten Ton mit ordentlichem Sustain. Nachdem wir die Gitarre bereits auf dem Halstonabnehmer hören konnten, kommen wir nun zu den weiteren Pickup-Kombinationen.
Auch in der Mittelstellung (Hals- und Stegtonabnehmer parallel) können die Pickups überzeugen. Gerade für Rockabilly, Pop, Folk oder Funk passt diese Kombination ausgezeichnet. Das Intro dieses Klangbeispiels dürfte dem einen oder anderen noch bekannt sein:
Der Steg-Tonabnehmer liefert erwartungsgemäß mehr Biss, wird oft mit Verzerrung eingesetzt, klingt aber auch clean sehr schön. Da er über einen eigenen Tonregler verfügt, lassen sich die Höhen bei Bedarf leicht zähmen.
Nun rocken wir verzerrt auf dem Steg-Pickup. Die Pickups liefern etwas mehr Output als klassische P.A.F.-Tonabnehmer. Der Sound ist ausgewogen, mit angenehmem Biss (al dente) und dabei durchsetzungsfähig. Die Pickups klingen insgesamt klar und produzieren keinen Matsch.
Auch verzerrt auf dem Halstonabnehmer kann die Gitarre überzeugen. Cremiger Sound für Rock, Fusion, Jazz und Blues. Ob Gary Moore, Carlos Santana, B.B. King, Larry Carlton oder Billy Gibbons: Mit dieser Gitarre kommt man klanglich (soweit man das Genre beherrscht) problemlos in die Nähe dieser Kandidaten:
Stanford CR Thinline 35 → Peavey Classic 20 Minihead → Mesa/Boogie 1×12″ Thiele-Box mit Creamback-Celestion-Lautsprecher → Sennheiser e906 → MOTU M4 → Mac Studio mit Logic







































