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Test: Steinberg Nuendo 2000 Software-Recording

1. September 2000

Nativ gegen die DSP-Welt

Heute geht es um das neue Nuendo von Steinberg. Für das Tracking bei Surround-Produktionen habe ich mich für eine von RME optimierte Audio-Workstation entschieden, die über 78 digitale Ausgangskanäle mit der Konsole verbunden ist und auf der Steinbergs neue Software Nuendo läuft.
Das ths master mix Studio ist damit das erste Studio weltweit, das Nuendo nach Auslieferung der Version 1.0 in einer Surround-Produktion einsetzt.

Übersicht

Nuendo ist ein natives, professionelles Audiosystem, das von Mehrspuraufnahmen über digitale Stereo- oder Surround-Abmischungen bis zur Klangbearbeitung mit integrierten Dynamics und Equalizern oder weiteren als Plugins einzubindenden Effekten beeindruckende Möglichkeiten bietet.
Sicher sind auch andere professionelle Recordingsysteme bekannt, die mit ähnlichen Features aufwarten, jedoch kombiniert Nuendo erstmalig die Flexibilität und freie Skalierbarkeit eines nativen Systems und die Leistungsfähigkeit von DSP-basierten Lösungen.
Computergestützte Audiosysteme arbeiten entweder mit DSPs, oder aber mit Hilfe der CPU des Rechners selbst (Native Processing). Bis jetzt handelt es sich bei fast allen professionellen Workstations um DSP-Lösungen mit zum Teil proprietären Audioformaten, denn bis vor kurzem war eine CPU mit acht Audiospuren und Dynamics bereits an der Leistungsgrenze. Im professionellen Bereich werden jedoch deutlich höhere Anforderungen an Quantität und auch an Qualität gestellt, deshalb kam man um DSPs nicht herum.

Leider haben aber die Signalprozessoren nicht nur Vorteile, denn sie können nur solche Programme ausführen, die eigens für die DSP-Karte geschrieben wurden.
DSPs einer deratigen Workstation sind also beispielsweise nicht in der Lage, die Berechnungen von VST-Plugins zu übernehmen, wodurch die Auswahl an Plugins für jede DSP-Plattform begrenzt und wegen der geringeren Stückzahl auch recht teuer ist.
Nuendo führt als natives Audiosystem alle Rechenprozesse auf der CPU aus.
In Kombination mit einem Pentium III-Prozessor und schnellen Festplatten kann Nuendo selbst auf Standardrechnern bis zu 60 Audiospuren wiedergeben. Wer noch mehr will, kann die Leistungsfähigkeit mit Dual-Pentium-Boards oder die Spurenanzahl mit parallel betriebenen Festplatten oder einem SCSI-Raid-System erhöhen, so daß bis zu 200 Audiospuren möglich sind. Und da in naher Zukunft noch ein signifikanter Quantensprung in der Prozessorleistung erwartet werden kann, wird die Performance von Nuendo stetig weiter steigen.
Bereits in der Version 1.0 bietet Nuendo objektorientiertes, nichtdestruktives Arbeiten mit unbegrenzten Undo-Schritten, die dank des neuen Out-of-order-Konzepts in jeder beliebigen Reihenfolge ausgeführt werden können, als auch leicht zu handhabendes Offline-Processing.

Achtung, Aufnahme!

Die Produktion von „Dancehall Salute” im ths master mix begann mit 96 aus der Vorproduktion der Firma Boomshop angelieferten Spuren und zusätzlich durch Sandmann hinzugefügte Aufnahmen für Special Effects und Foley. Dabei lag die Grenze der 200 Spuren des Nuendo-Systems so hoch, da lig; im Vorfeld keinerlei Submixes erstellt werden mußten. Gleichzeitig konnte bereits in frühen Stadien des Projekts mit den Equalizern und Multibandkompressoren, die in jedem einzelnen Kanal zur Verfügung stehen, experimentiert, denn das Undo-Konzept von Nuendo ermöglicht es zu einem späteren Zeitpunkt, jeden dieser Schritte unabhängig von einem anderen und sogar in veränderter Reihenfolge wieder rückgängig zu machen. Und da immer nur das Original und die aktuelle Version auf der Festplatte gespeichert sind, sämtliche Operationen hingegen protokolliert und beim nächsten Bearbeitungsschritt neu berechnet werden, wird die Audiodatei nie mehr als doppelt so groß, auch nicht bei hunderten von undo-fähigen Bearbeitungsschritten.

Mixdown

Bei der Abmischung habe ich das System voll ausreizt. Durch zusätzliche Effekt-Einspielungen, Nachvertonungen und den völligen Verzicht auf Submixes während der gesamten Produktion stieg die Zahl belegter Audiospuren rasant an, wobei die im ths master mix Studio installierte, native Workstation mit einem SCSI-Controller nach RAID-5-Standard und drei schnellen Platten nie an ihre Grenzen stieß. Und dabei wurde nun sogar die unter Nuendo maximal verfügbare Spurenzahl von 200 Tracks tatsächlich erreicht.

Alle diese Spuren konnte ich dann mit den von Nuendo zur Verfügung gestellten Tools abgemischen. Dabei wurden nicht nur einzelne Subgruppen-Busse, sondern auch die Signale der Aux-Wege zur Ansteuerung externer Effektgeräte über die von RME für Nuendo entwickelte 9652-PCI-Karte ausgespielt.
Die Workstation des ths master mix Studios ist mit drei dieser Karten ausgerüstet, folglich kann Sandmann über 78 diskrete Kanäle ins Pult oder direkt in Effektgeräte routen. Beispielsweise die Gesangsstimme und alle Chöre werden so mit Lexicon-Hall oder dem Eventide Harmonizer bearbeitet, die es leider noch nicht als VST-PlugIns gibt.

Surround

Die Verteilung aller Signale im Panorama ist bei einer Surround-Produktion schwieriger als im Stereoformat. Da ist es erfreulich, daß Nuendo zur Verteilung der Signale im Raum eine virtuelle Mixer-Oberfläche mit einem mausbedienbaren Surround-Panning-Modul bietet.
Interessant ist übrigens, daß Thomas Sandmann dennoch nicht den kompletten Mix über Nuendo fährt, sondern einen Teil über die 9652-Karten ins Pult ausspielt und dort abmischt, damit der weiche, analoge Klang seiner mit Neve-Technik bestückten Konsole nicht ganz fehlt.

Ein unschlagbares Feature bei Nuendo sind die bis zu acht frei konfigurierbaren Surround-Masterkanäle, und auch an eine flexible Einbindung des LFE-Kanals wurde gedacht.
Damit wird jedes zukünftige Surroundformat per Mausklick einstellbar sein, gleichermaßen bietet Nuendo für alle gängigen Formate Presets. Zusätzlich zum 5.1-Mix wurde für das Video „Dancehall Salute” noch ein Track in Dolby Prologic angelegt, wobei Nuendo den Encoder bereits softwaremäßig bereitstellt.

Für einen Surround-Mix werden oft gänzlich andere Effekte als bei Stereomischungen benötigt. Als Beispiel sei dreidimensionaler Hall erwähnt, der erst durch seine mehrkanalige Auslegung einen äußerst authentischen Raumeindruck vermittelt.
Achtkanalig arbeitende PlugIns können dank der neuen VST-2.0-Technologie problemlos in Nuendo eingebunden werden. Steinberg stellte dafür in Zusammenarbeit mit Spectral Design ein PlugIn-Bundle vor, nämlich die Nuendo Surround Edition.
OctoComp ist ein achtkanaliger Kompressor mit Auto-Release und Sidechain, OctoMaxx ein achtkanaliger Loudness Maximizer, der auch bei bereits erreichter Vollaussteuerung die empfundene Lautheit noch erhöht. OctoQ ist ein siebenbandiger parametrischer Equalizer, natürlich auch in achtfacher Ausführung, der intern mit doppelter Samplingfrequenz arbeitet. Für den bereits erwähnten dreidimensionalen Hall empfiehlt sich OctoVerb, welches einen sehr realistisch klingenden Surround-Hall erzeugt.
Interessant ist übrigens auch das Vorwort im Handbuch der Surround-Edition, denn hier treffen wir „alte Bekannte”: Es handelt es sich um eine Art Widmung von – wem wohl? Sie haben richtig geraten: Von Thomas Sandmann.

Synchronisation

Mit dem optionalen Synchronizer Timelock Pro von Steinberg lassen sich die SMPTE-Formate LTC und VITC ans System anbinden. Timelock Pro generiert aus LTC oder VITC einen MIDI-Timecode und eine Wordclock. Während über MTC Geschwindigkeit und Abspielposition gesteuert werden, wird mit Hilfe der Wordclock die digitale Synchronisation aufrecht erhalten und durch Chase-Lock der Samplingrate die Abspielgeschwindigkeit bereits gestarteter Audiodateien nachgeführt.

Zur Vertonung eines Videos ist aber nicht unbedingt eine externe Beta-Maschine notwendig, denn Nuendo auch eine eigene Videospur zur Verfügung und kann dort die gängigen digitalen Videoformate wie zum Beispiel AVI und MPEG lesen. Und genau diese Funktion wurde auch für das „Dancehall Salute”-Video gebraucht, bevor die endgültige Version vorlag. Sandmann bekam nämlich von der Produktionsfirma Boomshop ein AVI-Video angeliefert, das er auf die separate Videospur in Nuendo einspielte und dazu die ersten Schritte startete. Erst später war dann ein Beta-Band des fertig gedrehten und geschnittenen Videoclips mit Burn-In-Timecode verfügbar, die Beta-Maschine wurde über Steinbergs Timelock Pro per Chase-Lock mit dem Nuendo-System verbunden.

Fazit

Steinberg scheint es tatsächlich gelungen zu sein, die Notwendigkeit von DSPs für professionelle Produktionssysteme außer Kraft zu setzen und mit nativem Processing gleiche Leistung bei höherer Flexibilität zu erzielen. Und die Entwicklung bleibt nicht stehen. Wie von Steinberg zu hören ist, geht die Entwicklung von Nuendo immer weiter. Nach der bei mir im Studio getesteten Version 1.0 soll schon mit Erscheinen dieser Ausgabe von Amazona die Version 1.1 verfügbar sein, in das weitere Funktionen und Verbesserungen einfließen, die auch aus den Erfahrungen der ersten professionellen Anwender Einfliesen werden.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Das Nuendo Post-Production System ist bereits in Version 4 erhältlich. Ich bin aber noch Besitzer des letzten 3er Upgrades. Allerdings muss ich berichten, dass Nuendo nicht ganz bugfrei läuft. Alte VSTs wie NuendoVerb3 und Leveler verursachen Totalabstürze. Auch der Midi-Editor verursacht Probleme. Ein Legato-Quantize funktioniert leider nur bei monophonen Noten. Auch ein paar Groove-Quantize Presets hätte ich mir gewünscht.Desweiteren funktioniert nach dem updaten von 1.5 auf 3.02 der Audio-CD-Import nicht mehr – ergo Totalabsturz bei Nuendo und Wavelab! Dennoch muss ich zugeben, dass Nuendo klangtechnisch (gerade beim mixdown) das beste Produkt neben ProTools ist und aufgrund des Preis/Leistungsverhältnisses unschlagbar erscheint, wegen der schier unendlichen Kompatibilität und Funktionalität, in welcher Nuendo das ProTools-System sogar übertrifft und wegen der gegenüber Logic eindeutig punktenden Audio-Engine.

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