Test: Steinberg Nuendo 4 (Teil 2)

7. Dezember 2007

Nuendo 4 (Teil 2)

Drei ganze Jahre sind ins Land gegangen seit Nuendo den letzten großen Versionssprung von Version 2 auf 3 gemacht hat – eine sehr lange Zeit in der Computer- und Audiowelt. Nuendo hat in dieser Zeit nicht nur hierzulande einen Siegeszug vollzogen, der seinesgleichen sucht. Immer mehr Ton- und Videostudios, aber auch freischaffende Kollegen erkannten, dass es sich bei Nuendo um eine kraftvolle und stabile Produktionsplattform handelt, mit der man – angetrieben durch die Kraft von modernen Mehrkern CPUs – heute komplexere Produktionen realisieren kann als man es sich mit speziellen DSP Hardware basierten Lösungen der letzten Generation hätte träumen lassen.

Dabei bot die deutsche Audio Post Produktionssoftware Nuendo in der lange aktuellen Version 3 schon exklusive Features wie z.B. Netzwerkfähigkeit oder eine unendliche Menge an virtuellen Spuren, die Kollegen anderer Systeme heimlich neidisch werden lassen konnten. Nach einem ausgedehnten und sehr erfolgreichen Produktzyklus schnuppert nun Nuendo 4 die Studioluft. Ob Steinberg die lange Zeit seit dem letzten Update nutzen konnte, lesen Sie in diesem dreiteiligen Amazona Test. Dieser Teil geht auf allgemeine Neuigkeiten im Programm ein. Teil 2 beschäftigt sich mit der wichtigsten Neuerung: der überarbeiteten Automation. Im letzten Teil lesen Sie alles über das optional erhältliche Nuendo Expansion Kit, dass für Musiker relevante Cubase Funktionen nachrüstet. A pro pos Cubase, da Nuendo und Cubase die gleiche Code Basis teilen, sollten Sie unbedingt auch die Amazona Tests zu Cubase 4 und dem Cubase 4.1 Update beachten. Alle dort getesteten neuen Features sind auch in Nuendo 4 enthalten.

Installation

Nuendo 4 wird auf einer cross Plattform DVD geliefert. Der USB Dongle von Synchrosoft wird, wie schon bei den letzten Versionen und bei Steinberg mittlerweile bekannt, per Challenge/Response System Online dauerhaft freigeschaltet. Das System ist gut getestet und funktioniert problemlos und schnell.

Media Bay – Die (nicht nur) Audiodatenbank

Für die professionelle Audioproduktion ist ein aus dem schon vor einem Jahr erschienenen Cuabse 4 geerbtes Feature von besonderer Bedeutung: die integrierte Datenbank. Unzählige Audiofiles sammeln sich mit den Jahren auf den Festplatten und wollen schnell und unkompliziert gefunden werden. Zwar gab es für Mac und PC bereits diverse Lösungen, die auch im Zusammenspiel mit Nuendo einwandfrei funktionieren, dennoch spricht natürlich einiges für eine Integration in die Hostsoftware. So lassen sich von dem Audioarchiv nebenbei auch noch Videofiles und VST 3 Plugin Presets bzw. Presets für ganze Kanalzüge managen. Die Integration der letzten beiden Funktionen ist dabei besonders gelungen und geht Prinzipbedingt weit über die Möglichkeiten von externen Lösungen hinaus. Hat man sich z.B. aus einem Bandpassfilter, Rauschgenerator und Verzerrer ein gutes Telefon gebaut, kann man alle Plugins und Einstellungen über die Datenbank blitzschnell in einen Kanal laden. Die Datenbank ist tief in Nuendo integriert und kann nicht nur über ihr eigenes Fenster aufgerufen werden, sondern findet sich immer da, wo man sie gerade braucht. So ist z.B. auch die Funktion um neue Tracks zu erstellen mit der Datenbank vernüpft und erlaubt sogar das Vorhören von VSTi Patches, bevor man den Kanal eigentlich erstellt hat!

- Moment, da hatte ich mal was gebastelt -

– Moment, da hatte ich mal was gebastelt –

Die Anzeigeliste kann entweder einfach nach Dateinamen oder nach Tags bzw. im Falle von Audiofiles auch Attributen (Samplefrequenz, Anzahl der Kanäle etc.) gefiltert werden. Im Falle von VST- und Trackpresets ist durch Steinberg schon gute Vorarbeit geleistet worden.
Für Audiofiles zeigt die Media Bay immer eine Wellenformübersicht an, in der man auch entscheiden kann, ab wo man vorhören will. Praktischerweise kann man die Wiedergabe auch mit dem Transportfenster synchronisieren und die Audiofiles in Kontext mit dem bestehenden Projekt anhören. Per Drag und Drop kann man die Files dann einfach in das Projekt kopieren oder referenzieren. Leider fehlt die Funktion nur eine Teilselektion eines Files auszuwählen. Bei besonders langen Atmos oder Sound Effekten nervt das manchmal, wenn man nur eine halbe Sekunde benötigt und dennoch das ganze 5 Minuten File importieren muss. In der täglichen Praxis mag dies das einzig wirkliche Hindernis bei der Arbeit mit dieser ansonsten sehr gelungenen Funktion sein.

- Wer suchet der findet...mit der Nuendo Datenbank -

– Wer suchet der findet…mit der Nuendo Datenbank –

Sehr Viele Kleinigkeiten

Oft werden die kleinen Bugfixes und Detailverbesserungen von den Benutzern als die größten Verbesserungen angesehen. Und Nuendo 4 bietet hier eine Menge – mehr als man in einem Test aufzuzählen vermag. Besonders schön sind die cut Head und Tail Funktionen, vielen Audio Post Usern von Systemen wie dem Fairlight MFX bekannt, die alles vor oder ab dem Cursor abscheiden. Schade, dass man in dem Zusammenhang nicht direkt das beliebte "enlarge selected event to cursor" direkt mitumgesetzt hat. Lobenswert sind auch die neuen Shortcuts zum automatischen Anlegen eines Audioevents an das Ende oder den Anfang eines anderen Events.
Dem "Edit Mode" hat man das irritierende Wegspringen des Cursors abgewöhnt. Einen Modus, der Videos ohne die sonstigen Eigenheiten des Edit Mode beim Bewegen von Events synchronisiert, hat man leider nicht umgesetzt. Diese Funktionalität wurde von vielen Usern seit Jahren gewünscht und ihr Fehlen ist sicherlich eine der wenigen herben Enttäuschungen im Update.
Ein wahrer Segen beim Sound Design: Die Anfasser für Fades sind jetzt immer oben am Audioevent und lassen sich so im Gegensatz zu früher immer direkt packen.

- Die Anfasser sind jetzt immer leicht zu erwischen -

– Die Anfasser sind jetzt immer leicht zu erwischen –

Seit Jahren ein Vorteil von Nuendo ist die Möglichkeit mehrere Sessions gleichzeitig zu laden, wodurch Teile einfach per Drag und Drop zwischen den Sessions hin und her kopiert werden können. In Nuendo 4 wird die Audio Engine für die neu geladene Session nicht automatisch aktiviert, ein Vorhören von Audiofiles ist mit dem Speaker Tool dennoch möglich.
Programmiertechnisch sicherlich wesentlich mehr als nur eine Kleinigkeit hingegen war sicherlich die Möglichkeit Insert Effekte per Drag und Drop zu verschieben, denn die Automationsspuren wandern innerhalb eines Tracks mit in den nächsten Slot. Bravo!

- Plugins kann man einfach per Drag and drop verschieben -

– Plugins kann man einfach per Drag and drop verschieben –

Das "Add Track" Menu wurde deutlich aufgeräumt und ist jetzt wie viele andere Stellen des Programms deutlich übersichtlicher und konsistenter in der Bedienerführung. Disable/Enable Track funktioniert jetzt auch für mehrere Tracks gleichzeitig, schaltet aber die Inserts leider immernoch nicht mit ab.

- Mehr Übersicht beim Erstellen von Tracks -

– Mehr Übersicht beim Erstellen von Tracks –

Der Sample Editor und Noten Editor haben jetzt auch Inspektoren bekommen, wo viele Funktionen übersichtlich – nach Vorbild des Inspectors – auf der Project Page zusammengefasst werden. Per Preference kann man jetzt automatisch den Track selektieren, dessen Audioevent aktiv ist, was Usern von Mixer Controllern oft den Griff zur Maus ersparen kann. Das Audioexportfenster kann nun nach dem Export geöffnet bleiben, was für Mehrfachexporte angenehm ist.
Beim Timestretching und Pitch Shifting wird nun der neue MPEX3 Algorithmus verwendet, die ohnehin gute Qualität der Berechnung konnte nochmal gesteigert werden. Es stehen nun 7 Presets für unterschiedliche Anwendungszwecke und Bearbeitungsgenauigkeiten zur Verfügung. Bei der Echtzeitbearbeitung kann nun auch eine Formantkorrektur eingeschaltet werden um Mickey Mouse Effekte zu vermeiden.

Forum
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    AMAZONA Archiv

    Hallo,
    der Preis erscheint mir wirklich sehr, sehr hoch. Logic Pro Studio ist zwar nur für Macs, kostet aber neu weniger als € 500,- und sicherlich genauso professionell.

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    AMAZONA Archiv

    …und für den Differenzpreis kannst Du Dir noch einen Mac Pro zur Hälfte bezahlen, oder einen iMac ganz. Naja Scherz beiseite, wer bis jetzt auf Nuendo/Cubase arbeitete, wird nicht ohne weiteres umsteigen, das wissen die Steinberger natürlich auch.

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    AMAZONA Archiv

    Nujo, für den Preis bekommst du halt hauptsächlich Postproduction-Features (für Film, Werbevertonung usw, also alles was für die Arbeit zum Bild gehört) die andere Sequencer so nicht bieten.

    Für die reine Musikproduktion reicht auch ein Cubase, wenn du ernsthaft zum Bild arbeitest sind die Features den Aufpreis wert.

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    AMAZONA Archiv

    Dies ist genau die Reaktion, wie sie sich die Apple Marketing-Abteilung wünscht. Nur weil Logic jetzt unter Wert verkauft wird, ist Nuendo jetzt nun wirklich nicht zu teuer. Sequoia kostet ebenfalls so viel. Profisoftware kann solche Preise verlangen, während Consumer-Software billig sein muss.

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    AMAZONA Archiv

    „kostet aber neu weniger als € 500,- und sicherlich genauso professionell“

    aha, wenn Sie denken …

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