Test: Steinberg Nuendo 4 (Teil 3)

14. Dezember 2007

Nuendo 4 (Teil 3)

Nuendo 4 bietet eine große Menge an Neuigkeiten, was nach dem langen Produktzyklus auch nicht anders zu erwarten war. Für Nuendo User sind daher auch die bisherigen Tests auf Amazona zu den Themen Cubase 4, Cubase 4.1 Update, Nuendo 4 NEK, Nuendo 4 Update unbedingt lesenswert. Und dennoch wage ich es, eine gewagte These an den Anfang dieses Testberichts zu stellen: Die Summe aller in den eben genannten Testberichten genannten Neuerungen wird durch ein "Killerfeature" allein überschattet – Daher haben wir uns entschlossen, dieses eine Feature in einem separaten Testbericht etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Es geht natürlich um die neue Automation in Nuendo 4. Da diese getunte Fassung der alten Steinberg-Automation exklusiv den Nuendo Kunden vorbehalten ist, mag der Bericht auch für Cubase Kunden eine interessante Anwort auf die Frage sein, ob sich nicht doch ein Update auf Nuendo lohnen könnte.

Historisches und….

Steinberg hat mit dem Nobelkonsolenhersteller Euphonix eine Allianz zur Definition eines neuen Protokolls zur Fernsteuerung von DAWs gebildet. Für Euphonix war dabei das Know How von Steinberg bei der Spezifikation und Implementation von Software und Softwareschnittstellen interessant. Steinberg hatte mit ASIO und VST zuvor zwei Industriestandards geschaffen, die im täglichen Einsatz in Studios auf der ganzen Welt gut funktionieren und sowohl von Fremdherstellern als auch Usern positiv aufgenommen wurden. Steinberg wiederum fehlte eine High-End Hardwarelösung für die Fernsteuerung der hauseigenen Software im höherpreisigen Segment. Houston zielte auf den Musiker, id – mittlerweile im Vertrieb vom Hersteller WK Audio – auf kleinere Studios. Um aber Nuendo als wirkliche Konkurrenz zu platzieren, war eine starke High End Lösung nötig. Im Laufe einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit entstand das über jeden Zweifel erhabene System5 MC Pult und das Eucon Protokoll.
Die early Adopters dieser neuen integrierten Mix Lösung, die auf große Spielfilmproduktionen abzielt, waren in der Regel Euphonix User, die auf die neue Euphonix Generation gespannt waren. Da Nuendo zwar schon lange konsequent die Bedürfnisse des Audio Post Produktion Lagers bedient, aber eben letztlich auch in einer Firma programmiert wird, die ihre Tradition in der Musikproduktion und MIDI Sequenzern hat, war es nicht verwunderlich, dass die neuen Nuendo- und alten Euphonixuser einige Vorschläge hatten, wie man den Workflow der Software verbessern könnte. Kurz gesagt: Es wurde das Euphonix Automationssystem in Nuendo integriert, der Workflow der alten Euphonixhardware wurde durch Steinberg in Software "emuliert". Dabei ist den Hamburgern ein großes Lob auszusprechen, dass dies zusätzlich zur Nuendo 3 Automation ermöglicht wurde, ohne diese zu ersetzen. Die Nuendo 4 Automation erstellt also – zumindest wenn man will – Automationsdaten, die mit Nuendo 3 kompatibel sind. Im Umkehrschluss heisst das: Nuendo 3 Sessions mit enthaltener Automation laufen 1:1 auch auf dem neuen Nuendo 4 System. Bevor wir uns näher an das neue System herantasten noch eines vorweg: Jeder Faser des neuen Gewands der Atutomation merkt man an, dass sie für die Integration mit einem Hardwarecontroller gedacht ist. Der Test wurde in Zusammenhang mit einer WK Audio id Control durchgeführt. Die neuen Funktionen gelten also nicht nur für Euphonix User, sondern auch für User kleinerer Controller, dazu gehört natürlich auch die beliebte Mackie Control. Theoretisch kann man die neuen Funktionen auch mit der Maus editieren, ob sie allerdings in diesem Zusammenhang mehr Sinn machen als die herkömmlichen und altbekannten Wege sei dahin gestellt.

….neues

Zunächst einmal gibt es eine Reihe an moderaten Weiterentwicklungen des "alten" Nuendo Automationssystems. So kann man jetzt die vier Automationsmodi Touch, Xover, Auto-Latch und Trim nicht mehr nur global sondern auch per Track wechseln.

- Jeder für sich und alle für einen -

– Jeder für sich und alle für einen –

Die Tracks bekommen darüber hinaus nun einen Delta Indicator, also ein grafisches Feedback über die Änderung des Parameters. So sieht man praktischerweise sofort, ob und wie weit die neue Faderposition von den zuvor automatisierten Werten abweicht. Zwar war dies auch je nach Hardware auch schon mit Nuendo 3 möglich, in N4 wird dem User die Abweichung zumindest im Automationstrack in dB angegeben, schön wäre gewesen, wenn dieser Wert wahlweise auch in das Display des Controllers übernommen würde, sobald der entsprechechende Fader berührt wird.

- Der Delta Indicator -

– Der Delta Indicator –

Von Jungfrauen und Terminatoren

Hinter der neuen Automationsoption mit dem eigensinnigen Namen "Virgin Territory" verbirgt sich die Möglichkeit, die Automation von Nuendo 4 wirklich nur dann zu verwenden, wenn tatsächlich auch Automationsdaten vorhanden sind. Im Gegensatz zur noch bei Nuendo 3 immer aktiven Einstellung "Use Initial Value", bei der im Moment des ersten Schreibens von Automationsdaten ein Wert gesetzt wird, zu dem Nuendo immer zurück will, sobald der aktuelle Automationsdurchgang vorbei ist, verhält sich Nuendo 4 in den jungfäulichen Gebieten wirklich wie ein unbeschriebenes Blatt. Um festzulegen, wo ein solcher Bereich beginnt, nutzt Nuendo 4 den neuen Parameter "Terminator". Ist dieser gesetzt, fühlt es sich für den User an als sei der "Read" Knopf der Automationsspur aus – bis Nuendo wieder auf eine Stelle mit einem neuen Automationspunkt stößt. So kann man den Fader im "Touch" oder "Auto Latch" loslassen oder die Wiedergabe stoppen, ohne dass er automatisch wieder zum vorigen Wert zurückspringt. Welche Methode man künftig für die Automation wählt, stellt Nuendo 4 dem Benutzer frei, durch manuelles Setzen des "Terminator" Parameters in der Event Infozeile kann man sogar beide Modi kombinieren. Ausserdem wird der "Terminator" automatisch gesetzt, sobald man mit dem Range Tool einen Teil der Automationsdaten löscht und "Virgin Territory" aktiv ist, ansonsten füllt Nuendo 4 den letzten aktiven Wert in die Lücke auf.

- Eigentlich nicht als Notepadersatz gedacht: Virgin Territory -

– Eigentlich nicht als Notepadersatz gedacht: Virgin Territory –

Ein leider wirklich typischer Fall, bei dem sich so mancher User häufig gewünscht hat, den "Read" Knopf selektiv ein- und ausschalten zu können ist das Verhalten bei Mutes. In Nuendo 3 konnte es nämlich leider sehr leicht passieren, dass man im Eifer des Mixes aus Versehen den Mute Knopf gleich mehrerer Spuren schrieb. Bemerkte man dies zu spät, musste man später mühselig die Mutes aus den Automationsspuren herauseditieren – ein zeit- und nervenaufreibendes Unterfangen. In Nuendo 4 kann man das Problem mit einem einzigen Befehl umgehen. Man nimmt die "Mutes" einfach global mittels "Suspend Read" aus der Automation. Auf dem Automationspanel gibt es dafür eine Schaltfäche. Weitere Suspends gibt es für Volume, Pan, EQ, Send und Inserts oder alle anderen Automationsdaten. Fast noch besser ist es, sich anzugewöhnen, mittels "suspend write" das Schreiben der Muteautomation gleich immer zu verbannen. Übrigens: Im neuen Project Logical Editor von Nuendo 4 könnte man auch einfach alle Mute Automationsdaten aus dem Projekt löschen.

- Das neue Herzstück der Automation -

– Das neue Herzstück der Automation –

Zeig was du hast

Das Automationspanel ist auch bei der Darstellung von Automationsdaten behilflich. Während N3 nur die benutzte oder komplette Automation auf Wunsch zeigen oder ausblenden konnte, ist dies neuerdings auch für die verschiedenen Automationstypen möglich. Will man z.B. nur die EQs sehen, ist dies mit show used EQ nun selektiv möglich. Schade nur, dass Nuendo momentan dabei den selektierten Track mitunter aus dem Fokus verliert und man manuell durch die Trackliste scrollen muss. Dennoch ist die Funktion enorm hilfreich, um im Getümmel der anfallenden Daten das zu finden, was gerade editiert oder gezeigt werden soll.

Fill me up

Nicht, dass ich die bis jetzt erwähnten neuen Errungenschaften Steinbergs irgendwie schmälern wollte – sie sind alle begehrenswerte Tools für den Produktionsalltag – aber die wirklich herausragenden Neuigkeiten der Automation sind die neuen Fill und Prewiew Modi. So stehen dem User nun endlich und erstmals in einer Windows oder Mac basierten DAW diese mächtigen Tools zur Verfügung, die sehr schnelles, effizientes und vor allem komfortables Arbeiten ermöglichen.
Die Fill Modi definieren dazu Bereiche, auf die die Automation angewendet werden kann. To Start und End schreiben einen Automationswert jeweils bis ans Ende oder den Anfang der Session, was insbesondere im Falle von to End recht praktisch ein kann, wenn man weiß, dass sich zunächst an den Lautstärkeverhältnissen der Spur nichts ändern soll. To Punch ist schon etwas spezieller, es schreibt den Wert bis zum Berühren des Faders rückwirkend. Angenommen, Sie suchen die Lautstärke für eine Audiospur ab einer bestimmten Stelle. Typischerweise suchen Sie den Wert mit dem Fader zunächst, wodurch normalerweise eine ungewünschte Faderfahrt hin zur eingestellten Lautstärke geschrieben wird. Nun merken Sie sich die Einstellung, springen zu der Stelle zurück und fahren die gewünschte Lautstärke sehr viel schneller an. Evtl. müssen Sie die kleine Rampe nachträglich noch editieren. Mit to Punch geht dies wesentlich einfacher. Sie suchen ganz gemütlich ab der gewünschten Stelle eine geeignete Lautstärkeeinnstellung. Sobald diese gefunden ist, lassen Sie den Fader los und Nuendo füllt den gefundenen Wert rückwirkend bis zu der Stelle, an der Sie den Regler berührt haben, auf. Wollen Sie es zeitlich gesehen noch genauer, können Sie mit "to loop" das gleiche Spiel für einen zuvor durch die Lokatoren definierten Bereich durchführen. Markieren Sie dazu einfach Anfang und Ende der Szene, Nuendo kümmert sich um das genaue Ein- und Auspunchen der Automation. In der Praxis ist dies übrigens auch für Pannings von Effekten sehr effizient, da es in Kombination mit der "locators to selection" eine quasi eventbasierte Panningautomation ermöglicht. Eine Funktion, die in Nuendo 3 noch recht umständlich war. Die unterschiedlichen Fill Modi können auch kombiniert eingesetzt werden, so schreiben "to loop" und "to start" z.B. Automation vom Anfang der Session bis zum Ende der Loop. Doppelklickt man eine Fill Option, wird diese mit einem Schloss verriegelt und bleibt so auch nach dem Schreibdurchgang weiterhin aktiv.


Erst mal schaun…

In der Praxis erfordern viele Automationssituationen, insbesondere beim Szenenwechsel in einem Spielfilm, eine ganze Fülle zeitlich sehr nah aneinander liegenden Parameteränderungen. Extra für diese typische Mixprobolematik gibt es in Nuendo den neuen Preview Modus. Hier kann man ganz in Ruhe z.B. die Lautstärken mehrerer Kanäle setzen, wärend man die Szene loopt. Mit Suspend kann man im Wechsel die vorher gültigen Werte vergleichshören. Erst durch Aktivierung der Punch Funktion übernimmt Nuendo dann die neue Automation. So lassen sich sehr komplexe Automationsszenarien meistern, ohne dass man das Gefühl bekommnt, nicht alle Parameter gleichzeitig handeln zu können. Um das ganze noch geschmeidiger zu machen, legt Nuendo von einem getätigten Punch nach Preview automatisch ein Log an, das dann später wieder geladen werden kann und so alle getätigten Parameter wieder schnell einstellt. In diesem Zusammenhang sollte noch auf den Touch Collect Assistant aufmerksam gemacht werden, der logische Gruppen von Parametern anlegt. Ein Beispiel: Sie verändern ein Band eines EQs im Previewmodus und rufen diese Einstellung später im Projekt wieder auf. Dort sind aber die anderen Bänder des Filters evtl. komplett anders eingestellt. Daher wird das Ergebnis anders klingen als zuvor. Mit Touch collect verursacht aber das Schreiben eines Wertes das Merken aller Bänder. So ist es später egal, wie der EQ vor der Szene eingestellt ist, die sie mit Ihrem Punch Log bearbeiten wollen. Gruppieren ist möglich für EQ, Aux on/off und send, Pan und die ersten 32 Parameter eines Inserts. Die Beschränkung musste eingebracht werden, um CPU Peaks bei der Änderung zu vieler Parameter zu vermeiden. Das Ganze mag jetzt evtl. kompliziert klingen – ist aber recht einfach zu Erlernen. Die Funktionalität ist auf jeden Fall in der jetzt schon erreichten Komplexität der Integration einzigartig auf computergestützten DAW Systemen und setzt neue (alte) Maßtäbe bei Mischautomationen.

Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Ist bei nuende das freezen auch so verbockt wie bei cubase?

    Wenn ich in Cubase eine Audiospur freeze, das Projekt schließe und wieder öffne wird die Spur nicht abgespielt. Man muss sie erst unfreezen, damit man wieder was hört (was sehr unangenehm ist wenn man knappe Ressourcen hat (zb UAD Karte) und viele Spuren gefreezed hat.

    Und da sich der Support auch nicht meldet, nehme ich an das das das verlangte Geld für Nuendo auch zu hoch ist…wenn man professionel arbeiten möchte und daher auch den Support hin und wieder braucht.

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    naja, die Automation ist ja wichtig gewesen zu aktualisieren, aber die PT Automation ist meines Erachtens intuitiver – und besser.

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