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Test: Sugar Bytes Aparillo, FM-Synthesizer iOS, AUv3, VST

2. Januar 2019

Bis in den Orbit und noch viel weiter

Sugar Bytes Aparillo iOS Orbiter

Sugar Bytes Aparillo iOS Orbiter

Sugar Bytes Aparillo ist ein 16-stimmiger FM-Synthesizer für Desktop, der nun auch für iOS herausgekommen ist. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Erstellen von bewegten Klanglandschaften. Grund genug, sich den Sugar Bytes Aparillo (deutsche Mundart für „Apparat“?) einmal näher anzusehen.

Sugar Bytes sind schon eine ganze Zeit im Geschäft und haben einige legendäre Produkte in ihrem Katalog wie z. B. Factory oder Egoist sowie andere, die auch schon von AMAZONA.de getestet wurden.
Ihre Effekte Turnado, Effectrix und Thesys sind sogar schon seit über fünf Jahren für das iPad erhältlich. Leider muss man sagen, dass genau diese Effekte direkte Portierungen der Desktop-Versionen sind, die auf dem Touchscreen nicht funktionieren. Allen voran Turnado ist auf dem iPad fast unbenutzbar, so kleinteilig, unterdimensioniert und verschachtelt ist das zu 100 % auf punktgenaue Mausbedienung ausgelegte Interface. Turnado auf iOS ist mit Abstand das absolut schlechteste Interface-Design, das mir je untergekommen ist, dicht gefolgt von Thysis, das seine eigenen Problem damit hat, seine „Zoomen-zum-Bedienen“-Handhabung und Submenüs auf dem Touchscreen zu kommunizieren. Diese beiden Apps sind Paradebeispiele dafür, wie Touchscreen-Interfaces nicht funktionieren. Diese Kritik gilt nicht für die Desktop-Versionen!

Sprung zu Sugar Bytes Aparillo.

Auch dieser Synthesizer erblickte zuerst als Desktop-Version das Licht der Welt. Doch anscheinend wurde er schon mit Hinblick auf den Touchscreen designt, denn in dem Maß wie Turnado versagt, kann Sugar Bytes Aparillo hier triumphieren. Keine Submenüs, große Bedienelemente und eine 2D-Spielwiese zum Arrangieren von Klangmodulatoren. Bravo!

Sugar Bytes Aparillo iOS Synth-Page

Sugar Bytes Aparillo iOS Synth-Page

Synth-Seite

Hier stehen zuerst einmal drei FM-Algorithmen Algo 1 bis 3 zur Wahl, die per vertikalem Wischen umgeschaltet werden. Die Unterschiede beziehen sich auf die Verquickung der beiden FM-Operatoren (pro Stimme) beziehen. Algo 1 behandelt OP-I und OP-II als unabhängige Einheiten, Algo 2 benutzt OP-I als Modulator von OP-II und ersetzt damit dessen internen Modulator. Der erste Ratio-Parameter von OP-II wird dabei für das Carrier-Signal von OP-I verwendet. Algo 3 arbeitet auf die gleiche Weise wie 2, nur wird hier de zweite Ratio-Parameter für das Carrier-Signal von OP-I angewendet, was in einer größeren harmonischen Bandbreite resultiert.

Sugar Bytes Aparillo iOS - Algos

Sugar Bytes Aparillo iOS – Algos

Für jeden Algorithmus gibt es noch einen Q(antize)- und einen H(armonics)-Modus, der andere Frequenzverhältnisse zwischen den beiden Operatoren festlegt.

Die klangformenden Parameter von Sugar Bytes Aparillo werden über zehn Parameter eingestellt, die als fingerfreundliche, vertikale Schieberegler ausgelegt sind. Unter den Slidern sind mit einem Tippen auf Symbole die Modulationsmöglichkeiten für die Parameter zugänglich.

Sugar Bytes Aparillo iOS SYNTH MOD

Sugar Bytes Aparillo iOS SYNTH Modulationsparameter

Im Modulations-Pop-up-Menü mit 13 Modulationsquellen, sechs Auswahlmöglichkeiten, welche der 16 Stimmen moduliert werden, wie z. B. jede gerade, ungerade, dritte oder fünfte Stimme, mit einer unipolar oder bipolar einstellbaren Auslenkung (Lautstärke).
Der erste RATIO-Regler bezieht sich auf den phasenmodulierenden Oszillator OP-I und bestimmt dessen Tonhöhe im Verhältnis zur eingehenden (gespielten) Tonhöhe. Ein Verhältnis von 2:1 lässt den Oszillator doppelt so schnell schwingen wie die die gespielte Tonhöhe. Der FM-Parameter bestimmt die Intensität der Phasenmodulation auf den Carrier. Das zweite Paar RATIO- und FM-Parameter beziehen beziehen sich auf OP-II und funktionieren exakt gleich.

Sugar Bytes Aparillo iOS Pitch Generator

Sugar Bytes Aparillo iOS Pitch-Generator

Als letzter Parameter auf der linken Seite des Displays ist der SHIFT-Parameter für den Tonhöhengenerator. Der dient dazu, die 16 Stimmen des Sugar Bytes Aparillo auf die eingestellte Skala zu mappen. Es stehen z. B. Dur- und Moll-Skalen zur Verfügung, die bei Bedarf auch, wie alle Parameter, moduliert werden können. Die Anzeige des Pitch-Generators ist leider sehr klein. Das macht die Bedienung sehr frickelig, zumal die Pitch-Punkte nur einer nach dem anderen horizontal verschoben werden können. Hier merkt man leider doch wieder den Keyboard&Mouse-Ursprung von Sugar Bytes Aparillo, selbst auf dem großen iPad Pro. Zum angenehmen Arbeiten müsste die Anzeige mindestens doppelt so groß sein.

Sugar Bytes Aparillo iOS Formant & Wave-Shaper

Sugar Bytes Aparillo iOS Formant & Wave-Shaper

Das Modulations-Pop-up für den FORM-Parameter bietet noch je zwei Formant-Shifter und Wave-Shaper-Effekte.

JITTER

… ist ein granularer Parameter und macht genau das, wonach er benannt wurde. Er induziert zufällige Abweichungen in das erzeugte Oszillatorsignal. Allerdings wurde er dahingehend optimiert, weniger drastisches Granularrauschen zu erzeugen.

BRIGHTNESS

… ist eine Rückkopplungsschleife in der FM-Engine, welche die finale Schwingungsform mehr in Richtung Sägezahn drückt und damit mehr harmonische Anteile, aber auch einen klassischeren (subtraktiven-analogen) Klang erzeugt.

Sugar Bytes Aparillo iOS LFO1

Sugar Bytes Aparillo iOS LFO1

Die beiden LFOs verfügen über recht umfangreiche Parametersätze. Sie haben zwar nur Sinus, positiven bzw. negativen Sägezahn als Schwingungsformen, können dafür aber über MIDI neu gestartet werden. Mit JITTER für die Parameter RATE (Frequenz) und PHASE werden insgesamt 16 LFO-Frequenzen und Phasenlagen erzeugt, die nach Belieben überblendet werden können.
Über den GRAVITATION-Parameter kann noch ein komplexes Abklingverhalten auf die LFOs angewendet werden. Die beiden LFOs unterscheiden sich mit den Parametern QUANTIZE und S&H, deren Frequenz sich in musikalischen Taktgrößen einstellen lässt.

Sugar Bytes Aparillo iOS FX

Sugar Bytes Aparillo iOS FX

FX-Seite

Auf der Effektseite gibt es das Filter mit wahlweisem Hoch-, Band- und Tiefpass in je drei Ausführungen mit steigender Sättigung sowie Peak, Kamm und Vowel. Daneben der Spatializer, der als Delay, Hall oder durchgestimmes Kammfilter agieren kann. Filter und Spatializer können auch mit dem „<->“ Symbol in der Reihenfolge vertauscht werden. Die beiden Effekte sind genau so wie die Synth-Parameter modulierbar. Der Rest der Effekte, das Panorama, das Standard-Delay und -Reverb haben keine weiteren Modulationsmöglichkeiten.

Sugar Bytes Aparillo iOS Env

Sugar Bytes Aparillo iOS Env

Hüllkurven

Hier finden wir die Modulations- und die Amplituden-ADSR-Hüllkurven. Das Besondere sind die Modulationsmöglichkeiten jeder einzelnen Phase der Hüllkurve. Die A-, D-, S- und R-Phase der MOD- und AMP-Hüllkurve könne mit den exakt gleichen Parametern moduliert werden, wie die Synthese-Parameter, inklusive mit sich selbst.

Zur Erleichterung beim Arbeiten oder einfach, weil noch Bildschirmplatz übrig war, können die beiden LFOs 1 und 2 auch von der ENV-Seite aus editiert werden. Es sind aber dieselben wie von der SYNTH-Seite.

Sugar Bytes Aparillo iOS Orbiter

Sugar Bytes Aparillo iOS Orbiter

Orbiter

Diese Seite ist wohl das Herzstück von Sugar Bytes Aparillo. Hier gibt es das Zentrum, den roten Orbiter, um den hierum die 15 Parameter-Objekte frei angeordnet werden können. Augenscheinlich inspiriert vom Reactable-Soundsystem, haben diese Objekte einen einstellbaren Konnektivitätsradius, mit dem sie sich mit dem Orbiter verbinden. Jedes Objekt hat die gleichen vier Parameter „Auswirkung (bipolar)“, „Wirkradius“, „Lautstärke“ und „Panorama“. Inwieweit sich die Objekte und den Kern gegenseitig beeinflussen, hängt von ihrem Abstand zueinander ab.
Der Orbiter kann auch per Hand auf dem Bildschirm verschoben wurde. Seine aktuelle Position kann auch per MIDI-Noten in 128 Speicherplätzen abgespeichert und abgerufen werden oder man bewegt sich per X/Y-MIDI-Pad oder -Joystick. Die maximale Aufzeichnungsdauer beträgt 32 Takte.

Sugar Bytes Aparillo iOS - Orbiter-Effekte

Sugar Bytes Aparillo iOS – Orbiter-Effekte

Arpeggiator

Abgerundete wird der Sugar Bytes Aparillo mit dem Arpeggiator, der auch etwas Besonders ist. Beispielsweise gibt er keine Noten aus, sondern „polyphone Lautstärkehüllkurve-Schalter“ .
Eine Beschreibung der Auslösemodi verdeutlichen dessen Verhalten etwas: Threshold (LFO1/2) – Sobald eine der 16 Positionen eines LFOs den Grenzwert überschreitet, wird die entsprechende Stimme (1-16) ausgelöst. Der Threshold kann entlang der Y-Achse verschoben werden.
Collison – Sobald zwei LFO-Werte vom gleichen Step (1-16) sich berühren, wird die entsprechende Stimme (1-16) ausgelöst.
Schließlich schaltet die CLOCK-Option den Arpeggiator in einen Step-Sequencer mit Vorwärts- und Rückwärtsbewegung, je nach Einstellung.

Sugar Bytes Aparillo iOS AUv3

Sugar Bytes Aparillo iOS AUv3

Fazit

Die Klangerzeugung von Sugar Bytes Aparillo sieht zunächst simpel aus, doch die wahren Tiefen erschließen sich einem erst nach und nach. Besonders die umfangreichen Modulationsmöglichkeiten, die außergewöhnliche Umsetzung einiger Parameter und nicht zuletzt die Orbit-Seite laden zu einer Klangreise ein. Die Balance, die Sugar Bytes Aparillo zwischen Klangdesign und musikalischer Anwendbarkeit hält, macht den Synth vielseitig einsetzbar, doch der Schwerpunkt liegt bei sphärischen und cinematischen Klängen. Die nächstbesten FM-Bass- Keys- und Lead-Sound kann er zwar auch, aber da ist der Sugar Bytes Aparillo doch eher dran verschwendet, kann er doch so viel aufregendere und ungewöhnlichere Klänge.

Plus

  • ungewöhliches Klangkonkzept und frische Idee
  • Orbiter
  • AUv3

Minus

  • Pitch-Generator-Fenster zu klein

Preis

  • iOS Grundversion: gratis
  • iOS Vollversion entsperren 19,99 Euro
  • Desktop-Version VST, AU, AAX 99,- Euro
Forum
  1. Profilbild
    mariemusic  

    Danke für die Vorstellung dieser App. So schnell hätte ich diesen genialen Klangerzeuger sonst gewiß nicht entdeckt. Suchtpotenzial!

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    gaffer  AHU

    Ich habe es jetzt nur mal kurz angespielt, wäre bei den ersten Sounds ein E Piano dabeigewesen, hätte ich es sofort wieder gelöscht ;). Anders gesagt, die Auswahl der Presets in Richtung Geräusch und eher ungewöhnlicher Sounds sagt mir zu. Bei der Ansage 3 Algo mit je 2 Operatoren hätte ich fast nicht mehr weitergelesen, also sollte man grundsätzlich zuerst probieren. Kostet hier ja nichts. Der Zwanziger für die Vollversion wird demnächst investiert.

    Aber so mal von aussen betrachtet, zwei drei Produkte raushauen, indem man eine Desktop App direkt auf iPad rausgibt, kann auch nach hinten losgehen. Wer da zwei mal eine unbedienbare App kauft, macht das kein drittes mal mehr. Die hier ist gut gemacht, ich hoffe, das kommt an.

    Etwas OT, ich finde es schade, dass ich eine immer längere Liste meiner „Käufe“ im AppStore bekomme und lediglich kurz ausprobiertes oder obsoletes (Stadtführer in XYZ) nicht löschen kann. So finde ich Relevantes manchmal fast gar nicht mehr, schade.

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      Markus Schroeder  RED

      Wenn Du im App Store auf „Käufe“ gehst (Benuzter-Icon anklicken) kannst Du mit enem Wischen nach links die „Ausblenden“-Option sichtbar machen. Dann wird das in der Liste nicht mehr angezeigt.

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    Ruby  

    Leute! Sagt mir mal ob ich das brauche oder nicht! Ich habe schon Zebra (+viele andere), aber das hier lacht mich auch an.

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    SeorehCinatas

    Habe mir auch die kostenfreie Version der App heruntergeladen und war zuerst sehr beeindruckt vom Klang :: Ich weiß nicht genau warum, aber je länger ich die App im Einsatz hatte je mehr kam in mir das Gefühl auf, es hier mit etwas zu tun zu haben, das so gar nichts mehr mit einem musikalischen, instrumentalischen Klangerzeuger gemein hat ::
    Ich bin nun sehr gespannt auf die Synclavier Go! App, die Arturia Variante finde ich sehr gut vom Klang, so etwas für das IPad wünsche ich mir schon länger ::

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