Test: TC Electronic Gauss Tape Echo, Gitarren Pedal

6. November 2018

Tonband oder doch Eimerkette?

TC Electronic Gauss Tape Echo

— TC Electronic Gauss Tape Echo —

An alle, die nicht bereits ihr komplettes physikalisches Wissen nach Schulabschluss in die Tonne getreten haben. Kommt euch die Einheit „Gauß“ oder auch im angloamerikanischen (und natürlich der Schweiz) als „Gauss“ noch irgendwie bekannt vor? Magnetische Flussdichte? So sieht es aus. Was denkt sich der gewiefte Marketingexperte für Simulationen eines Tape-Delays? Nehmen wir doch mal einen Begriff aus dem Magnetismus und der Kunde weiß Bescheid, was auf ihn zukommt. Gesagt, getan, das dänische Unternehmen TC Electronic bringt mit dem Gauss Tape Echo ein sehr preiswertes Bodeneffektpedal auf den Markt, das dem User die Aura der großen analogen Boliden à la Roland Space Echo oder WEM Copycat zumindest ein klein wenig einhauchen soll.

TC Electronic Gauss Tape Echo

Was soll denn der ganze Analog-Hype?

Eine gute Frage, welche eine weiter gehende Antwort verdient. Wer im digitalen Zeitalter aufgewachsen ist, wünscht sich bestimmt keine Buchhaltung mit Kassenbüchern mehr zurück und auch der kabelgebundenen Festnetztelefonie weint bestimmt niemand auch nur eine Träne nach. Die gleiche nahezu unendliche digitale Verfügbarkeit von Tausenden von Sounds und Tönen, welche moderne DAWs und ihre Freunde bieten, bringen jedoch gerade die Vertreter der sechssaitigen Zunft in arge Bedrängnis.

Die E-Gitarre an sich ist ja schon der pure Anachronismus, hält sich aber wie Bier trinken und Verbrennungsmotoren seit Dekaden mit an der Spitze der beliebtesten Instrumente. Physikalisches Schlagen auf dünne Stähle, die mittels elektromagnetischer Spulen über einen Röhrenverstärker verzerrte Klänge ausspuckt, ist genauso urzeitlich, wie es sich anhört und gerade deshalb ist es so beliebt. Das Unperfekte, das Chaotische und das fehlerhaft Krachende liegt Gitarristen einfach im Blut, weshalb er auch gerne in den Anfängen der E-Gitarre vor knapp 60 Jahren alles Mögliche ausprobierte, um seinen persönlichen Sound zu finden. „Wir hatten ja nix …“

Meines Wissens nach war es Übervater Les Paul, der erstmals mit einem umgebauten Tonbandgerät die ersten künstlichen Echos erzeugte und für eine neue Ära sorgte. Die ersten Tape-Delays waren demnach nicht nur ein Endlostonband mit mehreren Tonköpfen, welches in der Geschwindigkeit regelbar war, sondern zwischen Verstärker und Amp geklemmt, auch ein Röhren-Booster der ersten Stunde. Ein Effektweg? Kommt in ca. zwanzig Jahren! Die daraus resultierenden Sounds gelten auch heute noch als Referenz für alle Formen der Echo-Tonformung und dies nicht nur bei Retro-Combos oder Vintage-Lümmeln à la Leonard Albert „Lenny“ Kravitz.

TC Electronic Gauss Tape Echo - Front

— TC Electronic Gauss Tape Echo – Front —

Echte analoge Breitwandsounds für nur 49,- Euro?

Genau, wir nehmen einen Fuffie in die Hand und schenken uns den ganzen Spökes von wegen Gewicht, Verfügbarkeit, Wartung und Preis der Originalen. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass diese Rechnung natürlich nicht aufgeht. Wenn man sich jedoch anschaut, dass man z. B. für eine gut erhaltenes Roland Space Echo knapp 30 Stck. des TC Electronic Gauss Tape Echo bekommt, wäre es ja schon eine gute Entwicklung, wenn das in China gefertigte Pedal die wichtigsten Eckdaten eines echten Tape Delays einfangen könnte.

Einfach mal eine kleine Auflistung, was ein altes Tape-Delay ausmacht (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

1.) Warmer Grundsound der Echos
2.) Die Wiederholungen des Signals klingen etwas muffiger
3.) Je nach Alter des Tonbandes leiert die Wiederholung des Signals etwas
4.) Die maximale Echozeit liegt bei etwas mehr als einem Slapback-Echo
5.) Die Lautstärke des Echos ist regelbar
6.) Die Anzahl der Wiederholungen liegt bei ca. 4 (5 Tonköpfe, einer nimmt auf, 4 spielen wieder ab)
7.) Das Signal der Gitarre kann geboostet werden

Das TC Electronic Gauss Tape Echo im Detail

Erster Eindruck: mehr als nur massiv! Das in Nato-Grün gehaltene Blechgehäuse macht einen exzellenten Eindruck und deutet auf lange Haltbarkeit. Die drei Regler Delay (Verzögerung), Volume (Lautstärke des Delay-Signals) und Sustain (Anzahl der Wiederholungen des Signals), laufen angenehm schwergängig, man hat wahrlich nicht das Gefühl eines Pedals unter 50,- Euro. Auch der True-Bypass-Schalter macht einen guten Eindruck. Zudem kommt das Pedal mit einer für ein Delay-Pedal ungewöhnlich geringen Leistungsaufnahme von nur 100 mA klar. Da freut sich das Netzteil im Daisy Chain!

Das Gerät kann auch wahlweise mit einer 9-Volt-Batterie betrieben werden, allerdings macht es einem der Hersteller nicht leicht, die Alternative anzunehmen. Vorbildlich: Der Batterie-Clip wird bei nicht eingesetzter Batterie von zwei festen Schaumstofflöchern gehalten und labbert nicht in der Elektronik herum. Nachteil: Es gibt keine Batterieöffnung am Gehäuse, d. h. für einen Batteriewechsel muss das Unterteil des Gehäuses mit vier sehr fummeligen Kreuzschlitzschrauben an der Seite demontiert werden, eine Arbeit zum Abgewöhnen!

TC Electronic Gauss Tape Echo - Seitenansicht

— TC Electronic Gauss Tape Echo – Seitenansicht —

Der Klang des TC Electronic Gauss Tape Echo

Also dann, Gitarre in das Pedal, Sound erst einmal ohne Pedal einstellen, dann Pedal treten und … oha … der Pegel der Gitarre nimmt massiv ab! Es ist mir nicht ersichtlich, warum dies der Fall ist, aber es lässt sich auch durch das Drehen der Regler nicht beheben. Da der Volume-Regler des Gauss Tape Echo nur die Lautstärke des Delays regelt, kann man auch hier nichts machen. Ganz klar, ein sehr fetter Minuspunkt! Lässt man das Gerät während seines Sets auf Dauerbetrieb, kann man den Pegel ja eventuell noch angleichen, sofern man keine echten High-Gain-Sounds verarbeiten möchte, aber gerade z. B. bei einem Solospot, wo man seinen Sound mit einem Delay anfetten möchte, besser noch die Lautstärke etwas erhöhen will, bricht dir der Sound weg. Geht gar nicht!

Schauen wir uns doch einmal die o. g. Punkte 1 – 7 durch und überprüfen die Vergleichbarkeit.

1.) Der Grundsound der Echos ist in der Tat recht angenehm. Nicht unbedingt warm, aber mit einem analogen Charakter. Für den Ladenpreis ein guter Sound.

2.) Die Wiederholungen des Signals sind in der Tat etwas muffiger, allerdings wird jede weitere Wiederholung des Signals noch etwas muffiger. Dies ist nicht das typische Verhalten eines Tape-Delays. Hm … mir schwant etwas …

3.) Mittels des Mod-On-/Mod-Off-Schalters kann man dem Echo-Signal einen ganz, ganz kleinen Hauch von Leiern hinzufügen, was aber so subtil ist, dass es faktisch kaum wahrgenommen wird. Mir erschließt sich nicht, warum dieser Effekt so subtil ausgeführt wurde. Hätte man deutlich intensiver ausführen sollen oder gleich ganz sein lassen.

4.) Die moderne Technik macht es möglich, die maximale Delay-Zeit dürfte bei Bedarf über 2000 ms liegen, wobei man auch sehr schöne kurze Slapbacks erzeugen kann. Hier punktet das TC Electronic Gauss Tape Echo gegenüber den Originalen.

5.) Passt! Von ganz weg bis hin zu „Originalsignal ganz weg“ mit allem dazwischen.

6.) Die Anzahl der Wiederholungen kann man bis zur Unendlichkeit steigern. Genau, Unendlichkeit, bei Rechtsanschlag offenbart das „Tape-Delay“ seine eigentliche Funktion. Das Aufschwingen der Echo-Lautstärke mit immer muffigerem Klang ist eindeutig das Verhalten eines Analog-Delays.

7.) Nichts dergleichen, im Gegenteil, siehe oben.

TC Electronic Gauss Tape Echo - Stirnseite

— TC Electronic Gauss Tape Echo – Stirnseite —

Nun denn, als Fazit muss man dem TC Electronic Gauss Tape Echo leider eine völlig falsche Bezeichnung attestieren. Von wegen Tape Echo, vielmehr handelt es sich um ein klassisches Analog-Delay im Eimerketten-Prinzip, dem man einen sehr subtilen Jitter-Effekt mittels eines Schiebereglers spendiert hat. Ob TC den Namen gewählt hat, um sich von der Masse der Analog-Delays abzuheben oder weil es vielleicht ungewöhnlicher klingt, kann ich nicht sagen. Fakt bleibt hingegen, dass die Bezeichnung irreführend ist. Man bezeichnet einen Flanger ja auch nicht als Chorus, nur weil die technische Ausrichtung eine gewisse Verwandtschaft aufweist.

Hübsch wie immer bei Analog-Delays ist die Ab- und Zunahme der Tonhöhe des Delays, sobald man während der Wiederholung am Delay-Regler dreht. Hübscher Zeitvertreib, aber wer kriecht schon während der Performance auf dem Boden herum, schlägt die Saiten an, um dann mit dem Regler ein nettes Kasperletheater zu praktizieren. Obwohl, einen solchen „Freak-Out“-Part habe ich doch auch schon mal irgendwo gesehen.

Fazit

Mit der Bezeichnung TC Electronic Gauss Tape Echo tut sich der dänische Hersteller meines Erachtens keinen Gefallen. Das als Tape-Delay bezeichnete Pedal entspricht 1:1 einem klassischen Analog-Delay, das mit einem unscheinbaren Modulationsschalter angereichert wurde. Für die Bezeichnung Tape-Delay reicht das nicht aus. Wer hingegen ein gut klingendes Analog-Delay sucht, ist bei dem TC Electronic Gauss Tape Echo gut aufgehoben.

Was hingegen überhaupt nicht geht, ist der Pegelabfall, sobald das Gerät aktiviert wird. Für mich eine klassische Fehlkonstruktion, welche die Praxistauglichkeit deutlich einschränkt. Dieser Makel sollte meines Erachtens unbedingt bei der nächsten Charge behoben werden. Wegen des geringen Preises und der großen Spielfreude, die das Produkt generiert, gibt es aber einen Punkt mehr, als das TC Electronic Gauss Tape Echo meines Erachtens verdient hätte.

Plus

  • gute Verarbeitung
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • Pegelabfall bei Aktivierung
  • falsche Produktbezeichnung
  • fummelige Gehäuseschrauben

Preis

  • Ladenpreis: 49,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    syntach  

    Ein weiteres Delay Pedal, das ok klingt, aber das ich nicht von anderen unterscheiden könnte.

    Ist es so schwer, eines zu bauen, das weniger flach klingt, organischer, lebendiger?

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    AMAZONA Archiv

    Ich bin ja totaler Fan von diesen alten Tape Echos. Vielleicht sollte sich Behringer mal dieser Technik annehmen und Kopien zu einem humanen Preis auf den Markt werfen. Die Leute warten doch nur darauf.
    Das gilt auch für die tollen, alten Echos mit Chorus Option, wie von Korg z.B.
    Roland, Evans, Dynacord, Solton, Echolette, … ich bin da für alles sehr offen. Gerne auch modifiziert als Zusatzoption(en). dass es schneller alt, ausgeleiert, schmutzig oder dergleichen klingen kann.
    Echogeräte kann man gar nicht genug haben.
    Das neue Zeug klingt mir alles nicht organisch genug.
    Selbst das El Capistan kommt nicht an die Spezialgeräusche der alten Dinger heran. Und genau die wollen wir ja haben. Muss sich so anhören, als hätte das Teil die letzten Jahre in einer Mottenkiste verbracht ;-)

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    fatzratz  

    … sorry, aber irgendwie macht mich der Artikel etwas ratlos. Auch wenn im Text steht „…handelt es sich um ein klassisches Analog-Delay im Eimerketten-Prinzip…“, irritiert doch die ungewöhnlich lange Delayzeit und das Fazit „…entspricht 1:1 einem klassischen Analog-Delay…“. Ist es denn nun ein echtes analoges Eimerkettendelay oder ein digital nachmodelliertes Eimerkettendelay?

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      volcarock  

      Mein EHX DMM TT1100 hat als Eimerkettendelay 1100 ms Verzögerung, was für diese Technik schon sehr lang ist.
      Das TC Teil ist doch digital: „… Our custom-designed, cutting-edge tape algorithm lets you create powerful subsonic pitch dives…“

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        Stephan Güte  RED

        1100 ms ist in der Tat schon sehr lang und fast das Ende der Fahnenstange für die kleinen Eimerketten-Chips. Danach wirds schon breiig und rauschig, in aller Regel. Aber mehr, als 1 Sekunde .. sollte eigentlich reichen.

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    iggy_pop  AHU

    Es mag — wieder einmal — am verwendeten Saitengezupfe liegen, aber wie ein Bandecho klingt *das* sicher nicht, da braucht es schon ein bißchen mehr.
    .
    Beim Bandecho entscheidet die Anzahl der Köpfe nicht über die Anzahl der Echowiederholungen, sondern darüber, welche rhythmischen Muster man durch die unterschiedlichen Kombinationen mehrerer Köpfe erzeugen kann. Da sind Geräte mit mehreren Köpfen (Evans/Solton/Univox, Roland RE, Korg SE) eindeutig im Vorteil gegenüber Geräten mit nur einem Kopf, der auf einer verschiebbaren Schiene montiert ist (Echocord, Echoplex).
    .
    Die Anzahl der Echowiederholungen regelt der Repeat-Regler, der das Ganze dann auch schön ins endlose Feedback schicken kann (landendes UFO etc.).

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      Stephan Güte  RED

      „Beim Bandecho entscheidet die Anzahl der Köpfe nicht über die Anzahl der Echowiederholungen, sondern darüber, welche rhythmischen Muster man durch die unterschiedlichen Kombinationen mehrerer Köpfe erzeugen kann. “

      Und genau aus DEM Grund gebe ich mein Catalinbread Echorec nie wieder her ;)

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      swissdoc  RED

      Was ich in all den Jahren gelernt habe, wenn es nach Tape-Echo klingen soll, dann sollte man auch ein Tape-Echo nehmen. Wenn es nach Federhall klingen soll, dann sollte man einen Federhall nehmen. Diese Liste liesse sich nun beliebig fortsetzen…

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        Axel Ritt  RED

        dem ist wenig hinzu zu fügen, allerdings fallen die Originale aufgrund der mechanischen Belastung natürlich irgendwann einmal auseinander. Spätestens dann wird irgendein Boutique Hersteller das Prinzip wieder aufgreifen und auf Vollröhrentechnik eine Luxusvariante im ambitionierten vierstelligen Bereich nachbauen.

        Der ambitionierte Nachwuchsgitarrist kann es ja dann zusammen mit seinem Kemper betreiben … hahaha

  5. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Es dürfte wohl klar sein, dass man für 50,-€ keinen Tape-Echo-Clone verlangen kann. Selbst mein geliebter El Capistan erreicht nicht ganz den vollen Charakter einer echten Senkel-Maschine. Daher nutze ich immer noch gerne mein 42 Jahre altes Akai 4000DS Mk ll dafür…

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