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Test: Tegeler Audio Manufaktur VTRC V1, Recording Channel

7. Mai 2012

Recording Channel mit Röhren-Technologie


Anmerkung der Redaktion:

Mittlerweile hat TEGELER AUDIO bereits eine verbesserte Version des VTRC auf den markt gebracht. Auch diese Version haben wir ausführlich getestet. Dafür bitte HIER klicken.
AMAZONA.de-Redaktion / Juli 2015

Tegeler Audio Manufaktur VTRC V1 Recording Channel

Die Geräte der Berliner Firma sind dafür bekannt, ihren Fokus auf den Klang und den Preis zu legen. Insofern ist der Vari Tube Channel bei hochwertigem Innenleben immer noch recht preiswert.

Der Vari Tube Recording Channel (VTRC) ist ein hochwertiges Frontend mit charaktervollem Klang für Mikrofon- oder Line-Signale, bevor diese über einen externen Analog-Digital-Konverter geführt werden. Ein hochohmiger Instrumenteneingang mit 100 kOhm ist ebenfalls vorhanden.

Technische Basics

Der Mikrofoneingang wird direkt über einen Übertrager geführt. Die Impedanz ist mit >600 Ohm angegeben. Der maximale Eingangspegel beträgt +12 dBu, was für einen Mikrofoneingang schon recht viel ist. Frontseitig ist eine XLR-Klinken Kombibuchse angebracht, deren XLR-Teil dem Mikrofoneingang auf der Rückseite direkt parallel geschaltet ist. Die Klinkenbuchse ist für den Instrumenteneingang vorgesehen und schaltet bei Belegung automatisch alle anderen Eingänge ab.
Dem Line-Eingang ist standesgemäß ebenfalls ein Übertrager spendiert worden. Die Impedanz beträgt hier 2,4 kOhm und er verträgt bis 20 dBu Pegel.
Der mit 600 Ohm über einen Übertrager geführte Ausgang kann bei Bedarf natürlich komplett erdfrei betrieben werden und liefert maximal 24 dBu an Pegel.

PreAmp

Die Eingangsstufe ist zweiteilig aufgebaut. Der Input-Regler ist für den Pegel verantwortlich, der dem Vorverstärker zugeführt wird. Der Gain-Regler ist hingegen für den Klangcharakter des Vorverstärkers zuständig. Er bestimmt, wie die Röhre angefahren wird und somit das Sättigungsverhalten. Die Zweiteilung empfinde ich als sehr praktisch, da man einerseits einen relativ cleanen Klang, andererseits auch einen stark mit Obertönen angereicherten Klang einstellen kann. Möchte man Signale richtig verzerren, so kann man auch Line-Signale an den Mikrofon-PreAmp anschließen.
Dass Features wie Phantomspeisung (48V), ein Phasenumkehrschalter und ein Hochpassfilter in einem Kanalzug nicht fehlen dürfen, versteht sich von selbst. Letzterer ist hier sogar zweistufig ausgeführt und zwar in den Frequenzen 80 und 160 Hz.

Equalizer

Eine weitere Besonderheit des VTRC ist der passiv aufgebaute Equalizer. Wer jetzt direkt an Pultec denkt, liegt hier goldrichtig. Dies resultiert in einem besonders weichen Klang, den aktive Equalizer in dieser Form nicht hinbekommen. Der EQ ist dreibandig ausgeführt. Das Tiefenband kann im Pegel nur angehoben werden, die Frequenzen können gestuft von 200 Hz bis 1 kHz gewählt werden. Das Mittenband kann hingegen nur abgesenkt werden und arbeitet im Frequenzbereich zwischen 200 Hz und 9 kHz. Das Höhenband kann wieder nur angehoben werden ist zwischen 1,5 und 24 (!!) kHz wählbar. Das Anheben der Höhen in solch hohen Frequenzen scheint zunächst unsinnig, jedoch ist die Bandbreite der Filter so groß, dass auch noch hörbare Frequenzen merklich angehoben werden. Je nach Gusto klingt das sehr edel.
Sehr gelungen finde ich die Funktionsweise der Verschaltung zwischen Equalizer und Kompressor. Erstens kann man auswählen, welche der beiden Stufen zuerst am Signal arbeitet (Reihenfolge). Zweitens ist es möglich, dass der EQ nur im Analysepfad des Kompressors arbeitet und das eigentliche Signal unangetastet lässt. Damit ist es quasi als Zugabe möglich, den Kompressor in der Regelcharakteristik zu beeinflussen.

Kompressor

Es gibt gleich zwei Kompressoren, den Vari-µ Kompressor und den optischen. Der Röhrenkompressor lässt eine Röhre als verstärkendes Element fungieren, und die Röhre wird über eine Steuerspannung in der Verstärkung geregelt.
Der Optokompressor hat ein anderes Regelverhalten, welches durch ein Optoelement erreicht wird. Die Opto-Kompression ist sehr effektvoll und sogar zusätzlich zum Vari-Tube Kompressor schaltbar. Das Regelverhalten im Zeitbereich kann mit einem Schalter zwischen schnell, langsam und automatisch eingestellt werden.
Mit nur einem Regler für Ratio und Threshold ist der Kompressor sehr einfach zu bedienen und klingt wirklich sehr gut!

Stereo-Link

Über die Stereo-Link Klinke auf der Rückseite können zwei VTRCs zu einem Stereosystem zusammen geschaltet werden, falls Stereoaufnahmen oder Bearbeitungen geplant sind. In der Regel wird man den VTRC aber für einzelne Monosignale einsetzen.

Verarbeitung

Neben dem Klang spielen Optik und Verarbeitung eine untergeordnete Rolle. Dennoch bin ich über die Verarbeitung nicht negativ überrascht. Sie ist ordentlich und macht einen stabilen Eindruck. Die Bauteile sind allesamt hochwertig. Im Vergleich zu manchem China-Vintage-Produkt freue ich mich jedenfalls über die Qualität. Lediglich die Kanten der Aluminiumfrontplatte sind leider recht scharfkantig, und die Potis sind leider nicht mit der Front verschraubt, wohl aber die Drehschalter. Sie geben der Platine zusammen mit den Kippschaltern den nötigen Halt. Die rückseitigen XLR-Anschlüsse sind gute Neutrik-Metallausführungen, die ich sehr zu schätzen weiß.

Klangcharakter

Dank der vier verbauten Röhren und dem Schaltungsdesign vermag sich der VTRC vom modernen Allerlei abzuheben. „Vintage“ ist hier die absolut korrekte Beschreibung des Klangcharakters, ohne damit negative Attribute aufzurufen. Natürlich sind Rausch- und Verzerrungsverhalten nicht auf dem Niveau von moderner High-End-Technik, aber genau das macht den Klang des VTRC aus. Die Vorverstärkerstufe klingt schon in der cleansten Einstellung sehr obertonreich und kann bin hin zur starken Verzerrung ausgereizt werden. Vor allem im Zusammenspiel mit dem EQ und dem Kompressor kommt dieses Klangideal besonders gut zur Geltung.
Der EQ ist von passiver und gemächlicher Natur und kein analytisches Werkzeug. So hebt er recht breitbandig an. Das Mittenband ist etwas schmaler um beispielsweise störende Formanten etwas abzuschwächen. Wie in den Messungen zu sehen ist, lenken die Bänder bis unterschiedlich weit aus und beeinflussen sich gegenseitig. Für einen Aufnahme-EQ ist das absolut ausreichend. Chirurgische Eingriffe würde ich erst nach der Aufnahme mit Plug-ins vornehmen. Insofern ist auch zu konzeptionell zu verstehen, dass der EQ im Vergleich mit einem aktiven Vollparametrischen nicht allzu flexibel ist.


Sowohl der Vari-Tube als auch die Regelcharakteristik des Opto-Kompressors tragen sehr stark zum Gesamtsound des VTRC bei. Ich finde gerade die eindeutig wahrnehmbaren Kompressionen der beiden sehr gelungen, auch wenn bei entsprechender Einstellung natürlich auch sanfte kaum hörbare Kompression möglich ist. Während der Opto ganz charakteristisch ziemlich zur Sache geht, ist der VariTube zum Beispiel für Vocals sehr gut zu gebrauchen. Aber natürlich kann jedes erdenkliche Signal mit dem VTRC sehr charaktervoll aufgenommen werden. Bei Drums sollte man darauf achten, dass keine Limiter-Funktion zur Verfügung steht und der Attack auch nicht so schnell reagiert, um Pegelspitzen abzufangen. Dafür sind sie aber auch gar nicht gedacht, und so belassen die beiden Kompressoren die Transienten weitestgehend unbearbeitet.

Messungen

In den Frequenzplots kann man gut erkennen, wie der VTRC Obertöne erzeugt. Auch die EQ-Kurven haben wir zur Veranschaulichung aufgezeichnet. Lassen Sie sich nicht von den vermeintlich hohen Rausch- und Verzerrungswerten täuschen, das muss so sein. Einzig das Brummverhalten wäre verbesserungswürdig, da die 50 Hz und deren Oberwellen doch etwas verstärkt zur Geltung kommen.

Dynamic Range – man beachte die 50 Hz

EQ – gleichzeitige Anhebung und Absenkung bei 7 kHz

Bass-EQ bei 200 Hz und die oberen vier Frequenzen des High-EQ

Frequenzgang ohne EQ

Rauschverhalten – inklusive 50 Hz Beule

Fazit

Der Tegler Vari Tube Recording Channel ist ein vielseitiger und charaktervoll klingender Kanalzug für moderne Aufnahmeverfahren. Während aktuelle Transistor-Preamps sehr oft für manche Anwendungen zu clean klingen, steuert der VTRC dagegen und lässt die gute alte Zeit der Röhren weder erklingen, was im Grunde dem Zeitgeist entspricht, wenn man sich so manch aktuelle Produktion zu Gemüte führt. Für neutrale Aufnahmen ist der VTRC nicht gedacht, er bringt immer das nötige Quäntchen Wärme in die Aufnahme, wie auch gut in den Klangbeispielen zu hören ist.

Plus

  • sehr warmer Klang
  • flexibler Vorverstärker
  • passiver weich klingender EQ
  • Röhrenkompressor
  • Optokompressor
  • flexibler Signalpfad

Minus

  • scharfkantige Frontplatte

Preis

  • UVP: 1799,- Euro
  • Straßenpreis: 1699,- Euro
Klangbeispiele
Forum

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