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Test: Twisted Electrons Acid8 MKIII, 8-Bit Bass-Synthesizer

23. Oktober 2019

Entfernte 303-Verwandtschaft

Acid und keine Ende. Weniger noch als das Genre scheint dessen Hauptinstrument nicht an Beliebtheit zu verlieren. Dabei ist die Twisted Electrons Acid8 MKIII fast soweit von der TB-303 entfernt, wie die Roland Bassline von einem Fender Jazz-Bass.

Twisted Electrons Acid8 MKIII

Twisted Electrons Acid8 MKIII

Twisted Electrons ist ein auf Chiptune-Geräte spezialisierter Hersteller, der mittlerweile eine ganze Riege an handlichen Synthesizern, oft mit integrierten Sequencern, Drum-Machines und Modulen in seinem Sortiment hat. Digital ist hier das Thema und so klingen die meisten Geräte auch.

Twisted Electrons Acid8 MKIII

Der Spagat, den Twisted Electrons mit der Acid8 eingeht, mutet schon etwas seltsam an. Einerseits zielt man ganz unverhohlen auf die Roland TB-303 ab. Da ist zunächst einmal die minimalistische Klangerzeugung, die nur aus einem Oszillator, Tiefpassfilter und Decay-Hüllkurve besteht. Dann noch der Sequencer mit den prominenten Parametern Slide und Accent sowie der eigentümlichen Programmierung aufwartet. Und schließlich ist es auch die Anordnung der Bedienelemente, die sich stark an der silbernen Bassline orientiert. Vom Namen Acid ganz zu schweigen.
Anderseits bemüht man sich nicht einmal ansatzweise um eine authentische Emulation des stilprägenden Klanges, sondern verfolgt eine eigene, ganz anders geartete Klangästhetik. Dass brauchbare 303-Sounds auch auf digitalem Wege erzeugt werden können, haben diverse Plugins und Rolands ACB-Technik gezeigt – wenngleich Puristen dies als Blasphemie ansehen.

Eine MKIII-Version, das hört sich erst einmal nach einer verbesserten oder erweiterten Entwicklung des Vorgängers an. Das ist hier nicht ganz der Fall. Tatsächlich entspricht die Acid8 MKIII der kleinen µAcid8. Doch gegenüber diesem Gerät im Platinendesign besitzt die Acid8 MKIII ein richtiges Gehäuse mit einer Metallwanne, Reglern mit griffigen Potikappen, die auf der Gehäuseoberseite fest verschraubt sind und vernünftige Taster. Die Stromversorgung erfolgt nicht mehr über Batterie, sondern per USB. An Anschlüssen sind neben dem Audioausgang und MIDI-In noch ein analoger Sync-Eingang sowie ein Sync-Ausgang vorhanden, die alle als 3,5 mm Klinkenbuchsen ausgeführt sind. Ein DIN-Adapterkabel für MIDI liegt dem Gerät bei.
Doch auch im Inneren haben µAcid8 bzw. Acid8 MKIII ein paar Neuerungen gegenüber dem nach wie vor erhältlichen MKII-Modell erfahren.

Acid8 MKIII - Anschlüsse

Acid8 MKIII – Anschlüsse

Es brizzelt …
Der 8 Bit Oszillator lässt sich zwischen Rechteck, Sägezahn und Dreieck umschalten, wobei jeweils vier Optionen zur Auswahl stehen: normal, distorted, fat und harmonized. Für die letzten beiden Varianten werden intern zwei Oszillatoren verwendet, die bei „fat“ deutlich gegeneinander verstimmt und bei „harmonized“ in einem Intervall versetzt sind. Beide Einstellungen sind fest und können nicht verändert werden. Bei den Rechteck-Varianten kann überdies die Pulsbreite manuell eingestellt werden. Die Variante „distorted“ hat beim Sägezahn und besonders beim Rechteck eine deutlich höhere Lautstärke, was speziell beim Live-Einsatz unpraktisch ist, wenn es einen hörbaren Sprung gibt. Doch beim Dreieck ist dieser Lautstärkesprung nicht vorhanden.
Der digitale Ursprung ist mit seinen Artefakten unverkennbar und wird intern auch nicht kaschiert. Hier kommt ein entsprechender Charme, der zu Chiptune-Geräten einfach gehört, sehr prägnant zum Tragen, besonders wenn man sehr tiefe oder auch hohe Töne spielt.

… aber es quietscht nicht.
Der größte Unterschied zur Acid8 MKII ist das Filter. Die dort noch analog aufgebaute Schaltung wurde hier durch eine digitale Ausführung ersetzt. Es gibt durchaus gut klingende digitale Filter, doch dieses gehört nicht dazu. Vor allem die Resonanz ist eine große Enttäuschung, da sie selbst bei maximal aufgedrehtem Regler gerade einmal anfängt so zu klingen, wie man es von dem Parameter erwartet. Von resonantem Pfeifen oder gar Selbstoszillation ist man weit entfernt, an das markante Acid-Quietschen oder fettes Schmatzen ist hier gar nicht zu denken.
Auch das tiefe Abfiltern des brizzelnden Oszillators gelingt nicht wirklich, es bleiben immer die digitalen Artefakte zu hören. Einen drückenden Tiefbass bekommt man damit nicht zustande, wenn auch durchaus Kraft um unteren Frequenzbereich von dem Synthesizer durchaus erzeugt wird.
Das Filter funktioniert natürlich als solches und beeinflusst den Klang, doch das Thema Acid hat man klar verfehlt.

Nützlich ist die Resonanz jedoch, wenn man bei offenem Filter dem puren Oszillatorsignal etwas Obertöne hinzufügen will. Bei ungefähr halbem Regelweg lässt sich auf diese Weise der Klang ein wenig auffrischen.

Die Cutoff kann mit der Decay-Hüllkurve gesteuert werden, deren Modulationstiefe über Envelope regelbar ist. Über eine Shift-Funktion lässt sich eine zweite Decay-Hüllkurve einstellen, die den VCA separat steuert. So lassen sich im Unterschied zum Vorbild auch länger abklingende Sounds mit kurz-knackiger Filter-Hüllkurve erzielen.

Kult-Sequencing
Eine Acid-Bassline besteht nicht nur aus Resonanz-Gequietsche. Sie erhält ihren Charakter nicht zuletzt aus der eigentümlichen Programmierung des 303-Sequencers. Die Acid8 MKIII hat dieses Sequencer-Prinzip vom Original übernommen, bietet aber noch zusätzliche Möglichkeiten.
Acid8 MKIII hat drei Modi, um Sequenzen zu programmieren. Im „klassischen“ Step-by-Step Modus werden Noten und Pausen sozusagen offline, also bei gestopptem Sequencer, der Reihe nach eingegeben. Selbstverständlich lassen sich hierbei auch die essentiellen Parameter Accent und Slide pro Step setzen, dazu kommen die Funktionen Octave + und Octave -. Die 16 Step-LEDs zeigen dann die aktuelle Position an, die sich nach einer Eingabe schrittweise voran bewegt. Dieser Modus bietet sich vor allem an, wenn eine Sequenz neu aufgebaut wird.
Startet man den Sequencer, ist ebenfalls mit Step-Edit eine schrittweise Eingabe für diese Parameter möglich, wofür man mit <>Tasten zum gewünschten Step navigiert und dann Note, Oktave, Pause, Slide und Accent eingibt. Speziell wenn man eine Sequenz korrigieren oder modifizieren will, ist man mit diesem Modus schnell am Ziel.
Schließlich ist auch Live-Record möglich, wobei mit dem Mini-Keyboard die Noten in Echtzeit eingespielt werden können. Slide und Accent lassen sich in diesem Modus nicht eingeben, doch es kann nahtlos zwischen Step-Edit und Live-Record gewechselt werden, so dass sich diese Parameter schnell eingeben lassen. Da es kein Metronom gibt, ist es sinnvoll, den Modus Live-Record im Zusammenspiel mit einer parallel laufenden Drummaschine einzusetzen, wenn man mit einem leeren Pattern beginnt.
Übrigens, über ein angeschlossenes MIDI-Keyboard können Noten zwar gespielt werden, jedoch ist eine Eingabe in der Sequencer nicht möglich. Alle Soundfunktionen lassen sich über festgelegte MIDI-CC-Befehle steuern, auch die Toggle-Funktionen wie das An-/Abschalten der Effekte. Ebenso sind die Shift-Funktionen mit eigenen CC-Nummern direkt adressiert, so dass diese MIDI-Befehle parallel zu allen anderen Parametern gesteuert werden können.

handliches Format

Handliches Format

Natürlich gibt es auch die Zufallsprogrammierung, die man bei der originalen TB-303 durch kurzzeitiges Herausnehmen der Batterien realisieren konnte. Da es hier keine Batterien gibt, wird die Random-Funktion per Tastenkombination ausgelöst. Allerdings waren die Ergebnisse beim Test alles andere als lohnenswert. Da hatte man beim Original eine zigfach bessere Ausbeute.

Die laufende Sequenz kann in Echtzeit transponiert werden. Noch praktischer ist jedoch die Programmierung einer Key-Change-Sequence, mit der bis zu 16 Transponierungen für ein Pattern aufgezeichnet werden können, die dann als quasi mehrtaktiges Pattern ablaufen.
Es können bis zu 16 Patterns gespeichert werden. Maximal hat ein Pattern 16 Steps, ist also einen Takt lang. Es kann aber auch beliebig verkürzt werden. Mehrere Patterns lassen sich via Chain-Funktion verbinden. Und es ist auch ein globaler Swing-Faktor einstellbar.

„Effekte“
So minimalistisch das Gerät auch ausgestattet ist, für ein paar Effekte hat es dennoch gelangt. Wobei es sich hier um keine typischen Effektalgorithmen wie Hall, Delay und Chorus handelt, sondern eher um Nebenprodukte der digitalen Klangerzeugung.
Es gibt zunächst die beiden Play-FX Spindown und Stutter, womit sich die laufende Sequenz auf Knopfdruck abstoppen bzw. im Tempo halbieren lässt.
Dann gibt es noch drei Sound-FX. ARP ist kein Arpeggiator, sondern ein modulierter LoFi-Effekt, der mit jeder Noten getriggert wird und per Decay gesteuert werden kann. Twisted Electrons verrät zwar nicht, was da genau passiert, aber es klingt nach Reduktion der Sample-Rate. Hierüber fängt das Filter bzw. die Resonanz dann doch noch an, aggressiv zu klingen. Zwar kein Ersatz für echtes Acid-Quietschen, aber man kann was damit anfangen. Wobble ist ein LFO, der die Cutoff-Frequenz moduliert. Modulationstiefe und Geschwindigkeit lassen sich einstellen. Crush ist ein einstellbarer Bit-Crusher, der den Sound entsprechend aufraut, aber mit einem echten Overdrive nicht zu vergleichen ist. Alle drei Sound-FX können parallel aktiviert werden.

Im Gesamtsound kann die Acid8 MKIII mit seinem brizzligen Oszillatorklang und den LoFi- Effekten punkten. Von einem Chiptuner erwartet man genau das. Dabei geht dieser Synthesizer noch nicht einmal besonders weit in diesem Punkten, einige Spezialisten agieren hier deutlich extremer. Doch ein markanter Eigenklang ist klar erkennbar. Dem gegenüber steht ein Filter, das einfach viel zu lasch klingt, nicht nur für Acid-Sounds. Damit geht viel Potential verloren, die eine Kombination aus LoFi-Oszillator und einem wirklich zupackendem Filter sonst bieten würde. Es bleibt noch zu erwähnen, dass der Ausgang ein leises, aber wahrnehmbares Nebengeräusch hören lässt.

Fazit

Mit Namen und Konzept erweckt die Twisted Electrons Acid8 MKIII leider falsche Erwartungen. Es ist ein monophoner Synthesizer mit Bassline-Attitüde, aber alles andere als ein Klon der TB-303. Wer so etwas sucht, ist mit Geräten wie Korg NuBass, Roland TB-03 oder Cyclonic TT-303 in dieser Preisklasse besser bedient. Avalon Bassline und RE-303 lassen wir hier mal außen vor.
Dann ist da der Umstieg von dem analogen Filter der MKII-Version auf das digitale Filter. Das hat dem Gerät wirklich nicht gut getan. Das hat mir während des Testes immer wieder den „Spaß verdorben“. Auf der Haben-Seite ist der Sequencer, der die typische 303-Programmierung um ein paar sinnvolle Funktionen erweitert und sehr gut im Live-Betrieb zu bedienen ist. Hier wären Ausgänge für MIDI und CV/Gate ein dickes Plus gewesen.

Wer sich für die Acid8 MKIII interessiert, dem sei ein persönlicher Test angeraten, um abzuwägen, ob man sich mit dem Sound anfreunden kann. Der Preis ist etwas problematisch, denn die Twisted Electrons µAcid8, die abgesehen vom Gehäuse und dem MIDI-Eingang technisch baugleich ist, kostet nur ein Drittel des Preises der Acid8 MKIII.

Plus

  • drei Modi der Sequenzprogrammierung
  • Eigenklang
  • Digital-FX

Minus

  • schwaches Filter/ Resonanz
  • nur 16 Pattern-Speicherplätze
  • Preis im Vergleich zur µAcid8
  • Lautstärkesprung bei Distorted-Square/Saw

Preis

  • 303,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    Emmbot  AHU

    Uiuiui hartes Urteil, mit einer berechtigten Begründung. N analoges Filter mit ordentlich Pfeffer würde dem Teil auf die Sprünge helfen.

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    xtront  

    Yes! Das ist ja ein Technosaurus Selector-System im Hintergrund; darüber würde ich echt gerne einen langen Artike lesen. ;-)

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    citric acid  RED

    Der Acid8 möchte kein TB303 ersatz sein. Alex der entwickler hat mit dem Namen Acid die nähe zum Style geschaffen. Nicht ein TB Klon. Nur weil die Kiste klein ist und so minimal wie eine TB, soll,es keine darstellen. Als nutzer eines der ersten Acid8 mk1 und als Demo lieferant der kiste bestätige ich der Acid8 einen guten sound. TB klon ist er aber aber nicht.

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