Vintage-Vibes fürs Tonstudio
Heute haben wir wieder mal einen echten Studioklassiker bzw. dessen Nachbau für euch im Test. Von der Firma United Studio Technologies hatten wir vor Kurzem schon das UT Twin 48 getestet und ich muss sagen, ich war echt begeistert von diesem Mikrofon. Umso neugieriger war ich auf unseren heutigen Testkandidaten UT Tube67. Dass dieser – wie man am Namen unschwer erkennt – ein Remake des Neumann-Klassikers U67 darstellt, ist offensichtlich. Der Test des United Studio Technologies UT Tube67 wird zeigen, ob auch dieser Nachbau überzeugen kann.
Was ist es? United Studio Technologies UT Tube67, Großmembran-Röhrenmikrofon, Nachbau des Neumann U67 mit klassischem Klangcharakter.
- Klang: Warm, voll und hochwertig mit deutlichem Vintage-Charakter und hoher Aufwertung von Stimmen und Instrumenten.
- Ausstattung: Drei Richtcharakteristiken, Low-Cut, -10 dB Pad und AirMod für zusätzliche Höhenanhebung.
- Flexibilität: Vielseitig einsetzbar für Gesang, Sprache und Instrumente, quasi zwei Klangcharaktere in einem Mikrofon.
- Schwächen: Netzteil anfällig für Einstreuungen und ungewohnte Einsprechrichtung.
- Preis/Leistung: Sehr attraktiver U67-Style-Sound für rund 1.350 Euro, deutlich günstiger als das Original.
Inhaltsverzeichnis
Übersicht über das UT Tube67
Das von United Studio Technologies nachempfundene Neumann U67 ist in einer Reihe mit den Mikrofon-Legenden U47 und U87 aus gleichem Hause zu nennen. Es wurde in den 60er-Jahren eingeführt und galt als Nachfolger des U47. Es klingt etwas wärmer und weicher als eben jenes U47 und war das erste Mikrofon mit der bekannten K67-Kapsel, die den Neumann-Klang maßgeblich mit geprägt hat. Ebenso wie das U47 ist es auf Röhrenbasis gebaut und nutzt eine EF86-Pentodenröhre, die ihm seinen charakteristischen, facettenreichen, leicht warmen und vollen Klang verleiht.
Ihr könnt mit Sicherheit davon ausgehen, dass ihr ein originales Neumann U67 schon mal gehört habt. So kam es beispielsweise bei der Aufnahme von „Yesterday“ bei den Beatles zum Einsatz, aber auch Frank Sinatra, die Rolling Stones, Pink Floyd oder Led Zeppelin waren und sind prominente Nutzer dieses Klassikers. Eingesetzt wird das Mikrofon natürlich gerne für Stimmen, aber auch immer wieder für Overheads bei den Drums oder für Streicher, wenn ein warmer, voller Klang gefragt ist.
Genauso sicher bin ich mir, dass die meisten von euch kein gesteigertes Interesse daran haben werden, ein originales U67 fürs heimische Studio zu finanzieren, da diese bei den seltenen Auktionen astronomische Preise erzielen. Auch die Neuauflage von Neumann schlägt mit sage und schreibe 7.499,- Euro zu Buche. Auch dieses Mikrofon haben wir für euch schon auf AMAZONA getestet. Den Testbericht des Kollegen Raphael Tschernuth findet ihr hier. Umso interessanter ist natürlich ein Nachbau wie der heute hier vorgestellte, der für knapp 1.350,- Euro über die Ladentheke geht.
Laut Aussage des Herstellers United Studio Technologies haben sie eine originale K67-Kapsel als Vorbild genommen, die für ihre Ohren am Besten klang und diese aufwendig nachgebaut. United spricht davon, dass es sich um eine historisch korrekte Kopie handelt. Sie misst wie das Original 34 mm im Durchmesser, nutzt eine 6 µm starke Mylar-Membran und ist 24 Karat goldbedampft.
Zum Einsatz kommt eine NOS EF86-Pentodenröhre, mithin also das gleiche Modell, das damals im Original verbaut wurde. Als Ausgangsübertrager setzt United Technologies den eigens entwickelten Übertrager UT-BV12 ein.
Das UT Tube67 bietet die Richtcharakteristiken Kugel, Niere und Acht an. Außerdem verfügt es über einen schaltbaren Low-Cut bei 80 Hz und ein ebenso schaltbares -10 dB Pad, um das Mikrofon auch für laute Signale verwendbar zu machen. Last but not least befindet sich am Mikrofon noch ein Schalter mit der Beschriftung AirMod.
Dabei handelt es sich um eine auch beim Original beliebte Modifikation, die den Höhenbereich anhebt und das Mikrofon klanglich mehr in Richtung eines Sony C800G erscheinen lässt. Der Hersteller gibt an, dass es damit keine exakte Kopie eines Sony wird, aber der Klang in diese Richtung verändert wird. Somit hat man praktisch zwei Mikrofone in einem zur Verfügung.
Die Empfindlichkeit liegt bei -38 dB @ 60 V und der Grenzschalldruckpegel bei 137 dB @ 0,5 % THD laut Hersteller. Das Ganze bei einer Ausgangsimpedanz von 38 Ohm und einem Frequenzgang von 20 bis 20.000 Hz.
Das Gehäuse selbst ist nicht dem Original nachempfunden und besteht aus einem schwarz satinierten Body aus Aluminium und einem silbernen Korb aus Nickel-plattiertem Messing, der die Membran schützt. Das Mikrofon ist wie alle Röhrenmikrofone kein Leichtgewicht und verlangt nach einem stabilen Stativ, um nicht abzustürzen – vor allen Dingen, wenn man den Galgen des Stativs nutzt, um zum Beispiel Akustik-Gitarren nah zu mikrofonieren.
Neben dem eigentlichen Mikrofon gehört natürlich noch ein externes Netzteil zum Lieferumfang, das das Röhrenmikrofon mit der nötigen Spannung versorgt. Die 48 V Phantomspeisung, die man sonst am Interface für Kondensatormikrofone aktiviert, darf hier getrost aus bleiben. Die Verbindung zwischen Netzteil und Mikrofon wird über ein hochwertiges 7-poliges Kabel gewährleistet, das mit 6 m Länge auch für aufwendige Mikrofonierungen lang genug sein sollte. Selbstverständlich befindet sich auch eine hochwertige Spinne im Lieferumfang, die das Mikrofon am Stativ von Umgebungsgeräuschen entkoppelt. Die Verarbeitung ist insgesamt solide, aber ein Stück weit davon entfernt, was man von einem edlen originalen Klassiker erwarten würde. Das soll uns aber nicht weiter stören, da es uns ja um die klanglichen Eigenschaften des UT Tube67 geht.
Das UT Tube67 im Einsatz im Tonstudio
Leider habe ich in meinem bescheidenen Tonstudio kein originales Neumann U67 zur Verfügung, um einen direkten A/B-Vergleich anzustellen. Wir müssen uns also schlicht darauf konzentrieren, wie das Mikrofon für sich klingt. Wie immer kam das Mikrofon dabei auch bei regulären Sessions zum Einsatz. Hier zeigt sich das UT 67 durchweg positiv. Vor allem Stimmen, sei’s bei Gesang oder Sprachaufnahmen, profitieren enorm von der Reinkarnation dieses Mikrofon-Klassikers.
Das UT 67, schafft dabei etwas, was nur wenige Geräte im Tonstudio vermögen: Es macht Signale schlicht besser, als sie im Original klingen. Sehr deutlich wurde mir das bei meiner Akustikgitarre. Es handelt sich hierbei um ein günstiges Einsteigermodell von Fender. Bei den Aufnahmen mit dem UT 67 klang diese aber direkt eine Klasse hochwertiger.
Klangbeispiele mit dem UT Tube67
Um diesen Klang einschätzen zu können, habe ich für euch zunächst zwei verschiedene Sprachaufnahmen erstellt. Beide sind mit Nierencharakteristik und eingeschaltetem Low-Cut entstanden. Das Mikrofon wurde direkt an einen sehr neutralen Preamp meines MOTU 828es Interfaces angeschlossen, um eine Klangfärbung durch einen externen Preamp zu vermeiden. Ich wollte einfach nur das Mikrofon selbst hören.
Die erste Sprachaufnahme ist ohne, die zweite mit dem AirMod. Dadurch kann man sehr schön hören, wie sich der Charakter verändert: Der Klang wird etwas offener und heller. Je nach Stimme oder Instrument würde ich im Alltag damit experimentieren, ob ich den AirMod nutze oder nicht. Manchmal ist der etwas dunklere Klang der Originalschaltung passender. Aber ich möchte hier schon mal einen großen Pluspunkt für die zusätzliche Schaltung vergeben, da man dadurch quasi zwei Mikrofone in einem hat.
Davon abgesehen klingen die Sprachaufnahmen extrem hochwertig, voll und rund. Ich habe im Laufe des Testzeitraums auch andere Sänger und Sprecher aufgenommen und war immer wieder begeistert über den edlen Klang. Dadurch, dass dieses Klangideal auf so vielen Klassikern zu hören ist, hat man das Gefühl, es schon gut zu kennen. Es liefert genau diesen Sound, den man aus den großen Produktionen der 60er- und 70er-Jahre kennt. Negativ aufgefallen ist mir leider, dass das Netzteil zu Einstreuungen neigt. Wenn man ganz genau hinhört, bemerkt man in den Pausen ein hochfrequentes Fiepen – ähnlich wie wenn ein Handy zu nah an einer Aufnahmequelle liegt.
Im Kontext einer Musikproduktion ist das relativ unkritisch, aber ein Hörbuch würde ich mit dem UT Tube67 nicht aufnehmen wollen, da diese Nebengeräusche in ruhigen Passagen zu hören sind. Fairerweise muss man sagen, dass der Hersteller auf diesen Umstand hinweist und erklärt, dass es wohl extrem aufwändig ist, ein Netzteil für Röhrenmikrofone zu bauen, das völlig immun gegen Einstreuungen ist. Ein wenig Recherche im Netz ergibt auch, dass das Problem bekannt ist und in manchen Tonstudios überhaupt nicht auftritt. Da habe ich mit meinem Setup wohl einfach ein wenig Pech gehabt.
Kommen wir zum nächsten Klangbeispiel: Ein kurzes Picking-Pattern auf der Akustikgitarre, aufgenommen in drei Variationen mit den jeweiligen Richtcharakteristiken (AirMod aus). Die Niere klingt am frischesten und direktesten. Die Kugel ist weicher und räumlicher, während die Gitarre in der Acht-Stellung ein ganzes Stück wärmer klingt. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, man sollte diese Charakteristiken als Werkzeuge nutzen.
In einem dichten Arrangement würde ich eher zur Niere greifen, bei klassischer Musik zur Kugel. Die Acht ist eine super Option, wenn das Instrument von sich aus schon sehr spitz klingt oder wenn man die Unempfindlichkeit der Seiten nutzen will, um Übersprechen von anderen Signale zu verhindern. Etwa wenn man mehrere Künstler gleichzeitig aufnimmt.
Hilfreich ist auch der Low-Cut-Schalter, der sanft aber wirkungsvoll tieffrequentes Rumpeln entfernt. Bei Aufnahmen am Schlagzeug ist das -10 dB Pad sehr nützlich, um Verzerrungen zu vermeiden.
Eine Sache hat mich während des Tests jedoch irritiert: die Einsprechrichtung. Rein intuitiv würde ich die Vorderseite dort vermuten, wo das Logo sitzt. Es handelt sich hierbei aber um die Rückseite. Das ist meiner Meinung nach nicht ganz logisch gelöst.









































Danke für den Test, schönes Teil.
Wie der Autor auch hier selber ausführt, kommt es bei Amazona-Tests hin und wieder vor, dass Geräte, die klar als Vintage-Neuauflagen ehtwickelt werden, nicht mit dem Original verglichen werden. Mir ist klar, dass es manchmal schwierig ist, ein Original aufzutreiben, aber es sollte doch möglich sein, im Amazona-Netzwerk leihweise eins aufzutreiben. Dann fände so einen Test rundum gut.
Und auch wenn es technisch vielleicht schwierig sein sollte – ein einstreuendes Netzteil ist für mich keine “kleine Schwäche“, sondern mitunter das entscheidende Kaufkriterium. Aber gut, dass der Hersteller darauf hinweist.
@Lewis Es ist nahezu unmöglich, so ein Vintage-Mikrofon einfach so „aufzutreiben“. Ein solcher Test wäre zudem ohne große Aussagekraft, weil insbesondere bei den frühen Vintage-Modellen der Klang von Mikrofon zu Mikrofon leicht unterschiedlich war – ähnlich wie auch bei anderer analoger Technik oder bei akustischen Instrumenten. Es ist so gut wie sicher, dass es zu Unterschieden zwischen Vintage-Mikrofon und Original käme. Doch was dann? Ist dann der Nachbau schlecht modelliert oder ist einfach ein anders klingendes Modell dasjenige gewesen, das Pate gestanden hat?
Ich habe mehrere alte SM58 und ein uraltes SM57 hier herumfliegen, die unterschiedlich klingen und auch nicht so klingen wie aktuelle Modelle. Sie klingen aber alle gut.
Es macht deshalb deutlich mehr Sinn, das Mikrofon für sich allein zu betrachten und zu entscheiden, ob es zu dem, was man damit machen möchte, passt.
Sehr schön zeigt es dieser sehr aufwändig gemachte Vergleichstest zum U87 (Vintage, aktuell, Klone). Und auch ich kann mich da nur dem Schlusswort des YouTubers anschließen.
https://www.youtube.com/watch?v=qiyvOgkGIlM
Im Test auf Bonedo wurden auch die Einstreuungen festgestellt. Es dürfte also tatsächlich ein Problem des Netzteils und nicht der Testumgebung sein. Im Gegensatz zum Tester empfinde ich so etwas aber nicht nur als kleine Schwäche. Mir selbst ist bisher noch kein Röhrenmikrofon unter die Finger gekommen, bei dem so ein Problem besteht. Hatte vor kurzem z.B. ein Vintage U67 mit Billig-Thomann-Netzteil im Studio und da gab es überhaupt keine Einstreuungen – das Mikro klang absolut sauber und traumhaft und hätte problemlos auch für Voice-Over eingesetzt werden können.
Man kann heute mit günstigen Kondensatormikros wirklich sehr gute Aufnahmen machen. Meine ersten Großmembranmikros waren die erste Version vom AKG C3000 Mitte der 90er Jahre. Heute bekommt man wesentlich besser klingende Mikrofon ums selbe bzw. sogar weniger Geld. Es gibt allerdings schon auch teuere Mikros die noch mal in einer anderen oder sogar ganz anderen Liga spielen. Bezahlt macht sich das dann z.B. bei Sängern, die schon während der Aufnahme ein ganz anderes Feedback ihrer Performance über die Kopfhörer bekommen, oder darin, dass der Mix deutlich einfacher ist. Ich mache öfter Blindtests mit Sängern (z.b. mit 3 aufgebauten Mikros), und es ist faszinierend, die Reaktion zu sehen, wenn man dann die Mikros für die Kopfhörermischung durchschaltet. Hab dabei erlebt, dass Sänger z.b. vom U67 komplett geflashed sind. Das wirkt sich dann natürlich auch positiv auf die Performance aus – weil es den Sängern eine ganz spezielle Art von Sicherheit gibt.