Dual-Röhrenmikrofon im Praxischeck
Viele Neuerscheinungen in der Audio-Branche orientieren sich oft an altbekannten Klassiken. Das gilt auch für unseren heutigen Testkandidaten, das United Studio Twin 48 Röhrengroßmembranmikrofon. Normalerweise lässt sich anhand der im Namen verwendeten Zahlen- oder Buchstabenkombinationen schnell erkennen, welcher Klassiker hier als Vorbild dient. Beim Twin 48 ist dies schwieriger, da die 48 im Namen einen zunächst im Dunkeln lässt. Was sich dahinter verbirgt, was das Twin 48 kann und wie es sich am besten einsetzen lässt, erfahrt ihr im folgenden Testbericht.
- Zwei Schaltungen: Kombination aus U47- und U48-ähnlichen Schaltkreisen mit vier Richtcharakteristiken.
- Hochwertige Komponenten: NOS EF86, maßgefertigte Kapsel, spezieller Übertrager und edle Verarbeitung.
- Klangqualität: Großer, voller, professioneller Sound mit klar unterscheidbaren Charakteristiken.
- Einsatzbereich: Vielseitig nutzbar für Sprache, Gesang, Instrumente und Ensembleaufnahmen.
- Preis & Nutzen: Hochpreisig, aber langlebig, hochwertig und für professionelle Studios gut investiertes Geld.
Inhaltsverzeichnis
Hier zunächst die Erklärung zur Zahl 48: Das United Studio Twin 48 vereint nicht nur einen, sondern gleich zwei Mikrofonklassiker: das allseits bekannte Neumann U47 und das weniger bekannte U48 desselben Herstellers. Mittels Wahlschalter lässt sich bequem zwischen den beiden Schaltkreisen hin- und herschalten. Schauen wir uns an, wie das in der Praxis klingt.
Übersicht über das United Studio Twin 48
Das United Studio Twin 48 wird in einem äußerst luxuriösen Koffer geliefert, der mit schwarzem Vinyl mit schicken weißen Kanten bezogen ist und auf dem mittig das Logo des Herstellers prangt. Für einen Mikrofonklassiker, wie ihn das U47 darstellt, ist das sicherlich der passende Rahmen.
Das Mikrofon selbst liegt extrem schwer und wertig in der Hand. Die Verarbeitung ist sehr hochwertig und es wurde offensichtlich extrem viel Wert auf Details gelegt. Gleiches gilt für das dazugehörige Netzteil.
Wir erinnern uns: Ein Röhrenmikrofon benötigt immer eine eigene Stromversorgung und kann nicht von den 48 V am Mischpult oder Audiointerface betrieben werden.
Neben Mikrofon und Netzteil ist noch ein spezielles, siebenadriges XLR-Kabel im Lieferumfang enthalten. Dieses stammt von der deutschen Firma Sommer Cable und wurde speziell für das Twin 48 entwickelt und gefertigt. Natürlich ist auch eine hochwertige Spinne im Lieferumfang enthalten, die das Mikrofon schwingungsfrei an einem Mikrofonständer befestigt.
Apropos Mikrofonständer: Durch das ordentliche Gewicht von 1 kg sollte man bei einem Mikrofon wie diesem nicht am Mikrofonständer sparen und ein relativ robustes Stativ bereithalten.
Bevor wir zu den technischen und klanglichen Eigenschaften des United Studio Twin 48 kommen, noch ein paar Gedanken Informationen zur Konzeption dieses Mikrofons. Wie gesagt, handelt es sich hier um einen Mix aus den beiden Neumann-Vorbildern U47 und U48. Das U47 ist das deutlich bekanntere Mikrofon und bietet im Original die Richtcharakteristiken Kugel und Niere. Das weniger bekannte U48 hingegen bietet neben Niere noch die Richtcharakteristik Acht, die das U47 so nicht bereitstellt. Im hier vorliegenden Testkandidaten haben wir damit sozusagen das Beste aus beiden Welten vereint.
Technische Werte des United Studio Twin 48
Da das United Studio Twin 48 selbst keinerlei Regler oder Schalter besitzt, etwa für einen Low-Cut (Trittschalldämpfer), beginnen wir unseren Rundgang über die Ausstattung direkt am Netzgerät. Hier dominiert auf der Vorderseite ein großer Drehregler, der zwischen den vier möglichen Richtcharakteristiken umschaltet. Da wären zum einen Kugel und Niere für die U47-Schaltung und nochmal Niere und die Acht für die U48-Schaltung. Weiter finden wir noch einen Power-Schalter, der das Netzgerät in Betrieb nimmt und durch eine große, orangefarbene LED signalisiert, dass das Mikrofon betriebsbereit ist.
Daneben gibt es noch einen mit „RF“ bezeichneten Kippschalter. United Studio erklärt auf seiner Website, dass hiermit hochfreqente Radiofrequenzen aus dem Signal gefiltert werden können und empfiehlt die Anwendung dieses Schalters vor allem dann, wenn das Mikrofon im Broadcast, sprich im Radiostudio, benutzt wird. Klangliche Unterschiede sollen dabei nicht hörbar sein.
Auf der Rückseite des Netzteils finden wir eine siebenpolige XLR-Buchse, um das Netzteil mit dem Mikrofon zu verbinden. Außerdem einen normalen, dreipoligen XLR-Ausgang, um das Mikrofon am Vorverstärker unserer Wahl anzuschließen. Und natürlich findet sich hier auch der Anschluss für ein Kaltgerätekabel, mit dem das Netzteil mit Strom versorgt wird.
Kommen wir nun zu den inneren Werten des United Studio Twin 48. Es handelt sich, wie bereits erwähnt, um ein Röhrenmikrofon mit zwei schaltbaren Schaltkreisen, einem U47- und einem U48-ähnlichen Schaltkreis. Zur Verstärkung kommt eine NOS EF86 Pentodenröhre zum Einsatz, also eine unbenutzte Röhre aus alten Beständen. Die im Original U47 verwendete VF14 ist kaum noch aufzutreiben und wäre für eine Serienproduktion nicht geeignet.
Bei der Kapsel setzt United Studio auf eine 34-mm-Kapsel mit 6 Mikron 24k goldbedampftem Mylar. Außerdem kommt im Twin 48 ein eigens für den Hersteller entwickelter Ausgangsübertrager zum Einsatz. Auch bei Tantal- und Folienkondensatoren setzt United Studios auf hochwertige Komponenten. All dies resultiert in einem Mikrofon, das einen Frequenzbereich von 20 Hz bis 20 kHz abdecken kann, maximal 137 dB Lautstärke verträgt und ein Eigenrauschen von nur 11 dBA aufweist. Das sind alles Werte und Bauteile, die auf ein hochwertiges Mikrofon schließen lassen und neugierig auf den Praxisteil machen.
Bevor wir zum Praxisteil kommen, noch ein kleiner Ausflug in die Neumann-Historie. Sowohl das U47 als auch das U48 bieten eine Nierenschaltung. Diese sind jedoch keineswegs identisch, sondern technisch relativ eigenständige Designs. Dadurch sollten sich auch die beiden Nierenschaltungen im United Studio Twin 48 klanglich unterscheiden.
Bei der Schaltung des U47 wird die hintere Membran bei der Verwendung als Niere entkoppelt und das Ergebnis als “True Cardioid” bezeichnet. Dies soll für einen lauteren Klang bei verbesserter Empfindlichkeit sorgen und mehr Höhen liefern. Bei der Schaltung des U48 hingegen wird die hintere Membran mit der gleichen Spannung wie die Rückplatte polarisiert. Das dabei entstandene Design wird als “Active Cardioid” bezeichnet. Dies soll wiederum für einen etwas geschlosseneren, wärmeren Klang sorgen, der auch weniger empfindlich ist. Dieses Vorgehen diente damals dazu, die Schaltung für die jeweils andere Richtcharakteristik – also Kugel beim U47 und Acht beim U48 – zu optimieren.
Wie klingt das United Studio Twin 48 im Tonstudio?
Ich bin generell der Meinung, dass exzellentes High-End-Equipment im Tonstudio oft überschätzt wird und man mit vernünftigen Mittelklasseprodukten hinreichend professionelle Ergebnisse erzielen kann, die in 99 % der Fälle völlig ausreichend sind. Tja und dann kommt ein Mikrofon wie das United Studio Twin 48 ins Spiel und belehrt einen eines besseren.
Man benutzt es in verschiedenen Sessions und ist jedes Mal aufs Neue beeindruckt, wie gut ein Mikrofon klingen kann. Ich muss gestehen, ich hatte nie die Möglichkeit, ein echtes U47 zu nutzen, geschweige denn das noch viel rarere U48. Aber das hier vorliegende United Studio Twin 48 ist einfach ein tolles Mikrofon, das fast überall gut klingt und sehr vielseitig einsetzbar ist. Der Grundcharakter ist bei allen vier möglichen Schaltungen groß, voll und – man kann es nicht anders sagen – larger than life.
Bevor jetzt aber jemand losrennt und sich sofort so ein Mikrofon kauft, sei dazu gesagt: Eine solche Investition ist meistens nur dann sinnvoll, wenn der Rest der Kette ebenfalls in der gleichen Liga spielt. Und damit meine ich nicht unbedingt nur Vorverstärker, Wandler, Effekte und Kompressoren, sondern vor allem die Glieder der Signal-Kette, die sich vor der Membran befinden – sprich die Quellen.
Wenn man einen tollen Sänger, eine tolle Sängerin oder einen richtig guten Musiker in einem tollen Raum mit einem tollen Instrument hat, dann kann ein solches Mikrofon definitiv den Unterschied machen. Ist irgendetwas davon nicht gegeben, sollte man zuerst die Situation vor dem Mikrofon verbessern, bevor man solch eine Investition für das eigene Home-Studio tätigt. Aber genug der Besserwisserei, kommen wir zu den Klangbeispielen.
Klangbeispiele des United Studio Twin 48
Für diesen Test habe ich drei unterschiedliche Klangbeispiele in je vier Variationen – nämlich den vier verfügbaren Richtcharakteristiken des United Studio Twin 48 – aufgenommen. Es handelt sich bewusst um ganz einfache musikalische Schnipsel mit zum Teil lang ausgehaltenen Noten, um die Klangeigenschaften möglichst gut hören zu können. Aufgenommen habe ich das Twin 48 über den eingebauten Mikrofonvorverstärker meines MOTU-Interfaces, der sehr neutral und linear klingt und keine zusätzliche Verfärbung ins Spiel bringt, wie das ein etwas speziellerer Preamp getan hätte.
Zunächst hören wir eine Akustikgitarre mit einem einfachen Akkordmuster. Die Kugel in der U47-Schaltung klingt, wie nicht weiter verwunderlich, am räumlichsten. Sie gefällt mir, offen gesagt, bei der Akustikgitarre am wenigsten. Doch gerade im Bereich Klassik und Jazz-Recording habe ich gute Kugeln schätzen gelernt, da sie keinen Nahbesprechungseffekt haben und Quellen sehr linear und gleichmäßig aufzeichnen. Die beiden Nierenschaltungen klingen viel fokussierter und druckvoller, wobei die U47-Schaltung tatsächlich einen ganzen Ticken heller klingt und die U48 dementsprechend wärmer und voller – ganz so, wie es die Designs auch vorsehen.
Die Acht schließlich klingt etwas schlanker und ist so für sich alleine wenig sinnvoll. Im Kontext einer Ensembleaufnahme hingegen sind Acht-Charakteristiken sehr gefragt, da sie sehr wenig Übersprechung von den Seiten mit sich bringen und eine gute Trennung ermöglichen, sodass man hinterher beim Mix viel mehr Eingriffsmöglichkeiten hat.
Als Nächstes habe ich eine kurze Sprachaufnahme mit den vier Schaltungen getätigt, die das Bild weiter verfestigt. Die Kugel klingt sehr räumlich. Man hört, wenn man ganz genau hinhört, auch Nebengeräusche von meiner Heizung. Die beiden Nieren klingen druckvoller, wobei hier der Unterschied nicht so groß ist wie bei der Gitarre. Die Acht hingegen ist wieder etwas schlanker. Sie ist eigentlich nur im Kontext mit mehreren Mikrofonaufnahmen gleichzeitig sinnvoll, wie oben schon angedeutet.
Zu guter Letzt noch eine Klavieraufnahme mit lang ausklingenden Akkorden. Hier ist mir leider ein kleiner Fehler passiert: Bei der Aufnahme mit der Kugel habe ich den Bassbereich eine Oktave höher gespielt, was das Hörerlebnis natürlich etwas verfälscht. Der grundlegende Eindruck von den ersten Klangbeispielen wiederholt sich aber auch hier. Die Kugel klingt schön linear und gleichmäßig, die beiden Nieren etwas fokussierter und mit mehr Druck. Und die Acht hat eben weniger Breite und ist fokussierter im Klang.






































Danke für diesen Test. Diese Mikro übt eine seltsame Faszination auf mich aus. Interessant wäre es zu wissen, wie es sich im Vergleich zu anderen bezahlbaren U47-Clonen wie dem Stam Audio SA-47 oder dem Golden Age GA-47schlägt.