Test: Vahlbruch KALUNA, Effektgerät für E-Gitarre

4. Juni 2020

Overdrive-Pedal mit Röhre - the real deal

Viele E-Gitarrenfreaks sind mit dem Sound der überwiegenden Mehrzahl der Verzerrer-Pedale oftmals nicht zufrieden, da diese das entscheidende Ergebnis, nämlich einen „wirklichen Röhrensound“ aus Halbleitern, einfach nicht liefern. Ein IC, Transistor oder auch eine Silizium- oder Germaniumdiode, Leuchtdiode etc., die normalerweise (auch) für den Charakter und die Dynamik der Verzerrung sorgen, klingen definitiv unterschiedlich und auch das Spielgefühl ist nicht dasselbe wie bei einer Röhre. Es erschienen bzw. erscheinen gelegentlich herausragende Pedale auf Basis eines (FET-) Transistors bzw. ICs etc., die dem „echten Röhrensound“ zum Verwechseln nahekommen, aber das Wissen allgemein, die Verzerrung nicht mittels einer Röhre im Signalweg zu erzeugen, reicht einem wirklichen „Röhrenfan“ unter Umständen bereits aus, um nicht wirklich in Stimmung zu kommen. Nur eine Röhre klingt wie eine Röhre. Unser heutiger Testkandidat, das Vahlbruch KALUNA, ist ein Overdrive-Pedal aus deutscher Schmiede und arbeitet im Vergleich zu den meisten analogen Verzerrerpedalen mit einem richtigen Glaskolben (ECC83 bzw. 12AX7), wie sich dieser (meist mehrfach) auch in den Vorstufen unzähliger Röhrenverstärker befindet. Im Gegensatz zu sogenannten „Niedervolt-Konzepten“ wird die Röhre hier kompromisslos mit 250 Volt Anodenspannung betrieben, wie dies in einem „richtigen Röhrenverstärker“ bzw. einer Röhrenvorstufe oder auch z. B. beim H&K Tube Factor, H&K Tubeman, Butler Tube Driver, Blackstar HT-Drive, den Koch-Röhren- und weiteren vergleichbaren Verzerrerpedalen auf Röhrenbasis praktiziert wird. Der Signalweg des KALUNA ist laut Hersteller zu 100 % analog. Henning Vahlbruch hat auch eine Reihe weiterer Effektpedale im Programm (Chorus, Booster, Tremolo, Delay, Reverb etc.), die allerdings vollständig ohne eine Röhre auskommen.

Vahlbruch Kaluna – Facts & Features

Unser Testobjekt ist angenehm klein (120 x 100 x 48 mm) und bringt 375 g auf die Waage. Das Vahlbruch KALUNA wurde in Deutschland hergestellt und perfekt verarbeitet. Das Gehäuse wurde goldfarben lackiert und die Platine mit den Bauteilen sitzt sicher im Gehäuse. Gerade bei hohen bzw. lebensgefährlichen Spannungen muss sehr sorgfältig auf Sicherheit und vor allem auch auf eine verlässliche Erdung geachtet werden, damit der Benutzer auch im Falle einer unerwarteten Fehlfunktion gesund bleibt.

Ein externes (nicht im Lieferumfang enthaltenes) Netzteil sollte dem Effektpedal mindestens die nötige Power (500 mA, Hohlstecker, Minuspol in der Mitte) und eine Gleichspannung von 9 Volt liefern (die dann im Pedal auf 250 Volt für die Anodenspannung hochtransformiert werden). Wenn man bereits ein entsprechend starkes Multi-Netzteil auf dem Pedalboard besitzt, kann dieses natürlich gleichfalls angezapft werden, aber nicht alle Netzteile sind für eine entsprechend hohe Stromentnahme konzipiert. Andere mit Röhren betriebene Pedale verlangen oft nach einer Speisung mit 12 Volt Wechselspannung (AC), somit ist das KALUNA kompatibler zu den meisten Multi-Netzteilen.

Vahlbruch KALUNA open

Das Innenleben des Pedals

An der Vorderseite des Gehäuses befinden sich einige Lüftungsschlitze, die die moderat entstehende Wärme der Röhre ableiten. Durch diese kann man auch das Glühen des Heizfadens der Röhre sehen. Da das Pedal mit Gleichspannung versorgt wird, wird vermutlich auch die Heizung der Röhre mit Gleichspannung erfolgen, was im Allgemeinen für eine größere Brummfreiheit und somit weniger Nebengeräusche sorgt.

Bedienelemente

Das Pedal besitzt zum Aktivieren des Effekts keinen mechanischen Standard-Fußschalter (3DPDT), sondern wurde mit einem sogenannten „Magnetic Transducer Button (MagTraB) Schaltkonzept ausgestattet. Dazu das Zitat des Herstellers:

Der Fußschalter ist als Taster ohne spürbaren Druckpunkt ausgeführt. Im Kopf des Tasters ist ein Magnet eingearbeitet, dessen jeweilige Position von einem Sensor im Inneren des Gerätes erfasst wird. Wird der Taster nun bewegt, z. B. wenn er nach unten gedrückt wird, bewegt sich der Magnet mit und verändert dadurch seine Position. Diese Änderung misst der Sensor kontaktlos und gibt sie über einen Mikro-Controller an ein Relais weiter, das den Schaltvorgang in der Schaltung durchführt. Also ist kein  mechanisches Schalterknacken mehr wahrnehmbar, das Aktivieren des Effekts verläuft geschmeidig und quasi lautlos.

Schön ist das schnörkellose, übersichtliche Design ohne viel Schnickschnack. An Bord ist nur das unbedingt Notwendige, eine aktive 3-Band-Klangregelung, die einen Boost/Cut-Bereich von +/-12 dB bereitstellt, natürlich einen Gain-Regler, der den Grad der Verzerrung justiert und einen Volume-Regler, der die Ausgangslautstärke bestimmt. Hier wären auch ausreichend Reserven gegeben, um die Vorstufe eines Röhrenverstärkers deutlich stärker in die Sättigung zu treiben.

Die Klinkenbuchsen und die Stromversorgungsbuchse wurden stirnseitig angebracht. Die Knöpfe, die im „MXR Stil“ gehalten sind, verschaffen dem Pedal einen gewissen „Vintage-Vibe“. Die Farbe des Gehäuses impliziert, dass der Klang in Richtung Plexi-Marshall gehen könnte. Schauen wir später, inwieweit dies zutrifft. Die EQ-Sektion wurde innerhalb der Signalführung hinter der Röhre platziert.

Handling

Das Pedal ist intuitiv zu bedienen, was aufgrund der fünf Regler auch nicht anders zu erwarten war. Es ist letztlich fast unmöglich, einen „schlechten“ Sound aus dem Pedal zu holen (sofern der verwendete Verstärker einen vernünftigen Klang ausgibt), da die Werte der Bauteile der Klangregelung gut abgestimmt wurden und unangenehme Extreme (schneidende, fisselige Höhen, wummernde Bässe) erst gar nicht erzeugt werden.

Eine Besonderheit sei erwähnt. Bei Pedalen aus dem Hause Vahlbruch kann man generell wählen, ob das Gerät beim Einschalten im „Bypass“-Modus startet oder „On“ ist. Dieses lässt sich laut Henning Vahlbruch folgendermaßen „programmieren“ (Zitat):

Eine individuelle Programmierung ist in nur vier Schritten erledigt:
Schritt 1 : Trenne das Pedal von der Stromversorgung.

Schritt 2 : Drücke und halte den „MagTraB“ Schalter.

Schritt 3 : Verbinde die Stromversorgung wieder mit dem Pedal, während du den „MagTraB“ Schalter weiterhin gedrückt hältst.

Schritt 4 : Lasse nun den „MagTraB“ Schalter wieder los.

 Nun befindet sich das Pedal in dem jeweils anderen Start-Modus und startet beim nächsten Mal in dem neu gewählten Zustand. Wiederhole die Schritte 1 bis 4, um diese Programmierung wieder rückgängig zu machen.

Vahlbruch Kaluna – Sound

Das Vahlbruch KALUNA bietet ein recht breites Spektrum an verzerrten Sounds, die von einer milden Übersteuerung bis hin zu einer cremigen, singenden, Sustain-reichen Verzerrung reichen.

Hören wir zunächst einen bluesigen, leicht angezerrten Ton mit einer Strat auf dem Hals-Pickup (Singlecoil)). Der Gain-Regler steht auf 10 h, der Volume-Regler steht auf 11 h (das Pedal bringt somit „Unity-Gain“ und bläst den klaren Kanal meines Verstärkers somit nicht weiter an, der Sound ist etwa gleich laut, als wenn das Pedal inaktiv wäre). Alle Regler der Klangregelung stehen auf der Mittelposition. Zum Vergleich hören wir vorher kurz den klaren Sound meines Verstärkers, erst dann wird der Effekt aktiviert:

Der Klang erhält eine leichte Kompression, bleibt dabei natürlich und lebendig. Das Pedal reagiert angenehm dynamisch, die Unterschiede zwischen einem weichen und härteren Anschlag werden gut wiedergegeben.

Wir hören nun den Steg-Pickup meiner Strat (Seymour Duncan Little 59, der einen fetteren Ton als ein gewöhnlicher Einspuler abgibt) mit denselben Einstellungen. Die Verzerrung geht in Richtung AC/DC Rhythmus. Die Klangregelung packt praxistauglich zu, somit lassen sich schöne Soundvariationen entlocken. Der Klang hat sicherlich etwas „Marshallesques“:

Hören wir nun eine PRS Custom 24 auf dem Steg-Pickup. Auch hier wurden die Einstellungen nicht verändert:

Jetzt reißen wir den Gain-Regler bis zum Anschlag auf, ich spiele wieder die PRS, die Mitten wurden etwas zurückgenommen und die Höhen angehoben, womit auch ein gewisser Biss ins Spiel kommt. Klinkt man dann eine Gitarre mit recht hohem Output ein, wird der Eingang des Pedals entsprechen mehr „gesättigt“ und liefert einen fetteren, rockigen 80er-Jahre Rock-Ton. „Scoopt“ man die Mitten recht drastisch, könnten auch Metal-ähnliche Sounds generiert werden, aber dafür wurde dieses Pedal nicht konzipiert. Wir hören die PRS Custom 24 auf dem Steg-Pickup, der Mittenregler steht diesmal auf 9 h:

Schließlich hören wir den Hals-Pickup der PRS bei gleicher Einstellung des Pedals:

Insgesamt kann man dem KALUNA eine großartige Anschlagsdynamik und einen ausgesprochen lebendigen und gut abgestimmten Klang attestieren. Dieser ist tatsächlich hörbar und „fühlbar röhrig“. Das Nebengeräuschverhalten kann sicherlich als gut bezeichnet werden, auch bei Rechtsanschlag des Gain-Reglers halten sich ungewollte Geräusche in Grenzen.

Natürlich muss die Entwicklung und Umsetzung eines röhrengetriebenen Effekts bezahlt werden, der Preis für das Pedal ist recht hoch (andere röhrenbetriebene Verzerrerpedale sind preislich allerdings auch in derselben Liga) und wird vermutlich die Wahl absolut konsequenter Röhrenfans sein, die sich evtl. schon viel Frust mit dem Erwerb unzähliger Zerrpedale geholt haben und bislang doch nicht zufriedengestellt wurden. Vielleicht hätte das ewige Suchen dann endlich ein Ende.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Stratocaster bzw. PRS Custom 24 mit Humbuckern – Vahlbruch KALUNA – Peavey Classic 20 MH, clean Channel – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Das Vahlbruch KALUNA-Pedal ist robust verarbeitet, klingt sehr natürlich und lebendig. Auch die Anschlagsdynamik und der Sound bei zurückgedrehtem Volume-Regler kann voll überzeugen. Die Klangpalette reicht von milden Overdrive-Sounds bis zu einer „80er Rock Übersteuerung“. Klanglich ist das Gerät „oberstes Regal“, da die Klangregelung gut abgestimmt wurde und mühelos charakterstarke verzerrte Sounds realisiert werden können.

Plus

  • Sound
  • Design
  • geräuschloses Schalten
  • Betrieb der Röhre mit 250 V Anodenspannung
  • geringe Abmessungen
  • Betrieb mit 9 V Gleichspannung

Minus

  • hoher Preis

Preis

  • ca. 340,- Euro
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