Lunchbox Amp mit großem Menü!
Willkommen zu einem echten Biest im Lunchbox-Format! Wer auf der Suche nach einem Amp ist, der britischen Crunch, amerikanische High-Gain-Gewalt und überraschend brillante Clean-Sounds unter einen kompakten Hut bringt, sollte beim Victory Amps The Kraken VX MK2 ganz genau hinhören. Bereits die erste Version des Kraken sorgte für gehörigen Wirbel in der Gitarrenwelt – und das völlig zu Recht. Mit dem MKII liefert Victory eine durchdachte Weiterentwicklung, die nicht nur neue Features bietet, sondern tonal noch eine Schippe drauflegt.
Kurz & knapp
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- Vielseitigkeit: Der Amp deckt alles von britischem Crunch bis zu amerikanischem High-Gain ab.
- Soundqualität: Klare Cleansounds und präziser, musikalischer Overdrive überzeugen auf ganzer Linie.
- Verarbeitung: Hochwertige Herstellung in UK mit robustem Gehäuse und solider Hardware.
- Bedienung: Umfangreiche Einstellmöglichkeiten erfordern etwas Einarbeitung, sind aber sehr flexibel.
- Schwäche: Das Gain I- und Gain II-Setup ist vielseitig, aber die Bedienung der Regler ist nicht immer intuitiv.
Inhaltsverzeichnis
Fazit vorweg: Der Kraken MKII ist ein unglaublich flexibler 3-Kanal-Amp, der mit kompromissloser Gain-Struktur, überraschend musikalischem Clean-Kanal und praktischen Live-Features punktet. Ob du auf modernen Prog, klassischen Hardrock, brutalen Metal oder atmosphärische Cleansounds stehst – hier bekommst du alles in einem kompakten, roadtauglichen Paket. Für Gitarristen, die keine Lust auf Kompromisse haben und sich weder auf britische noch amerikanische Zerrsounds beschränken wollen, ist der Kraken MKII ein absolut heißer Kandidat.
Design & Verarbeitung – britische Klasse in Grau
Victory bleibt sich beim Gehäusedesign treu: Der Victory Amps The Kraken VX MK2 kommt im typischen Victory-Lunchbox-Look daher, jetzt allerdings mit dunklerem Finish und schickeren Chickenhead-Knobs. Der Amp ist handgefertigt in UK, bietet von den Abmessungen von 390 x 220 x 190 mm (B × T × H) ein sehr gutes Handling und bringt gerade einmal 7,2 kg auf die Waage – und stellt damit ein echtes Leichtgewicht für Studio, Bühne und Proberaum dar. Der massive Metallkorpus wirkt optisch sehr robust und ist deutlich leichter als es optisch den Anschein hat.
Der Victory Amps The Kraken VX MK2 sitzt auf 4 stabilen, aber vergleichsweise harten Gummifüßen ohne Federung, was darauf schließen lässt, dass ein Großteil der Vibrationen der Lautsprecher auf die Endröhren übertragen wird. Muss kein Problem sein, kann aber unter Umständen eins werden. Die Füße haben eine durchschnittliche Höhe und dürften über die meisten Tragegriffe einer 112 Box passen. Lediglich bei stark gepolsterten Griffen sollte man überprüfen, ob der Amp nicht mittig aufsetzt.
Die Potis der Amps laufen angenehm schwergängig, haben aber den Nachteil, dass sie ebenfalls wie der Gain-Balance-Regler auf der Rückseite des Gehäuses keinerlei Schutz vor haptischer Einwirkung erfahren. Sich dessen bewusst hat der Hersteller jedoch dem Amp ein gepolstertes Gigbag beigefügt, was schon mal einen guten Dienst in Sachen Produktschutz bietet. Eine gute Entscheidung, zumal man sich bei den Transportvorteilen eines Lunchbox-Amps wahrscheinlich aus Transportschutzgründen kein Flightcase zulegen wird. Wer möchte schon einen kleinen, transportablen Amp vom Gewicht her wieder in die reguläre Topteil-Klasse hochschieben.
Clean-Channel – mehr als ein Alibi
Was viele überraschen dürfte: Der neue Clean-Modus ist kein nachträglicher Feigenblatt-Kanal, sondern ein ernstzunehmender, eigenständiger Sound. Er wird entweder über den beigefügten Fußschalter oder aber den Minischalter auf dem Frontpanel aktiviert und teilt sich den Gain-Regler mit dem Gain-I-Modus, was über einen cleveren Gain I Balance-Regler auf der Rückseite ausbalanciert werden kann. Der Klang ist klar, glockig und leicht komprimiert – mit einem leichten Schimmer à la Marshall Clean, jedoch mit einem latenten Hang zur weichen Transparenz eines 6L6-getriebenen Fender-Sounds. Nicht ganz so glasig wie ein Blackface, aber definitiv ein Sound, mit dem man gut arbeiten kann. Ambience-Fans und Spieler mit Singlecoils werden sich hier wohlfühlen.
Gain I – britischer Crunch mit Punch
Der erste Gain-Kanal ist vom Ansatz im JCM900/JCM800-Terrain verortet. Hier gibt’s die berühmten britischen Mittenschmatzer, bissige Höhen und ein strammes Bassfundament – allerdings mit deutlich mehr Regelbereich als bei seinen Vintage-Vorbildern. Der Kanal reagiert dynamisch gut auf den persönlichen Anschlag, das Volume-Poti der Gitarre und liefert eine breite Palette von AC/DC bis modernem Hardrock. Wer noch etwas mehr Anschub will, kann den Kanal mit einem klassischen Overdrive wie dem SD1 oder TS9 zusätzlich anschieben – Pflicht ist das aber nicht.
Trotz aller Vintage-Anleihen ist der Klang hier moderner und definierter. Kein Mumpf, kein Bass-Sumpf – dafür sorgt auch der „Bass Focus-Switch“, der im Endstufenbereich arbeitet und den Bass strafft oder offen lässt.
Gain II – der amerikanische High-Gain
Erwartungsgemäß ist der der zweite Gain-Kanal das, was der Victory Amps The Kraken VX MK2 im Kern sein will – ein High-Gain-Amp mit amerikanischem Charakter, inspiriert zum Beispiel von einem Peavey 5150, aber dennoch schon aufgrund der Schaltung mit einer gehörigen Portion Eigenständigkeit ausgestattet. Schon bei Gain-Stellungen um ca. 13 Uhr bekommt man eine satte High-Gain-Wand, ohne dass man sich Sorgen um Matsche oder fehlende Definition machen müsste.
Auch mit einer 7- oder 8-saitigen Gitarre kann man es ruhig einmal über den Victory Amps The Kraken VX MK2 versuchen, wenngleich der Hub der beiden Endröhren eine andere Verdichtung erlauben als ein entsprechendes Quartett in den Leistungsröhren. Dennoch gelingen auch schön enge, perkussive Palm-Mutes, präzises Attack und ein mittiger Biss, der sich in einem vergleichsweise dichten Mix gut durchsetzt. Ob man hier tatsächlich noch einen wie auch immer gearteten Boost in Form eines Pedals haben möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Lead-Gitarristen werden sich über die zwei Master-Volumes freuen, die per mitgeliefertem Fußschalter anwählbar sind. So lässt sich beispielsweise Gain II für Rhythmus auf Master 1 und für Leads auf Master 2 nutzen – sehr bühnentauglich und eine Entlastung für die FOH, der die Soli dann nicht mehr fahren muss.
EQ & Regelmöglichkeiten – tonale Vielseitigkeit
Der Victory Amps The Kraken VX MK2 verfügt über einen klassischen 3-Band-EQ, bestehend aus Bass, Middle und Treble. Die Presence-Regelung, neu beim MKII, arbeitet in der Endstufe und ermöglicht das übliche Plus an Biss und Schärfe. Hinzu kommt ein Presence Shift-Switch auf der Rückseite, der die tonale Charakteristik des Presence-Reglers verändert. Diese subtile, aber wirkungsvolle Kontrolle erlaubt es, sowohl die Höhenstruktur als auch das allgemeine Spielgefühl weiter zu individualisieren. Zusammen mit dem Bass-Focus-Switch ergibt sich eine tonal flexiblere Endstufe.
Der Amp kann in zwei verschiedenen Leistungsmodi, 50 oder 9 Watt, gefahren werden, wobei sie der Klang natürlich je nach Trioden- oder Pentodenschaltung in Sachen Kompression und Spritzigkeit unterscheidet. Der Amp arbeitet mit 4 Vorstufen- und 2 Endstufenröhren. Werksseitig sind 6L6 verbaut, man kann den Amp aber nach entsprechendem Einmessen auch mit EL34 Röhren betreiben. Hierzu sind die Messpunkte auf der Rückseite des Amps zugänglich. Aber wie immer gilt auch hier, solche Arbeiten bitte nur vom Fachmann erledigen lassen, sonst leiden Produkt und Sound.
Interessant ist auch, dass der Spannungswahlschalter zwischen EU und US versenkt angebracht auf der Seite des Gehäuses sitzt. Dies habe ich tatsächlich auch noch nie vorher so gesehen.
Für wen ist der Victory VX The Kraken MKII gemacht?
Kurz gesagt: Für Gitarristen, die Vielseitigkeit mit guter Qualität bei hoher Transportabilität kombinieren wollen. Du spielst in einer modernen Metal- oder Prog-Band, brauchst aber auch Cleansounds und Crunch für ruhigere Parts? Du suchst einen Amp, der ohne externe Pedale alle Gain-Stufen überzeugend abdeckt? Du willst eine flexible, kompakte Lösung, die trotzdem „big amp feel“ vermittelt? Du stehst auf britische Fertigung mit entsprechender klanglicher Präferenz? Dann ist der Amp etwas für dich.
Für Einsteiger ist der Kraken eventuell zu viel des Guten – nicht unbedingt preislich, sondern in Sachen Komplexität und Leistungsreserven. Aber für ambitionierte Gitarristen, Semis und Profis, die ein kompaktes, bühnentaugliches Multitalent suchen, gibt es kaum bessere Alternativen.

































