Test: VS Audio AFTERMATH Distortion, Verzerrer für E-Gitarre

11. August 2020

Mehr als ein Spitzen-Zerrer

Vor kurzer Zeit begannen wir, die Pedale des griechischen Herstellers VS Audio unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse waren überzeugend. Im Gegensatz zu den getesteten Low- bis Mid-Gain-Pedalen checken wir heute ein wirkliches High-Gain-Pedal aus, den AFTERMATH Distortion, der bereits beim ersten kurzen Antesten zu Beginn der Erstellung dieses Tests einen sehr guten Eindruck machte. Auch hier ist ein zweiter „Effekt“, ein schaltbarer und in der Lautstärke regelbarer Boost an Bord. Die Verknüpfung zweier Funktionen, die per Fuß schaltbar sind, liegt im Trend und ist auch in der Praxis absolut sinnvoll. Das Gehäuse dieses Pedals ist dann auch etwas größer ausgefallen (34 x 120 x 40 mm), um das Schalten komfortabler zu gestalten und natürlich auch, um die Bauteile entspannt unterbringen zu können.

Die Geschichte der beiden griechischen Firmengründer ist den meisten von euch vermutlich unbekannt, deswegen habe ich in Kürze einige Fakten dazu komprimiert zusammengefasst:

2011 trafen sich Panos Sotiropoulos und Costas Theoharis zum ersten Mal, beide sind sowohl Elektronikingenieure als auch Musiker. Ihre Diskussionsthemen waren meist Musik und insbesondere Gitarreneffekte. Damals war Costas der Rhythmusgitarrist in einer Band und Panos begann sich mit DIY-Gitarreneffekte zu beschäftigen. Ein wenig später gelang es Panos, seine Ideen in ein paar Prototypen umzusetzen und Costas vorzustellen. Das Ergebnis war vielversprechend, worauf sie anschließend die Firma „Versus Pedals“ gründeten. Beide trafen sich nun täglich und tauschten Ideen rund um ihr erstes Projekt (ein analoges Delay) aus. Nach viel Gedankenaustausch, endlosen Stunden und vielen Bieren entschieden sie sich für eine vollständige analoge Verzögerung. Ihr Hauptziel war es, es so klingen zu lassen wie die alten Band-Echos aus den 60er-Jahren. Aber auch eine Tap-Tempo-Funktion sollte das Delay besitzen. Zu dieser Zeit forschte Costas auch in Sachen Programmierung von Mikroprozessoren und entwarf die Lösung für diese innovative Funktion (Anmerkung des Autors: Das klingt etwas blauäugig, die Lösung des Problems war bereits bekannt). Außerdem wollte er eine Umschaltung mit Relais, was grundsätzlich recht einfach umzusetzen ist. Nach vielen Recherchen, einigen Prototypen und Überarbeitungen hatten sie dann schließlich ihren ersten Effekt am Start. Nach Abschluss von „Project Diana“ entwickelten sie vier weitere Effekte wie den Fuzz „Fuzzytale“, das Chorus-Vibrato „Vibler“ und zwei Verzerrer „Operation Trinity“ und „Royal Flush“. Das Entwerfen und Testen nahm etwa zweieinhalb Jahre in Anspruch. Schließlich änderten sie im Januar 2016 ihren Namen von „Versus Pedals“ in „VS Audio Effects“. Inzwischen sind weitere Pedale auf dem Markt: der Straight Flush , der Royal Flush und eben der AFTERMATH, alle drei sind Verzerrerpedale.

VS Audio Aftermath Stirn

Der AFTERMATH von der Stirnseite

VS Audio Aftermath Distortion – Facts & Features

Das Pedal wirkt wertig, wurde gut verarbeitet und wird das Herz und die Freunde einer satten Verzerrung ansprechen. Die Gain-Reserven sind beeindruckend, für angezerrte Klänge eignet sich dieses Gerät weniger, diese Aufgaben erledigt beispielsweise der Royal Flush aus gleichem Hause sicherlich besser.

Die Fußtaster wurden optimal platziert, sodass man mit dem Fuß problemlos beide Taster gut erreichen und auch ein unabhängiges Aktivieren ohne „Fehltritte“ erledigen kann. Aber natürlich lassen sich aufgrund der idealen Distanz beider Fußtaster auch gleich beide Funktionen gleichzeitig aktivieren. Aufgrund des relaisgesteuerten Umschaltens entfällt auch das lästige Knacksen, die Umschaltung geht angenehm „smooth“ vonstatten.

Zwei Leuchtdioden informieren optisch über den Schaltungszustand. Ist der Boost aktiv, leuchtet eine weiße Leuchtdiode, eine zweite gelbe Leuchtdiode ist für den Distortion zuständig.

Wie auch bei weiteren Produkten von VS Audio, wurden auch hier stabile schwarze Knöpfe aus Aluminium angebracht, die mit Inbusschrauben an die Achsen befestigt wurden.

Das schwarze Emblem zwischen den Potis und den Fußschaltern ist Geschmacksache und sagt mir persönlich überhaupt nicht zu, aber klanglich kann man dem AFTERMATH, wie wir später noch hören, ausschließlich sehr Gutes nachsagen.

An beiden Seiten wurden Klinkenbuchsen im „Ampstyle“ angebracht, die erwartungsgemäß für den Ein- und Ausgang zuständig sind. Die Stromversorgung des Pedals (9 Volt, Minuspol innen) erfolgt über die Stirnseite des Pedals. Der Stromhunger des AFTERMATH ist mit  40 mA relativ gering, deswegen hängt man das Pedal am besten an das Netzteil des Pedalboards. Ein Batteriebetrieb ist nicht möglich und in der heutigen Zeit auch nicht mehr wirklich angesagt.

Regler

Die Verzerrerabteilung wurde mit einer zweibandigen Klangregelung (Bass/Treble) ausgestattet  und ist erwartungsgemäß mit GAIN im Verzerrungsgrad und VOLUME in der Ausgangslautstärke regelbar.

VS Audio Aftermath Innenleben

Wie immer bei VS Audio, sehr gute Verarbeitung, hochwertige Komponenten, Umschaltung mithilfe von Relais

Boost

Der Boost wird über ein Poti in der Lautstärke geregelt. Bei etwa 11.00 h hat der Klang identische Lautstärke wie bei ausgeschaltetem Boost. Bis zum Rechtsanschlag des Potis wäre bei Bedarf noch eine große Lautstärkereserve herauszukitzeln. Der Boost könnte selbstverständlich auch genutzt werden, um einen Röhrenverstärker mehr in die Sättigung zu treiben, falls dieser „zu clean“ sein sollte.

Schauen wir mal, was Meister Shawn Tubbs zu diesem Pedal zu sagen hat:

VS Audio AFTERMATH – Sound

Hören wir uns nun die Verzerrerabteilung und den Boost einmal an. Ich selber habe nur wenige Boosts gehört, die auf Anhieb so natürlich und schön klingen. Der Sound des Boosts ist sehr neutral und macht das Signal lediglich lauter. Eine Klangveränderung ist, sofern überhaupt, nur in den hohen Frequenzen festzustellen, diese werden minimal angehoben, sodass das Signal eine Winzigkeit frischer und durchsetzungsfähiger erscheint. Der BOOST-Regler bestimmt das Lautstärkeverhältnis zwischen aktiviertem und ausgeschaltetem Effekt. Steht der Boost-Regler auf 11.00 h, sind beide Signale gleich laut (unity gain).

Beim ersten Klangbeispiel hören wir zunächst den klaren Kanal meines Peaveys, anschließend (nach ca. 20 Sek.) wird der Boost aktiviert. Der Boost-Regler steht auf 13.00 h, womit das Signal in der Lautstärke etwas angehoben wird. Die Gitarre ist eine PRS Custom 24, die in Stellung 4 des Blade-Schalters einen „Strat-ähnlichen“ Klang erzeugt:

Boost

Der Sound des Boosts kann man nur als traumhaft bezeichnen, da er das Signal nicht nur lauter macht, sondern auf eine sehr angenehme Art „verschönert“ und dem Sound eine ganz leichte angenehme Kompression hinzufügt. Einen besseren Boost habe ich seit Langem nicht gehört, zudem dieser auch noch angenehm arm an Nebengeräuschen ist.

VS Audio Aftermath Seite

Distortion

Die Klangregelung des AFTERMATH besitzt zwar keinen Mittenregler, diesen habe ich allerdings auch nicht vermisst. Bereits bei einer Stellung auf 9.00 h ist der Klang schon sehr satt und recht komprimiert. Bei Bedarf kann man den Sound durch Aufdrehen des Höhenreglers noch mit etwas mehr Biss versehen. Der Sound und Charakter der Kompression haben mich klanglich an zwei Verzerrer der Marke REVV (G3 bzw. G4) erinnert. Wenn die Verzerrung des AFTERMATH für den einen oder anderen tatsächlich nicht ausreichen sollte (was ich definitiv nicht vermute), könnte man den Boost, der mit dem rechten Taster aktiviert wird, noch „davorspannen“, um die Verzerrerabteilung noch mehr in die Sättigung zu fahren. Ich persönlich würde den Boost lieber als Cleanboost oder als Solo-Boost für einen Crunchsound eines anderen Pedals auf dem Board einsetzen, aber dies ist natürlich Geschmacksache.

Hören wir den Verzerrer (ohne Boost). Bereits bei einer Stellung auf 9.00 h ist der Sound fett. Beide Regler der Klangregelung stehen auf 12.00 h:

Wir reißen den Gain-Regler nun etwas weiter auf:

Nun steht der Gain-Regler auf 14.00 h:

Bei Rechtsanschlag des Gain-Reglers wird der Sound ultrafett. Mehr Gain braucht eigentlich niemand, es sei denn, man bevorzugt einen matschigen und unkonkreten Sound. Auch hier ist der Boost noch nicht aktiviert:

Die Pedale, wie auch das AFTERMATH von VS Audio, sind absolut „state of the art“, geschmackvoll, liebevoll entwickelt und gebaut. Man darf gespannt sein, welche neuen Entwicklungen aus den zwei Hirnen der Entwickler in Zukunft das Licht der Welt erblicken werden. Mein Vorschlag für die nächste Entwicklung des Hauses VS Audio wäre ein Upgrade dieses Pedals, indem man einfach einen kleinen Kippschalter einbindet, der die Reihenfolge beider „Effekte“ tauscht. Das wäre schnell und einfach umzusetzen. Das Pedal bietet ohnehin genug Verzerrung, so könnte man dann den Boost hinter den Verzerrer platzieren und hätte dann auch einen Soloboost bzw. zwei unabhängig schaltbare Lautstärken.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

PRS Custom 24 – VS Audio AFTERMATH – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic (etwas Hall bzw. Delay hinzugefügt).

Fazit

Der Aftermath von VS Audio hinterlässt einen hervorragenden Eindruck. Der Verzerrer ist auf High-Gain ausgerichtet und bietet dementsprechend satte Verzerrung, ohne jemals künstlich zu wirken. Der Boost ist ausdrucksstark und sucht klanglich seinesgleichen, dieser allein ist schon  schwer zu toppen. So geht das auch das Preis-Leistungs-Verhältnis mehr als in Ordnung. Das Pedal ist absolut zu empfehlen, wenn man auf (harten) Rock steht.

Plus

  • Sound des Distortions
  • Sound des Boosts
  • Verarbeitung
  • Umschaltung mit Relais
  • Design
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis

  • 185,- Euro
Klangbeispiele
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