Test: VS Audio Royal Flush Dual Overdrive, Verzerrer für E-Gitarre

4. August 2020

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Overdrives, Verzerrer, Distortion – wenige Themen sind für einen Strom-Gitarristen so enorm wichtig wie der Klang seines Instruments, gekoppelt mit dem richtigen Verstärker und dem richtigen Zerrpedal. Der Markt ist überschwemmt mit Overdrive-Pedalen, die allesamt viel versprechen, sich aber dennoch meist nicht wesentlich unterscheiden, da es ja auch nur eine handvoll Schaltungskonzepte gibt, die sich dann auch meist nur in wenigen Parametern unterscheiden. Overdrive-Pedale erzeugen ihre „Verzerrung“ (bzw. Kompression) oft durch Dioden (Germanium-, Silizium- oder oft auch Leuchtdioden, meist in Verbindung mit analogen Operationsverstärkern (oft achtbeinige, spinnenhafte Zeitgenossen) oder auch Transistoren (FETs etc.). Oft entscheiden nur die Werte einiger Bauteile wie beispielsweise Widerstände oder Kondensatoren über den speziellen Klangcharakter bzw. Nuancen in gewissen Frequenzbereichen, ob der Nerv des Kunden getroffen wird.

Auch heute testen wir wieder einmal ein weiteres „Zerrpedal“, wobei hier tatsächlich zwei Overdrives in einem Gehäuse am Start sind. Beide können unabhängig mit einem Fußschalter aktiviert und bei Bedarf auch hintereinandergeschaltet „gestacked“ werden, um eine sattere Verzerrung zu erreichen.

Der Begriff Royal Flush lässt die Herzen eines ambitionierten Pokerspielers höherschlagen, denn dieses Blatt ist das Beste, was in der Pokerwelt existiert und schlägt selbst den Vierling, Full House und weitere großartige Blätter. So ist dieses Pedal auch das kostenintensivste und gleichzeitig am luxuriösesten ausgestattete Pedal des Herstellers VS Audio, der gleichfalls noch einige weitere Verzerrerpedale im Angebot hat wie beispielsweise den Aftermath und den Straight Flush, die ebenfalls an dieser Stelle in Kürze getestet werden.

Führen wir uns zunächst die Zielsetzung und Beschreibung des Herstellers zu Gemüte (ich zitiere sinngemäß):

Der VS Audio Royal Flush ist ein Zweikanal-Overdrive mit separaten Reglern für jeden Kanal. Der erste Kanal ist ein Overdrive mit geringer Verstärkung und wurde entwickelt, um einen Overdrive für Röhrenverstärker mit „Early Break-up“ für einen Rhythmus mit Klangklarheit zu erzeugen. Der zweite Kanal ist ein Overdrive mit mittlerer Verstärkung und wurde entwickelt, um den cremigen und satten Klang eines Röhrenverstärker-artigen Crunchs zu erzeugen. Beide aktivierten Kanäle emulieren einen Röhrenverstärker-Sound mit viel Sustain.

Das klingt zunächst natürlich recht vollmundig und vielversprechend. Schauen wir nun, was der Royal Flush tatsächlich zu bieten hat und wie er sich gegenüber der gigantischen Konkurrenz verhält.

VS Audio Royal Flush – Facts & Features

Das Pedal wurde in Griechenland hergestellt, was zunächst erstaunt, da die Griechen nicht unbedingt für ihre Gitarren-Pedale, sondern dem „typischen, in deutschen Landen lebenden Bürger“ oft nur durch ihre (uns bekannten) landestypischen Getränke, Speisen oder Urlaubsziele bekannt sind.

Zunächst fällt einmal das schön designte und cremefarben lackierte Aluminiumgehäuse auf. Eine perfekt gestylte Blondine schaut uns mit großen Augen an, was den einen oder anderen Stromgitarrenfreak nur aufgrund dessen schon für einen Kauf einstimmt. Auf der Oberseite des Pedals finden wir gut gegliedert sechs Potis, die mit schwarzen Aluminiumknöpfen bestückt wurden. Das Pedal lässt sich in zwei quasi identische Abteilungen trennen, was aber lediglich optisch der Fall ist. Klanglich gibt es Unterschiede, so befindet sich auf der rechten Seite die Boost/Low-Gain-Overdrive-Abteilung, während links ein etwas potenterer Overdrive platziert ist. Die Abmessungen des Royal Flush betragen 119 x 94 x 34 mm (B x T x H). Die  „Fußschalter“ sind nicht die üblichen Verdächtigen, die beim analogen Umschalten Knackgeräusche von sich geben, vielmehr erfolgt die Umschaltung mit robusten Tastern, die mittels Relais die Umschaltung geräuschlos vornehmen.

Leider lässt sich die Reihenfolge der Effektkette nicht umstellen (z. B. durch einen kleinen Schalter im Gehäuse). Der „milde“ Overdrive (Boost) sitzt also immer vor dem etwas heftigeren Overdrive. Heftigere Verzerrungen lassen sich durch „Stacken“, also Hintereinanderschalten beider Seiten, erreichen.

Cooles Design

Regler

Beide Verzerrerabteilungen besitzen identische Bedienelemente. Jede Seite kann im Grad der Verzerrung (GAIN), dem Höhenanteil (TONE) und der Ausgangslautstärke (VOL) den individuellen Bedürfnissen angepasst werden. Sind beide Overdrives in Serie, muss man einen geeigneten Kompromiss finden, sodass der Sound auch im „gestackten Modus“ lautstärkemäßig passt. Die verbauten Potis des Herstellers Alpha sind für ihre gute Qualität bekannt und wurden mit soliden schwarzen Knöpfen aus Aluminium bestückt, die mit Inbusschrauben an die Achsen der Potis verschraubt sind.

Selbstverständlich besitzt der VS Audio Royal Flush Dual Overdrive auch zwei Klinkenbuchsen (6,3 mm Klinke) für Ein- und Ausgang, die hier stirnseitig angebracht wurden, was evtl. noch geringfügig mehr Platz auf dem Board schafft. Die Stromaufnahme erfolgt mithilfe der üblichen Hohlstecker-Buchse (5,5 x 2,1 mm Minuspol innen) und ist, wie bei analogen Boosts bzw. Overdrives, mit 25 mA quasi zu vernachlässigen.

VS Audio Royal Flush Innenleben

Umschaltung mit Fußtastern und Relais (blaue Bauteile), hochwertige Bauteilequalität

Die Auswahl der Bauteile ist hochwertig, die Verarbeitung robust. Wie man sieht, wurde auf SMD-Bauteile vollständig verzichtet.

Das Pedal besitzt True-Bypass, d. h. bei inaktivem Effekt wird das Eingangssignal ohne Umwege an den Ausgang (bzw. den Eingang des Verzerrers) weitergeleitet, durchläuft also keinen Buffer oder andere Komponenten der Schaltung.

So klingt der Royal Flush beim Kollegen:

In diesem Demo schafft es der Kollege, einen recht „Hendrix-artigen Sound“ mit einer Strat auf dem Halstonabnehmer zu erreichen, was mir Spaß macht. Ich verwende als Kontrast nun eine Gibson ES 335 auf dem Steg-Pickup, die ein Rhythmusriff spielt.

Klangbeispiele – meine Erkenntnisse

Einen Gedanken, der mir bereits eine geraume Zeit durch den Kopf geht, wollte ich euch nicht vorenthalten: Der Kollege im Video ist ein brillanter Gitarrist, er testet ständig Pedale und veröffentlicht die Demos im Netz. Viele davon habe ich mir in den letzten Jahren angesehen. Auffällig (für mich) ist, dass alles, was er testet, „nach ihm“ klingt. Das hängt natürlich mit seinen spielerischen Nuancen (z. B. für ihn typische Microbends (auf der G-Saite) der kleinen Terz der Moll-Pentatonik), seiner Phrasierung aber auch dem Vibrato und zum Großteil mit seinen Fingern zusammen. Dasselbe Pedal würde sicherlich in meinen (oder deinen) Händen anders klingen, auch wenn ich dasselbe Instrument und das absolut identische Equipment benutzte. Auch die DAW und möglicherweise eine immer gleiche Lautsprechersimulation (Plugin etc.) und einige weitere Parameter können den Charakter des Klangs deutlich prägen. Dasselbe gilt natürlich auch für Pete Thorn, Shawn Tubbs, Tim Pierce und Konsorten, die auf YouTube große Präsenz zeigen. Ganz gleich was sie testen, es klingt immer ausgezeichnet aufgrund ihrer guten Technik, besitzt aber auch stets den typischen Charakter ihres Stils und ihrer spielerischen Nuancen. Entscheidend ist auch, dass bei vielen dieser Tests nur Röhrenverstärker großartiger Qualität zum Einsatz kommen. Ein Modeler oder Transistorverstärker wird das Signal eines Pedals gleichfalls anders (nicht so wohlwollend) verarbeiten wie ein Röhrenverstärker.

VS Audio Royal Flush Dual Overdrive – Sound

Zuerst hören wir ein Riff, das in den klaren Kanal meines Verstärkers gespielt wurde. Um einen Vergleich bei aktiviertem Boost zu haben, habe ich das Signal mit einem BOSS RC-3 geloopt und dann bei zwei Einstellungen des Boost aufgenommen. Im ersten Klangbeispiel steht der Gain-Regler zunächst auf 10 h. Der Tonregler zeigt auf 12 h, der Volume-Regler ebenfalls. Die Lautstärke bei aktiviertem Effekt ist quasi identisch:

Der Boost besitzt tatsächlich einen Sound, der einem leicht angezerrten Röhrenverstärker nahekommt. Der Charakter der Verzerrung ist recht individuell, geht für mich eher in eine „Fender-Tweed-artige Verzerrung“ und hat weniger „Marshallesques“. Hört man genau hin, ist ein hohes „Fisseln bzw. Kratzen“ wahrzunehmen, das leider zu oft sogar auch bei zahlreichen (auch kostenintensiven) Overdrives wahrzunehmen ist.

Der Boost entwickelt bei relativ weit aufgedrehtem Gain-Regler eine „moderate Zerre“. Wenn man also einen absolut klar eingestellten Verstärker benutzt, kann man für einen fetteren Grundsound den Boost bzw. die „rechte Seite des Effekts“ auch permanent anlassen (gerne auch als „always on“ bezeichnet). Hören wir nun den Boost bei voll aufgedrehtem Gain-Regler:

Nun hören wir die linke Abteilung des Royal Flush, der Gain-Regler steht auf 12 h:

Reißen wie den Gain-Regler voll auf, wird schon reichlich Biss erzeugt, der hier auch durch eine leichte Rechtsdrehung des Ton-Reglers (14 h) erreicht wird.

Interessant ist natürlich auch zu erfahren, wie sich beide „Hälften“ in einer seriellen Signalkette, also in „gestacktem“ Zustand, verhalten und ob sich eine Einstellung findet, die allen Bedürfnissen gerecht wird.

Die zwei Effekte mit deren Kombinationsmöglichkeiten, die Verarbeitung und das Design können voll überzeugen. Wenn auch hier das Rad nicht neu erfunden wurde, bietet der VS Audio Royal Flush klangliche feine Unterschiede zu der großen Zahl seiner Mitbewerber, also allseits bekannte Overdrive- und Boost-Pedale wie beispielsweise ein Tubescreamer oder seiner zahlreichen Verwandten. Wer also ein solides Produkt mit ansprechendem Design und hoher Bauteilqualität sucht, das seine beiden Aufgaben (Boost und Overdrive) geschmackvoll erfüllt, ist mit dem VS Audio Royal Flush sicherlich gut bedient.

Die Klangbeispiele wurden mit folgendem Equipment aufgenommen:

Gibson ES 335 – VS Audio Royal Flush – Peavey Classic 20 MH – MESA/Boogie 1 x 12″ Thiele Box mit Creamback Celestion Lautsprecher – Shure SM57 – Apogee Duett – Mac mit Logic.

Fazit

Das VS Audio Royal Flush ist solide gebaut, geschmackvoll designt und mit hochwertigen Komponenten bestückt. Das Ergebnis kann sich sehr gut hören lassen, beide Seiten des Royal Flush harmonieren gut und wurden mit Geschmack und Know-how entwickelt, um in der Praxis lebendige und „röhrenverstärkernahe“ Ergebnisse zu liefern. Der zu berappende Preis gehört sicherlich nicht in die Schnäppchen-Abteilung, geht aber aufgrund des sehr ansprechenden Sounds, den klanglichen Möglichkeiten und der etwas aufwendigeren Relais-Umschaltung sicherlich in Ordnung.

Plus

  • Sound
  • zwei unabhängige Overdrives
  • Design
  • Verarbeitung
  • qualitativ hochwertige Bauteile
  • geräuschloses Umschalten mittels Tastern und Relais

Preis

  • 215,- Euro
Klangbeispiele
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