Test: Walrus Audio Bellwether, Analog-Delay Pedal

26. April 2016

King of Delays

Heute haben wir im Rahmen unserer Tests einen besonderen Leckerbissen am Start – das analoge Delay Bellwether der Firma Walrus Audio.

Schaut man sich auf den Internetseiten der Firma Walrus Audio um, stellt man schnell fest, dass dem Gitarristen (Bassisten) hier ausschließlich qualitativ hochstwertige Produkte in kunstvollen Designs angeboten werden. Hier muss man zweifellos abermals den abgenutzten Begriff „Boutique“ heranziehen, um diese Produkte zu kategorisieren. Viele Hersteller benutzen diesen Begriff, um ihre teilweise wenig aufwendigen Produkte auf ein scheinbar höheres Level zu heben und diesen somit einen „Touch von Voodoo“ zu verpassen. Im Falle der Walrus Audio Produkte ist die Bezeichnung „Boutique“ jedoch absolut angemessen.

Das Bellwether bietet, abgesehen von der Standardausstattung, die ein analoges Delay bereitstellen sollte, noch viele weitere Features wie Modulation, Expressionpedal Anschluss (um die Verzögerungszeit bzw. die Anzahl der Wiederholungen extern mit dem Fuß zu steuern) und die Möglichkeit, das Tempo (am Gerät selbst bzw. extern per Fußtaster) zu tappen. Die Tap-Tempo-Funktion kommt nun auch bei analogen Delays immer mehr in Mode, gerade weil man sie in der Vergangenheit oft schmerzlich vermissen musste. Sie wird wohl in Zukunft auch bei analogen Delays eine Selbstverständlichkeit werden, da man hierfür technisch gesehen nur eine Handvoll Bauteile (Widerstände, Kondensatoren und ein entsprechend programmiertes IC) benötigt.

Beitrags Bellwether

— Walrus Audio Bellwether Delay —

Facts und Features

Das Bellwether Delay ist mit seinen Abmessungen von 143 x 117 x 40 mm für einen Bodentreter verhältnismäßig groß. Es mussten auch tatsächlich viele Bauteile untergebracht werden, es handelt sich hier also nicht um eine „Mogelpackung“, wie das gelegentlich bei anderen Stompboxen der Fall ist. Das dunkelrot lackierte Gehäuse wurde kunstvoll mit einem schwarzen Motiv verziert, wodurch  eine reliefartige Oberfläche (Siebdruck) entsteht.

Die Stromversorgung übernimmt ein Netzadapter im IBZ/BOSS Format, der sich allerdings nicht im Lieferumfang des Pedals befindet. Ein Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen und wäre auch nicht sinnvoll, denn das Gerät wird vermutlich seinen Platz auf einem Pedalboard finden und somit gemeinsam mit den weiteren Effekten von einem Netzteil versorgt werden.

Das Bellwether ist in der Lage, Verzögerungszeiten von bis zu 1000 ms zu generieren, dies ist für ein analoges Echopedal außerordentlich überdurchschnittlich. Dieses lässt sich nur mit einer ganzen Reihe (genauer gesagt mit einem Duzend), der guten alten Eimerkettenspeicher (Bucket Brigade Device, kurz „BBD“) realisieren.

Bellwether Frontal

— Luxuriös ausgestattet und schön anzusehen —

Regler

Folgende Regler zur Klangbeeinflussung befinden sich an Bord

Level regelt erwartungsgemäß die Lautstärke des Effektssignals, Time regelt die Verzögerungszeit und Repeats justiert die Anzahl der Wiederholungen. Die beiden zuletzt erwähnten Parameter können bei Bedarf auch via optionalem Expressionpedal gesteuert werden, dazu später aber mehr.

Der Tone Regler ist ein Höhenregler für das Effektsignal und gestattet somit die Absenkung hoher Frequenzen, um ggf. einen „mehr analog ausgeprägten“ Klang oder bei Bedarf auch einen „Lo-Fi“ Sound zu generieren. Bei Linksanschlag ist der Klang am höhenreichsten (wobei er bereits schon deutlich weniger brillant als das Originalsignal klingt) und wird dann mit Drehen im Uhrzeigersinn zunehmend dumpfer.

Die Modulation des Effektsignals kann bei Bedarf mit dem Mod On/Off Schalter aktiviert werden. Depth passt die Tiefe der Modulation an die persönlichen Bedürfnisse an und Rate beeinflusst die Geschwindigkeit des LFOs, womit z.B. auch schnell pulsierende Vibratoklänge möglich werden. Zu erwähnen ist, dass der Rate Regler, entgegengesetzt mancher Erwartung, am Linksanschlag die schnellste Modulation erzeugt.

Der Fußtaster auf der linken Seite des Bellwether ermöglicht das „Tappen“ des Tempos, somit ist man stets synchron mit den Bandkollegen oder dem Playback im Studio. Eine weiße, blinkende Leuchtdiode zeigt den zuletzt gewählten Wert auch optisch an.

Tap Division unterteilt die voreingestellte Verzögerungsdauer bei Bedarf in kleinere Einheiten. Viertel, Achtel, punktierte Achtel und Triolen sind hier möglich.

Bellwether 180

— Ausgang wahlweise Stereo, Effektloop und Anschlussmöglichkeit für ein Expressionpedal zur externen Steuerung der Verzögerungszeit bzw. der Wiederholungen —

Um weitere, externe Kontrolle über das Bellwether zu erlangen, steht noch ein weiteres Feature bereit: Ein Expressionpedal lässt sich in die Stereo EXP Buchse einklinken, um die Verzögerungszeit bzw. die Anzahl der Wiederholungen zusätzlich auch mit dem Fuß zu steuern. Der kleine Time/Repeat Kippschalter bestimmt, welcher der beiden Parameter ferngesteuert wird.

Das Bellwether böte aufgrund seiner Größe die Option eines weiteren Fußschalters, der die Funktion dieses Kippschalters übernähme. Somit könnte man das angeschlossene Expressionpedal ohne allzu großen Aufwand für beide Parameter (Verzögerungszeit UND Anzahl der Wiederholungen) nutzen. Das wäre unsere Idee für eine Optimierung des Bellwether.

Auch ein Effektweg befindet sich an Bord. Damit kann man weitere Effekte einschleifen, um (nur) das Effektsignal zusätzlich klanglich zu beeinflussen und somit experimentelle bzw. nochmals „abgedrehtere“ Klänge zu generieren. Last, but not least muss noch die Tap In Buchse an der rechten Seite des Geräts erwähnt werden. Diese dient dazu, mittels eines optionalen Fußtasters das Tempo extern zu steuern.

Das Bellwether lässt sich wahlweise auch in Stereo betreiben, dafür steht die Out 2 Klinkenbuchse zur Verfügung.

Der seit Jahrzehnten bekannte und bewährte Platzhirsch unter den analogen Delays inkl. Modulation ist das Memory Man Deluxe von Electro Harmonix. Somit könnte man das Bellwether Delay auch als „Memory Man Doppel-Deluxe“ bezeichnen, da es sowohl den warmen analogen Klang der betagten Modelle vergangener Jahrzehnte, eine weiche analoge Modulation, aber auch zeitgemäße Features, wie Effektweg, Tap-Funktion, Tap Division und Expressionpedal-Anschluss bereitstellt. Ganz zu schweigen von der bedeutend längeren Verzögerungszeit!

Sound

Das Bellwether generiert nicht zuletzt durch die Verwendung der guten alten Eimerkettenspeicher einen angenehm weichen, dreidimensionalen und ausgesprochen noblen Klang. Schon ohne den Einsatz der Modulation wird bereits eine angenehme Klangfülle erzeugt. Bei Aktivierung der Modulation lassen sich nun noch „tiefere Klänge“ generieren. Von subtilen chorusartigen Klängen, bis heftig schwingenden Vibratosounds ist hier alles möglich. Wie alle analogen Delays, kann auch das Bellwether mit entsprechender Einstellung von Repeat und Echolevel auch bis in die Selbstoszillation getrieben werden.

Ein analoges Delay mit einem so hervorragenden Klang und dieser Vielzahl an nützlichen Features ist im Moment auf dem Markt nicht zu bekommen. Auch wenn es günstigere (analoge) Delaypedale gibt, die featuremäßig an das Bellwether Delay heranreichen, so sind diese jedoch klanglich unterlegen.

Im Stereobetrieb kann man angenehmerweise feststellen, dass die Delays im Ping-Pong-Modus ausgegeben werden, was die Lebendigkeit des Klangs nochmals erhöht.

bellwether_white

— Bewegtes Innenleben mit knapp 30 Trimpotis und einem Duzend BBD-Speicherchips —

Man muss jedoch auch festhalten, dass bei Delayzeiten im oberen Viertel des möglichen Bereiches (ab ca.700 ms) bei gewissen Settings ein leichtes Kratzen im Effektsignal bemerkbar wird. Dieses ist jedoch einzig und alleine den individuellen Eigenschaften der verwendeten ICs zur Erzeugung des Delays geschuldet und dem Bellwether daher nicht anzulasten. Man findet diesen Effekt bei hohen Verzögerungszeiten und genauem Hinhören in so gut wie allen analogen Delays.

Die Audiobeispiele wurden mit folgendem Equipment erstellt:
Strat mit Singlecoils – zeitweise Timmy Overdrive (Clon) – Orange Tiny Terror – Bellwether – Shure SM 57, Apogee Duett, iMac mit Logic.

Fazit

In Anbetracht der Tatsache, dass man sich für das Geld, das man für das Walrus Audio Bellwether berappen muss, einen qualitativ guten Röhrenverstärker kaufen könnte, eignet sich dieses Effektgerät vornehmlich für die besser betuchte Individualisten unter uns. Das Pedal ist aufwendig gebaut, besticht durch äußerliche Reize und bietet ausstattungsmäßig alles, was ein analoges Delay überhaupt nur zu leisten vermag. Klanglich ist es von hervorragender Qualität.

Trotz des hohen Preises muss man jedoch auch feststellen, dass der Preis des Walrus Audio Bellwether sich im Vergleich nicht außerhalb des Rahmens konkurrierender Boutiquepedal Hersteller bewegt, sondern aufgrund der absolut luxuriösen Ausstattung sogar gerechtfertigt ist. Auch wenn es dem Geldbeutel von manch einem wehtun könnte!

Plus

  • Ausstattung
  • Verarbeitung
  • Delay bis 1000 ms
  • Qualität der Bauteile
  • Stereobetrieb möglich
  • Tap Tempo Funktion
  • Modulation, schaltbar
  • Expression Pedal Anschluss
  • Design

Minus

  • hoher Preis

Preis

  • 369,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Picard  

    Interessantes Innenleben. Insgesamt 8 (nicht 12) BBD-ICs, wahrscheinlich 4 pro Kanal weil stereo. Wieso allerdings bei Leiterplattenversion 8.1 immer noch Kondensatoren nachträglich per Hand quer über die Schaltkreise gelötet werden ist fraglich. Bedenklich finde ich die Anzahl von 27 (siebenundzwanzig) Abgleichpotentiometern – in einem fußbetriebenen Bodengerät – Hilfe! Das hält doch keine 3 Gigs durch…

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