Voluminöser Leisetreter mit mächtigem Funktionsumfang
Das Walrus Audio Canvas Volume zeigt, dass ein modernes Volume-Pedal weit mehr sein kann als nur ein Leisemacher auf dem Pedalboard – hier trifft analoge Signalführung auf digitale Intelligenz.
Was ist es? Walrus Audio Canvas Volume, analoges Volume-Pedal mit sensorbasierter Technik, variablen Taper-Kurven und integrierter Lag-Funktion.
- Technik: Verschleißfreier Positionssensor statt Zahnstange, analoger Signalweg mit VCA-Steuerung.
- Taper: Acht unterschiedliche Sweep-Kurven von Vintage-Charakter bis linear.
- Features: Minimal-Volume, bis zu 9 dB Clean-Boost und einstellbare Lag-Verzögerung für Swells.
- Routing: Mono, Stereo oder Split-Betrieb mit optionalem Tuner-Out.
- Kritik: Bedienelemente schwer zugänglich und alle Anschlüsse einseitig platziert.
Inhaltsverzeichnis
Walrus Audio Canvas Volume
Das Volume-Pedal gehört zu den vernachlässigten Gadgets auf dem Pedalboard. Irgendwie hat man eben eins. Manchmal sind sie in Multieffekt-Einheiten verbaut, mal lag in der verstaubten Kiste noch ein altes Boss FV-50. Und manch einer wird sich denken: „Was soll ich damit? Ich habe doch einen Regler an der Gitarre.“ Dass ein Volume-Pedal aber viel mehr sein kann als nur ein Leisetreter, soll der folgende Testbericht zeigen.
Ich gebe zu: Auch ich habe mein Volume-Pedal eigentlich immer nur benutzt, um in Spielpausen die Gitarre stummzuschalten und meinen Mitmusikern beim Stimmen nicht maximal auf die Fackel zu gehen. Für Letzteres war stets einen Tuner am entsprechenden Ausgang angeschlossen, sodass die Gitarre nach außen stumm blieb, das Signal aber zum Stimmgerät durchgelassen wurde. Später kam mein geliebtes Ernie Ball VPJR Tuner-Pedal zum Einsatz, das Volume-Pedal und Tuner vereinte. Seit ich den Kemper nutze, ist auch dieses Pedal in der ominösen, verstaubten Kiste verschwunden. Doch das könnte sich ab heute ändern.
Features & Functions
Ein Volume-Pedal muss man eigentlich nicht weiter beschreiben. Das Canvas Volume macht jedoch einiges anders als viele Geräte der Konkurrenz. Deshalb verliere ich hier ein paar Worte.
Der gravierendste Unterschied ist der völlige Verzicht auf mechanische Verschleißteile. Während andere Hersteller noch immer auf Zahnstangen oder Bänder setzen, wird hier die Pedalposition mittels eines Positionssensors und hochwertiger VCAs zuverlässig abgetastet. Das sorgt nicht nur für Verschleißfreiheit, sondern erlaubt auch die elektronische Weiterverarbeitung der gewonnenen Daten. Und das führt direkt zum nächsten Feature.
Beim Canvas Volume lassen sich unterschiedliche Sweep-Kurven abrufen. Gemeint ist damit das Verhalten des Lautstärkeanstiegs zwischen Heel- und Toe-Position. Klassische Volume-Pedale arbeiten nicht linear. Genau deshalb sind viele alte Klassiker so beliebt. Da ist „Vintage-Organik“ im Spiel. Diese lässt sich hier über die Taper-Funktion simulieren.
Acht verschiedene Taper-Presets stehen zur Auswahl. Ein Taper bestimmt, wie sich die Lautstärke über den gesamten Regelweg verändert.
- Taper One (Canvas Taper)
- Taper Two (Lehle model)
- Taper Three (Boss model)
- Taper Four (Dunlop model)
- Taper Five (Ernie Ball VP Jr model)
- Taper Six (Hotone model)
- Taper Seven (Hilton model)
- Taper Eight (Goodrich model
Taper 1 wurde speziell für das Canvas Volume entwickelt. Die Taper 2 bis 8 orientieren sich an bekannten Pedalen. Die Taper 7 und 8 sind die linearsten Kurven und werden vor allem von Pedal-Steel-Spielern bevorzugt.
Obwohl viel Digitaltechnik im Spiel ist, bleibt der Signalweg komplett analog. Ein gebufferter Eingang verhindert Qualitätsverluste bei passiven Instrumenten. Eine Minimal-Volume-Funktion erlaubt es, die untere Lautstärkeschwelle in der Heel-Position einzustellen. Das kennt man von anderen Pedalen.
Zusätzlich bietet das Canvas Volume aber einen Clean-Boost. Im Auslieferungszustand liegt der Ausgangspegel bei voll durchgetretenem Pedal bei 0 dB. Wer möchte, kann bis zu 9 dB Boost in 3-dB-Schritten hinzufügen.

Die Bedienelemente sind platzsparend, aber in der Praxis schwer erreichbar unterhalb Pedals angebracht
Wem das noch nicht reicht, der darf sich über die Lag-Funktion freuen. Nein, das ist kein Auto-Swell für Faule, Stephan, leg dich wieder hin. Gemeint ist eine Verzögerung der gewählten Taper-Kurve um bis zu zwei Sekunden. Das ist ein Traum für Ambient-Fans und Freunde sanfter Swells. Wie sich das anhört und anfühlt, klären wir später.
Routing und weitere Funktionen
Das Canvas Volume bietet drei Routing-Möglichkeiten: Mono In/Mono Out, Mono In/Stereo Out sowie komplett Stereo. Im Mono-Modus kann der zweite Ausgang als Tuner-Out konfiguriert werden.
Das eröffnet interessante Optionen für komplexere Pedalboards. Ein Stereosignal lässt sich in der Summe regeln. Alternativ kann das Signal in Stereo aufgesplittet oder zwei parallele Mono-Signalketten versorgt werden. Letzteres ist besonders interessant für parallelen Betrieb von Reverb und Delay.
Per USB-C lässt sich das Canvas Volume mit Mac oder PC verbinden, um Firmware-Updates aufzuspielen. Das funktioniert ausschließlich über einen Browser mit Web-MIDI-, Web-USB- und Web-Serial-Unterstützung. In der Praxis läuft das auf den Chrome-Browser hinaus. Wer diesen nicht installieren möchte, hat Pech.
Kalibrierung und Factory-Reset sind über das erweiterte Systemmenü erreichbar. Aufgrund der reduzierten Bedienelemente gerät das allerdings etwas fummelig.
Bedienung und Anschluss
Während manch ein Gerät auf dem Board funkelt wie eine weihnachtlich beleuchtete UFO-Einflugschneise, muss man beim Canvas Volume schon etwas genauer hinsehen. Die Bedienelemente und die dazugehörigen LEDs befinden sich am Fersenende unterhalb des Pedals und sind bei komplett zurückgetretener Position nicht sichtbar. Überhaupt ist es dort recht dunkel, aber die in unterschiedlichen Farben leuchtenden LEDs erleichtern die Bedienung erheblich.
Bedient wird das Menü des Pedals über zwei Buttons, die zunächst auswählen, welche Funktion man editieren möchte. Von links nach rechts oder umgekehrt können mittels der Pfeiltasten die vier Funktionen Taper (gelb), Minimal Volume (grün), Output Gain (rot) sowie Lag (lila) aufgerufen werden. Um den Parameter dieser Funktion dann zu verändern, hält man die linke Pfeiltaste gedrückt und schaltet stufenweise mit der rechten nach oben bzw. umgekehrt, wenn man Parameterwerte nach unten korrigieren möchte.
Das ist hier am Schreibtisch kein Problem. Hat man das Canvas Volume allerdings auf dem Board montiert, kann das schnell ganz schön frickelig werden, denn der schmale Spalt zwischen Gehäuse und Pedal ist schnell durch die dicken Finger vor dem nötigen Einblick geschützt. Nun wird man sicherlich die Parameter des Pedals nicht täglich mehrfach ändern, deshalb drücke ich ein Auge zu, aber eine Positionierung der Bedienelemente an der Seite des Gehäuses wäre sicherlich praxistauglicher gewesen.
Platz ist auf der linken Gehäuseseite genug, denn irgendjemand kam auf die nicht ganz so grandiose Idee, alle vier Buchsen für Ein- und Ausgänge an der rechten Seite des Gerätes zu positionieren. Wer auf der rechten Seite seines Boards die Möglichkeit hat, „normale“ Klinkenstecker zu verwenden, die auch mal über das Board hinausreichen dürfen, wird hier kein Problem sehen. Wer sein Volume-Pedal links auf dem Board positioniert, könnte schnell an Grenzen stoßen. Winkelstecker sind bei voller Belegung einander im Weg und die geraden Klinkenstecker ragen zu weit ins Board hinein.
Praxis
Zum Montage auf dem Board können die vier Gummifüßchen am Boden einfach herausgenommen und sicher in der oben genannten staubigen Kiste aufbewahrt werden. Zu Misere mit den Buchsen habe ich mich eben schon ausgelassen. Ich selbst nutze das Volume-Pedal rechts auf dem Board und so habe ich keine Probleme mit der Verkabelung. Die Bedienung der kleinen Knöpfe wurde ebenfalls schon erwähnt. Was mir aber auffällt, ist das extrem leichtgängige Pedal. Da ist kein nennenswerter Widerstand vorhanden und wer nicht gerade mit Socken auf der Bühne unterwegs ist, wird das Pedal bei der kleinsten Berührung verstellen.
Was macht Vatter Steiger also? Er schraubt. Und zwar das Gehäuse auf. Ich will sehen, ob die Gängigkeit des Pedals einstellbar ist. Und siehe da: Hätte Vatter überhaupt nicht machen müssen, denn in der Bodenplatte befindet sich eine Schraube, mit deren Hilfe man die Schwergängigkeit des Pedals mechanisch beeinflussen kann. Aber so gibt’s jetzt eben ein Bild vom Inneren, das die langlebige Konstruktion des Pedals deutlich darstellt.
Die verschiedenen Taper-Presets erweisen sich in der Praxis als deutlich fühl-, jedoch weniger deutlich hörbar. Das war zu erwarten, aber trotzdem sei an dieser Stelle nicht auf Klangbeispiele verzichtet. Um die Wirkweise zu demonstrieren, wähle ich einen angezerrten Sound und trete das Pedal in allen Beispielen mit möglichst identischem Druck und Geschwindigkeit von 0 auf 100. Die Unterschiede sind marginal, aber vor allem im Unterschied der beiden linearen Kandidaten Nr. 7 und 8 im Vergleich zum Rest zu hören.

Ein Auszug der Website von Walrus Audio gibt genauere Auskunft über den Kurvenverlauf der verschiedenen Taper-Presets
Richtig genial ist in der Praxis die Lag-Funktion, die sich für mich bei einem mittleren Wert von etwa 1.000 ms als praxistauglich im Sinne sanft anschwellender Ambient-Sounds erwiesen hat. In den folgenden Beispielen wird das Pedal von mir jeweils beherzt durchgetreten. Die Kombination mit den unterschiedlichen Taper-Presets erweist sich dabei als weitreichende Spielwiese, für die ich mir Presets wünschen würde, denn nach wie vor gilt: Ist das Pedal einmal auf dem Board, ist das Einstellen mit Hilfe der Buttons unterhalb des Pedals eher knifflig.



































Das vorgestellte Pedal sieht toll aus und wirkt auf mich von der Grundidee wirklich cool!
Und danke für Deinen Artikel und die Möglichkeit hier zu diskutieren, wo ich mein AMAZONA-Gewinn tatsächlich einsetzen werde.
Wie von Dir beschrieben sind einige „Schnitzer“ drin.
Folgende fragen habe ich an Dich:
Wie hoch ist der Stromverbrauch? Muß ich etwas besonderes einplanen, um das VP am Laufen zu halten? Oder läuft es ohne stromversorgung?
Benötige ich Zeit und Aufwand, um Konfigurationen einstellen zu können?
Mein größter Kritikpunkt sind die Bedienelemente für Taper/Min/Gain/Lag unter der Ferse, ist das nicht ziemlich uneffizient?
Sind die beschriebenen Feineinstellungen und Features eine Geldverschwendung, für ein Volume-Pedal?
@CDRowell Moin; auf der Thomann-Webseite werden “min. 300 mA“ Stromverbrauch genannt – i.d.R. sind es dann doch etwas weniger, so dass ein entsprechendes Netzteil immer noch etwas ‚Headroom‘ in seiner Leistungsfähigkeit hat.
Ich schließe mich der guten Bewertung der Bauqualität (soweit auf den Fotos erkennbar) und der technischen Möglichkeiten an, das sind schon innovative Ansätze (auch wenn ich diese nicht benötige, aber es gibt ja auch anspruchsvollere Nutzer …).
Die Anordnung der Bedienelemente ist aber in der Tat unterirdisch – von der Pedalfläche aus gesehen sogar buchstäblich unterirdisch! Schuhsohlen sind nur sauber, wenn man neue Schuhe zum ersten Mal aus dem Karton nimmt – ab dann haben sie ein zumeist dreckiges Leben. Staub und Dreck auf dieser kleinen Bedienfläche, deren kleine Taster man dann mühsam erreichen und von Hand (!) ‚bedienen‘ muss – ferner fällt wohl etwas Staub oder Dreck in das kleine Tasterloch rein und begrenzt vielleicht schnell die Funktion und damit die Lebensdauer; also der Erfinder dieser Bauform & -idee muss schon ordentlich etwas geraucht oder getrunken haben!
Die gezeigten Kabel haben aber auch sehr große Winkel-Klinkenstecker … da gibt es auch kleinere Ausführungen; andererseits: warum denn neue Kabel kaufen oder selber löten, wenn man ein Nobelpedal für 330 € kauft ?!? Nur weil der Pedalhersteller beim designen keine nutzerfreundliche Phantasie hatte und daraus eine pragmatischere Bauform entwickeln konnte?
@Nvelope Danke für Deine Rückmeldung!😇
@CDRowell Hey zusammen 🙂
Ja, 300 mA sind richtig!
Zeit und Aufwand benötigst du tatsächlich nicht, die Einstellungen sind einfach durchzuführen und bleiben dann ja auch gespeichert.
Mein Kritikpunkt mit den Bedienelementen unterhalb des Pedals bezieht sich hauptsächlich auf die Praktikabilität. Wenn man das nur einmal einstellen muss und dann alles so bleibt, ist das alles kein Problem. Will man mit dem Pedal experimentieren (wozu es ja nun wirklich auch einlädt), wird das schon ziemlich fummelig.
Ob das Geldverschwendung ist, muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Für ein Lehle Stereo-Pedal bezahlt man auch schon gut 250 € und hier wird deutlich mehr geboten. Wobei man sagen muss, dass die unterschiedlichen Taper eher fühl- als hörbar sind und da sind wir schon im Luxusbereich.
@Nvelope: Ja, das Bild mit den Steckern ist natürlich etwas provokant überzeichnet. Aber auch mit kleineren Steckern wird’s hier schnell knapp, wenn man die Kabel nicht direkt neben dem Pedal unter das Board führen kann. Ich habe hier ein paar EBS-Kabel mit sehr kleinen Winkelklinken, selbst die stehen diagonal und sind sich selbst im Weg.
@Jan Steiger Danke für Deine Infos. 🥰
die kurven sind Varianten zum Thema wie reagiert die untere hälfte des Regelwegs …
und wieviel Luft nach oben will ich noch haben.
slew/lag/portamento sieht man in dem Zusammenhang eher selten
aber Gitarristen sind immer ganz verzaubert wenn sie irgendwie den attack verschlucken dürfen …