Moderner Nachbau des Buchanan Hammers
Mit dem Warm Audio Retro 64 hat der US-amerikanische Hersteller, der für seine Neuauflagen und Nachbauten von klassischem Equipment bekannt ist, auf der NAMM 2026 ein neues dynamisches Mikrofon angekündigt. Ich durfte das Warm Audio Retro 64 in den Händen halten und testen. Im folgenden Testbericht verrate ich, wie sich das Mikrofon schlägt.
Worum geht es? Test des Warm Audio Retro 64, ein dynamisches Mikrofon im Retro-Design für Live-Anwendungen.
- Klang: Transparenter Sound mit leichter Höhenanhebung und guter Durchsetzung.
- Charakter: Deutliche Mitnahme von Übersprechen, typisch für offene Live-Situationen.
- Handling: Groß und schwer, daher besser für Stativbetrieb geeignet.
- Ausstattung: Minimalistisch ohne Zusatzfunktionen, Fokus auf das Wesentliche.
- Fazit: Charakterstarkes Mikrofon mit Vintage-Anleihen und solider Performance im Bandkontext.
Vorbild des Warm Audio Retro 64
Bevor wir zum eigentlichen Test kommen: Warm Audio hat sich beim Warm Audio Retro 64 stark vom Electro-Voice EV664 inspirieren lassen. Das zeigt sich vor allem optisch. Das Warm Audio Retro 64 ist in Schwarz und Chrom erhältlich. Gerade bei Letzterem lässt sich die Verwandtschaft nicht leugnen. Leider hatte ich kein originales Electro-Voice EV664 zum Vergleich verfügbar.
Das Electro-Voice 664 wurde in den 1950er-Jahren als Mikrofon für den Rundfunk, aber auch für den Live-Sound entwickelt. Das Mikrofon bekam den Spitznamen „Buchanan Hammer“. Diesen hat es sich dadurch verdient, dass der Gründer von Electro-Voice, Lou Burroughs, damals bei Vorführungen des Mikrofons Nägel und ein Brett dabei hatte. Er demonstrierte die Stabilität, indem er die Nägel mit dem Electro-Voice 664 in das Brett schlug. Das Mikrofon funktionierte nach der Demonstration weiterhin tadellos. Auf einen Test des Warm Audio Retro 64 als Hammer-Ersatz musste ich in meinem Test allerdings verzichten. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Mikrofon ihm diese Zweckentfremdung verzeihen würde.
Neben der Stabilität war auch die Technologie des Electro-Voice 664 in den 1950er-Jahren neu: Mit dem von Electro-Voice patentierten „Variable D“ wurde erfolgreich versucht, eine konsistente Nierencharakteristik über ein breites Frequenzspektrum zu erreichen. Das wurde durch eine Luftröhre im Mikrofon realisiert, die sich hinter der Membran befindet. Sie besitzt drei Öffnungen für unterschiedliche Frequenzbereiche, also Bässe, Mitten und Höhen.
Durch die korrekte Platzierung dieser Öffnungen und mithilfe akustischer Impedanz kommt es zu einer effektiven Auslöschung der eintretenden Frequenzen auf der Rückseite der Membran. Das erzeugt letztlich die Nierencharakteristik des Mikrofons. Heute hat das Mikrofon Kultstatus und es lassen sich noch funktionierende Modelle des Electro-Voice 664 erwerben. Das ist ein Beweis für die damals von Electro-Voice versprochene Robustheit des Mikrofons.
Verarbeitung und Features
Beim Öffnen des Kartons erblicke ich zunächst das mitgelieferte Softcase für das Mikrofon. Das gefällt mir schon einmal sehr, da bei einem Mikrofon dieser Preiskategorie (April 2026: 149,- Euro) ein solches großes Softcase beiliegt.
Von außen macht das Case schon einmal einen sehr soliden Eindruck. Ich habe das Gefühl, dass das Warm Audio Retro 64 darin gut aufgehoben ist. Öffnen wir das Case, finden wir das Mikrofon in Plastikfolie eingepackt sowie die passende Klemme in ihrem Schaumstoffbett. Der erste Eindruck: Das Mikrofon ist ganz schön massig. Ich bekomme hier direkt diesen Vintage/Retro-Flair, den ich von dem Mikrofon erwartet habe.
Der erste Eindruck, dass das Warm Audio Retro 64 sehr klobig ist, bestätigt sich, wenn ich es in die Hand nehme. Als Handheld-Mikrofon würde ich es wahrscheinlich eher nicht einsetzen, dafür ist es vermutlich aber auch gar nicht gedacht. Das Mikrofon bringt etwa 770 g auf die Waage. Das ist schon ordentlich. Die Dimensionen des Mikrofons werden vom Hersteller mit 2” Durchmesser (circa 5 cm) und 7,5” Länge (circa 19 cm) angegeben. Das Warm Audio Retro 64 kommt ansonsten ohne Schnickschnack aus: Kein Ein/Aus-Schalter, keine schaltbaren Low-Cuts und auch kein Pad. Bis auf den Ein/Aus-Schalter vermisse ich auch keines der genannten Features.
Schauen wir uns einmal das Datenblatt an: Die Richtcharakteristik des Warm Audio Retro 64 ist Niere, was klassisch ist für ein dynamisches Mikrofon im Live-Betrieb. Den Frequenzbereich gibt Warm Audio mit 50 Hz bis 18 kHz und den maximalen Schallpegel mit 135 dB an. Damit sollte das Mikrofon für viele Schallquellen auf der Bühne geeignet sein, etwa Snare oder Toms am Schlagzeug, ein Gitarrenverstärker oder Gesang. Schauen wir uns das Frequenzdiagramm an, sehen wir, dass der Pegel zwischen 100 Hz und 50 Hz deutlich abfällt (um circa 10 dB). Außerdem weist das Mikrofon ab etwa 2 kHz eine leichte Höhenanhebung auf. Wie sich das im Klang widerspiegelt, hört ihr später bei den Klangbeispielen.
Praxistest des Mikrofons
Schauen wir uns an, wie sich das Warm Audio Retro 64 im Alltag schlägt. Ich habe das Mikrofon dazu bei einer Probe meiner Band an unterschiedlichen Schallquellen ausprobiert: Snare, E-Gitarrenverstärker und Gesang. Außerdem hatte ich bei einer Live-Veranstaltung die Möglichkeit, das Mikrofon als Gesangsmikrofon zu verwenden.
Einsatz an der Snare
Schauen wir uns zunächst den Einsatz als Snare-Mikrofon an: Hier braucht es auf jeden Fall ein eigenes Stativ für das Snare-Mikrofon. Das würde ich sowieso immer empfehlen, mit einem normalen Rim-Mount wird das Warm Audio Retro 64 aber vor allem massiv im Weg sein.
Einmal aufgebaut und angeschlossen, hören wir das Warm Audio Retro 64 sofort auf den Ohren. Der erste Höreindruck: Ein schöner Snare-Sound. Was mir aber auch direkt auffällt: Das Mikrofon nimmt recht viel der Umgebung mit auf. Das ist nicht übermäßig viel, aber man hört in der Aufnahme deutlich den Bass und die Keyboards. Vor allem die HiHat ist sehr präsent.
Hört aber am besten einfach einmal selbst:
Einsatz am Gitarrenverstärker
Als Nächstes habe ich das Mikrofon am Gitarrenverstärker ausprobiert. Ihr hört einen alten Fender Twin Reverb 100-W-Vollröhrenverstärker (Original aus den 1980er-Jahren), angeschlossen an ein ebenso altes Marshall 4×12 Cabinet mit Greenbacks und ein Vox Tonelab, das den Sound maßgeblich formt.
Auch hier bekommen wir einen transparenten Sound, ohne dass viel Gewummer der großen 12”-Lautsprecher mit übertragen wird. Deutlich zu hören ist die Anhebung der Frequenzen ab 2 kHz. Das gibt dem Sound hörbar mehr Luft. Auch hier fällt auf: Es ist viel Schlagzeug auf der Aufnahme zu hören. Dazu sei gesagt, dass die Drums und der Gitarrenverstärker in unserem Proberaum platzbedingt sehr dicht beieinander stehen.
Für den Praxistest des Mikrofons müssen wir den Gitarrenverstärker etwas weiter aufdrehen, damit der Anteil der Gitarre im Signal überwiegt. Hört auch hier einmal selbst. Zum Vergleich habe ich noch eine Aufnahme des gleichen Setups mit dem Nachbau eines Shure SM57 gemacht.
Einsatz am Gesang
Kommen wir zu guter Letzt zu meinem letzten Test: Gesang. Unser Sänger hat ein ziemliches Organ, das werdet ihr im Klangbeispiel gleich noch hören. Auch hier: Schnell anschließen, kurz einpegeln und los geht es. Auch beim Gesang bestätigen sich die Eindrücke, die ich bei Schlagzeug und Gitarre schon gewonnen habe, denn das Warm Audio Retro 64 liefert einen transparenten Sound.
Erst hier bekomme ich an einigen wenigen Stellen den Eindruck eines ausgeprägten Nahbesprechungseffekts, aber keinesfalls in einem Ausmaß, das störend wäre. Allerdings werden auch einige plosive Laute betont, die man noch zähmen muss. Auch hier folgt ein Klangbeispiel, damit ihr euch selbst einen Eindruck machen könnt:






































nice!
ist die snare Mitglied in einer thrashmetalband?
😜😃🤔🎉
+ ansprechende Retro-Optik – sehr klobig = ?
@Herr Mikrobi Ich finde die Optik cool. Sieht für mich jetzt auf den Bildern auch nicht viel unhandlicher aus als ein SM57. Beim aktuellen Trend, immer mehr Großmembraner am Schlagzeug einzusetzen, ist dieses Mikro hier doch geradezu zierlich :-)