Ein Kompressor zum Verlieben
Der WES Audio ng78 ist ein Stereo-Kompressor. Ausgestattet mit FET-Technologie, bekannt für extrem kurze Reaktionszeiten und digital gesteuerter Analogtechnik, soll er Präzision und Charakter mit vielen interessanten Funktionen kombinieren. Kurzum, ein Kompressor, der die Technik und den Klang eines UREI 1176 in die Zukunft bringt.
- Klang & Technik: Schnelle FET-Kompression mit klarer, transparenter Arbeitsweise und großem Sweetspot.
- Digitale Steuerung: Voller Recall, Presets und Plug-in-Kontrolle über USB oder Netzwerk.
- Sättigung: THD- und Saturation-Modi erweitern den Klangumfang von subtil bis deutlich verzerrt.
- Praxis: Wertige Verarbeitung, intuitive Bedienung und starke Performance in Mixing und Mastering.
Inhaltsverzeichnis
Die Ausstattung des Wes Audio ng78
Ich muss es zugeben, ich freue mich immer sehr auf die Tests der Produkte von WES Audio, denn bisher waren die von mir getesteten Geräte immer ein echtes Highlight. Qualität, moderne Funktionen und ein sehr guter Klang sind in einem noch bezahlbaren Rahmen immer herausragend. Auch der neue ng78 soll diesen Anspruch erfüllen und mit 2.359,- Euro liegt er preislich nicht in unerreichbaren Sphären.
Aber schauen wir uns das gute Stück zunächst näher an. Ganz unverkennbar ist der 1176 Stil mit Input- und Output-Reglern, Attack und Release sowie den beiden honiggelb leuchtenden VU-Metern. Dazu gesellen sich fünf Knöpfe für die Ratio-Einstellung (2 / 4 / 8 / 12 / 20:1) mit der Option des „All Buttons“-Modes, bei dem diese Funktion „von der Leine gelassen wird“.
Diese klare Gliederung der stabilen Metallfrontplatte ist sympathisch, denn sie gibt keine Rätsel auf. Erst wenn man genauer hinsieht, bemerkt man die LED-Ringe um die Encoder, die beiden Peak Level Meter mit je 10 LEDs für Ein- und Ausgang sowie den A/B Memory-Schalter, der zwei verschiedene Einstellungen abrufbar macht. Somit wird klar, der WES Audio ng78 kann mehr als pure analoge Bedienung, denn er ist voll digital steuerbar.
Zusätzlich bietet der ng78 ein Sidechain-Filter für die Bässe (60, 90 oder 150 Hz) und für die Mitten/Höhen bei 2 kHz, 5 kHz und 10 kHz. Diese Funktion macht den Kompressor für die angewählten Bereiche sensibel und reagiert überwiegend auf diese Frequenzen. So kann man das Gerät im Speziellen zum Beispiel für Drums/Bass oder für Violine oder Gitarre einsetzen und der ng78 lässt die anderen Frequenzbereiche unkomprimiert.
Die beiden Kanäle des Stereo-Kompressors lassen sich verbinden (Link). Ein Rätsel gibt zunächst der Schalter mit der Bezeichnung THD (Sat Mode) und den einstellbaren Modi L, M und H auf. Dieser ermöglicht die Aktivierung einer analogen Sättigung und das Hinzufügen von unharmonischen Oberschwingungen für Low-, Mid- oder High-Frequenzen.
In Kombination mit THD gibt es dann den Saturation-Modus, der durch längeres Drücken des THD-Schalters aktiviert wird und der von einer fast unhörbaren bis zu einer deutlichen Verzerrung ein großes klangliches Feld abdeckt.
Sobald der Saturation Mode aktiviert ist, ändert sich die Farbe der Beleuchtung der VU-Meter und die Einstellung der Sättigung findet dann über die Input- und Output-Regler statt, die nun als Drive und Trim wirken.
Während Drive nun die Stärke der Sättigung regelt, kann man deren Pegel im Bereich von -8 dB bis +8 dB über die Trim-Funktion einstellen. Mit dem Mix-Regler lässt sich das gesättigte Signal dann stufenlos dem unbearbeiteten Signal hinzufügen.
Mit den Bypass-Schalter umgeht man die Kompressor-Schaltkreise und einen Pluspunkt gibt es für den frontseitigen Power-Button!
Anschlüsse des WES Audio ng78
Die Rückseite macht einen übersichtlichen Eindruck. Jeweils ein XLR-Pärchen für die beiden Ein- und Ausgangskanäle des Kompressors, dazu, neben dem internen Netzteil und einer Spannungsanpassung 110/230Volt, noch einen USB-Port und einen RJ45-Netzwerkport. Diese ist zur Anbindung an die Software des ng78 gedacht.
Die Software-Steuerung des Wes Audio ng78
Um den WES Audio ng78 digital anzusteuern, braucht es die Software GConManager, der auf der Website des Herstellers kostenlos für Windows und Mac (und ohne weitere Registrierung) zum Download bereitsteht. Diese Steuerungssoftware ermöglich Firmware-Updates, Einstellungen der Konfiguration (Netzwerk, LED-Helligkeit etc.), Diagnose, die Installation der Plug-ins und ein Support-Bereich, um Fehler zu melden.
Das Plug-in des ng78 steht in den Formaten VST2, VST3, AU und AAX zur Verfügung und ermöglicht die Steuerung des Hardware-Kompressors über das Plug-in. Somit darf der Kompressor im Rack-Schrank verbleiben und man hat die absolute Kontrolle, wobei das Plug-in noch einiges mehr zu bieten hat.
Denn mit dem Plug-in kann ich zusätzlich bereits vorhandene Presets abrufen und eigene Einstellungen als Preset speichern.
Dazu wird mir eine Art Metering angezeigt und wie die Kompression darauf eingreift. Dies macht das Thema Kompression gerade für Anfänger sehr schön sichtbar. Außerdem bietet das Plug-in eine Undo/Redo-Option, wenn man sich mal im Dschungel der Kompression verloren hat.
Um es zusammenzufassen: Durch diese Software-Option, die entweder über USB oder über ein Ethernet-Kabel zur Verfügung steht, kann der WES Audio komplett digital gesteuert werden und es steht somit auch eine Recall-Funktion zur Verfügung, die den Kompressor entsprechend Mastering-fähig macht.
WES Audio ng78: Weitere Features
Der WES Audio ng78 ist komplett analog aufgebaut, inklusive Carnhill-Übertrager für einen sehr charaktervollen Klang. Wir haben einen Mix-Regler für eine Parallelkompression und einen Link-Schaltkreis, der beide Kanäle verbindet oder getrennt detektiert. Diese ist dynamisch und kompensiert Toleranzen im Sidechain-Signal, so dass die Kompression ausgewogen wirkt. Das ist besonders bei harten Ping/Pong-Einstellungen (hartes Panning nach links und rechts) sehr hilfreich.
Durch den GConManager kann man den WES Audio ng78 auch ohne DAW steuern. Dazu müssen nur ein paar Einstellungen unter „Standalone Operation“ vorgenommen werden. Möchte ich den Kompressor in einer DAW-less Umgebung nutzen und trotzdem über meinen Mac/PC steuern, dann ist das ebenfalls möglich.
Der WES Audio ng78 in der Praxis
Über die Verarbeitung muss man kein Wort verlieren, die ist professionell und sehr wertig. Die LED-Kränze um die Encoder sehen gut aus und alle Funktionen werden optisch bestätigt. Dazu macht das weiße Licht einen sehr edlen Eindruck, genauso wie die schönen VU-Meter, die sehr schön anzuschauen sind und auch schnell ansprechen.
Einziger Wermutstropfen ist das Ein- und Ausschaltkrachen. Bitte deswegen den ng78 immer vor den Monitoren einschalten und erst danach ausschalten.
In meinem Setup integriert sich der WES Audio blitzschnell. Logische Verkabelung und Bedienung sind kinderleicht. Auch die THD-Funktion und der Saturation-Modus erschließen sich sehr schnell. Wohl auch, weil mein Drawmer dies ebenso macht.
Ich habe den WES Audio über USB mit meinem Mac verbunden und die GCoManager Software installiert. Das ging völlig problemlos und in der Menüleiste des Mac erscheint sofort das WES Audio Icon mit Schnellzugriff zur Software.
Die Verbindung und die Installation der passenden Plug-ins sind ebenfalls kein Problem und sowohl in Apple Logic Pro als auch in UAD LUNA 2.0 funktioniert das Plug-in stabil und schnell. Einmal auf den Connect Button geklickt und schon laufen Hard- und Software parallel und sehr reaktiv.
Egal, ob ich den Wes Audio ng78 als Hardware-Insert, als Plug-in oder seriell in die Effektkette eingebunden habe, er meldet sich mit seiner klaren, transparenten und schnellen Kompression in fast jedem Setup zur Stelle. Selbst am Ende im Stereo-Out bzw. Master-Kanal macht er eine gute Figur und bringt frische, schnelle Impulse in das klangliche Geschehen. Dazu hat er – FET-typisch – einen sehr großen Sweetspot und auch extreme Einstellungen bleiben lange frei von Pumpen. Die THD- und Saturation-Modi sind sehr angenehme Optionen, die den Einsatzbereich des WES Audio ng78 weiter verbreitern.
In meinem ersten Klangbeispiel habe ich synthetische Drums aus dem Arturia MiniFreak einmal unbearbeitet, dann mit dem ng78 komprimiert und einmal recht extrem verzerrt:
Die schnelle Reaktionszeit macht sich hier bemerkbar und auch die Verzerrung ist sehr natürlich, fast wie bei einem Röhrenverstärker.
Das Ravel Piano von Universal Audio gewinnt durch den Kompressor ebenfalls an Charakter. Die Anschläge werden crisper und der Klangkörper gewinnt an Volumen:
Beim Rhodes V8 Plugin wirkt der ng78 Wunder. Die gemodelten Tonabnehmer haben plötzlich eine echte Eigenschwingung und verleihen dem Klang mehr Authentizität und Kraft. Mit dieser Kombination aus dem Rhodes Plug-in und dem WES Audio ng78 kann man sich das fast 11.000 Euro E-Piano (fast) sparen. Es klingt wirklich herrlich:
Die Mitbewerber des WES Audio ng78
Wenn es um digital gesteuerte Effektgeräte geht, dann fällt mir sofort – neben Wes Audio – noch der Hersteller Bettermaker ein. Deren Mastering Compressor liegt mit 2.699,- Euro in einer ähnlichen Preiskategorie und klingt überaus gut.
Allerdings hat er mit seinem 5“ Touchscreen viel weniger analogen Vibe. Da empfiehlt sich dann der Bettermaker Bus Compressor für 2.389,- Euro.
Ein Highlight, allerdings ohne Recall, ist der formidable SSL BUS+ mit vielen innovativen Lösungen und für einen Preis von 1.849,- Euro.
Ein echter Preisknaller tut in meinem Studio seit Jahren einen tollen Job: Der Drawmer 1978. Ein Stereo-FET-Kompressor mit Shaping-EQ, Saturation, verschiedenen Kennlienien und tollem Klang für nur 1.098,- Euro. Allerdings natürlich auch ohne die digitale Steuerung.
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Ein sehr sympatisches Gerät. Wenn hochwertige Analogtechnik sich nahtlos in die heutigen digitalen Workflows integrieren läßt, hat man das beste aus beiden Welten.
Da kann ich mich nur anschliessen, Symbiose aus beiden Welten, mittels Software die Hardware steuern, einfach nur gut.
Tolles Gerät. Guter Test, danke.