Hybrider Oszillator mit analogen und digitalen Kompetenzen
Der Weston Precision Audio HV1 Hybrid Oscillator gehört zur relativ neuen Kategorie der hybriden Oszillatoren, die als Kombination aus analogem und digitalem Oszillator besondere Klangvielfalt im Eurorack bieten wollen.
- Hybrider Klangansatz: Analoger Triangle-Core trifft auf digitale Phasenmodulation und Wavetable-Synthese.
- Modularfreundlich: Zahlreiche Ein- und Ausgänge erlauben flexible Signalverarbeitung, erfordert aber externe Modulatoren.
- Wavetables & Features: Unterstützt eigene Wavetables via microSD und bietet Funktionen wie Chord/Cluster-Morphing.
- Verarbeitung & Bedienung: Saubere Verarbeitung, logisch aufgebaute Menüführung – aber punktuell etwas empfindlich.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Während Eingriffe in die Parameter analoger Klangerzeugung oft besonders organische und mitunter unerwartete Ergebnisse liefern, bieten digitale Oszillatoren insgesamt – und Wavetable-Oscs im Besonderen – meist eine größere Vielfalt des Klangspektrums. Der Weston Precision Audio HV1 Hybrid Oscillator versucht als Hybrid-Osc, beides zu vereinen. Auch andere Produkte der Firma wurden von analogen Geräten inspiriert, aber funktional modernisiert.
Weston Precision Audio wurde einst von Devin Weston anlässlich der Veröffentlichung eines Pro-One-Synth-Klon-DIY-Projekts gegründet und hat sich mittlerweile im Eurorack-Bereich einen Namen für robuste Module ohne viel Menü-Diving und gute DIY-Kits gemacht. Devin hat sich außerdem zu einem Oszillator-Spezialisten entwickelt. Im Video zum HV1 kokettiert Devin damit, dass er schon wieder einen Oszillator gebaut hat – und meint, dieser hier hätte „sein müssen“.
Basics zum Weston HV1 Hybrid Oscillator
Der Weston Precision Audio HV1 Hybrid Oscillator besteht aus einem analogen „Analog Core“-Bereich links und einem digitalen „Digital Phase Shifter“-Bereich rechts. Oben helfen ein kleines Display mit vier Navigationsbuttons sowie ein Endlos-Push-Encoder (mit ergänzendem Tune/Menu-Button) bei der Bedienung.
Der analoge Bereich links basiert auf einer Dreieckschwingungsform, auch Triangle Core genannt, und verfügt über Inputs für FM, Sync, PWM und V/Oct sowie über Regler für FM und Pulsbreite. Darunter finden wir Ausgänge der vier Grundschwingungsformen Dreieck, Sinus, Rechteck und Sägezahn, die aus dem Dreieck analog abgeleitet werden.

Weston HV1 – Ausgänge der digitalen Osc-Sektion, zwischen beiden ist der microSD-Karten Slot zu erahnen, rechts sind die Mod Ins Aux CV, LinFM und Morph
Der digitale Bereich rechts kann die Dreieckschwingungen aufgreifen und in der Phase verschieben. Dann kann dieser „eine phasenverschobene, Wavetable-basierte Dreiecksform“ ausgeben. Wenn dies interessant klingen soll, müssen beide freilich erst einmal in einem externen Mischer zusammengeführt werden. Das habe ich im Beispiel gemacht und im Verlauf alternativ mit dem Detuning der beiden Oscs gegeneinander gearbeitet, was eine deutlich stärkere Wirkung hat.
Die digitale Phaseninformation kann der Weston Precision Audio HV1 laut Handbuch in analogen Schaltkreisen in die oben genannten Grundschwingungsformen wandeln, sie können wiederum an vier Ausgängen abgegriffen werden. Außerdem wird über einen WT-Out ein Wavetable ausgegeben, das von der digitalen Phaseninformation beeinflusst wird. Insgesamt stehen also neun Ausgänge für Schwingungsformen zur Verfügung, die sich extern abmischen lassen. Hier noch ein paar Wavetable-Beispiele – dabei benutze ich auch den Wavetable-Morph-Regler, um Bewegung in den Sound zu bringen.
Über einen microSD-Karten-Slot lassen sich auch User-Wavetables laden und verarbeiten. Ein Hot-Swap der Karte ist möglich. Hierzu drückt man den Encoder länger, bis auf dem Bildschirm „SD Card not mounted“ zu lesen ist. Umgekehrt kann die Karte auch wieder „gemountet“ werden.
Wavetables können im Wave-Edit-Format (jedes Table besteht aus 256 Samples, jede Bank enthält 64 Tables) und im Serum-Format (Details siehe unten) geladen werden. Dabei ist im Handbuch die Rede davon, dass diese ein „16-way“-Morphing erlauben. Die digitale Sektion läuft mit 16 Bit Auflösung und 150 kHz Samplerate. Alle Schwingungsformen lassen sich via linearer ZeroFM und exponentialer FM modulieren, die Ausgänge rechts auch via linearer Phasenmodulation (PM) „mit +/-720 Grad“.
Wir finden noch die CV-Eingänge LinFM, Morph und Aux CV sowie vier Regler: Phase Angle, PMN CV, WT Morph und Morph CV.
Menüführung
Die Menüführung wechselt zwischen Tuning und einer Menüanzeige. Dabei kann man in verschiedenen Ansichten landen, zwischen denen man mit den L/R-Navigationstasten wechselt. Zunächst gibt es eine Wavetable-Ansicht, dann ein Menü mit Detaileinstellungen und schließlich eine Tuner-Anzeige.
Im Tuning-Menü stellt man Tuning, Phase Angle und Octave ein. Es gibt auch eine Tune Lock-Option und man kann die Oscs gegeneinander verstimmen. Der HV1 kann durch Drücken der „Left“-Navigationstaste auch in einen LFO-Mode gebracht werden, der dann ebenfalls für beide Bereiche gilt.
Schaltet man zwischen Tune und Menu um, landet man zuerst bei der Wavetable-Darstellung. Dreht man am Encoder, wechselt man die Wavetable-Bänke. Die Up/Down-Buttons wechseln zur nächsten Schwingungsform innerhalb der Wavetable-Bank. An Wavetable-Bänken gibt es: CM East & West (4 Bänke), CM Formant & Harmonic (4 Bänke), WaveEdit Bank A–C (je 4 Bänke). Jede Bank enthält 5 Files. CM steht für Chris Meyer, der auch als Autor diverser Modular-Bücher bekannt ist.
Im Menü mit den Settings stellt man z. B. ein,
- was durch Modulation via Aux CV passiert (z. B. WaveFold, Bitcrush, WT Chord, WT Clust – Erläuterung siehe unten),
- FM-Typ: Linear Thru Zero oder Exponential,
- FM-Kopplung: AC oder DC (relevant bei Modulationsquellen mit verschobenem DC-Offset),
- Fold-Algorithmen: Sine, Multiply, Triangle, Noisify, Lofi,
- Sync-Typ,
- Digi Tri Oct Up (geht beim Triangle-Ausgang des digitalen Bereichs eine Oktave höher),
- WT Oct Up,
- WT Antialias On/Off
Details zum Wavetable-Import
Hier noch ein paar Nerd-Details: Der HV1 kann Serum-Wavetables importieren. Serum-Wavetables bestehen oft aus vielen einzelnen Frames („Tabellen“) mit jeweils 2048 Samples – das ist die typische Auflösung von Serum.
Der HV1 arbeitet hingegen mit 16 Tabellen pro Wavetable, nennt diese „Banks“ und verwendet 1024 Samples pro Tabelle. Damit eine große Serum-Wavetable in dieses kompaktere Format importiert werden kann, geht der HV1 wie folgt vor:
Er betrachtet die Gesamtanzahl der Tabellen (z. B. 256) und teilt diese durch 16, um gleichmäßig über die gesamte Wavetable verteilte Bereiche auszuwählen – z. B. 256 / 16 = 16 → HV1 nimmt jede 16. Tabelle. Anschließend wird jede entnommene Tabelle in einem Downsampling-Prozess von 2048 auf 1024 Samples reduziert.
Im Ergebnis erhält der HV1 eine kompaktere, gleichmäßig verteilte Repräsentation der gesamten Serum-Wavetable – nur in geringerer Auflösung.
Praxis
Während der Endlos-Encoder Feintunings, aber auch Stimmungen im Bereich von ca. +/-20 Halbtönen ermöglicht (im Display lassen sich zwei Nachkommastellen einstellen), kann man mit den +/-Tasten Oktaven verstellen. Der HV1 lässt sich dabei in einem sehr großen Bereich präzise stimmen.
Der digitale Bereich kann gegenüber dem analogen Bereich zusätzlich – nach langem Drücken des Push-Encoders – fein oder über eine ganze Oktave nach oben und unten verstimmt werden, um Intervalle einer Oktave zweistimmig spielen zu können. Nachfolgende Tuning-Einstellungen oder Ansteuerungen via V/Oct betreffen dann jedoch beide Oscs gleichzeitig. Auch nach dem Ausschalten bleibt eine eventuell aktivierte „Verstimmung“ bestehen – und man sollte im Kopf behalten, wie man sie wieder rückgängig macht.
Der Weston Precision Audio HV1 Hybrid Oscillator ist stark darauf ausgelegt, mit anderen Modulen verbunden zu werden – und wirkt für meinen Geschmack dabei fast ein wenig zu unselbständig. Dass man für einen Osc einen externen VCA und eine Hüllkurve braucht, ist normal, auch wenn es für digitale Oscs mittlerweile auch andere Lösungen gibt. Dass die Modulationsintensität für Aux CV In nur extern skaliert werden kann, finde ich bereits ein wenig schade. Außerdem klingt der Modulationsverlauf des Fold-Algorithmus bei meinem Doepfer LFO 145-4 mit Dreieckschwingungsform selbst bei Skalierung recht hart.
Das hat mir keine Ruhe gelassen und ich habe alles Mögliche ausprobiert: zum Beispiel den LFO zu skalieren oder ein Filter zu modulieren (bei ca. 30 Sek.), was auf Anhieb weniger „hart“ im Verlauf klang (wie auch im Beispiel und im unten verlinkten Video zu hören ist). Außerdem habe ich zwischendurch Kabel umgesteckt und den WT Morph-Parameter moduliert (ab ca. 40 Sek.), was nach Skalierung des LFOs (ab ca. 50 Sek.) weicher klang. Dann bin ich im Klangbeispiel zunächst wieder zurück zur abgehackt klingenden Fold-Modulation mit den gleichen Einstellungen gegangen.
Schließlich habe ich – am Ende des Beispiels (ab ca. 1:45 Min. zu hören) – eine einfache CV-Quelle (Rides in the Storm QUA), die nicht nur die Wirkung des LFOs skalieren, sondern auch Spannung ausgeben kann, als Modulationsquelle herangezogen. Damit gelang es mir, deutlich mehr Nuancen aus der Parametermodulation und den Fold-Algorithmen herauszukitzeln. Allerdings musste ich mich dafür recht fummelig im untersten Wertebereich von QUA bewegen. Im Klangbeispiel wechsle ich am Ende durch verschiedene Fold-Algorithmen, in deren Genuss man ohne zusätzliche Modulationsquelle nicht kommt.
Nicht ganz so leicht zu verstehen fand ich die WT Chord- und WT Cluster-Optionen, die mit einem Firmware-Update hinzugekommen sind. Mit ein bisschen Einarbeitung können sie aber durchaus viel Freude bereiten. WT Chord kann den Wavetable-Osc bis zu fünfstimmig machen und Akkorde ausgeben. Es wird nahegelegt, diese mit einem Keyboard zu spielen – und das Handbuch listet auf, welche Akkorde bei welcher gespielten Note erzeugt werden.
Richtig gehört: Der CV-Eingang wird – ähnlich wie der V/Oct-Eingang – quantisiert. Das heißt, beim Drehen eines CV-Reglers rasten die Akkorde ein. Fast sinnvoller wäre es, sie direkt über ein Keyboard zu spielen – dafür bräuchte man allerdings zwei davon, wenn man zusätzlich auch noch die Tonhöhe bzw. den Grundton spielen will.
WT Cluster hat mich auf Anhieb mehr begeistert. Es verwendet ebenfalls fünf Oszillatoren im Wavetable-Bereich und führt – je nach Stärke der CV-Modulation – ein Detuning der fünf Oscs des WT Out durch. Im nächsten Beispiel durchfahre ich zuerst die Schwingungsform via WT Morph, dann moduliere ich WT Cluster über Aux In manuell mithilfe von Rides in the Storm QUA.
Der Klang des analogen Bereichs überzeugt – hier ist die Dreieckschwingungsform mit ein bisschen Hall und Filter bearbeitet und am Ende trocken zu hören:
Hier hört man die fett klingende Pulsschwingungsform sowie zusätzlich eine Pulsweitenmodulation:
Konkurrenz, weitere Klangbeispiele und Video
In dieser Kombination kenne ich eigentlich keinen Konkurrenten. Man kann den Weston Precision Audio HV1 Hybrid Oscillator allenfalls mit anderen Wavetable-Oscs vergleichen, die meist mehr Platz benötigen, und mit analogen Oscs, die in der Regel ohne jedes Menü bedienbar sind.
Hier noch ein paar weitere Klangbeispiele und ein begleitendes Video:
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Lieber Heiner,
vielen Dank für deinen ausführlichen, sachlich kritischen und weit gefächerten Testbericht.
Es scheint ein sehr komplex zu bedienendes Modul zu sein.
Viele Klänge erinnern mich, dass ich diese auch mit meinen vorhandenen Modulen schon gehört habe.
Auch diese sind komplex und ich erwische mich immer dabei, dass ich mir vornehme, gründliche Experimente durchzuführen, was allerdings öfters mehrere Stunden nicht unterbrochener Klangforschung erfordert.
Dein Test-Video (wie immer sehr anschaulich) erinnert mich daran, diverse „Rackleichen” endlich mal intensiv zu untersuchen und auszuprobieren.
Für Enthusiasten, die ähnliche Module nicht besitzen, ist das Modul attraktiv, wenn sie entsprechendes Beiwerk haben und sich die Zeit dafür nehmen wollen und können.
Hinzu kommt noch die nicht unwesentliche Einsatzbereitshaft innerhalb einer Komposition, damit man nicht in der reinen Klangforschung steckenbeibt.
@herw Lieber Herwig, vielen Dank für Deine netten Worte. Ja, man hat immer zuwenig Zeit und man braucht Zeit alleine, die möglichst nicht unterbrochen wird, um sowohl Einarbeitung als auch Sounddeisgn und Komposition hinzubekommen. Im Vergleich mit anderen Modulen hat man hier ein Multitalent auf in recht kompakter Fotm, welches sowohl Digitales als auch Analoges beherrscht und in beiden Fällen sehr gut klingt.
Die Bedienung ist eigentlich nicht so besonders komplex, nur braucht man eben zusätzlich externe Module, um interessante Bewegung im Sound herauszukitzeln.
Für aktuell 399€ bekommt man also einen analogen OSC und einen Wavetable OSC in einem Modul, da kann man nicht meckern denke ich. Werde ich mir mal merken.