Test: Wizoo Xphraze

1. Dezember 2003

Wizoo

„Mit Xphraze können Sie zum ersten Mal Musik spielen, die Sie bisher nur programmieren konnten“. Das behauptet Peter Gorges, Wizoo-Firmenchef und verantwortlich für die Entwicklung des Xphraze. Na ja, ein bisschen übertrieben ist die Aussage sicherlich, denn wer kennt nicht die zahlreichen Groove-Boxen (Roland MC-Serie, Yamaha RM1X) oder Synthesizer (z.B. Korg Wavestation), die auf Tastendruck komplexe Sequenzen abfeuerten, die oftmals als Ideengeber für neue Songs dienten. Wirklich neu ist, dass es diesen Ansatz jetzt in Form eines VST-Instrumentes auch für den heimischen Computer gibt. Und, um es schon einmal in der Einleitung vorwegzunehmen, dieses Instrument ist schlicht der Oberhammer oder anders ausgedrückt, ein sehr mächtiges und kreatives Werkzeug zur Erstellung noch nie gehörter Sounds und abgefahrener Sequenzen!

Hilfe, ich habe meinen Computer gephrazt
Die Installations-CD enthält Versionen für PC und MAC. Ein gedrucktes Handbuch in englisch, deutsch und französisch wird mitgeliefert – prima! Handbuchmuffel werden es nämlich schwer haben, denn nach dem Start des Programms über eine Host-Applikation, öffnet sich ein Fenster mit unzähligen Bedienelementen und Anzeigen.

Zunächst weiß man gar nicht, wo man zuerst hinklicken soll. Hier wäre ein kleines Tutorial wünschenswert gewesen – aber vielleicht erscheint ja bald ein Wizoo-Programmierhandbuch wie z.B. zum Nord Modular oder Reason?
Anfangs wird man deshalb zunächst einmal die zahlreichen, nach Kategorien sortierten, Patches und Combis anspielen, die einen hervorragenden Überblick über die Funktionsvielfalt des Xphraze geben (ca. 350 MB Samplematerial). Vorab sollten allerdings ein paar Begrifflichkeiten geklärt werden: als Patches werden in Xphraze Einzelsounds bezeichnet, ein Combi kann aus bis zu vier Patches bestehen und beinhaltet alle weiteren Einstellmöglichkeiten. So weit so gut. Xphraze arbeitet immer im Combi-Modus – dies sollte man sich immer vor Augen führen, da diese Arbeitsweise extreme Auswirkungen auf die CPU-Belastung haben kann. Doch dazu später mehr.

A, B, C, D
Wichtigstes Bedienelement sind die vier Schalter und LEDs über dem Xphraze-Browser. Mit Hilfe dieser Schalter A, B, C du D kann man zwischen den verschiedenen Patches umschalten; ein Klick auf die LED mutet den angewählten Slot. Am besten, man lädt ein Combi, mutet bis auf den ersten Slot alle weiteren Patches und hört nacheinander die Slots A bis D durch, um zu erkennen, was der Einzelsound zum Gesamtsound beiträgt. Mit dieser Arbeitsweise kommt man am schnellsten zum gewünschten Ergebnis. Außerdem sollte man immer bedenken, dass eingeschaltete Slots immer CPU-Zeit verbrauchen, auch wenn sie gemutet sind.
Wer keine große Lust auf tiefergehende Programmierfunktionen hat, kann mit Hilfe des Browsers einfach Slot für Slot mit neuen Patches aus der umfangreichen Bibliothek bestücken und erhält im Handumdrehen neue aufregende Sounds.

Der Phrasendrescher
Der in Xphraze integrierte Phrasengenerator dient als Klangerzeuger für einen Patch und stellt damit das Herzstück dieses Instrumentes dar. Ähnlich wie in einem Step-Sequenzer, gibt es 32 Schritte (hier Zellen) mit umfangreichen Einstellmöglichkeiten wie Sample, Tonhöhe, Cutoff, Abklingzeit, Panorama und Pegel – und zwar für jeden Schritt einzeln. Damit verfügt der Soundtüftler über unglaubliche 32 hintereinandergeschaltete Oszillatoren pro Patch! Für erste Gehversuche finden sich in der Bibliothek verschiedene Phrasen, die per Browser in 4 Puffer des Phrasengenerators geladen werden können.
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Das Herstück: der Phrasengenerator. Waveform pro Zelle wählbar, dazu maximal sechs frei zuweisbare Cell Parameter wie Pitch, Cutoff, Resonance, Pan, Level, Gate Time.

Mit Hilfe der Phrasen-Loop-Funktion kann man einen bestimmten Bereich innerhalb der 32 Zellen markieren, der solange geloopt wiedergegeben wird, wie eine Note gehalten wird. Jede Zelle kann ein anderes Multisample oder Drumsample beheimaten. So können z.B. komplexe Drumloops erzeugt werden, die dann synchron zum Songtempo gespielt werden können. Mit Hilfe eines Schiebereglers können pro Zelle 6 verschiedene Werte aus einer Auswahl von 19 möglichen Parametern verändert werden. Auf diese Weise können verändernde Sounds, Melodien, Arpeggios oder Drumsequenzen auf einfache Art und Weise programmiert werden. Selbstverständlich können mehrere Zellen ausgewählt, Zellinhalte verschoben oder kopiert und beliebig skaliert werden. Als Höhepunkt der Machbarkeit kann der sechste Parameter jeder Zelle mit Hilfe einer Modulationsquelle moduliert werden. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf!!

Die Patch-Module
Nachdem ein Sound mit Hilfe des Phrasengenerators erzeugt wurde, kann er in den verschiedenen Patch-Modulen editiert werden. Neben einem Pitch-Bereich gibt es ein hochwertiges Multimode-Filter mit Cutoff und Resonanz inkl. 128-stufiger (!) Filterhüllkurve, die grafisch editiert werden kann. Im Anschluss daran durchläuft der Sound einen Amp-Bereich mit Hüllkurve.
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Die Modulationsabteilung des Xphraze kann man getrost als komplett bezeichnen. So gibt es rund 24 Modulationsquellen, die mit 16 Modulationszielen verknüpft werden können. Mit einer Quelle können auch mehrere Ziele gesteuert werden. Die Intensität kann für jedes Ziel getrennt eingestellt werden. Und selbstverständlich kann auch ein Modulationsziel von mehreren Quellen gleichzeitig moduliert werden. Die Programmierung einer Modulation gestaltet sich sehr anwenderfreundlich: einfach Drehregler des Modulationszieles (erkennbar an dem LED-Kranz) auf den Standardwert einstellen, Modulationsquelle in der Matrix auswählen und Drehregler auf den Maximalwert setzen. Fertig!
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Zusätzlich zu den bereits erwähnten Filter- und Verstärkerhüllkurven gibt es noch zwei weitere 128-stufige Hüllkurven, die nicht fest verdrahtet sind und über die Modulationsmatrix einem beliebigen Ziel zugewiesen werden können.

Xphraze verfügt über 4 LFOs mit 7 Wellenformen, die in der Modulationsmatrix beliebigen Zielen zugeordnet werden können.
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Insert-Effekte
Jedes Patch verfügt über einen eigenen Effekt-Block in dem man ein Effekt aus der Effektbibliothek auswählen und in wenigen Parametern verändern kann. Die Effektauswahl ist umfangreich und erstreckt sich von Reverb, verschiedenen Delays, Chorus, Wah Wah und EQs über Phaser, Rotary, Overdrive und Distorsion bis hin zu einem LoFi-Effekt und Ringmodulator. Die Ausstattung der einzelnen Effekte ist eher geringfügig. So können pro Effekt nur 3 verschiedene Parameter verändert werden. Klanglich können die Effekte jedoch überzeugen – für die Veredelung der erstellten Phrasen reicht das alle Mal.

Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Danke für den informativen Betrag. Was mehr eigentlich nur fehlt ist die Nennung von Alternativen, auch wenn Xphrase vielleicht die Nase vorn hat.

    Gruss! Travis

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Was heißt hier Alternativen?
    Es gibt keine! Und leider geht in dem systembedingten Ständig-was-Neues-auf-den Markt bringen müssen wirklich Hochqualitatives oftmals unter. Xphraze ist so einmalig und genial, dass es schlecht von etwas Besserem verdrängt werden kann!!!
    Anm.: Ich habe mich bisher noch nie und in keinem Forum zu irgendwelchen Synthies geäußert; Xphraze müsste aber ständig abgefeiert und gelobt werden.

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