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Test: Yamaha TENORI-ON

2. Juli 2008

Tenori-On

Es ist eine Manie im Synthesizerbereich ständig etwas Neues, Innovatives oder zumindest Bahnbrechendes zu erwarten. Abgesehen von der Unmöglichkeit einer permanenten synthetischen Revolution werden neue Konzepte, so dann sie denn einmal erscheinen, zunächst mit genauso viel Skepsis wie auch Begehrlichkeit beäugt. So erging es auch dem Tenori-On als vor rund zwei Jahren die ersten Meldungen über ein neuartiges elektronisches Instrument durchs Internet geisterte. Mittlerweile ist das japanische Wunderding, das in Zusammenarbeit des Media-Künstlers Toshio Iwai mit Yamaha entstand, ein serienreifes Produkt und kann in Kürze von jedem interessierten Synthieast auf seine Brauchbarkeit hin begutachtet werden. Mehr zur Entwicklung des Tenori-Ons können Sie übrigens in dem Interview auf AMAZONA.de nachlesen, das ich bei der Yamaha-Promotiontour mit den Entwicklern Toshio Iwai und Yu Nishibori geführt habe.

Künstler + Konzern = Tenori-On

Künstler + Konzern = Tenori-On

Was ist das Tenori-On eigentlich? Einfach gesprochen ein Rompler mit Stepsequenzer in einem blinkenden Gehäuse. Naja, etwas mehr verbirgt sich schon dahinter. Aber rein technisch gesehen ist das Tenori-On doch alles andere als eine Innovation. Die Tonerzeugung ist ein 32-stimmiger ROM-Sample-Player mit 253 Presetsounds, die um drei Presets mit eigenen Samples ergänzt werden können. Für diese Presets gibt es keinerlei Editfunktionen. Der Sequenzer arbeitet mit 16 Spuren, auf denen man jeweils ein Pattern, im Tenori-Jargon Layer genannt, programmieren kann. Diese bis zu 16 Layer ergeben einen Block, wovon wiederum bis zu 16 auf einmal erstellt werden können. Zwischen diesen Blocks kann spontan gewechselt werden, was sich auch als Song aufzeichnen lässt.
Damit ist schon mal klar, die Besonderheit des Tenori-Ons liegt weder in der Tonerzeugung noch in den Leistungsdaten. Das Neue ist vielmehr das Interface und der damit verbundene Zugang zum Sequenzer. Sehen wir uns aber zum besseren Verständnis die Hardware noch kurz etwas genauer an.

Das Quadrat
Das Tenori-On ist ca. 20×20 cm groß und 3 cm dick. Der runde Rahmen besteht aus Magnesium und nicht wie man in der Vergangenheit öfters lesen konnte aus Plastik. Nur die rückseitigen Batteriefachklappen sind aus Kunststoff, die man allerdings beim Halten des Instrumentes immer berührt, was die Haptik ein wenig beeinträchtigt. Das Tenori-On ist kein Federgewicht, sondern hat dank des Metallrahmens und der Innereien ein schönes Gewicht von rund 700 Gramm. Ich empfand das sehr angenehm beim Halten, besser als ein papierleichtes Irgendwas. Man hat wirklich „etwas“ in der Hand.
Links und rechts am Rahmen sitzen jeweils fünf Tasten, welche alle wichtigen Spielfunktionen aufrufen und die man leicht mit den Daumen bedienen kann. Genaueres dazu im unteren Abschnitt.
Am oberen Rand, links und recht des SD-Card-Schachtes, sitzen zwei 1 Watt-Lautsprecher, die einen erstaunlich guten Sound von sich geben. Die maximale Lautstärke ist natürlich begrenzt, aber in ruhigen Räumen reicht es vollkommen. Andernfalls schließt man Kopfhörer an oder verbindet das Instrument über die Miniklinken-Buchse mit seiner Anlage. Für die MIDI-Anbindung gibt es nur einen atypischen Port, an dem ein Adapter angeschlossen werden muss, damit man die standardisierten MIDI-In/-Out Buchsen hat. Die Stromversorgung erfolgt üb

er ein 12V-Netzteil, alternativ mit autonomem Batteriebetrieb (6x AA Batterien). Die Anschlüsse sitzen alle an der Unterseite gleich neben dem -haha Wortspiel!- Tenori-On/Off-Schalter. Komplettiert wird der untere Bereich mit Display, OK/Cancel-Tasten und Jog-Rad für die Werteeingabe. Dem kleinen Display wurde ein Lupenglas spendiert, das nicht nur die Schrift ein wenig vergrößert, sondern wichtiger noch, auch für einen erweiterten Blickwinkel sorgt. Praktisch.

Alle Anschlüsse auf der Unterseite

Alle Anschlüsse auf der Unterseite

Im Mittelpunkt des Gerätes und damit natürlich auch des Interesses befindet sich eine Matrix aus 256 Tasten mit integrierten LEDs. Diese Tasten dienen nicht nur der Eingabe der Sequenzen, sondern auch im Zusammenspiel mit den L/R 1-5 Tasten zum Einstellen der verschiedenen Funktionen. Die Intensität der LEDs ist eher verhalten, was bewirkt, dass man lange Zeit entspannt auf dieses Feld blicken kann und die Augen dabei nicht ermüden. Gerade weiße LEDs können ungedimmt sehr anstrengend sein. Wer mal länger an einem Virus TI Polar gearbeitet hat, weiß was ich meine. Die Kehrseite ist aber, dass das Tenori-On normalem Tageslicht kaum gewachsen ist. Draußen in der Sonne oder in einem Raum mit hellem Deckenlicht sind die Anzeigen nur schwer erkennbar. Ohne direkte Beleuchtung und vor allem in dunklerer Umgebung hingegen entfaltet die „Lichtorgel“ ihre volle Pracht. Und damit auch andere Leute etwas davon haben, befinden sich auf der Rückseite noch einmal 256 LEDs, die spiegelverkehrt die Geschehnisse der Vorderseite übermitteln.

Die Funktionstasten
Mit den bereits erwähnten L/R 1-5 Tasten auf beiden Seiten des Rahmens ruft man alle wichtigen Funktionen auf. Das LED-Feld passt darauf hin die Anzeige an und ermöglicht die Eingabe der entsprechenden Werte. Alle Funktionen lassen sich bei laufendem Sequenzer aufrufen und verändern. Mitunter sind nur grobe Eingaben möglich, dann kann man über das Jog-Rad bei gehaltener L/R-Taste den Wert noch feinjustieren. Die Tasten auf der linken Seite beziehen sich auf den aktiven Layer, auf der rechten Seite sind es Block-bezogene Funktionen.

L1 dient zur Soundanwahl. Den 256 Tasten ist jeweils ein Preset zugeordnet. Da die Sounds eher grob sortiert sind, bedarf es einiger Einarbeitungszeit bis man sich zielsicher einen bestimmten Sound aus der Matrix rauspickt. Die gezielte Anwahl wird auch dadurch erschwert, dass es in der Matrix außer sehr dezenten Linien keine optische Orientierungshilfe gibt. Über L2 lässt sich die Notenlänge beeinflussen. Normalerweise arbeitet das Tenori-On mit 16tel Noten, hier kann man über Release die Noten länger (bis knapp 10 Sekunden) ausklingen lassen. Allerdings bezieht sich das auf alle Noten des Layers gleichermaßen. Nur über den Umweg von zwei oder mehr Layern mit unterschiedlichen L2-Werten kann man eine Sequenz mit verschiedenen Notenlängen erzeugen, was jedoch ein wenig umständlich ist. Über L3 kann die Oktavlage des Layers um ±5 Oktaven verschoben werden. Es wird jedoch nur immer innerhalb dieser Oktavlage gearbeitet. Noten aus Oktave -3 und +2 im gleichen Layer zu verwenden ist nicht möglich. Mit L4 werden Start- und Endpunkt des Layers gesetzt. Das ist mit einem Analogsequenzer vergleichbar und erlaubt die Verkürzung einer Sequenz. So lässt sich ein rhythmischer Versatz zwischen Layern leicht erzielen. Diese Funktion ist jedoch nicht bei allen Modes (s.u.) verfügbar. Auch die Funktion L5 scheint von Analogsequenzern inspiriert zu sein. Hier wird nämlich die Clock-Teilung verändert. Aus den 16tel werden 32tel bzw. 8tel oder 4tel, womit man ebenfalls die Rhythmik der grundsätzlich eintaktigen Layer erweitern kann.

Über R1 wechselt man die Spuren und damit auch die Programmier-Modes. Mit R2 wird das Tempo (40 bis 240 BPM) festgelegt und mit R3 eine globale Transponierung (±8 Halbtöne) ausgeführt. R4 wandelt die LED-Matrix in ein Mischpult auf dem die 16 Layer in der Lautstärke geregelt werden. Drückt man die LEDs der linken Reihe, werden die jeweiligen Layer gemutet. Eine entsprechende Solo-Funktion gibt es aber nicht. Über R5 wechselt man schließlich die Blocks, was sofort ausgeführt wird. Man kann also problemlos einen Break-Block auch innerhalb eines laufenden Pattern aufrufen.

Erfinder Toshio Iwai mit seinem Instrument

Erfinder Toshio Iwai mit seinem Instrument

Klangbeispiele
Forum
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    Yamaha zeichnete vor Jahren mal verantwortlich für solche Kracher wie den DX7. Nun wird das Budget für sowas verschleudert. Mir rätselhaft. Naja. Man kann das Ding auch als Uhr mit Weckfunktion nutzen um sich dann Morgens mit einer Eigenkomposition wecken zu lassen. Das rechtfertigt doch den Preis von 900 Euronen.

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    Mich begeistert das Konzept. Sind wir doch ehrlich: Neues hat es schon lange nicht gegeben. Die großen Hersteller beschränken sich auf "sichere" Konzepte, die auch sofort Abnehmer finden. Aber wer hat nicht auf ein Instrument gewartet, mit dem man (Musik) spielen kann. Endlich weg von den langweiligen und völlig überfrachteten Workstation oder den TB/TR´s in der 95. Generation? Vielleicht wird sich dann auch bald die Musik wie aus dem 21. JH anhören und der ganze Revival-Sch… hört auf. Viva la Revolution!

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      Recht hast Du. Allerdings ist der Preis etwas zu hoch, oder?

      Innovativ und nicht Retro ist auch der Octopus von Genoqs und günstiger der Nemo. Auch mal was anderes!

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        Natürlich ist der Preis überzogen. Aber bei 6 Jahren Entwicklungszeit… Ich betrachte Tenori-On mehr als Sequenzer und weniger als Synth. Wenn man mal schaut, was der Markt für andere Sequenzer bereit ist zu zahlen (zB Doepfer, im weitesten Sinne auch die MPC). Ich hoffe sehr, dass es bald mehr innovative Seq/Controller gibt. Sind wir doch ehrlich – niemand möchte jemanden auf der Bühne mit einem Laptop sehen…

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    Ich find das Konzept und das Tenori-On selbst genial. Nur die Limitierungen und der viel zu hohe Preis stören mich. Ich möchte das Ding als reinem Midi Controller Sequencer haben, mit erweitertem Sequencer (mögloich auch Controller Daten, CC und NRPN senden und mehr Speicher), ohne Rompler, und ohne die LEDs auf der Rückseite, in einem griffigen Plastikgehäuse für 249.-Euro. Ja is klar…Monome sollte ich kaufen…aber ich hab weder Max/MSP noch die Zeit mit damit auseinander zu setzen. Naja wer weiß. Wenns sich gut verkauft, macht Korg vielleicht eine gute Kopie und nennt sie Tenori-Tribe.

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    Hinweis an den Autor:

    Ein Gehäuse aus Magnesium?
    Wohl eher nicht, da das alle 2sek. putzen im Gegensatz zu den heftigen Reaktionen, die das Metall in Verbindung mit anderen Stoffen zeigt, noch das geringste Problem wäre.

    Eine Magnesium-Kunststoff-Legierung ist wohl wahrscheinlicher, d.h. es ist doch aus "Plaste"-siehe div. Palm-PDAs.

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    Ich finde es ziemlich lachhaft, wie einige Leute "angemessene" Preise aus dem Hut zaubern. Bitte das mal auf den eigenen Job beziehen: Da kommt einer und behauptet (ohne irgendetwas über Kosten, Herstellung und Entwicklung zu wissen) 25% vom Preis wären höchstens angemessen damit er überhaupt in Erwägung zieht sich das einmal anzusehen. *kopfschüttel*

    Und Genoqs Octopus und Nemo (übrigens vorläufig nicht zu erwarten) bzw. Monome als Alternativen aufzuführen und den Preis des TenoriOn im gleichen Satz zu monieren …

    Ich habe mir in London ein paar Gigs mit TO-Artists angesehen und muss sagen, das die Leute damit richtig gute Shows gemacht haben. Das Teil scheint wirklich die Kreativität zu fördern. Wer richtig damit arbeitet leistet sich so etwas auch.

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    Nach 8 Monaten wird das Teil jetzt wieder verkauft. Die anfängliche Euphorie ist durch die Arbeit mit dem Tenori-On schnell verflogen und was bleibt ist ein zwar sehr styliges, aber überteuertes Spielzeug….nur eins noch: kompletter Verlust der Übersicht durch Extremblinking!

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    Mir ging es ähnlich. Habe grosse Euphorie aufgebaut und habe das Teil nach 3 Tagen intensiven Tests wieder zurückgegeben. Und das obwohl es ein Geschenk war und ich es nicht mal bezahlen musste. Sicher, das Konzept ist grossartig und Toshio Iwai ein toller Kerl. Schon Electroplankton für den DS war vielversprechend und man fragte sich: warum macht man da nichts Richtiges draus? Dann kam das Richtige: das Tenori. Aber leider kommt das Teil über den Prototypen-Status nicht raus. Ich hätte es gerne behalten, aber was mich letztendlich bewogen hat es zurückzugeben, war schlechtes Midi-Timing mit extremen Temposchwankungen (das Midi Menu ist ohnehin ein Witz) und die extrem kurze Sampling Zeit plus die dafür aber benötigte Zeit, um Samples überhaupt zu laden. Zum Thema Velocity ist ihnen leider auch nichts eingefallen. Schade. Wirklich schade. Und ich hatte mich so gefreut…

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    Eine wahrhaft ungeahnte Inspirationsquelle. Wer hier ein Instrument sucht, mit dem ihr zum Beispiel Lieder nachspielen wollt oder rock machen – ist hier fehl am Platz. Es dient zum Entspannen, zu aussergewöhnlichen und vielleicht nicht immer stimmigen Stücken oder einfach zum „spielen“. Ein richtiges Instrument im Sinne einer Geige oder Tuba will es garnicht sein

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    Synthie-Fire  AHU

    Also Soundmässig und deren Möglichkeiten naja…aber als polyphoner Sequencer echt geil.
    Man sollte 2 von den Teilen verknüpfen können um doppelt so viel Steps zu erhalten.
    Oder könnte jemand mal nen schönen polyphonen Matrixsequencer rausbringen, welcher nicht im 4 stelligen Bereich ist ;-)?.

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