Test: Zoom L-12, Mehrspur-Recorder

16. April 2018

Die "eierlegende Wollmilchsau"?!

zoom l-12

Mit dem Zoom L-12 verspricht uns Zoom einen digitalen Audiomixer, ein Audiointerface für Mac, Windows, Linux und iOS sowie einen 14-Spur Audio-Rekorder – alles in einem Gerät. Seit einiger Zeit ist es nun auf dem Markt, Zeit für einen Praxistest!

Ich selbst habe in den 90er Jahren meine ersten Aufnahmen noch mit Mehrspur-Kassettenrekordern gemacht. Der Weg führte dann über 8-Spur Minidisk und 24-Spur HD-Rekorder hin zur computerbasierten DAW „in the box“.

zoom l-12

„In the box“ zu arbeiten, ist für mich heute noch Segen und Fluch zugleich. Einerseits stehen dadurch abertausende Optionen im Handumdrehen zur Verfügung, von denen man früher nicht zu träumen wagte. Andererseits ist man abhängig vom Zusammenspiel vieler Faktoren wie Treiber, Betriebssystem, DAW, Latenzen etc., der kreative Schaffensprozess kann dadurch leicht ins Stocken geraten. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir wieder einen Rekorder wünsche, bei dem man einfach auf den guten, alten „Record“-Knopf drückt, die Aufnahme läuft und man sich ganz auf die Musik konzentrieren kann.

Zoom hat sich in den letzten Jahren zu einem Marktführer für mobile Rekorder etabliert. Ich selbst nannte schon das H1, H4, H4n und das H6 mein Eigen und es freut mich, dass Zoom auf seine Anwender hört und die Geräte immer weiter verbessert. Hatte man zum Beispiel beim ersten H4 noch das Gefühl von billigem Plastik und mäßiger Verarbeitung, kommt das aktuelle H6 dagegen technisch und qualitativ sehr ausgereift daher. Auch die Klangqualität der Preamps, die mir immer sehr wichtig ist, hat sich in den letzten Jahren extrem verbessert. Zoom baut ja mittlerweile auch sehr gute Audiointerfaces und ist mit dem F8 und F4 auch in den professionellen Broadcast-Bereich vorgedrungen. Ob das Zoom L-12 nun von diesen technischen Weiterentwicklungen profitiert und qualitativ hochwertige, professionelle Aufnahmen zulässt, werden wir sehen.

Zoom L-12 Verpackung

Ausgepackt

Das neue Zoom L-12 ist mit 2.500 Gramm recht leicht und macht trotz des Plastikgehäuses einen sehr wertigen Eindruck. Ich komme im schnellen Durchzählen auf über 360 LEDs und über 80 Druckknöpfe! Diese machen durch die Bank eine gute Figur. Auch die Drehregler fühlen sich haptisch gut an, wobei man sich vor Augen halten sollte, dass sie wohl eher für den Studioalltag gemacht sind. Wirklich roadtauglich wirken sie nicht, aber bei „gesittetem“ Umgang sollte man einige Jahre daran seine Freude haben sollte. Alle Anschlüsse auf der Oberseite und Rückseite sind absolut robust und wackelfest. Mitgeliefert wird ein schlankes Netzteil sowie ein über 2 Meter langes USB-Kabel. Eine SD-Karte liegt leider nicht bei.

Innere Werte des Zoom L-12

Die ersten 8 Kanäle bieten Mikrofonvorverstärker mit einem Regelbereich zwischen +16 und +60 dB Gain. Wahlweise kann man auch Line-Signale anschließen, wenn statt eines XLR-Steckers ein 6,3 mm Klinkenstecker verwendet wird. 48 Volt Phantomspeisung steht für alle Mikrofonvorverstärker zur Verfügung und lässt sich in zwei Gruppen (Kanal 1–4 bzw. Kanal 5–8) aktivieren. Die Kanäle 1 und 2 bieten einen Hi-Z Schalter, mithilfe dessen ihr auch eine E-Gitarre oder einen Bass direkt anschließen könnt. Für Kanal 3–8 gibt es hier die Option ein -26 dB Pad in den Signalweg einzufügen, was zum Beispiel bei lauten Schlagzeugaufnahmen sehr hilfreich sein kann. Jeder der ersten 8 Kanäle verfügt zudem über einen Kompressor mit Auto-Gain, der einfach zwischen 0-10 geregelt werden kann. Mit Kanal 9/10 und 11/12 kommen noch zwei Stereokanäle für Line-Signale hinzu, die aber auch monophon arbeiten können, wenn nur der jeweils linke Eingang belegt ist.

Durch einen Druck auf die Select-Taste „SEL“ steuert man für den jeweiligen Kanalzug die EQ- und Effektsektion an. Alle Regler in dieser Sektion sind Endlosdrehregler, die den aktuellen Wert der einzelnen Parameter mithilfe eines LED-Kranzes anzeigen. Der EQ besteht aus Höhen (+/-15 dB bei 10 kHz), parametrischen Mitten und Tiefen (+/-15 dB bei 100 Hz) und lässt sich auch komplett aus dem Signalweg nehmen. Praktischerweise hat Zoom dem L-12 zudem einen Low-Cut spendiert, der Signale unter 75 Hz mit 12 db/Oktave abgesenkt. Dazu kommen Regler für Links-Rechts-Panning und Send-FX. Die Werte der internen Hall- und Delay-Effekte lassen sich über die Multifunktionspotis „Tone/Time“ und „Decay/Feedback“ einstellen. Eine eigene EQ- und FX-Sektion für den Master-Kanal gibt es beim Zoom L-12 leider nicht.

Zoom L-12 – ausgepackt

Viele aktuelle Audiointerfaces auf dem Markt bieten mittlerweile die Möglichkeit, einen zweiten Kopfhörer anzuschließen. Das Zoom L-12 geht hier noch einen Schritt weiter und hat sage und schreibe 5 Kopfhörerausgänge mit an Bord! Diesen kann man entweder den Master-Mix oder einen von 5 individuellen Kopfhörermixen zuweisen.

Das ist wirklich einzigartig und gerade für Bands, die sich selbst aufnehmen wollen, ein extrem hilfreiches Feature. Die einzelnen Kopfhörermixe lassen sich mit den Tasten A-E aufrufen und individuell einstellen. Sogar ein Slate-Mic ist mit an Bord, mit dem man Ansagen an alle Kopfhörerausgänge senden oder Kommentare zu den Aufnahmen aufnehmen kann.

Auf der Gehäuserückseite kann man zwischen den Betriebsarten „Audiointerface“, „Card Reader“ und „USB Host“ (für Datenimporte vom USB-Stick) auswählen.

Als Interface bietet das L-12 zusammen mit dem Signal des Master-Kanals 14 Eingänge und 4 Ausgänge. Will man Signale von der DAW empfangen, muss man einen der Kanäle 9/10 oder 11/12 vom Eingangssignal auf USB 1-2 bzw. USB 3-4 umschalten. Das geht schnell und einfach mit einem Druck auf den entsprechenden Schalter.

Als Samplingrate stehen 44,1, 48 und 96 kHz zur Auswahl. Bei 96 kHz sind allerdings einige Einstellungen nur eingeschränkt nutzbar und die SD-Karte muss vorher formatiert werden. Wählt man diese Samplingrate, lässt sich das Zoom L-12 nicht mehr als Audiointerface nutzen, die FX- und EQ-Sektion steht nicht mehr zur Verfügung und leider ist in diesem Modus auch Overdubbing nicht mehr möglich.

Zoom L-12 Rückseite

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    costello  RED

    Hallo Raphael, erstmal Glückwunsch zum gelungenen Einstand bei amazona :-)
    Ist schon lustig, dass es immer noch einen Markt für digitale Mehrspurrekorder gibt.
    Ich habe neben Ableton live und Logic Pro X auch noch einen Zoom HD16 und muss zugeben,
    dass das Arbeiten damit schon Spaß macht. Effekte wie Hall oder Delay kann man beim HD16 übrigens unmittelbar jedem Kanalzug zuweisen. Und MIDI hat das Teil auch. Da scheint der L-12 zumindest in diesen Bereichen ein Rückschritt zu sein.

    • Profilbild
      Raphael Tschernuth  RED

      Hi Costello,

      freut mich :)
      Gerade was Workflow angeht, rate ich selbst vielen Hobbymusikern (die nicht Tag und Nacht beruflich vor einer DAW verbringen) dazu, sich einen digitalen Mehrspurrekorder anzuschaffen. Vor allem wenn es darum geht kreativ zu sein und Ideen oder Demos aufzunehmen. Zoom hat sich noch ein paar Optionen für die nächste Version offen gehalten. Was man mittlerweile für 600 € an Recording-Equipment bekommt ist schon fast unglaublich. Ich bin gespannt, wo wir da in 5 Jahren sind :)

  2. Profilbild
    Franz Walsch  AHU

    Diesen Recorder sehe ich nicht als Interface zur DAW, sondern als das was er ist, als Recorder.
    Für diesen Zweck halte ich auch MIDI für entbehrlich.
    Wichtiger wäre für mich eine integrierte mobile Stromversorgung in einem passenden Case.
    So wäre das Tor zum Filmton offen. Auch für das Sounddesign ist das Ding gut zu verwenden.

    • Profilbild
      Raphael Tschernuth  RED

      Eine mobile Stromversorgung für das Zoom L-12 wäre bestimmt eine tolle Idee.
      Auch akustische Projekte, Choraufnahmen, etc. könnten davon profitieren.
      Mit dem F8 Rekorder hat Zoom dafür auch schon eine gute Lösung im Angebot. ;)

  3. Profilbild
    Kari  

    Ich spiele mit dem Gedanken, die größere Version den „L20“ zu kaufen, allerdings ist mir eine Sache noch unklar: Kann ich damit Teile des Signals an Externe Effekte schicken?

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