The History of EM, Teil 2: Die Blütezeit (1970-80)

12. Januar 2013

The History of EM, Die Blütezeit (1970-80)

Teil 1 verpasst? Kein Problem, hier finden Sie Teil 1:  THE HISTORY OF EM, TEIL 1: DIE PIONIERZEIT (1900-1970)

smal

Nun aber los mit dem zweiten Jahrzehnt der History of EM:

Die 70er waren ein wichtiges Jahrzehnt für die elektronische Musik. Es entstanden nun verschiedene Stilarten, EM wurde Teil der sogenannten Popkultur, Weichen wurden für die Zukunft gestellt und Legenden geboren.

Dank Robert Moogs Erfindungsgabe standen mit den spannungsgesteuerten Synthesizern nun in Serie gefertigte, praxistaugliche Instrumente zur Verfügung und waren nicht länger Einzelanfertigungen für gutbetuchte Studios. Ein amtliches Modularsystem hatte zwar noch den Gegenwert eines Einfamilienhauses, aber die kleineren Modelle (vor allem die kostengünstigen aus Fernost) waren schon für einen größeren Kreis von Musikern bezahlbar. Fast alle waren noch monophon, polyphone kamen erst nach und nach auf den Markt und waren ebenfalls sündhaft teuer, deshalb wurden neben konventionellen Tasteninstrumenten oft String-Ensembles eingesetzt, Kreuzungen aus Orgel und Synthesizer.

Die 70er waren die Ära der analogen Synthesizer: Klaus Schulze in seiner Keyboardburg

Die 70er waren die Ära der analogen Synthesizer: Klaus Schulze in seiner Keyboardburg

Nach W. Carlos‘ Erfolg mit „Switched-On Bach“ wollten viele Plattenfirmen etwas Ähnliches in ihrem Repertoire haben, und es fanden sich schnell andere Musiker, die Carlos in nichts nachstanden, wie z.B. Hans Wurman mit „The Moog Strikes Bach“ und Mike Hankinson mit „The Unusual Classical Synthesizer“. Auch Emerson, Lake & Palmer versuchten sich mit „Pictures at an Exhibition“ in diesem Genre. Einer aber setzte in diesem Bereich und für die gesamte EM wirklich Maßstäbe: Der Japaner Isao Tomita, der die Werke verschiedener klassischer Komponisten (Debussy, Mussourgsky, Holst, Ravel u.a.) mit einem imposanten Gerätepark neu einspielte. Roland- und Moog-Modularsynthesizer, Effektgeräte vom Feinsten, Tomita verwendete alles, was gut und teuer war. Seine Produktionen gehören zum Aufwändigsten, was je mit analoger Technik verwirklicht wurde, und „The Bermuda Triangle“ mit Neuinterpretationen von Sibelius und Prokofjew ist sicherlich eins der besten Elektronikalben aus dieser Zeit, neben seinen zahlreichen anderen.

Berühmte Classitronic: Pictures at an Exhibition (ELP) und Bermuda Triangle (Tomita)

Berühmte Classitronic: Pictures at an Exhibition (ELP) und Bermuda Triangle (Tomita)

W. Carlos veröffentlichte ebenfalls noch eine ganze Reihe elektronischer Klassik und schrieb die kongeniale Filmmusik zu Kubricks „A Clockwork Orange“.

Damit war der vorläufige Höhepunkt für dieses Genre aber auch schon erreicht. Das Konzept wird hin und wieder aufgegriffen, mal von Elektronikern, mal von Komponisten des Kulturbetriebs. Beispiele sind „Romances“ von Nik Tyndall, „Goes Classic“ von Klaus Schulze und die „Vier Jahreszeiten“ von Thomas Wilbrandt, und auch viele Crossover-Projekte kann man in die „Classitronic“, wie sie auch genannt wird, einordnen. Sie hat ihre Fangemeinde (Link am Ende), aber der durchschlagende Erfolg blieb bis jetzt aus, die musikalischen Welten der Zielgruppen scheinen zu weit auseinander zu liegen.

Außerdem nutzte die elektronisch interpretierte Klassik die Klangvielfalt der Synthesizer nur wenig und war letztlich auch nicht sonderlich innovativ. Man kann sogar sagen, im eigentlichen Sinne handele es sich gar nicht um elektronische Musik. Das führt an dieser Stelle noch einmal zu der Frage, was denn nun unter EM zu verstehen ist, da das kontrovers diskutiert wird (wer will, kann das natürlich überspringen).

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    AMAZONA Archiv

    Fantastisch! Ich hab die Zeilen geradezu verschlungen! Diesmal hab ich auch sehr viel „neues“ erfahren können und freue mich schon, wie ein kleines Kind, auf den nächsten Teil!

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        AMAZONA Archiv

        Ja, ich sitze auch schon auf glühenden Kohlen. Hat Spaß gemacht zu lesen.

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    AMAZONA Archiv

    Auch ich habe etwas Neues erfahren.

    Zitate: „Nach W. Carlos‘ Erfolg mit „Switched-On Bach“ wollten viele Plattenfirmen etwas Ähnliches in ihrem Repertoire haben … . Auch Emerson, Lake & Palmer versuchten sich mit „Pictures at an Exhibition“ in diesem Genre.“

    Ich habe noch die LP dieser Live-Aufnahme und ich mag sie noch immer so gern, wie vor nun mehr als 30 Jahren. Aber: Die Hälfte des Originals fehlt – man höre das Klavier-Original ebenso wie Ravel´s Orchestrierung. Und man höre sich „Blues Variations“ oder „The Curse Of Baba Yaga“ an. Dann weiß man auch, dass sich ELP damit, im Gegensatz zu Tomita sicher „nicht in diesem Genre versucht“ haben.

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      AMAZONA Archiv

      Ich neige eher zu Bewunderung sowohl bei ELP als auch Tomita, sich der Herausforderung „Pictures …“ gestellt zu haben. Letzterer hat das auch live ganz alleine gemacht, ich hatte mal das Vergnügen, dem beizuwohnen. Na ja, bei Ravel und Debussy hat Tomita vielleicht ein besseres Händchen gehabt, und das meine ich durchaus sogar in Hinblick auf geniale Orchesterversionen wie von Gustavo Dudamel, denn die Dynamik der Komposition mit „nur“ Elektronik muss man erstmal hinkriegen. Bei „Popcorn“ im Artikel möchte ich noch auf den eigentlich Urheber Gershon Kingsley hinweisen, dessen Version ich auch irgendwie gerissener finde.

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        h.gerdes  AHU

        Oha, „Popcorn“ war eine Cover-Nummer? Das ist meiner Aufmerksamkeit glatt entgangen! Danke für den Hinweis!

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      h.gerdes  AHU

      Das war keineswegs abwertend gemeint! Ich wollte damit nur ausdrücken, dass sie sich außerhalb ihres üblichen Genres betätigt haben. Die „Pictures“ sind zweifellos ein Klassiker.

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        AMAZONA Archiv

        Zitat: „… dass sie sich außerhalb ihres üblichen Genres betätigt haben.“

        Eigentlich nicht wirklich, zumindest wenn es bei ELP immer nach Emerson gegangen wäre. Der hat ja schon zu Nice-Zeiten klassische Vorlagen wie etwa die Karelia-Suite (Intermezzo) oder Pathetique (Symphony No. 6 3rd Movement) und zu ELP-Zeiten Bartok´s Allegro Barbaro oder Holst´s „Mars“ interpretiert. Aber das sind nur Nebensächlichkeiten.

        Wichtig, weil ich das in meinem ersten Kommentar glatt unterlassen habe, ist mir, dass ich DANKE sage für die viele Mühe mit dieser „History“.

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          h.gerdes  AHU

          Ja, auch später hat er in seinen Soloprojekten immer wieder auf Klassik zurückgegriffen, er war schon recht vielseitig. Um so tragischer, dass ihn die Fokale Dystonie erwischt hat! Das hat sein Schaffen frühzeitig beendet…

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            AMAZONA Archiv

            Dem Dank für diese Serie schließe ich mal an. Und ergänze um ein weiteres Detail, was relativ unbekannt ist. Komponist Brian Hodgson (UK) und Dirigent Dudley Simpson (AUS) haben 1973 als Electrophon die LP „In A Covent Garden“ aufgenommen. Die haben vorher schon zusammen für die BBC gearbeitet, Dr. Who lässt grüßen. In einer Kombination aus Orchester und Synthesizer haben sie Händel, Debussy, Rimsky-Korsakoff bis Katschaturian, Paganini und Grieg interpretiert. Als Synths dienten EMS Instrumente sowie eigens entwickelte Techniken eines Ken Dale.

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              h.gerdes  AHU

              Ah ja, die kannte ich nicht. Danke!
              Und wer noch einen Hörtipp hat, bitte hier posten! Es gibt so einiges an fast unbekannten Schätzen..

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                AMAZONA Archiv

                Noch umstrittener als die Klassik-Interpretationen sind sicherlich Klaus Wunderlichs Ausflüge, mit seinem Moog Modular Synthesizer, in die seichteren Gefilde der Musik. Darunter übrigens auch eine Hintergrundmusik für die Ziehung der Lottozahlen :) Unerschrockene hören das hier http://youtu.be/JUHQjTjtp4Y

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                  h.gerdes  AHU

                  Schöne Heimorgelei! Haueha… mein Geheimtipp in dieser Richtung sind Supersemfft. Ich weiß nicht, was die geraucht haben…

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                    AQ  AHU

                    Liebe Kollegen
                    Der gute alte Klaus Wunderlich muss einem nicht gefallen, aber die angesprochene Aufnahme ist keine Orgelei, sondern 100% Moog. 1974 aufgenommen, notabene zu einer Zeit als die meisten die heute alles besser wissen den Namen Moog noch nicht einmal gekannt haben. Auch wenn das nicht jedemanns Geschmack trifft war die LP zu der Zeit ein musikalisches Meisterwerk, gespielt vom alten Klaus, welcher mehr Platten (mit „Elektronischer Musik“) verkauft hat als jeder andere Instrumentalist auf diesem Planeten. Nach dem Erscheinen der Platte haben eine ganze Reihe bekannter Musiker begonnen sich ebenfalls mit dem Thema Synthesizer auseinander zu setzen. Damit hätte er sich sicher zumindest eine kleine Erwähnung in der Geschichte der EM verdient…
                    … übrigens, super Artikel :-)
                    Wer sich für den alten Scherben interessiert hier noch der Titel: „Uraltedelschnulzensynthesizergags, 1974“

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                      h.gerdes  AHU

                      Mir war nicht geläufig, dass er so einflussreich war, sonst hätte ich das erwähnt. Den Unterhaltungsmusiksektor habe ich auch nicht als essentiell eingestuft, da waren andere Sachen interessanter. Aber stimmt, einige Künstler der Gattung waren ziemlich erfolgreich… da gab es doch auch so einen Franz Lambert mit Weltraumorgel? Habe aber keine Ahnung, ob er auch Synthesizer eingesetzt hat.

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                      h.gerdes  AHU

                      Nachdem ich mich auf deine Anregung hin näher mit Klaus befasst habe, muss ich ihn hier mal ein wenig rehabilitieren. Die Musik ist Geschmackssache, aber man muss ihm solides Handwerk bescheinigen, und er hat einiges auf die Beine gestellt. Also Rischpäkkt, Meister Wunderlich! Auch für einige Organisten, die hier keine Erwähnung gefunden haben, wie Jimmy Smith, Jon Lord oder die beiden Barbaras Dennerlein und Morgenstern etc.

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    tronicjohn

    Guter Artikel, manches kannte ich, manches nicht. Übrigens war der Arbeitstitel für „Electric Café“ nicht „Elektro-Pop“, sondern „Techno Pop“. Diesen Namen hat das Album im Zuge des Remasterings auch zurückerhalten.

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      h.gerdes  AHU

      Da hat mir mein mit Begriffen überfüttertes Gedächtnis doch glatt einen Streich gespielt… ich werde mal eine Korrektur in die Wege leiten!

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    Marcus_Kiel  

    Hallo Holger,
    ich möchte mich für den tollen Artikel bedanken, da ich nie so richtig Namen und Hintergründe kannte und mich erst jetzt, nach 25 Jahren als Hobby-Elektroniker, mit der EM der 70iger beschäftige. Danke für die Mühe und den Fleiß.

    Zu Kraftwerk. Ich bin als Jugendlicher auf KW aufmerksam geworden. Ein Tschernobyl-Fersehbeitrag wurde mit ihrer Musik hinterlegt.
    Das hat mich damals umgehauen und ich bin sofort los, und habe drei Alben gekauft und wochenlang ganz tief eingesogen. Die Präzision und Kälte, die diese Musik ausstrahlte, fand ich faszinierend.
    Heute empfinde ich KW in weiten Teilen als eher romantisch. Die Melodien sind zum Teil sehr kitschig und melancholisch. Ich höre auch so etwas wie Sehnsucht. Auf „Mensch-maschine“ und „Computerwelt“ finde ich einige Beispiele dafür.
    Daran musste ich gerade denken, als ich Deinen Artikel laß.
    Vielen Dank und beste Grüße,
    Marcus_Kiel

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      h.gerdes  AHU

      Ja, es geht mir ähnlich. Das Hörempfinden ändert sich mit der Zeit. Heutzutage spricht man von der „Wärme“ und dem „organischen, lebendigen Klang“ der Analogsynthesizer. Und vom „8-Bit-Charme“ der ersten Digitalsynths. Morgen werden wir die Nicht-Perfektion der älteren virtuell-analogen nostalgisch verklären ;-)
      Musikalisch gesehen: Kraftwerk sind tatsächlich beides, romantisch und kalt. Dieser Widerspruch macht imho einen Teil ihrer Faszination aus!

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    InstruJunkie

    Richtig klasse und was ’ne Mordsarbeit, erst alles zusammenzutragen, und es dann auf’s Wesentliche zu kürzen. Analog-phattes Kompliment.
    Und dazu auch noch Spaß:
    „die modularen Synthesizer sind Altäre patriarchalischer Macht“
    Jo, und Sprache ’n Alien-Virus.
    „Man kann stattdessen auch einfach ein wenig gute Musik aufzulegen. Natürlich elektronische.“

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    Michael Wilkes

    Vielen Dank auch für den zweiten Teil, klasse gemacht, das Lesen hat großen Spass gemacht!!! Bin schon gespannt auf den nächsten Teil…..

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    Tyrell  RED 31

    Evtl. hätte man in die Sammlung auch noch John Carpenter aufnehmen müssen, der von 1976 bis 1981 mit seinen minimalistischen Soundtracks u.a. zu Halloween, Escape from New York und Assault on Precinct 13, astreine EM Scheiben ablieferte, die nicht nur monatelang in den Charts waren, sondern den Gründer dieses Mags auch dazu brachte sich für elektronische Musik zu begeistern ;-)

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      h.gerdes  AHU

      Stimmt, der Soundtrack zu Escape hat mich seinerzeit auch begeistert, mehr als der Film! Ist aber 80er Jahre ;-) An der Musik war afaik Alan Howarth beteiligt, der ua auch Sounds für Star Trek gemacht hat. Die Scifi-Geräuschemacher verdienen sowieso einen Orden, mich hat das Zischpliepzapp jedenfalls genauso geprägt wie die EM dieser Zeit…

  8. Profilbild
    Mother Electricity

    Hallo,

    was hier fehlt, ist die DDR. Deutschland wird hier mit BRD gleichgesetzt. Ich habe leider nicht das Wissen um alles fehlende zu ergänzen. Aber doch genug, um zu sehen, dass hier eine Lücke ist.

    Einfach mal bei Vermona.de gucken, da findet man schon einiges. Lift, Stern Combo Meißen, und Electra sind ebenfalls wichtige Namen. Die Theodor Schumann Combo hat auch mit Elektronik gearbeitet.

    Viele Grüße
    ME

  9. Profilbild
    Son of MooG  AHU

    Eine kleine Ergänzung zu den Frippertronics: die wurden eigentlich von Brian Eno entwickelt, der sie dann auch live einsetzte (zu hören auf Fripp&Eno – Live in Paris 28.05.1975).

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