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The Jimi Hendrix Book (1) – Ungekürzt auf AMAZONA.de

Jimi on Sunday 01: Über ein Buch, eine neue Idee & eine alte Geschichte

18. September 2022

The Jimi Hendrix Book (1)

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Vorwort der Redaktion

Über Jahre hat Lothar Trampert für seine neue Veröffentlichung über Jimi Hendrix recherchiert, gesammelt, Zeitzeugen befragt und am Ende alles in ein spannendes Buch gepackt. Diesen Sommer sollte es erscheinen. Und auch der Verlag war gefunden – doch in sprichwörtlich letzter Sekunde musste der Verlag aus wirtschaftlichen Gründen einen Rückzieher machen. Und so trat Lothar an uns heran, ob wir nicht Interesse hätten, das gesamte Werk in mehreren Teilen zu veröffentlichen.

Inhaltlich ein Perle, hatten wir nur wegen der Länge Bedenken. Sind AMAZONA.de-Leser wirklich gewillt, ein ganzes Buch (wenn auch in vielen Teilen) auf unserer Plattform zu lesen? Nun, wir lassen es jetzt einfach einmal darauf ankommen und präsentieren euch voller Stolz den ersten Teil zu Lothars großartigem Werk. Die weiteren Teile werden nun an jedem Sonntag um 17 Uhr erscheinen – zumindest so lange, wie uns die Leser dafür treu bleiben.

Und nun übergeben wir an den Autor,
Eure AMAZONA.de-Redaktion


Der 1942 geborene Gitarrist, Komponist, Sänger und Bandleader Jimi Hendrix hat Rock, Blues und auch Jazz mehr geprägt als die meisten anderen Musiker der späten 1960er Jahre. Am 27. November wäre Hendrix 80 Jahre alt geworden, doch sein Leben endete bereits am 18. September 1970 in London. Lothar Trampert hat ein Buch über Jimi Hendrix, sein Leben, Musik, Sounds und Equipment geschrieben.

Intro: Ein neues Jimi-Hendrix-Buch als Serie

Manchmal läuft nicht alles nach Plan. Eigentlich sollte Mitte November, zum 80. Geburtstag von Jimi Hendrix, ein weiteres Buch über mein langjähriges Lieblingsthema erscheinen. Zwei Monate vor dem geplanten Termin machte mein Verlag nach einer längeren kommunikationsfreien Phase einen Rückzieher. „Die Preise sind explodiert, das Kaufverhalten ist extrem zögerlich geworden, unser Großhändler nimmt auch nur noch kleine, vorsichtige Mengen ab. Hinzu kommen Energiekostenbeteiligung bei der Druckerei sowie seit Juli die monatlichen Pflichtpauschale für Verpackung und deren Entsorgung. Es ist einfach alles nicht mehr zu stemmen …“

OK, ich habe mich mit etwas Verständnis und großer Enttäuschung nur zehn Minuten geärgert, mir ein Konzept ausgedacht, zwei mails geschrieben – und dann war die Sache baumschonend und ohne Papierkosten geregelt. Mein Buch heißt jetzt „Jimi on Sunday“ und ist garantiert das erste Hendrix-Buch, das es nur als Online-Serie gibt. Ab Sonntag, dem 18. September 17:00 Uhr, erscheint von nun an wöchentlich ein neues Kapitel zum Thema – exklusiv bei amazona.de! Und das Schöne ist: Über die Kommentarfunktion von amazona.de können wir in Kontakt treten – ich freue mich über Diskussion, Kritik, Anregungen & Tipps. Immer wieder sonntags!

Diese Art der Veröffentlichung ist ein Versuch, und ich hoffe, dass es eine gute Erfahrung wird. Aber wenn wir nichts Neues ausprobieren, dann wird’s bekanntlich langweilig. In dem Zusammenhang vielen Dank an amazona.de-Chefredakteur Peter Grandl und an den großartigen Fotografen und Buchautor Günter Zint für ihreUnterstützung. Und da Günter schon Hendrix 1967 im Hamburger Star-Club fotografierte und später auch bei seinem letzten Konzert auf der Insel Fehmarn aktiv war, gibt es an dieser Stelle demnächst auch ein ein Porträt dieses Bildkünstlers und Zeitzeugen. Viel Spaß beim Lesen!

The Jimi Hendrix Book (1)

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Jimi Hendrix Revisited: Über Tod und Legendenbildung

2022: Jimi Hendrix wäre in diesem Jahr 80 geworden. Gestorben ist er mit knapp 28 Jahren, nach einer kurzen, schnellen Karriere. Sein unerwarteter Tod machte den Popstar zur Ikone der Rock-Musik. Das Drama des frühen Lebensendes war bei etlichen Künstlerinnen und Künstlern die Eintrittskarte in die Heldengalerie der Musik-Geschichte. Ja, Geschichtsschreibung ist immer Vereinfachung, und Janis Joplin, Charlie Parker, Jeff Buckley, Jim Morrison, Robert Johnson, Brian Jones, Emily Remler, Kurt Cobain, Amy Winehouse, Buddy Holly, John Bonham, Cliff Burton, Eddie Cochran, Otis Redding, Randy Rhoads, Ronnie Van Zant, Duane Allman, Hillel Slovak, Marc Bolan, Keith Moon, Cass Elliot, Bon Scott, Bob Marley, Tupac Shakur, Biggie Smalls, Stevie Ray Vaughan, Sam Cooke, Karen Carpenter, Dinah Washington, Whitney Houston und Jimi Hendrix haben es der Nachwelt extrem einfach gemacht, indem sie kurze, überschaubare Kapitel hinterließen.

Das Leben ging 1970 einfach weiter. Auch ohne ihn. Aber er hat extreme Spuren hinterlassen, in allen musikalischen Stilrichtungen. Seine Musik, seine Sounds, seine Songs sind bis heute aus der Gitarrenmusik nicht wegzudenken. Das verleitet immer wieder zu Spekulationen: Hätte er die Rock-Musik der 70er-Jahre souliger gemacht? Bluesiger? Funky? Oder wäre er doch noch in der Band des Jazz-Trompeters Miles Davis gelandet – und was würden Mike Stern und John Scofield dazu sagen? Oder wäre er früher im Avantgarde-Jazz aktiv gewesen als Vernon Reid? Vielleicht auch in dessen Black Rock Coalition?

Wahrscheinlich hätte Hendrix Anfang der 90er-Jahre bei der britischen Techno-Dance-Formation Beautiful People mitgemacht, anstatt sich samplen zu lassen – wäre alles anders gekommen. Jimi wäre dann gerade mal 50 Jahre alt gewesen, für heutige Rolling-Stones-Verhältnisse ein halbes Kind. Oder hätte er sich schon vorher als alternder Blues-Rock-Gitarrist ins Vergessen gespielt, sich selbst entmystifiziert? Vielleicht hätte er uns aber auch irgendwann gelangweilt und Robin Trower wäre kein aktiver, kreativer Fan geworden, weil sein Vorbild ja noch da war. Beides wäre schlimm gewesen.

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All diese Spekulationen reflektieren in erster Linie die unglaublichen Facetten dieses außergewöhnlichen Künstlers, dessen Werk so bunt, so weit, so frei und offen war und geblieben ist, dass man bis heute in der Musik des Jimi Hendrix immer noch Neues entdecken kann. Oder Altbekanntes immer wieder neu deuten, denn seine Musik hat wirklich überlebt. Und die Popkultur hat nicht erst mit dem Sampling damit begonnen, sich zu wiederholen.

The Jimi Hendrix Book (1)

Als ich mich zum ersten Mal systematisch mit den Aufnahmen von Jimi Hendrix beschäftigte, war die Welt eine andere. Für Musiker, Fans, Wissenschaftler und Menschen. 1989 waren eine überschaubare Handvoll Hendrix-Alben (neu als CDs, aber auch noch als Vinyl-LPs oder MCs) im Handel, es gab auch ein paar Videos (auf VHS-Kassette) und einige Bücher, die meisten davon englischsprachig. Googeln hieß damals Suchen, Recherchieren, Lesen – Genuss und Erkenntnis waren irgendwie noch mit mehr organisatorischem Aufwand verbunden. Dieses neue Buch, das du jetzt hier als Serie lesen kannst,  basiert auf „Elektrisch: Der Musiker hinter dem Mythos“, der ersten deutschsprachigen Komplett-Analyse des Werks von Jimi Hendrix, die von 1991 an ein gutes Vierteljahrhundert im Handel war. So lange, wie Hendrix gelebt hat. Aber auch ein Standardwerk kann mal ein Update gebrauchen, insbesondere weil uns die vergangenen Jahrzehnte ja doch noch eine Menge großartiger Live-Musik dieses Gitarristen & Sängers geschenkt haben. Außerdem ein paar rare Studio-Aufnahmen, Amateur-Videos und -Konzertmitschnitte, von Fans akribisch recherchierte Websites, Fotobände, Biografien, Erinnerungen von Mitmusikern und Weggefährtinnen. Und immer mehr Künstlerinnen und Künstler haben Jimi Hendrix für sich entdeckt – einige von ihnen erzählen in diesem Buch davon.

Es geht in den kommenden Folgen um Fakten, Einordnungen, Einschätzungen, aber auch um Emotionen. Ich liebe diese Musik, also schreibe ich auch mal ganz subjektiv darüber oder lasse auch ein paar andere Menschen erzählen. Alleine die Auswahl eines Themas, auch eines wissenschaftlichen, historischen Themas, ist schon eine subjektive Angelegenheit – genau wie die Entscheidung, ein Buch wie dieses zu lesen. Es geht um die Geschichte eines Musikers und Klangkünstlers, um einen legendären Gitarristen, seine Instrumente und Spieltechniken, um Einflüsse und Beeinflussungen und um ein paar legendäre Aufnahmen, die die Welt verändert haben. Vor allem geht es um seine Musik. Sie hat überlebt.

Da bei diesem speziellen Buch, das nun mal kein Buch geworden ist, alles anders ist, gibt es hier ein paar „Thank you!“ vorab – sie gehen an Menschen und Musikerinnen & Musiker, die mich bei diesem Thema in irgendeiner Form unterstützt haben, und/oder von denen ich in Gesprächen und bei Konzerten eine Menge gelernt habe:
Thank you, Al Hendrix, Albert Collins, Albrecht Piltz, Andreas Willers, Arnd Müller, Beautiful People, Billy Corgan, Bruno Fritz, Carla Schild-Kreindl, Carlo May, Carlos Santana, Caspar Brötzmann, Christof Felder, Christy Doran, Claus Boesser-Ferrari, Dieter Posnanski, Dietmar Schmischke, Eckhard Bergmann, Frank Heinrichs, Günter Zint, Günther Thömmes, Harry Hohmann, Heinz Rebellius, Hellmut Hattler, Helma Kaldewey, Holger Klassen, Innes Sibun, Jack Bruce, Jacque Bernhart, Jeff Beck, Jimi Hendrix, Joe Satriani, Kalla Piel, Kalle Paltzer, Klaus Wolfgang Niemöller, Marcus Deml, Marian Menge, Martin Lejeune, Michael Frank, Michael Landau, Michael Rüsenberg, Mido Fayad, Mike Falkowski, Mike Stern, Monika Dannemann, Nguyên Lê, Noel Redding, Paul Leonard, Peter Bursch, Peter Grandl, Peter Wölpl, Reeves Gabrels, Rich Schwab, Richie Sambora, Rob Becker, Robin Trower, Roger Drosdatis, Roland Kron, Rory Gallagher, Steve Lukather, The Tramperts, Thomas Blug, Tim Kokje, Tobias Hoffmann, Uli Jon Roth, Xaver Luderböck …

Der Fan: Erste Begegnungen mit Jimi Hendrix

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Auch Kraan-Bassist Hellmut Hattler ist Hendrix-Fan.

„Hendrix war für mich eine musikalische Offenbarung, weil er auf seine unnachahmliche Art alles Bisherige auf seine ureigene Weise in sich aufgenommen, transformiert und neu zum Klingen gebracht hat.“ Hellmut Hattler / Kraan & Hattler

„Jimi Hendrix hatte einen sehr großen Einfluss auf mein Leben. Als ich 14 war habe ich ihn in einem kleinen Club live spielen gesehen. Er war einer der Menschen, die in mir den Wunsch geweckt haben, unbedingt Musiker zu werden.“ Sting / The Police

Die Frage, wann und wo man seinen Lieblings-Gitarristen und/oder seine Lieblings-Sängerin zum ersten Mal gehört hat, kennt jeder Fan, der seine Begeisterung mit anderen teilt. Diese Frage habe ich selbst schon in vielen Gesprächen und Musiker-Interviews gestellt, und oft kam „Oh … good question!“ als Antwort. Meist ging es mit „I don’t remember exactly, but I think it was …“ weiter – und dann kamen meist berührende Geschichten von Menschen, die Musik lieben oder eben irgendwann zu lieben gelernt haben.

Wann ich selbst zum ersten Mal Jimi Hendrix gehört habe? Ich weiß es nicht mehr. Vielleicht liegt es daran, dass unser erstes Zusammentreffen eben nicht die Art von gigantischer Explosion verursachte, die Fans oft mit Idolen erleben. Sehen, hören, berührt werden, Veränderung spüren und ab dem Tag mit einem Grinsen mehr im Repertoire durch das gerade beginnende, gemeinsame Leben gehen. Wann habe ich zum ersten Mal eine Platte von ihm gesehen oder gehört? Wahrscheinlich war es eher eine dieser Europa-LPs, die es für 5 D-Mark gab, und auf denen Hits zu hören waren, aber nicht in der Original-Version, sondern nachgespielt von unbekannten Interpreten mit weirden bis banalen Pseudonymen: „Jeff Cooper And The Stoned Wings – Tribute To Jimi Hendrix“, „The Live Experience Band – Tribute To Jimi Hendrix“ oder „The Purple Fox – Tribute To Jimi Hendrix“ waren drei dieser Veröffentlichungen, alle von 1971, also als direkte Reaktion auf Hendrix‘ Tod dem Fan-Markt zugeführt.

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„Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn im Herbst 1966, und zwar im Fernsehen, im Beat Club von Radio Bremen, wo er ‚Hey Joe‘ spielte. Ich weiß es noch genau: Mein Vater rief mich aus meinem Zimmer zu sich und sagte: ,Schau mal Uli, da spielt einer mit den Zähnen Gitarre!‘ Allerdings haben mich die Zähne weniger beeindruckt. Ich muss auch zugeben, dass ich Jimi Hendrix anfangs nicht so richtig verstanden habe. Zu jener Zeit stand ich mehr auf Eric Clapton, da er melodiöser spielte und deshalb für mich als Kind auch leichter verständlich war. Ich liebte vor allem die Bluesbreakers und Cream. Doch dann kam der Moment, in dem ich Hendrix zum ersten Mal live gesehen habe. Das Konzert fand im Januar 1969 in der Hamburger Musikhalle statt. Nach diesem Abend war alles komplett anders, denn in Hamburg habe ich Hendrix erstmals wirklich begriffen …“

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Hendrix-Fan & -Forscher: Uli Jon Roth. © Lothar Trampert

„Es war traumhaft. Außer der Gitarre hat man eigentlich nichts gehört. Aber das brauchte man auch nicht, denn seine Gitarre allein hat schon alles gesagt. Hendrix hatte auf der Bühne drei Marshalls, alle drei voll aufgedreht. Die Ohren haben geklingelt, allerdings auf eine sehr angenehme Weise. Den Sound an diesem Abend habe ich mein gesamtes Leben nicht vergessen. Es war so, als ob gerade jemand von einem anderen Planeten gelandet wäre und nun Klänge erzeugte, die vorher nicht existierten. Dieser Sound hat sich ganz fest in mein Hirn eingebrannt. Jimi Hendrix hatte den Blues vollkommen überwunden und eine Stufe weitergetragen. Der Blues heute kann sehr gut ohne Hendrix auskommen. Denn er ist schon damals viel weiter rausgegangen, da kamen die anderen nicht mehr mit.“   Uli Jon Roth / Scorpions & Electric Sun

Ich fragte meine Freunde von früher, wann sie, wann wir zum ersten Mal Hendrix gehört haben. Und eigentlich haben nur diejenigen mit älteren Geschwistern konkrete Erinnerungen. Denn ihnen hat man damals gesagt, was gut ist. Oder sie haben eine Antwort mitbekommen, auf die ins Treppenhaus gebrüllte Eltern-Frage, was für ein Krach das denn sei?! „Jimi Hendrix!“

Mein zigarrenkistengroßes Grundig-Transistorradio wurde schnell zum Musik-Erklärer. Der „Pop Shop“ lief ab dem 01. Januar 1970 auf SWF3, und dazu gehörten verschiedene Sendungen wie „Openhouse“, „Für wen singen wir? – Antihits aus Deutschland“, und das Samstagmittag-Highlight war eine Stunde „Facts und Platten“. Vielleicht habe ich ,EXP‘ und das sich direkt anschließende ,Up From The Skies‘ da gehört. In Ilja Richters TV-Show „Disco 1972“ lief am 11. März 1972 zwischen Christian Anders‘ ,Es fährt ein Zug nach Nirgendwo‘ und Mary Roos‘ ,Nur die Liebe lässt uns leben‘ ein Video von Jimi Hendrix mit ,Johnny B. Goode‘, vermutlich zur Promotion des Ende 1971 posthum erschienenen Albums ,Hendrix In The West‘.

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Jimi Hendrix in Monterey, in der Pop & in meinem Zimmer

Und dann gab es noch Pop – gedruckten Pop: Die Zeitschrift entdeckte ich 1973, ich war zwölf. Ein Musikmagazin, farbig, mit großem, gefaltetem 60x90cm-Poster in der Mitte. In den Ausgaben 12 & 13/1973 gab es ein zweiteiliges, doppelt so großes Poster, das man sich selbst zusammenkleben musste. Von da an hing Jimi Hendrix in der Dachschräge meines Zimmers. Und immer noch ohne Musik. Es war nur dieses Bild eines Gitarristen mit geschlossenen Augen – ein Live-Foto vom Londoner Konzert am 24.02.1968 in der Royal Albert Hall, das später auf den beiden Alben ‚Experience‘ (1971) und ,More Experience‘ (1972) veröffentlicht wurde: Ein großer, dunkelhäutiger Mann mit einem gefalteten Tuch als Stirnband, mit leicht krausem Haar, sehr bunten Klamotten und einer grünen Samthose. Es gab nach diesem Poster keine modischen No-Gos mehr.

Er hatte eine E-Gitarre umgehängt, er wirkte konzentriert aber irgendwie auch verletzlich. Auf anderen Fotos, die ich später sah, war er auch noch freundlich, selbstbewusst, unsicher, lustig, nachdenklich, cool. Faszinierend. Das Poster war wichtiger als die Artikel über Hendrix in diesen beiden Pop-Ausgaben. An sie kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern.

Von meinem amerikanischen Nachbarn Mike bekam ich eine stark angekratzte LP mit gelbem Reprise-Label geschenkt: ,Historic Performances Recorded At The Monterey International Pop Festival‘, das legendäre Split-Album mit Live-Aufnahmen vom Juni 1967. Ich hatte nur die LP, ohne Cover, sie steckte in der mit Werbung bedruckten Innenhülle. Seite 1 mit vier Tracks bestritt die Jimi Hendrix Experience, die B-Seite gehörte dem afroamerikanischen Soul-Superstar Otis Redding. Jedenfalls war diese Stimme auf der A-Seite, die einen Bob-Dylan-Titel ansagte, schon so cool, dass ich fassungslos auf die in meiner Vorstellung halbdunkle Bühne gezogen wurde. Dann die ersten Gitarren-Chords & -Licks, in Hendrix‘ einzigartiger Spieltechnik, verzahnt, krachend schwebend, sich immer nach mehreren Stimmen anhörend – das alles war so gewaltig, so dynamisch und auch noch fantastisch aufgenommen … Ich war dreizehn Jahre alt und infiziert.

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Hendrix wohnte mit mir in meinem Zimmer, war immer da, auch wenn ich Radio hörte und noch mehr neue Musik entdeckte. Er gefiel mir, er sah gut aus, er war echt für mich. Kein uniformierter Krautrocker mit Eierschneider-Jeans und Hippie-Jacke aus dem San-Francisco-Touristen-Shop, so wie manche andere Figuren aus der Pop. Er spielte auch keine Songs mit merkwürdigen Intros, Denglish-Lyrics und stereotyp nach dem zweiten Refrain angeordneten, sägenden, verstimmt klingenden Gitarren-Soli. Krautrock-kompatibel war ich wirklich nicht, als Kind. Hendrix spielte für mich überhaupt keine Songs. Er und seine Gitarre erzählten Geschichten, zu denen Bass und Schlagzeug die Bude heizten. Ich liebte seine Wärme, seine Lebendigkeit, seine Unberechenbarkeit. Und er war immer da.

„Ich legte eine Hendrix-Platte auf, und mein Sohn fragte mich: ,Daddy, wer ist das?‘ Und ich sagte: ,Weißt du, das ist Gott.‘“ Robert Plant/Led Zeppelin 

Meine erste neue Hendrix-LP kaufte ich im Sommer 1975 in einem Einkaufszentrum in Béziers, in Südfrankreich. Wir machten Camping an der Languedoc-Küste, und die Einkaufsfahrt in das um gefühlt 20 Grad herunter gekühlte Mammouth war regelmäßiger Programmpunkt. In der Musikabteilung entdeckte ich die gerade erschienene Doppel-LP ,Band Of Gypsys / The Cry Of Love‘, also zwei ganz späte Hendrix-Werke, mit neuem, eigentlich banalem Cover-Artwork. Ich kannte die Originale nicht und hörte nur die Musik.

The Jimi Hendrix Book (1)The Jimi Hendrix Book (1)

Diese drei LPs, das Poster und mein Radio waren der Anfang: Sound & Vision. Aber ich war und wurde kein Fan. Fans waren für mich wie Margit, die ältere Schwester meines Freundes Martin, die sich mit Kuli „T.Rex“ und „Sweet“ auf ihr Schreib-Etui kritzelte. Das mit Hendrix war etwas Anderes.

Irgendwann wollte ich dieses Poster zurück. Hat geklappt. Klar bin ich Fan!

The Jimi Hendrix Book (1)

Selbstbildnis des Autors – äh.. rechts im Bild.

Nächsten Sonntag …

geht es weiter mit JIMI ON SUNDAY 02: Der Zeitzeuge. Über den Fotografen, Fan & Aktivisten Günter Zint.

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Forum
  1. Profilbild
    Eibensang

    Gelungener Start einer guten Idee! Die Sprache, die gleich mit ins Geschehen zieht, ist anrührend und lässt (zumindest mich) die erinnerten Gefühle sofort miterleben. Hendrix‘ Tod war das erste gewesen, was ich von ihm hörte, ich war noch keine Zwölf. „Jimi ist tot“ stand in einer Schülerzeitung, die die Älteren lasen, und die grafisch flächendeckend erweiterte Frisur des SW-Portraits füllte die ganze Doppelseite des Heftes. Ich hatte es eher versehentlich aufgeklappt. Und ich wusste nicht, wer das war, dieser Jimi. Ich sollte ihm bald verfallen, seiner Musik, seiner Show, seinem ganzen Habitus – und allem, was er sang und sagte. Ich verstand seine Musik nicht gleich, aber er wies mir den Weg, das verstand ich sofort. Ich meine mehr als Gitarre (die entdeckte ich erst später).

    Wenn der Erzählstil so weitergeht, verschlinge ich jede Folge. Freue mich schon auf die nächste.
    Großartiger Einstand. Und vielleicht erreicht das noch mehr Leute so. Eine weitere Hendrix-Biografie hätte ich mir jetzt nicht aus einem Regal gegriffen oder im Handel bestellt. Diese will ich lesen!

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Hallo Eibensang,

      vielen Dank für deinen netten Kommentar. Wie ich schon geschrieben habe, ist das auch immer eine sehr persönliche Geschichte, wenn man über einen so langen Zeitraum als Fan, Forscher, Gitarrist und einfach Musikhörer an einem Thema dran ist. Dazu kann man auch stehen und vielleicht sogar Menschen mit der eigenen Begeisterung anstecken. In der nächsten Folge geht es um einen ganz wunderbaren Menschen, der auch schon sehr lange und emotional mit der Musik der 60er-Jahre verbunden ist – um Günter Zint.

      Dann weiter viel Spaß beim Lesen!
      Grüße, Lothar

  2. Profilbild
    Joerg

    Jimi Hendrix, das Gitarrenspiel, die Zeit damals und ich….eine sehr emotionale Angelegenheit insgesamt, die hier nicht hin gehört ❤
    Der Artikel gefällt mir sehr gut 👍
    Freue mich auf mehr

  3. Profilbild
    Fredi

    Hallo Lothar,

    für mich als (weitgehend kritikloser 😉) Hendrix-Fan ist Deine Artikelserie natürlich eine Offenbarung. Und das am 52. Todestag des Meisters!

    Dein Buch über Hendrix aus den 90ern habe ich damals verschlungen (das hatte ich schon in einem anderen Post geschrieben), insbesondere weil es darin viele Betrachtungen gab, die man in der einschlägigen englischsprachigen Literatur nicht finden konnte.

    Insgesamt war ich zweimal an seinem Grab – auch schon vor Deinem Buch! -, allerdings noch an dem ohne „Mausoleum“. Die dafür verantwortliche Jimi-Hendrix-Foundation ist leider mittlerweile dabei, das Andenken an Jimi völlig auszulöschen, speziell auch durch ihre restriktive Copyright-Politik.

    Beispielsweise erzählt der bekannte Youtuber Rick Beato dazu, dass er keinerlei Songs von Hendrix mehr analysieren oder in seinen Musiklisten vorstellen möchte, weil er sofort Löschanforderungen und Klagedrohungen seitens der Foundation bekommen würde. Daher sagt er in den Videos nur noch, dass jetzt hier „etwas von Jimi Hendrix kommen würde“, er aber „keine Teile aufführen könne“. Man kann sich vorstellen, wie inspirierend so etwas (speziell auch auf junge Musiker!) wirkt…

    Da ist Deine Artikelserie eine wohltuende Aufmunterung. Und insbesondere der Spruch von Robert Plant – den kannte ich noch nicht! – ist natürlich ein absoluter „Ankommer“.

    Ich harre der weiteren Folgen. Vielen Dank dafür!

    Gruß
    Fredi

  4. Profilbild
    audiolog

    Jetzt hat es bei mir geklingelt:
    Seit Jahren stutzte ich hier beim Lesen bei dem Namen „Trampert“, konnte ihn aber absolut nicht einordnen.
    Kein Wunder, ist ja auch gut 30 Jahre her: Elektrisch! Jimi Hendrix.
    😀

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Dann bin ich ja jetzt enttarnt, Audiolog! 😎
      Für Amazona.de schreibe ich allerdings erst seit ein paar Wochen.
      Dann viel Spaß beim Lesen! In den vergangenen 30 Jahren ist so einiges passiert …

  5. Profilbild
    audiolog

    Ups, erst seit ein paar Wochen?!
    Naja, irgendwie ist der Name hängen geblieben.
    Dann werde ich mal das Buch heraus kramen und analog zu den neuen Erkenntnissen und Informationen lesen. Vielen Dank dafür!

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Dann wirst du eine Menge Parallelen entdecken – etwas Wissenschaft fehlt, Emotion ist dazu gekommen. Das alte Buch, ,Elektrisch!‘, basierte ja auf meiner Uni-Magister-Arbeit. Damals gab es noch kein Internet! Das war noch Handarbeit 😂
      Schönen Tag noch!

  6. Profilbild
    d_eric

    Durch diese Form der Veröffentlichung hast du mindestens einen Leser mehr gewonnen, von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir ein Buch über Hendrix zu kaufen, irgendwie ist er bei mir nicht so wie bei dir eingeschlagen. Ich interessiere mich aber sehr für die Zeit und die Stimmung und deine Begeisterung wird sicherlich dazu führen, dass ich Hendrix noch einmal mit neuen Ohren hören werde!
    Vielen Dank für diese Möglichkeit!

  7. Profilbild
    gaffer AHU

    Prima. Dieser Mann hat im Gegensatz zu vielen, hier immer wieder mal diskutierten Musikern wirklich Eindruck hinterlassen. Nicht dass ich damit sagen will, dass andre nicht würdig wären, erwähnt zu werden. Aber Hendrix ist nun mal ne ganz andere Nummer. Habe auf einer anderen Seite, könnte FB gewesen sein, einige Sätze von McLaughlin über ihn gelesen. Der ihn mit Coltrane verglich. Ok, McL ist für mich einer der wenigen, mit Robert Fripp, Gitarristen, die wirklich was bewegten. Freue mich auf deine Artikel, schade, dass es zur Veröffentlichung nicht gereicht hat. Aber ich kenne den Verlag nicht, könnte sein, besser so. Die Entscheidung, das über dieses Portal zu machen ist gut. Danke.

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