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The Jimi Hendrix Book (17) – Jimi Hendrix und der Jazz

Jimi on Sunday 17: War Jimi Hendrix ein Jazz-Musiker?

8. Januar 2023

Jimi Hendrix und der Jazz? Der Mann war doch Rocker! Aber nicht nur, findet Amazona.de-Autor Lothar Trampert: Jimi Hendrix hat experimentiert, improvisiert, Grenzen überschritten und sich von allen musikalischen Genres inspirieren lassen. War dieser Gitarrist dann nicht doch auch ein Jazz-Musiker im weiteren Sinn?

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Jimi Jazz

Jimi Hendrix, der heimliche Jazzer – das ist eine beliebte Verknüpfung, die in der Literatur immer wieder auftauchte. Hatte sie am Anfang noch den Beigeschmack, den Gitarristen aus den Niederungen der Rock-Dekadenz in höhere künstlerische Gefilde auffahren zu lassen, so ist diese Beschreibung bei Betrachtung von Teilen der Jazz-Szene der vergangenen 50 Jahre nicht gerade abwegig. Trotzdem – Hendrix war natürlich zu seiner Zeit ein Rock-Musiker (und muss es damit wohl auch für die Geschichtsschreibung bleiben). Was er eventuell geworden wäre, wenn … etc., ist relativ uninteressant. Wichtiger aus heutiger Sicht ist, dass Hendrix die modernen Jazz-Gitarristen viel weitgehender beeinflusst hat, als die meisten Rock- und Pop-Musiker. Selbst im Blues-Bereich gab es kaum einen Gitarristen nach Jimi Hendrix, dem ein ähnlich individueller und revolutionärer Ansatz zugeschrieben werden könnte – mal abgesehen von Grenzgänger Derek Trucks.

Wenn Jazz-Musiker, speziell Gitarristen, über Hendrix reden, tauchen immer wieder die gleichen Punkte auf, die beeinflusst haben, die als stilbildend und revolutionär angesehen werden.

  • Der experimentelle, den Rock/Blues-Gitarren-Sound erweiternde klangtechnische Ansatz (Feedback, Effektgeräte)
  • Die relativ langen, jazzmäßigen Soli. Al di Meola beschrieb sie als „adventures“ und betonte: „His soloing was definitely in the jazz tradition …“ (Milkowski, Bill: Jimi Hendrix – The Jazz Connection, in: DownBeat, Okt. 1982, S.17)
  • Seine Verbindung von akkordischem- und Singlenote-Spiel, die Mike Stern mit der Technik der Jazz-Größen Jim Hall oder Wes Montgomery vergleicht.

Interessant ist auch die Verwandtschaft von Hendrix‘ und Roland Kirks Instrumentalansatz. Während Hendrix versuchte, über Overdubs (Multitrack) und Effekte, wie Oktavider und Delay mehrere Gitarren zugleich spielen zu können, dies zumindest im Studio, versuchte der Saxophonist Kirk das direkter: Er spielte oft mit drei Saxophonen auf einmal – ja, er blies drei Saxophone simultan! Ebenso stehen Hendrix Sustain-Bemühungen (Feedback, High Volume) und sein Legato-Spiel in direkter Beziehung zu Roland Kirks Fähigkeit zur Zirkularatmung – beides soll den stehenden, endlosen Ton ermöglichen. Hendrix‘ und Kirks gemeinsame Sessions im Londoner Ronnie Scotts Club sind nach bisherigen Erkenntnissen nicht dokumentiert worden. Der Gitarrist Larry Coryell, einer der ersten Musiker, die sich gleichermaßen an der Jazz-Tradition, wie an der neuen Rock-Bewegung der 60er-Jahre orientierten, hatte schon früh Kontakt zu Hendrix. Coryell sieht z.B. in ,Night Bird Flying‘ (von der LP: ,Cry Of Love‘) Anklänge an Saxophonist Ornette Colemans Sound-Ideal der elektronischen Prime Time Band. James Blood Ulmer, zeitweise Gitarrist bei Coleman und seit Anfang der 80er-Jahre auch als NoWavePunkJazz-Solist erfolgreich, klingt oft wie eine aufs äußerste reduzierte, geradezu verhärtete Hendrix-Variante.

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Jimi Hendrix und der Jazz – diese Verbindung existierte, und direkte Jazz-Anleihen finden sich in weiteren Stücken: Während ,Third Stone From The Sun‘ (LP: Are You Experienced‘) in erster Linie von der Stimmung des modernen, swingenden Schlagzeugs von Mitch Mitchell lebt, gibt Hendrix‘ Akkordspiel manchen Kompositionen deutlichen Jazz-Charakter. Ob im Blues-Zusammenhang von ,Bleeding Heart‘ (aus der Johnny Winter Session, 1968) oder auch den Aufnahmen der Sessions mit Larry Young und Larry Lee (LP: Nine to the Universe, 1969), immer ist ein ausgereifter, Comping-Style-orientierter Gitarren-Background zu hören. Bassist Chuck Rainey, der Mitte der 60er-Jahre in der Band von King Curtis mit Jimi Hendrix zusammenspielte, bescheinigt ihm schon für diese Zeit Fähigkeiten als Jazz-Gitarrist und auch etwas Repertoire-Kenntnis. Bill Milkowski schreibt zu ,Rainy Day, Dream Away‘ (vom Album ,Electric Ladyland’, 1968): „Hendrix creates a swinging intimate, smoky jazzclub ambiance, that is closer to Grant Green and Charles Earland than to the frenzy of a rock concert setting.“

Ein in Bezug auf das Thema Jazz sehr interessanter und eigentlich untypischer Hendrix-Track ist ,South Saturn Delta‘, ein jazz-rockiges Instrumental, in dem Hendrix‘ cleane Lead-Gitarre vor einem vierköpfigen Bläsersatz, arrangiert von Larry Fallon zu hören ist (Album: South Saturn Delta, 1997). Auf den klanglich eher gewöhnungsbedürftigen, nicht offiziell autorisierten ,Axis Outtakes‘ von 2004 ist eine rohe Fassung, ohne Horn-Section zu hören.

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In ,Rainy Day Shuffle‘ (in der Version von ,Live And Unreleased’) ist dieser Effekt noch deutlicher. Hier überzeugt Hendrix auch durch sein Solospiel, das in seiner Offenheit und Blues-Orientierung direkt auf Gitarristen der 80er-Jahre wie z.B. John Scofield verweist. Ebenso sind die freien Improvisationen der Woodstock-Session (vom 19. September 1969, LP: Jimi Hendrix Story) ein deutlicher Hinweis auf Hendrix‘ Jazz-Orientierung. Geräuschorientierte Sound-Collagen und Improvisationen (,Cave Man Bells‘, ,Young Jimi‘), modale, oft nur auf einem tonalen Zentrum aufbauende Blues-Improvisationen (,Down Mean Blues‘), oder das an Larry Coryell und Philip Catherine erinnernde Intro von ,Monday Morning Blues‘, zeigen Hendrix‘ Vielseitigkeit. Sein, unter anderem durch die Begegnung mit Roland Kirk, dem Art Ensemble Of Chicago, oder Miles Davis verstärktes Interesse an der zeitgenössischen schwarzen Musik (von John Coltrane, Ornette Coleman, Charles Mingus u.a.), hat sich, vermutlich auch aufgrund der Interessen seiner Plattenfirma, wenig auf seine offiziellen Veröffentlichungen ausgewirkt. So gab es zwangsläufig Probleme mit dem Management, aber auch mit dem Publikum, wenn Jimi bei Konzerten anstatt seiner Hits, lange Improvisationen über neue, unbekannte Kompositionen spielte.

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Interessant ist, dass gerade dieser Aspekt der Improvisation im Rock-Zusammenhang die große Anerkennung der Jazz-Musiker bewirkt hat. Hier konnte Hendrix mehr Virtuosität und Kreativität zeigen als andere, progressive Rock-Musiker in wesentlich komplizierter angelegten Kompositionen. Der Faktor der Improvisation, wie auch die grundsätzliche Bezogenheit auf die Wurzeln der afroamerikanischen Musik waren für die Jazz-Szene das Bindeglied zu Hendrix. Aber auch die Tatsache, dass „Hendrix ganz einfach einen völlig neuen Begriff davon entwickelt [hatte], wie sein Instrument gespielt werden konnte, genauso wie Cecil Taylor das für das Klavier und John Coltrane es für das Tenorsaxophon getan hatten.“ (John Morthland: Jimi Hendrix, in: Rolling Stone Bd.2, Reinbek 1979, S. 239) verhalf ihm zu einer Anerkennung und Bedeutung, die bisher nur Jazz-Musiker erlangt hatten.

The Jimi Hendrix Book (13) Gitarren-Spieltechnik

Marcus Deml  © Cristina Arrigoni

Statement: Jimi-Hendrix-Fan Marcus Deml

Und hier noch mal ein Statement von Marcus Deml, der ja bereits in Folge 13 vorgestellt wurde. Der am 9. August 1967 in Prag geborene Allrounder-Gitarrist war zuletzt mit seinen Bands Electric Outlet und The Blue Poets aktiv, und 2021 erschien mit ,Healing Hands‘ sein erstes Solo-Album beim eigenen Label Triple Coil Music. Zu seinen Haupteinflüssen zählt Marcus Deml neben Gary Moore, Allan Holdsworth, Steve Lukather, Larry Carlton, Dann Huff und Michael Landau – aber auch Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan. Marcus‘ Lieblings-Album von Jimi Hendrix ist ,Band Of Gypsys‘, seine Song-Favoriten sind ,Who Knows‘ und ,Crosstown Traffic‘ (von ,Electric Ladyland‘).

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Marcus Deml: „Hendrix schien ein Freigeist wie Miles Davis oder John McLaughlin zu sein. Diese künstlerische Freiheit wird selten von den Künstlern und schon gar nicht von den Business-Leuten zugelassen…. Am ehesten finde ich den Spirit von Jimi heute in Musikern wie Eivind Aarset wieder: Ein eher introvertierter Klangmaler, der aber einen ähnlich radikalen Sound-Ansatz verfolgt. Trotz Strat und Marshall hört man bei Aarset zwei Stunden keinen bekannten Gitarren-Sound.“

Jazz-Ikonen und Kritiker-Schubladen

Waren bis Mitte der 60er-Jahre Rock, Blues und Jazz im musikalischen Leben relativ sauber voneinander getrennt – die jeweils zugeschriebenen Eigenschaften „aufmüpfig“, „archaisch“ und „intellektuell“ waren in der Praxis sowieso unvereinbar – so mischte sich ab 1966/67, nach Hendrix‘ Durchbruch in England, plötzlich das Vokabular der verschiedenen Bereiche. Hendrix schien von allen, bzw. für alle etwas zu haben. Selten war ein Popstar bei Künstlern und Anhängern verschiedener Richtungen so breit akzeptiert worden. Hendrix passte stilistisch in keine bekannte Schublade, er selbst war auch stets zur Stelle, wenn es darum ging, verwirrende Äußerungen über die angeblichen Ursprünge seiner Musik zu tätigen und damit jede andere Bezeichnung als den Band-Namen (Jimi Hendrix Experience) für seine Kunst auszuschließen, womit er eine geradezu perfekte Einheit von Künstler und Werk erreichte. So musste man sich also auf die „Zutaten“ seiner Musik besinnen. R&B-Anhänger, Cream-Fans und Jazz-Musiker fanden alle etwas von der von ihnen bevorzugten Richtung bei Hendrix wieder und es ließen sich sogar untereinander Gemeinsamkeiten entdecken.

Mit der Adaptierung des Begriffs „Fusion“ (gegen Ende der 70er-Jahre), der die Verschmelzung verschiedener Stile erfassen sollte, nachdem der Terminus Jazz/Rock (bzw. Rock-Jazz) aufgrund der Entdeckung weiterer verwendungsfähiger musikalischer Kulturen zu eng geworden war, wurde die alte Schubladensituation wiederhergestellt. Die beliebten internen Authentizitätsdebatten konnten erneut aufgenommen werden.

Hendrix war schon lange vorher „Fusion“ im besten Sinne – also nicht in dem des gleichnamigen 80er-Jahre-Weichspül-Sounds. Fusionist by nature, als Resultat von kultureller Neugier und Experimentierfreude. Beweisen wollte er damit niemand etwas: Hendrix‘ Musik wirkte auch nie wie ein sich anbiederndes Akkulturations-Alibi. Dafür ist er über die gewohnten Grenzen von weißem Rock/Pop und schwarzem Blues zu weit hinausgegangen und hat sich außerdem eher aus einem seiner Musik immanenten, entwickelnden improvisatorischen Ansatz in die Nähe des Jazz gerückt als etwa aufgrund der bloßen Übernahme bestimmter harmonischer oder formaler Charakteristika, wie Skalen-Talk und Akkorde mit langen Namen.

The Jimi Hendrix Book (17) Jazz

Der Jazz’n’more-Gitarrist Tobias Hoffmann © Lothar Trampert

Statement: Hendrix-Fan Tobias Hoffmann

Tobias Hoffmann (*1982) ist ein deutscher Jazz-Gitarrist, Bandleader, Komponist und Experte für originelle Album-Cover. Mit seinem neuen Werk ,Slow Dance‘ hat Tobias mit seinem Trio, mit Frank Schönhofer (b) und Etienne Nillesen (dr), einmal mehr absolut großartige, eigenwillige Gitarrenmusik eingespielt. Seit 2021 ist er Professor für Jazzgitarre an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen. Was Lieblings-Alben angeht meint Tobias Hoffmann: „Ich schwanke hart zwischen ,Axis: Bold As Love‘ und ,Electric Ladyland‘. Je länger ich darüber nachdenke und mich wirklich entscheiden müsste (die gute alte Inselsituation), dann würde ich mich für ,Axis: Bold As Love‘ entscheiden. … oder doch ,Electric Ladyland‘?“ „Bei den Songs geht es mir ähnlich: Da kann ich mich auch nicht auf einen festlegen. Meine Favoriten sind ,Wait Until Tomorrow‘, ,You Got Me Floating‘, ,If 6 Was 9‘, ,Bold As Love‘, ,Have You Ever Been To Electric Ladyland‘, ,Voodoo Chile‘, ,Come On‘, ,Burning Of The Midnight Lamp‘, ,1983… (A Merman I Should Turn To Be)‘ …“  Mehr zum Thema Jimi Hendrix erzählt Tobias Hoffmann im folgenden Video:

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Jimi Hendrix und Miles Davis

Bedenkt man, dass das Hendrix-Debüt ,Are You Experienced‘ teilweise bereits Ende 1966 aufgenommen wurde, so muss die einzigartige Schlüsselfunktion, die Miles Davis‘ ,Bitches Brew‘ (Ende 1969 entstanden) zugeschrieben wird, vielleicht doch noch mal überdacht werden. Auch andere Bands, wie Dreams (mit Billy Cobham und Mike und Randy Brecker) oder die britische Formation Soft Machine haben bereits 1968 Alben veröffentlicht, die in die Schublade Jazz-Rock-Fusion gehören. Und Larry Coryell, der immer wieder mit Hendrix spielte, hat schon 1965 zusammen mit Jim Pepper und Bob Moses in der Band „Free Spirits“ Aufnahmen gemacht, die zumindest vom gitarristischen Ansatz in den Jazz-Rock der 70er-Jahre verweisen. Die Band war ansonsten ein Fusion-Projekt, das verschiedene Richtungen wie Jazz, Blues, Country & Western und indische Musik miteinander verband. Weitere Beispiele für frühe Fusion-Formationen wären Jeremy and the Satyrs (1967 gegründet von Jeremy Steig) und Tony Williams Lifetime aus dem Jahr 1969 (mit Larry Young, John McLaughlin und Jack Bruce). Miles Davis‘ Meisterwerke ,Bitches Brew‘ und ,In A Silent Way‘ wirken im Zusammenhang der oben genannten Platten, die einen weitaus deutlicheren Bezug zum Fusion-Jazz-Rock der 70er-Jahre haben, eher wie eine Mischung der neuen freien Spielweisen des Post-Coltrane-Jazz mit dem neuen Soul und Funk der späten 60er-Jahre.

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Im Zusammenhang mit seiner Bedeutung für den Jazz-Rock bezeichnete Autor Bill Milkowski (in Jimi Hendrix – The Jazz Connection, in: DownBeat, Okt. 1982, S.20) Hendrix, in Anspielung auf die Entdeckung Amerikas als „Leif Erikson“, der aufgrund seiner Entwicklung ohne direkte Zielsetzung dieses Fusion-Neuland betrat, anfangs sicher auch, ohne sich der Bedeutung dieser Tatsache bewusst zu sein. Miles Davis, der „Columbus“ des Jazz-Rock, ging auch hier bewusst und strategisch vor, wie immer, wenn es ihm um die Kreation neuer Stile ging.

Davis, der in Bezug auf sein Projekt ,Bitches Brew‘ auch von den Wünschen seiner Plattenfirma inspiriert worden war, hatte junge, innovative Musiker zusammengeführt und ihrer Kreativität in dem von ihm gesteckten musikalischen Rahmen freie Bahn gelassen: John McLaughlin, Chick Corea, Dave Holland starteten nach diesem Job durch. Und Miles Davis war nicht nur von der Tatsache beeindruckt, dass ein weit vom Mainstream entfernter schwarzer Musiker wie Hendrix Popstar werden konnte, sondern auch von dessen Instrument, das er bis auf eine veröffentlichte Aufnahme (LP: Miles In The Sky; der Titel ,Paraphernalia‘ wurde mit George Benson im Frühjahr 1968 aufgenommen) nie in seinen Bands verwendete. Es existiert übrigens ein gemeinsames Foto, das Miles und Jimi in einem Tonstudio am Mischpult sitzend zeigt – wann genau es entstand, ist nicht bekannt. Seit Februar 1969 setzte Davis bis zu seinen letzten Aufnahmen, mit ganz wenigen Ausnahmen, immer E-Gitarristen ein: Und nach John McLaughlin haben bekanntlich auch Mike Stern, John Scofield, Foley u.a. große Karrieren bei Miles Davis gestartet. Die Hinzunahme der E-Gitarre war ein deutlicher Versuch, sich den seiner Meinung nach fast verlorenen, volkstümlichen Wurzeln des Jazz, denen die neue Popmusik deutlich näher war als Cecil Taylor oder Archie Shepp, wieder anzunähern. Für Davis war das ein konsequenter Schritt weg von seinen früheren Konzepten, hin zu einer Musik, die egal wie sie konzipiert war, auf jeden Fall nicht mehr akademisch oder konstruiert wirken sollte. Über Hendrix sagte er mal: „Er hatte keine Ahnung von modaler Musik, aber er war so etwas wie ein Naturtalent.“

Eine Zusammenarbeit dieser beiden Giganten der späten 60er-Jahre scheiterte angeblich an Mile$ and mor€ – der Mann mit dem goldenen Horn wollte sich diesen Job wohl zu gut bezahlen lassen. Chance verpasst!

The Jimi Hendrix Book (17) Jazz

Jazz- & Fusion-Legende: Gitarrist Mike Stern © Lothar Trampert

Statement: Hendrix-Fan Mike Stern

Jazz- und Fusion-Gitarrist Mike Stern (*1953) gehört seit über 40 Jahren zu den ganz Großen der Szene. Er war Mitglied der Jazz-Rock-Kult-Formation Blood, Sweat & Tears, mit der er zwei Alben veröffentlichte. Berühmt wurde er ab 1980 als Begleiter von Miles Davis, auf dessen Alben ,The Man With The Horn‘ und ,We Want Miles‘ er zu hören war – letzteres ein Live-Album, auf dem er den zentralen solistischen Gegenpol zu seinem Arbeitgeber darstellt. In den 1980er- und 90er-Jahren hat Stern außerdem mit Jaco Pastorius, David Sanborn, Steps Ahead, John Scofield, Bill Frisell, Dave Weckl, Jack DeJohnette, Dennis Chambers, den Brecker Brothers u.v.a. gearbeitet.

The Jimi Hendrix Book (17) Jazz

Mike Stern © Lothar Trampert

„Ich liebe die ,Band Of Gypsys‘, aber auch ,Are You Experienced‘ und ,Axis: Bold As Love‘. Wow! Großartige Musik, und auch heute noch absolut großartige Platten! Hendrix hat so viel tolle Musik gemacht!
Als ich in der Miles Davis Band war, wollte er, dass ich in dieser Art spielte. Miles wollte mir am liebsten immer an jede Saite einen eigenen Amp anschließen, er wollte diesen Wowwww!!!-Sound. Er wollte anfangs immer, dass ich laut spiele, dass ich wie Hendrix klinge. Aber später durfte ich auch mal etwas leisere Töne anschlagen …“

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Weiterlesen

 

Nächsten Sonntag, 17 Uhr …

geht es weiter mit JIMI ON SUNDAY 18 und DIE ORCHESTRALE GITARRE. Hier erfährst du, was Jimi Hendrix anders machte, als andere Musiker.

Danke fürs Lesen und bis demnächst!

 

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Forum
  1. Profilbild
    MidiDino AHU

    Danke, Lothar, dass du die ‚wilde Mischung‘ von Hendrix Musik herausgearbeitet hast. Ich würde den Stil als Rock bezeichnen, allerdings mit relativ vielen Anteilen vom Jazz, speziell vom Fusion. Ein interessanter Artikel!

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT AHU

      @MidiDino Danke, Helge! Diese Folge sollte auch so ein bisschen Denkanregung sein, Schubladen nicht zu absolut zu sehen. Natürlich ist Hendrix Rock, so wie Rory Gallagher, Alvin Lee und Derek Trucks – die aber alle auch deutliche Jazz-, Blues- und andere Einflüsse hatte. Gallagher mit Taste passen da genau zu diesem offenen Zeitgeist von 1969/70.
      Grüße
      Lothar

  2. Profilbild
    t.goldschmitz RED

    „Er hatte keine Ahnung von modaler Musik, aber er war so etwas wie ein Naturtalent.“
     
    ROFL… 😂
     
    Nicht als Disrespekt verstehen. Ich liebe Hendrix wie jeder andere auch, aber dieser Spruch ist so typisch Miles, und so meta. … und auch so wahr.

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT AHU

      @t.goldschmitz 😂

      Ja, der Herr Davis war schon Weltmeister aller Klassen – musikalisch und als Schauspieler. Da ordne ich diesen Spruch ein. Ich habe ihn zweimal mit John Scofield live erlebt, und da war sehr klar, wer den Sonnenaufgang erfunden hat. Und Sonne, Mond und Sterne.

      Miles Davis war meiner Meinung nach auch ein Naturtalent, das lange Jahre keine Ahnung von modaler Musik hatte, bis er eben damit anfing – inspiriert von wem und was auch immer. Für mich war er primär ein visionärer Bandleader, der die Farben seiner engagierten Talente nutzte. Ohne die wäre er nie in die Geschichte eingegangen, tippe ich mal.

      Hendrix hatte dieses Potenzial eben in Personalunion. Mit so etwas kommen Erfinder des Lichts nicht klar. ;-)

  3. Profilbild
    t.goldschmitz RED

    Und apropos Miles und weil es hier ja auch um Jazz geht. Wer diese junge Dame hört, sollte vlt. Hoffnung schöpfen, dass Miles in vielen Varianten weiterlebt.
     
    Spotify Link:
    https://spoti.fi/3ism7BA
     
    Die Band „Dinosaur“, der Sound und überhaupt….

  4. Profilbild
    jmax

    Es hat nur indirekt mit Jimi zu tun …
    Gestern, am 10.1.2023 ist
    Jeff Beck gestorben …
    Zäsur …
    Bin ziemlich traurig

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT AHU

      @jmax Hallo jmax,

      das ging mir gerade genau so, als ich die Meldung gelesen habe. Habe auch etwas auf der FB-Seite von amazona.de gepostet.

      Ich habe Jeff Beck vor 22 Jahren mal zum Interview getroffen und konnte danach auch ein paar Fotos von ihm machen. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich durch meine Kamera schaute und den Mann mit gesenktem Kopf über der Stratocaster gesehen habe. Ich dachte da nur: „Oh Mann, das ist wirklich Jeff Beck …!“
      Erinnerungen bleiben, und die Musik auch.

      Gute Nacht & Grüße
      L

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