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Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S (1977) E-Gitarre

Gibsons schöne Blonde aus den 70ern

22. Oktober 2022

Gibson-Endorser & Birkenstock-User: Carlos Santana auf dem Gibson-Katalog von 1975

Die Gibson L6-S Solidbody-E-Gitarre wurde von 1973 bis 1979 in den USA gebaut, gehörte zu den ersten moderneren Instrumenten des Traditionsherstellers und wurde von Größen wie Al Di Meola, Pat Martino und Carlos Santana gespielt.

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1970: Neue Wege bei Gibson

Gibson Guitars: Da denkt man an die Les Paul, die SG, ES-335, die Jazzer an die ES-175 und die L-5-Variationen. Alles Instrumente, die es von den späten 1950er-Jahren, im Fall der SG erst ab 1961, bis in die Gegenwart geschafft haben, populär, beliebt und weit verbreitet zu bleiben. Sie haben Standards definiert, eine klassische Ästhetik geprägt und die Sounds verschiedenster Genres geprägt.

In den 1970ern tat sich dann was im Traditionsbetrieb: Gibson veröffentlichte neue Designs und kam mit Instrumenten wie der L5S (1972), L6-S (1973), S-1 (1974), Marauder (1975) und RD (1977) um die Ecke – eine Entwicklung, die sich in den 80ern und 90ern mit Modellen wie der Sonex, Nighthawk und Victory fortsetzte. Große Gemeinsamkeit dieses Aufbruchs raus aus der eigenen Tradition: Der berühmte Markt nahm sie nicht an und so war eine Innovation erfolgloser als die nächste.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977
Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

Das Design der Gibson L6-S

Zugegeben: Als ewig Gestriger fand ich alles nach der L5S absolut grauenhaft, konnte aber irgendwann, nachdem ich mein erstes Ikea Kiefernholzregal bekam, auch allmählich Sympathien für die L6-S entwickeln, die ich vorher als blasses Küchenbrett rigoros ablehnte. Als Santana-Fan war ich aber entwicklungsfähig und staunte nicht schlecht, als Gitarrengott Carlos in schneeweißem Anzug, mit modischer Kurzhaarfrisur und Latino-Schnurrbart seine Woodstock-SG gegen die neue L6-S getauscht hatte und dieses neue Produkt des Herstellers Gibson auch noch bewarb.
Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977
Praktischer Hinweis für Gitarrensüchtige: Wer beim Weiterlesen parallel auf Reverb.com, eBay, deren Kleinanzeigen oder willhaben.at nach der in den folgenden Minuten gefeierten Solidbody fahndet, sollte bei Eingabe des Suchbegriffs offen für Fehler sein. Eine L6-S findet man auch gerne mal L-6S, L-6-S, L 6 S oder 6L6 angeboten, ähnlich ist es bei der L5S (korrekt nur ohne Bindestriche). Auch Deppenspostroph’s wurden schon gesichtet.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

Der Korpus und der Hals der L6-S sind komplett aus Ahorn gefertig, der Hals hat 24 Bünde, Perlmutt-Punkteinlagen, die hier abgebildete Gitarre von stammt von 1977 und wiegt tragbare 3,8 kg; ich hatte auch schon mal ein 400 g leichteres Modell in der Hand. Diese Gibson kostete 1977 ca. 1750 DM, inklusive Koffer, was ungefähr dem damaligen Preis einer Fender Stratocaster entsprach.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

L-6 S oder L6-S – was die Modellbezeichnung angeht, war man bei Gibson in den 70ern anscheinend locker. Die Seriennummer mit der 06 plus sechs Ziffern und der Hinweis Made in U.S.A. verweisen auf das Produktionsjahr 1977.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

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Kurze Zwischenfrage: Hattest du auch schon Musikerkolleginnen und/oder Kollegen, die den Namen „Gibson“ in allen Varianten ausgesprochen haben? Dschippsen, Gibsohn, Geipsen, Gippsen, Dscheibsen? Und dann die Dschippsen-Sicknäidscha-Modelle! Alles schon gehört … Zurück zum Thema.

Carlos Santana und die L6-S

Mein Idol Carlos Santana spielte diese neue Gitarre ab Mitte 1974, und er lobte sie ausführlich in einem Interview in der November-74-Ausgabe des US-Magazin Guitar Player: „Oh, I just flipped over this Gibson L6-S. It’s not like I’m endorsing it, but that axe is beautiful. It’s got more accessible frets, and the pickups are just incredible. With the controls, I can make it sound like a Stratocaster, a Telecaster, an SG, or a Les Paul – I get them all. It has a very fast fingerboard, and it’s clean sounding.“
Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S
Santana war und ist ein sehr offener Mensch und Musiker und er hatte schon damals auch die eine oder andere Fender im Schrank, verschiedene SGs mit P90-Pickups oder Humbuckern und ab ,Santana III‘ (1971) war er dann zur Les Paul gewechselt – in dieser Zeit entstanden die ganz großen Werke ,Caravanserai‘ (1972), ,Love Devotion Surrender‘ (1973) mit John McLaughlin (damals u. a. auch mit der Gibson L5S aktiv) und ,Welcome‘ (1973), sowie ,Illuminations‘ (1974) mit Alice Coltrane – daher nehme ich ihm seine Begeisterung absolut ab. Und auf dem Album ,Borboletta‘ (1974) war Carlos Santana dann also mit seiner neuen L6-S zu hören und im folgenden Jahr Cover-Model des neuen Gibson-Katalogs und der zugehörigen Werbekampgne. Und in dem Punkt hatte Gibson eigentlich ganze Arbeit geleistet, denn ab 1974 tauchten plötzlich weitere Größen wie Al Di Meola, Pat Martino, John McLaughlin, Keith Richards, Paul Stanley, Mike Oldfield, Dave Davies von The Kinks, Brad Delp von Boston, Martha Davis vonThe Motels, AC/DCs Angus Young, Josh Hager von Devo und Prince mit diesem Instrument auf.

Die Elektrik der Gibson L6-S

Gossip-Alarm: Der hochromantische Carlos S. nannte seine blonde L6-S damals angeblich „seinen Regenbogen“, was ja farblich auch … egal. Jeder Mensch empfindet da eben anders, und in puncto Sounds hatte diese neue Gibson schon einiges mehr an Klangfarben zu bieten als andere. Die L6-S Custom ist bekannt für ihren 6-fach-Wahlschalter, mit dem folgende Pickup-Konfigurationen und damit sehr unterschiedliche Sounds möglich sind:
● beide Pickups in Serie
● Hals-Pickup
● beide Pickups parallel
● beide Pickups parallel out of phase
● Steg-Pickup
● beide Pickups in Serie out of phase

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

In Position 4 sorgt ein zwischengeschalteter Kondensator für einen kräftigeren Ton. Diese Schaltung findet man allerdings nur bei den L6-S-Modellen aus den 70ern, mit keramischen Bill-Lawrence-Humbuckern. Bei den ab 2011 erschienenen Gibson Reissue-Modellen war alles anders.
Die Gibson L6-S war übrigens das erste gemeinsame Projekt des Kölners Willi Lorenz Stich, aka Billy Lorento, aka Bill Lawrence mit dem US-Hersteller und sie kam bereits Ende 1973 auf den US-Markt – als preisgünstige Alternative zur edlen und schweren L5S. Die L6-S war wesentlich leichter, klanglich flexibler, hatte 24 Bünde, einen komfortablen Hals und schnellen Zeitgenossen wie Al Di Meola und Pat Martino, aber eben auch Carlos Santana gefiel dieses Konzept.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

Noch eine Anmerkung zu den Tonabnehmern: Die der L6-S haben geschlossene Kappen (ohne verstellbare Polepieces) und sind in Epoxydharz eingegossen, das die negative Eigenschaft hat, über die Jahre die Isolation des Spulendrahts der Pickups aufzulösen – und das war’s dann. Daher findet man auf dem Gebrauchtmarkt eher selten L6-S-Modelle mit orginalen und funktionierenden Abnehmern.

Die L6-S und der Markt

Ein wirtschaftlicher Erfolg für Gibson wurde diese Gitarre trotzdem nicht und nach 1979 war sie aus allen Katalogen verschwunden. Die verschiedenen Typen der L6-S waren alle aus Ahorn gefertigt und unterschieden sich in wenigen Details: Die L6-S Custom wurde bis 1980 ca. 12000 mal verkauft; neben dem Pickup-Wahlschalter konnten die beiden Humbucker passiv in Lautstärke, Mitten und Höhen geregelt werden. Von der teuereren L6-S Deluxe wurden nur 3500 Stück abgesetzt; sie unterschied sich durch verschiedene Lackierungen und ein Rosewood-Griffbrett vom Standardmodell, die Saiten liefen hier, im Gegensatz zum Stop-Tailpiece-Modell, durch den Body.

Vintage Guitar Classics: Gibson L6-S von 1977

Interessant: Bis vor ca. drei, vier Jahren bekam man noch für ca. 1000 bis 1200 Euro ein solches Instrument im Originalkoffer mit pinkem Plüsch – und inzwischen wird sie für knappe 2000 Euro gehandelt. Damit ist vorhersehbar, dass selbst die anfangs genannten hässlichen Gibson Enten der späten 1970er-Jahre demnächst noch teuer werden … Jedenfalls ist diese immer noch relativ bezahlbare alte Gibson Gitarre eine Empfehlung für alle Fans der Seventies und von Carlos, Al Di und Pat. Ab 1976 war Santana dann bekanntlich mit großartigen Yamaha Modellen vom Typ SG2000 unterwegs – zum Wechsel sollte man seine Rückenmuskulatur aufgebaut haben.

Gibson L6-S (1977) und Cimar NO.1963

Japan-Kopien der Gibson L6-S

Bei Aria hieß die L6-S LS300

Es gibt einige wirklich optisch fast identische japanische Kopien dieses Gibson Modells, die sich nur mal im Gewicht, mal in der klanglichen Ausrichtung der Pickups oder dem Halsprofil unterscheiden können; wobei es beim originalen Vorbild da auch feine Unterschiede geben kann. Gute Kopien der Gibson L6-S, also diejenigen mit eingeleimtem Hals,  wurden u. a. in den Fabriken von Matsumoku, FujiGen Gakki oder Hoshino Gakki gefertigt, die dann unter den Markennamen Ibanez, Cimar, Aria, Custom, Kimbara, Greco etc. vertrieben wurden.

Die großartige Cimar-Kopie NO.1963 stammt von Hoshino Gakki oder Matsumoku; sie wurde mit Sicherheit vor 1977 gefertigt, denn ab diesem Jahr reklamierte Gibson die Kopfplatte mit Open-Book-Design als Plagiat. Die Kopfplatte ist angeschäftet, der Hals ansonsten einteilig. Sie wiegt 3,7 kg. Listenpreis war 698 DM.

Die Custom L6-S mit dem dreiteiligen Ahornhals sieht auch neben dem Gibson-Original nicht schlecht aus

Die hier zu sehende Kopie von Custom stammt aus der Fertigung einer dieser Fabriken, vermutlich von Matsumoku, möglich wäre aber auch der kleinere Hersteller Hayashi/Zenon. Bei diesem Instrument ist der Hals dreistreifig angelegt und der Steg ist eine Eigenkonstruktion, zwischen der Harmonica-Bridge und einem Tune-o-matic-Typ. Die Gitarre wiegt 3,8 kg.

Die Ibanez-Kopie 2451NT kam dem US-Original schon sehr nahe – zum halben Preis

Beide o. g. Kopien waren Mitte der 1970er-Jahre für ca. 600 bis 700 DM im Handel, das entsprechende Ibanez-Modell 2451NT kostete sogar 960 DM. Diese Gitarren sind nicht nur für Vintage-Sammler besserer Japan-Kopien ein Budget-Tipp – denn es sind einfach gute Instrumente. Und alle drei vorgestellten Instrumente kosten momentan noch etwas weniger als ihren alten D-Mark-Preis in Euro. Und das sind sie wert!

STORY: Lothar Trampert
FOTOS: Lothar Trampert, Gibson, Aria, Ibanez, Cimar

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Forum
  1. Profilbild
    Kstreck

    Toller Bericht, auch die vielen Nachbauten kannte ich nicht.
    Hatte nicht auch Mike Oldfield die L6 lange live gespielt..?

  2. Profilbild
    dubsetter

    interesannte infos.. danke.

    ich erinnere mich, das ein kumpel eine zeit lang
    eine l6-s damals in den 80ern
    im proberaum spielte.

    schön flacher kopus und nicht so schwer wie eine paula.

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Hallo Roseblood11,

      das Duesenberg Les Trem ersetzt ja das Stop-Tailpiece und erfordert einen Buchsenabstand von 81.5mm (Mitte/Mitte) – das ist bei dem Standard-Tailpiece der L6-S gegeben. Ggf. müsstest du das Les Trem aber etwas höher setzen, damit die Saitenführung zur breiteren Bridge funktioniert und die Saiten nicht doppelt aufliegen.

      Grüße, Lothar T

  3. Profilbild
    Fadermaster

    Danke für den Artikel! Ich gehöre auch zu denjenigen, die sich nach dem Anblick einer Nighthawk o.ä. waschen gehen müssen. Irgendwie verrückt, wie einbetoniert Look und Feel einer Strat, Tele, Paula bei den meisten von uns ist.

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      😂 Den Spruch mit dem Waschen merke ich mir, Fadermaster! Ich habe das Gefühl immer bei den Antigua-Stratocasters, die mich an verdorbenen Wurstsalat erinnern.

  4. Profilbild
    Nik Elektrik

    Vielen Dank! Interessanter Artikel, der mich als Mike Oldfield Fan sofort getriggert hat. Genauso wie ich Ende der 70er beim Cover von „Exposed“ mit vielen Fotos der Tour dachte: „Coole Gitarre“, …die dann ja auf Platte auch noch cool klang. Bin selbst als primärer Tastenmensch heute noch angetan und würde bei einem Reissue wohl nicht lange zögern.

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