Workshop: 11 Tipps für Transparenz im Live-Mix

25. Juni 2020

Kampf dem Sound-Mulm!

Workshop: 11 Tipps für den transparenten Live-Mix Workshop: 11 Tipps für den transparenten Live-Mix Workshop: 11 Tipps für den transparenten Live-Mix

Es ist zum Mäusemelken: Die Qualität der PA sollte für einen guten Sound sorgen und trotzdem beschwert sich das Publikum über Mulm, Dröhnen und den nicht verständlichen Gesang. Was läuft falsch? Es gibt viele Stellschrauben, an denen man drehen kann, um Transparenz im Live-Mix zu erhalten. In diesem Workshop sollen einige davon vorgestellt werden.

Vorwarnung

Es liegt nicht immer allein in der Hand des Tontechnikers, einen transparenten und druckvollen Live-Mix zu zaubern. Auch das Equipment ist in der Regel nur sekundär an Mulm oder Dröhnen beteiligt. Das Problem ist oftmals an ganz anderen Stellen zu finden und manchmal kann man als Techniker schlicht und ergreifend einfach nichts machen. Das ist frustrierend und man darf sich der bösen Blicke des Publikums, des Veranstalters und auch der Band gewiss sein. Doch dazu später mehr. Steigen wir ein in die Thematik und fangen dabei ganz vorne an.

Transparenz – was heißt das überhaupt?

Das Adjektiv „transparent“ bezeichnet etwas, was durchscheinend ist, also Licht durchlässt. Weitere Wortbedeutungen sind „deutlich“, „leicht zu durchschauen“, „einsichtig“, „ungetrübt“. Das Substantiv Transparenz bezeichnet dementsprechend die Durchsichtigkeit, die Durchlässigkeit beziehungsweise Offenheit einer Sache oder eines Stoffes. Auf eine Tonmischung übertragen könnte man also sagen, dass Transparenz im Live-Mix eine Soundmischung ist, die alle Signale gut zum Hörer transportiert und eine Ortung oder Zuordnung zulässt. Ein intransparenter Live-Mix hingegen verschleiert Signalanteile oder gar Instrumente, sodass diese nicht deutlich zuzuordnen sind beziehungsweise gar nicht zu hören sind.

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Das FoH-Pult ist die letzte Station der Einzelsignale vor den Endstufen und Lautsprechern. Aufgeräumt wird besser schon vorher, spätestens jedoch hier.

Tipp 1: Transparenz im Live-Mix beginnt mit dem Arrangement

Hier wäre gleich der erste Punkt, den wir Tontechniker nicht zu verschulden haben, sondern die Band selbst. Nur ein gutes Arrangement wird auch durch einen guten Live-Mix transparent klingen.

Der Beweis dafür ist das Orchester. Ein großes Sinfonieorchester kann weit mehr als 60 Musiker umfassen (abhängig vom aufzuführenden Werk). Schaut man sich die einzelnen Instrumente an, so wird schnell klar, dass es hinsichtlich der zu erreichenden Maximallautstärke der Instrumente extrem große Unterschiede gibt. Dennoch soll vom leisesten Schlag der Triangel über das Oboensolo bis hin zu den Blechbläsern und Pauken alles gut zu hören sein. Das Orchester kann sich dabei als klangliche Einheit bewegen, aber auch Passagen mit gegenläufigen Stimmen von Instrumentengruppen oder Einzelinstrumenten kommen vor und müssen als solche vom Zuhörer erkannt werden. Da Orchester bei Aufführungen gänzlich ohne Technik auskommen, liegt der Grund für einen transparenten Live-Mix beim Arrangement und der gewählten Besetzung. Ein leises Oboensolo wird also nicht vom Tutti und Fortissimo spielenden Orchester begleitet, sondern eher von ausgewählten Instrumentenstimmen oder -gruppen, die mit angepasster Dynamik spielen. Der Komponist hat das bereits vorgesehen und das Notenarrangement entsprechend aufgebaut. Der Dirigent sorgt nun nicht nur für die Interpretation und den Gleichschritt, sondern eben auch für die Einhaltung der Partitur durch die einzelnen Musiker.

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Die Übersicht zeigt, welche Bandbreite die typischen Bandinstrumente besitzen. Der blaue Balken zeigt den Grundtonbereich bzw. die typischen Resonanzbereiche, der grüne Balken die Obertonstruktur. Die Tabelle dient nur als grober Anhaltspunkt.

Bands, die eine Transparenz im Live-Mix unterstützen wollen, fangen also bei sich selbst und den Arrangements der Songs an. Vieles hängt dabei auch vom Musikstil ab. Zwei stark verzerrte Gitarren, womöglich noch tiefer gestimmt,  mit Powerchords, ein Keyboard mit Akkorden in tiefer und enger Lage, ein fünfsaitiger Bass mit durchgehenden Achteln und die tief gestimmte Bassdrum werden kaum dazu beitragen, auf der Bühne einen transparenten Mix zu erreichen. Das Wissen um den Tonumfang von Instrumenten und die damit einhergehenden Frequenzbereiche hilft, eine Gewichtung im Arrangement vorzunehmen. Gitarristen ergänzen sich prima, wenn sie in unterschiedlichen Lagen spielen oder gar auf Powerchords gänzlich verzichten, sollte noch ein Keyboarder mit am Start sein. Weniger Verzerrung führt zu einem druckvolleren Sound – das gilt nicht nur im Studio. So beeindruckend die brachial verzerrte E-Gitarre zuhause auch klingt: Auf der Bühne bleibt davon nur Mulm und Sound-Brei. Ein gutes Beispiel ist die klassische Iron Maiden-Besetzung mit zwei Gitarren im Vergleich zur aktuellen Besetzung. Zweistimmige Gitarrenlinien gehören zum Markenzeichen von Adrian Smith und Dave Murray. Der Verzerrungsgrad ist moderat und der brutale Anschlag von Bassist Steve Harris sorgt für einen metallischen Bass-Sound, der den schnellen Galopp-Rhythmus trotzdem definiert klingen lässt. Die dritte Gitarre, die seit den 2000ern und dem Wiedereinstieg von Bruce Dickinson und Adrian Smith von Jannik Gers gespielt wird, führt auf der Bühne leider zu Sound-Brei.

Keyboarder, insbesondere Pianisten, dürfen sich die linke Hand gerne für andere Dinge als Oktavgriffe unterhalb des eingestrichenen „c“ reservieren. Auch hier ist der ausgedünnte und von Effekten befreite Sound, der solistisch gespielt fürchterlich klingt, das Mittel der Wahl, denn im Zusammenklang wird er sich prächtig durchsetzen. Ein sehr gutes Beispiel sind ältere Yamaha  Stagepianos. Solistisch gespielt möchte man sich diese Instrumente kaum antun. Für klassische Musik sind sie gänzlich ungeeignet – wenig Dynamik, dünner drahtiger Klang, sehr eingeengtes Stereoklangbild. Auf der Bühne hingegen schneiden sie durch das dichteste Klangbild wie der Eierschneider durch das gekochte Ei. Das legendäre Yamaha P200 und der Nachfolger P250 sind gute Beispiele für Instrumente, die für ihre Durchsetzungsfähigkeit im Bandkontext und ihren dünnen Sound, spielt man sie solistisch, berühmt waren. Auch das drahtige M1-Piano, das durch unzählige Dancefloor-Hits in Verruf geraten ist, gehört in diese Kategorie. Ein gutes Beispiel sind auch Clavinet-Sounds, die sich perfekt durch jede Sound-Wolke schneiden.

Workshop-Live-Mix_Keyboards

Von 20 Hz bis 20 Kilohertz ist alles drin: Keyboards decken je nach Sound das komplette Frequenzspektrum ab. Hält sich der Keyboarder nicht an einige Arrangementregeln, muss hier gnadenlos beschnitten werden. Effekte bleiben besser ausgeschaltet und ein dünner Sound übertrifft im Live-Mix oft den fettesten Synth-Sound.

Schlagzeuger sollten sich überlegen, ob der durchgängige Gebrauch von Becken wirklich im Song-Kontext benötigt wird. Auch die Stimmung der Trommeln kann viel dazu beitragen, wie sich Bass und Bass Drum später auf der Bühne ergänzen. Ein sehr tief gespielter Bass verträgt keine tief gestimmte Bass Drum und umgekehrt führt eine zu hoch gestimmte Bass Drum bei Bass Passagen in höheren Lagen zu einem Loch im Bassbereich. Hier sind gute Absprachen erforderlich und manchmal ist die Wahl einer anderen Bass Drum auch besser als langwierige Stimmversuche. Eine weniger voluminöse und sehr trocken klingende Basstrommel ergänzt sich prima mit fünfsaitigen Bässen, bei denen oft Gebrauch von der fünften Saite gemacht wird.

Auch Sänger können zur Transparenz im Live-Mix beitragen, indem sie einerseits über eine gute Gesangstechnik verfügen und andererseits die richtige Handhabung eines Mikrofons beherrschen. Wer beim Live-Gesang Plosive unterdrückt oder diese am Mikrofon vorbei singt, wird im Mix weiter vorne stehen als ein Dauerplopper, der den Kompressor im Gesangskanal stark fordert. Deutliche Konsonanten erhöhen die Sprachverständlichkeit und gut ausgesungene Vokale lassen die Stimme rund und druckvoll klingen. Vieles hängt auch von der Sprache ab, in der gesungen wird, da sich die Sprachen gerade hinsichtlich der Ausformung von Vokalen und Konsonanten deutlich unterscheiden. Scharfe s-Laute führen übrigens im Mix ebenfalls zu einer unterbelichteten Stimme.

Tipp 2: Bühnenlautstärke verringern

Eine hohe Bühnenlautstärke verhindert Transparenz im Live-Mix. Der Bühnenschall ist bereits ein Klanggemisch aus Instrumentalverstärkern, dem akustischen Klang der Instrumente (vorwiegend Schlagzeug) und dem Schall aus den Monitorlautsprechern. Dieses Klanggemisch erreicht jedoch leider nicht nur die Musiker, sondern auch das Publikum. In geschlossenen Räumen kann es sogar sein, dass der Schall von der Bühne lauter wahrgenommen wird als der Schall aus der PA. Besonders die tiefen Frequenzen des Bühnenschalls überlagern den Mix aus der PA und führen dann zu einem Sound-Brei und Mulm vor der Bühne. Doch auch auf der Bühne selbst ist eine hohe Bühnenlautstärke der Garant für einen intransparenten Monitormix. Der „Ich höre mich nicht mehr“-Effekt setzt ein und nach und nach drehen die Musiker sich selbst an ihren Verstärkern noch lauter oder spielen lauter. Die Sängerinnen und Sänger sind die ersten Musiker, die das zu spüren bekommen, denn der Monitorlautstärke sind durch irgendwann einsetzende Feedbacks Grenzen gesetzt. Hier ist viel Disziplin angesagt oder gleich der Einsatz von In-Ear Monitoring. Führt all das nicht zu Verbesserungen auf der Bühne, sei Tipp 1 noch einmal ans Herz gelegt. Technikern rate ich, zwischendurch mal das FoH-System auszuschalten. Man wird erstaunt sein, wie wenig sich die Lautstärke vor der Bühne reduziert. Oft ist das dann auch der Aha-Effekt für die Musiker. Setzt dieser allerdings nicht ein, muss sich der Tontechniker am FoH-Pult keine große Mühe mehr geben und darf den Gig als Frustjob abschreiben.

Workshop-Live-Mix-IEM

Eine geringe Bühnenlautstärke trägt maßgeblich zur Transparenz im Live-Mix bei. Insbesondere für Sänger und Sängerinnen bietet IEM mit Otoplastiken einen guten und durchsetzungsfähigen Monitor-Sound ohne Rückkopplungen.

Tipp 3: Mikrofonauswahl

Transparenz im Live-Mix beginnt mit der Mikrofonauswahl. Wenn sich zum Beispiel der Gesang nicht durchsetzt und die beiden vorangegangenen Tipps beherzigt wurden, sollte im nächsten Schritt ein anderes Mikrofon ausprobiert werden. Ein gutes Beispiel für ein sehr durchsetzungsfähiges Mikrofon ist das Sennheiser e945 und das damit verwandte e935. Vergleicht man beide Mikrofone mit einem Shure SM58 stellt man fest, dass die Stimme sehr viel weiter vorne im Mix steht und weniger Verstärkung erforderlich ist. Das verringert die Gefahr von Feedbacks und der Kanal-EQ bleibt frei für andere Aufgaben. Bei Background Vocals hingegen sind Mikrofone ohne „in your face“-Sound angesagt. Mikrofone mit sehr mittigem Klangcharakter vor einem mittenbetonten Gitarren-Amp führen später am Mischpult zu Eingriffen im Mittenbereich, wo die so erzeugte Überbetonung zu Beginn der Signalkette wieder abgesenkt werden muss. Auch hier kann ein anderes Mikrofon oder eine veränderte Ausrichtung vom Rand der Membran hin zur Kalotte viel bewirken.

Tipp 4: DI-Signale nutzen

Der vierte Tipp schließt sich direkt dem vorher Gesagten an und ist vor allem für Instrumente interessant, die direkt und ohne Mikrofon vor Instrument oder Lautsprecher abgegriffen werden können. Dazu zählen zum Beispiel der Bass, die Akustikgitarre und die Keyboards. Doch auch E-Gitarren gehören seit der weiten Verbreitung von Digitalamps von Kemper und Co dazu. Die direkte Abnahme per DI-Box oder am DI-Ausgang eines Verstärkers verringert nicht nur die Bühnenlautstärke, sondern auch das Übersprechen von Signalen auf andere Mikrofone.

Tipp 5: Übersprechen verringern

Dem Tipp 4 schließt sich damit direkt der fünfte Tipp zum Thema Übersprechen an. Ein Mikrofon nimmt selten nur den Sound des Instruments auf, vor dem es steht. Auch andere (ausreichend laute) Schallquellen sind zu hören. Das bringt nicht nur Probleme hinsichtlich der Mischung mit sich, schließlich möchte man Erhöhen der Kanallautstärke der Gitarre für das Gitarrensolo nicht gleichzeitig auch den Schlagzeuger ins Rampenlicht rücken. Ein weiteres Problem ergibt sich durch die unterschiedlichen Laufzeiten lauter Signale, die von mehreren Mikrofonen übertragen werden. Laufzeitunterschiede können zu Phasenverschiebungen und damit zu Kammfiltereffekten führen, mischt man mehrere Mikrofone zusammen. Der Live-Mix wird intransparent oder hohl (je nach Frequenzbereich, in dem das Übersprechen stattfindet). Übersprechen ist also so gut es geht zu vermeiden oder zu verringern. In erster Linie hilft dabei eine gute Ausrichtung auf die Schallquelle unter Berücksichtigung der Richtcharakteristik der Mikrofone. Schall, der auf den „toten Winkel“ eines Mikrofons trifft, wird weniger gut aufgenommen als der frontseitige Schall und das Übersprechen damit verringert. Auch die Ausrichtung von Verstärkern kann eine große Rolle spielen – nicht nur bei der Verringerung der Bühnenlautstärke, sondern auch bei der Mikrofonierung und damit für das Übersprechen. Trennwände aus Plexiglas oder anderen Materialien können helfen, das Übersprechen zu verringern.

Tipp 6: Low Cuts setzen für Transparenz im Live-Mix

Low Cut (oder High Pass) Filter sind ein guter Weg zu einem transparenten Live-Mix. Nicht jedes Signal besitzt einen starken Basseinteil oder benötigt viel Bass. Das gilt insbesondere für die Sprache. Hier dürfen gerne alle Anteile unter 100 Hertz bei Männerstimmen und 120 Hertz bei den meisten hohen Frauenstimmen (ein tiefer Alt mal ausgenommen) möglichst steilflankig gefiltert werden. Ist das Verhältnis zwischen Bass und Bass Drum festgelegt, muss auch eine über dem Bass liegende Bass Drum keine 30 Hertz liefern, sondern darf entsprechend gefiltert werden. Auch die anderen Trommeln freuen sich über einen Low Cut, insbesondere High Hat und Becken. Gleiches gilt für Gitarren und insbesondere für Keyboards. Es lohnt sich, während die Band spielt, einfach mal nach und nach die Low Cuts zu aktivieren und durchzustimmen. Man wird erstaunt sein, wie hoch man die Grenzfrequenz des Low Cuts setzen kann, bevor man tatsächlich das Gefühl bekommt, das etwas fehlt. Schon mit dieser simplen Maßnahme pro Mischpultkanal kann man die Transparenz im Live-Mix erheblich erhöhen!

Workshop-Live-Mix-Low Cut

Das Low Cut-Filter (auch High Pass genannt) ist eine mächtige Waffe im Kampf um den transparenten Live-Mix.

Tipp 7: High Cuts setzen für Transparenz im Live-Mix

Gleiches gilt für das obere Spektrum des Frequenzbereichs. Erster Kandidat: E-Gitarren. Schaut man sich mal das Frequenzspektrum der E-Gitarre mit einem Analyzer an, sieht man, dass oberhalb von sechs bis sieben Kilohertz nicht mehr viel passiert. Wie weit das Signal der E-Gitarre hinauf reicht, hängt von der Gitarre ab (Single Coils oder Humbucker), vom Verstärker (Transistor/Röhre), dem Sound (clean, Overdrive, Distortion) und dem verwendeten Lautsprecher (12“, 10“) ab. Da E-Gitarrenverstärker nicht über Hochtöner verfügen, besitzen sie eine natürliche obere Grenzfrequenz. Das Verstärkersignal wird durch den Lautsprecher tiefpassgefiltert. Bei E-Gitarren darf also beherzt beim High Cut zugegriffen werden. Erneut ist auch das Schlagzeug ein Kandidat für den High Cut. So lässt sich vor allem das Übersprechen der Becken auf die Mikrofone an den Trommeln etwas minimieren. Dass Instrumente wie der Bass einen High Cut vertragen können, versteht sich von selbst.

Workshop-Live-Mix-High Cut

Auch oben rum darf gerne mal mit einem High Cut-Filter (Tiefpass) beschnitten werden. Insbesondere bei Instrumenten, die selbst kaum nennenswerte Höhen liefern, jedoch mikrofoniert werden, räumt ein High Cut ordentlich auf.

Tipp 8: Aufräumen mit dem EQ für Transparenz im Live-Mix

Wurden die vorangegangenen Tipps genutzt, kann bei Bedarf noch etwas mit dem EQ aufgeräumt werden. Absenken ist das Zauberwort! Eine allgemeine leichte Mittensenke schafft Platz für den Gesang. Keyboards und Gitarren sollten einen eigenen Frequenzbereich zugewiesen bekommen. Der jeweils nicht genutzte Bereich abseits des eigenen Frequenzbereichs wird leicht breitbandig abgesenkt. Sehr gut funktioniert das mit EQs auf Subgruppen.

Workshop-Live-Mix-Cymbals

Beschneiden und Luft für andere Instrumente schaffen: Low Cut, Mitten-Senke und Höhen Boost bei Becken.

Tipp 9: Kompression

Obwohl Kompression meistens für die Verdichtung eines Mixes steht, ermöglichen Kompressoren auch eine höhere Transparenz, wenn man sie sparsam einsetzt. Ständige Dynamikspitzen bei einzelnen Signalen verringern die Transparenz und können auch zu Maskierungseffekten führen. Zähmt man diese mit einem Kompressor, wird das Klangbild ausgeglichener und ruhiger. Das führt wiederum dazu, dass alle Instrumente im Live-Mix besser wahrgenommen werden. Eine zu starke Dynamikbegrenzung hingegen führt unter Umständen dazu, dass ein Live-Mix angestrengt klingt und die Transparenz leidet. Das Gehör ermüdet zudem schneller (siehe Tipp 10).

Tipp 10: Gesamtlautstärke verringern

Ein großes Problem des Gehörs sind Gewöhnungseffekte, die bei hoher Lautstärke auftreten. Je höher die Gesamtlautstärke ist, desto früher setzen diese Effekte ein: Das Gehör ermüdet. Diese Ermüdung hat einen ähnlichen Effekt wie eine zu starke Kompression (Tipp 9 und Tipp 10 bedingen sich auch gegenseitig). Mit der Zeit wird durch die hohe Lautstärke bei einsetzender Ermüdung des Gehörs selbst bei Transparenz im Live-Mix der Klang als Mulm wahrgenommen. Das gilt übrigens nicht nur für das Publikum, sondern insbesondere auch für den Tontechniker, der dann wild damit beginnt, am EQ und den Fadern zu schrauben und eine vielleicht perfekte Einstellung ruiniert. Eine Überwachung des Schallpegels am FoH-Platz und auch weiter vorne in Lautsprechernähe gehört zu einer professionellen Beschallung mit dazu. Eine Veranstaltung sollte mit geringem Pegel gestartet werden und nicht mit einem hohen.

Tipp 11: Üben!

Ein guter und transparenter Live-Mix gelingt nicht sofort. Wie wir gesehen haben gibt es zu viele Variablen, die sich gegenseitig bedingen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und da auch jede Beschallungssituation und jeder Raum vor allem anders sind, hilft es, viel zu trainieren: Das eigene Gehör, die Fähigkeiten am Mischpult und vor allem aber auch das Verhandlungsgeschick im Umgang mit Musikern. Und selbst der beste Techniker mit viel Erfahrung und dem besten am Markt verfügbaren Material wird Fehlschläge erleiden. Ich habe als Zuschauer vor vielen Jahren ein Konzert von Bruce Springsteen & the E Street Band in der damals noch recht neuen Schalke Arena in Gelsenkirchen erlebt. Meine Frau und ich haben uns wirklich sehr auf das Konzert gefreut. Wir hatten beste Plätze, die eigentlich einen von Springsteen gewohnt guten Live-Sound garantieren sollten. Außerdem hatten wir Freunde eingeladen, die ihn noch nie live gesehen haben. Das Konzert war eine einzige Enttäuschung. Man konnte den Text nicht verstehen, es hat gedröhnt, die Instrumente sind im Hall untergegangen, die Freunde haben das Konzert noch vor dem Ende verlassen. Vier Stunden Live-Show mit diesem Sound waren aber auch wirklich eine Qual. Als Fan haben wir uns deshalb nicht nehmen lassen, schnell noch Karten für das Konzert in Hamburg einige Tage später zu organisieren. Ähnliche Plätze – komplett anderer Sound. Das Konzert war eine Freude, der Sound transparent und druckvoll und man merkte der Band auch einen erheblich höheren Spielspaß an. Zwei weitere Konzerte anderer Künstler in der Schalke Arena in Gelsenkirchen haben dann gezeigt, dass es mitnichten an den Fähigkeiten des Tontechnikers lag (Tontechniker und Material waren bei der Springsteen Europa Tour ja gleich), sondern eben an den Örtlichkeiten. Das verschließbare Dach der Schalke Arena wird von unzähligen Stahlstreben unterstützt, die den Schall stark reflektieren und vor allem auf die Ränge zurückwerfen. Da ist der beste Tontechniker machtlos. Ähnlich erging es uns mit Iron Maiden: Ein Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle samt DVD-Aufzeichnung hatte einen fantastischen Sound. Die nächste Tour führte in eine bekannte Oberhausener Halle und war ein klanglicher Reinfall. Mark Knopfler und Eric Clapton hingegen haben in eben dieser Halle einen vernünftigen Sound gezaubert, waren aber auch mit einem anderen Beschallungskonzept unterwegs, das für eine Rock-Band hingegen wohl eher ungeeignet gewesen wäre. Gleiches gilt für die Band Pur, die seit vielen Jahren in der Schalke Arena mit einem 360°-Konzept und Mittelbühne begeistert, die extra für diese Arena entworfen wurde. Leider kann man bei einer Tour-Produktion nicht immer für jedes Venue komplett neu planen und bei kleineren Veranstaltungen, die wohl den Großteil der Leser betreffen, schon gar nicht. Irgendwann hat auch der beste Techniker alle Möglichkeiten ausgeschöpft.

Fazit

Transparenz im Live-Mix beginnt im Proberaum und auf der Bühne. Das Arrangement ist das erste Glied in der Kette. Weiter geht es mit der Auswahl der Mikrofone, der Bühnenlautstärke und am Ende schließlich mit den Fähigkeiten des Tontechnikers als Schallereignissortierer am FoH-Pult. Dass manchmal bei aller Vorbereitung trotzdem am Ende der Klang verwaschen oder mit einer großen Portion Mulm daher kommt, ist oft auch dem Raum geschuldet. Lässt sich das Beschallungskonzept nicht dem Raum anpassen, muss man damit leider leben. Hier hilft dann notfalls das Reduzieren der Gesamtlautstärke und manchmal auch von Mikrofonen. Der wichtigste Faktor für den Tontechniker jedoch bleibt das geschulte und analytische Gehör, das Üben der Handgriffe sowie ein gutes Verhandlungs- und Kommunikationsgeschick, wenn es um das Thema Bühnenlautstärke geht. Der Punkt „Arrangement“ ist den Musikern überlassen. Bands, die dem  Tontechniker das Leben erleichtern möchte und das Publikum mit einem transparenten und guten Sound verwöhnen wollen, können hier bereits im Proberaum die Weichen stellen.

Forum
  1. Profilbild
    Jörg Kirsch StageAID  RED

    Klasse Artikel, Markus und alles sehr gut erklärt. Es gibt noch einige weiteres Tipps, mit denen sich der Mix durchsichtiger gestalten lässt, Einer davon ist eine aktive Aufbereitung der Obertöne oder Transienten ( Bei den Drums eignet sich dafür beispielsweise ein Transienten Designer).

    • Profilbild
      Markus Galla  RED

      Vielen Dank. Live habe ich das noch nicht probiert, im Studio schon. Muss ich mal testen.
      Hängt bestimmt von der Veranstaltungsgröße und dem Störschall von der Bühne ab, oder? Bei kleineren und mittelgroßen Veranstaltungen, bei denen man an jeder Stelle im Raum noch viel von der Bühne hört, kann ich mir den Effekt nicht vorstellen. Bei großen Events hingegen schon. Im Studio kennt man das ja. Da ist der Transient Designer ja eines der Standardtools. Aber guter Hinweis, muss ich bei Gelegenheit mal ausprobieren (wenn es mal wieder Veranstaltungen gibt).

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        Jörg Kirsch StageAID  RED

        Ja klar, das bezieht sich nur auf den FOH-Mix. Wenn der Monitor lauter ist als die Front wirds schwer :-)
        Sobald die PA das Sagen hat, ist es schon ganz interessant, den ein oder anderen psychoakustischen Trick anzuwenden, um die Identifikation einzelner Signale zu verbessern und so insgesamt den Musikgenuß zu steigern.

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      Markus Galla  RED

      Vielen Dank. Ist auch ein Thema, das ich persönlich sehr wichtig finde. Hat Spaß gemacht, da was zu zu schreiben.

  2. Profilbild
    lightman  AHU

    Ein Arrangement wegen des Bühnensounds ändern? Würde mir ja nicht im Traum einfallen.

    Ansonsten guter und hilfreicher Artikel.

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      Markus Galla  RED

      Es geht nicht darum, das Arrangement zu ändern, weil der Tontechniker das will. Es soll ein Denkanstoß sein, den Sound schon vor der PA transparent zu gestalten, indem man sich beim Arrangement etwas Gedanken macht und nicht alle Instrumente zum Beispiel im gleichen Frequenzbereich spielen lässt. Das ist besonders bei Einsteiger-Bands ein großes Problem, doch auch so manch alter Hase ist der Meinung, dass zwei Gitarristen mit Powerchords in tiefer Lage und brachialer Vollverzerrung sowie dann noch einer Keyboard-Fläche in ebenso tiefer Lage gemeinsam mit dem Bass und den Drums dem Sänger nicht die Luft zum Atmen rauben :-) Vom Sound-Müll, den das ergibt, mal ganz abgesehen. Transparenz beginnt eben vor dem Mikrofon und ein gutes Arrangement wird, einen fähigen Techniker vorausgesetzt, auch danach noch gut klingen. Das war damit gemeint.

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        lightman  AHU

        Nee, ihr habt schon recht, bestimmte Kombinationen sind im Mix kaum zu bändigen. Da ist nebenbei bemerkt die Wiedergabetreue der Monitore sauwichtig, damit es erst gar nicht dazu kommt, in dieser Hinsicht hab ich schon reichlich Lehrgeld zahlen müssen.

        Ad hoc auf der Bühne/beim Gig würde ich aber nichts umarrangieren, im Unterschied zu einer Band habe ich ja einen Mischer vor mir stehen und kann bei Bedarf größeres Unheil abwenden… hat nicht immer funktioniert (es gibt hier in der Gegend ein paar Audioverleihfirmen, die mich nicht so mögen), aber zumindest wirds eher selten eine Mulmrakete. Wenn, dann höchstens nach vier Uhr morgens, aber da gelten eh andere Regeln.

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      AMAZONA Archiv

      Nee, nicht mal wegen des Bühnensounds, sondern wegen der Transparenz. Ein zugematschtes Arrangement macht keinem Hörer Spaß; egal, ob am Küchenradio abgehört oder vor ’ner Bühne stehend.

      edit: siehe Markus Galla…. hatte das ja schon geschrieben

    • Profilbild
      ctrotzkowski  

      Ich denke, der Tip mit dem Ausdünnen des Arrangements ist gerade für unerfahrene Bands Gold wert (und erfahrene Profis haben das längst im Blut).

      Gerade bei Anfänger-Bands hört man häufig, daß alle immerzu spielen – „nicht daß jemand denkt, ich mache gerade Spielpause weil ich die Stelle nicht kann“.
      …und wie häufig hab ich das schon gehört, daß dann zwei Gitarren und auch noch ein Keyboard in gleicher Lage und (fast) gleichem Rhythmus einen zähen Matsch anrühren…

      Natürlich ist der Keyboarder schnell beledigt, wenn der Vorschlag kommt, mal die linke Hand wegzulassen – aber wie häufig wäre genau das richtig, um den Mulm wegzubekommen (oder daß der FOH das Klavier „zu kalt“ abmischen muß, um dem vorzubeugen).

      Insgesamt ist der Artikel die pragmatischste Zusammenfassung, die ich bisher hier (und anderswo) gelesen habe!

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