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Workshop: Akustikgitarre aufnehmen

1. Februar 2018

"Dröhn mich voll, Baby!"

Recording AC Guitar

So, nachdem wir uns in den vorherigen Amazona Workshops intensiv den Basics der Aufnahme von E-Gitarren gewidmet haben, nehmen wir uns nunmehr die Akustikgitarre vor. Damit es keine Missverständnisse gibt, natürlich ist eine E-Gitarre ebenfalls ein akustisches Instrument und folgt den gleichen physikalischen Prinzipien. Als Akustikgitarre jedoch bezeichnet der Volksmund „das Ding mit dem Loch in der Mitte“. Und eben diesem gelochten Klotz widmen wir uns heute in Sachen Aufnahmetechnik.

unser Test Setup - simpel aber effektiv

— Unser Test Setup – simpel aber effektiv —

Vorbemerkungen

Im Gegensatz zu einer E-Gitarre, deren Klang zwangsweise zu einem großen Teil vom angeschlossenen Verstärker und seiner Peripherie mitbestimmt wird, ist die akustische Gitarre ein Einzelkämpfer, will sagen, der eingebaute Lautsprecher (das Loch) und seine vergleichsweise handliche Größe (im Vergleich zu einem Klavier) haben dafür gesorgt, dass die Akustikgitarre seit Jahrhunderten im Ranking des beliebtesten Instruments weltweit immer auf Platz 1 liegt. Handlich und bei Bedarf auf dem Rücken zu transportieren lässt sich das Instrument auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln ohne großen Aufwand an jeden Ort im näheren Umfeld bewegen. Auspacken, stimmen, noch ein wenig Gesang dabei und die Frauenherzen liegen dir zu Füßen. Herrlich!

Etwas Hintergrundwissen …

Im Gegensatz zur E-Gitarre, die in ihrer Urform bezüglich der Aufnahme immer in der Kombination mit einem Verstärker und einem Mikrofon zwar im ersten Augenblick recht sperrig wirkt, ist man auf den zweiten Blick in Sachen Beweglichkeit ganz weit vorne. Hat man den Amp erst einmal richtig mikrophoniert, kann man mittels Kabel oder Sender den eigentlichen Ort des Geschehens problemlos verlassen, ohne dass sich der Klang insgesamt ändert.

Hier schmiert die Akustikgitarre im direkten Vergleich ganz mächtig ab. Insbesondere in den Dekaden bis in die Siebziger war der Musiker sowohl live als auch im Studio zu einer sehr steifen Haltung verdammt, galt es doch damals, jegliche Änderung im Winkel zum Mikrofon zu vermeiden, da dieses unweigerlich den Klang des Instrumentes veränderte. Was man im Studio noch mit hochwertigen Mikrofonen einigermaßen auffangen konnte, war live in regelmäßigen Abständen ein Fiasko.

Wer einmal Live-Fotos von 1970 oder früher ansieht, bemerkt schnell die angespannte Haltung eines im Stehen spielenden Akustikgitarristen oder aber dieser interessiert sich nicht für 5 Cent für den Klang seines Instruments im Saal, worauf man gerne einmal einen Blick auf den entnervten Saalmischer werfen sollte. Warum 1970? Nun ab 1971 brachte die Firma Ovation in ihren Akustikgitarren ein System auf den Markt, das dem Elend ein Ende setzen sollte, womit wir nunmehr bei dem Kernthema angekommen sind.

Pickup oder was?

Dass man in den Siebzigern nahezu ausschließlich Ovation Akustikgitarren auf den Bühnen sehen konnte, lag an der Einführung des sogenannten piezokeramischen Tonabnehmers. Das Prinzip ist einfach, die Umsetzung um ein Vielfaches komplizierter. Im Gegensatz zum elektromagnetischen Tonabnehmer einer E-Gitarre basiert ein „Piezo“ auf der Erkenntnis, dass Kristalle, die man zusammendrückt, eine sehr schwache Spannung abgeben. Platziert man diese Kristalle unter den Saitenreitern einer Gitarre, lässt sich der gespielte Ton mit einem recht hohen „akustischen“ Charakter übertragen.

Auch war die Einstreuung von anderen Klangquellen minimal, sodass sich der Akustikgitarrist erstmals einem E-Gitarristen gleich auf der Bühne bewegen konnte. Nachteil: Das abgegebene Signal war so schwach, dass es mit einem in der Gitarre verbauten Preamp vorverstärkt werden musste. Zudem war der Klang zwar akustisch geprägt, hatte aber in direktem Vergleich zu einem Mikrofon immer einen „quäkenden“ Charakter ohne die natürliche Wärme des rein akustischen Klangs. Die Herausforderung bestand also darin, eine Kombination aus verschiedenen Systemen zu entwickeln, welche die Vorteile bündeln und die Nachteile minimieren sollen.

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Von daher kann man die Aufnahme bzw. Übertragung einer Gitarre, im Gegensatz zur E-Gitarre, bei einem akustischen Instrument in zwei Lager spalten.

1.) Aufnahme im Studio

Während der große Bereich der Mittelklasse Gitarren meistens mit einem Tonabnehmer ausgerüstet sind, werden ganz billige und sehr teure Instrumente zumeist ohne Tonabnehmer gefertigt. Warum? Nun, beide werden wohl nie auf der Bühne eingesetzt werden. Auch wenn es mittlerweile sehr hochwertige Tonabnehmersysteme auf dem Markt gibt, die den Unterschied zu einem sehr guten Mikrofon stark schwinden lassen, so ist das Nonplusultra an Klang nach wie vor nur mit einem sehr guten (und leider auch teuren) Mikrofon zu erreichen.

Bei der Aufnahme in einem professionellen Tonstudio wird der Tontechniker ohnehin sofort mit einem oder mehreren Mikrofonen auflaufen, wenn er euer Instrument sieht. Beim Homerecording sieht das unter Umständen schon anders aus, aber dazu kommen wir später.

2.) Aufnahme / Abnahme live

Hier findet man je nach Ausstattung des Instrumentes bis zu drei Systeme, die den Klang eines Instrumentes einfangen. Je nach Klang und Erwartungshaltung kann man mit den Spitzensystemen tatsächlich auch im Studio arbeiten und dabei sehr gute Ergebnisse erzielen. Hier ist Ausprobieren angesagt!

A.) piezokeramischer Tonabnehmer

Die Vor- und Nachteile wurden bereits erläutert.

B.) elektromagnetischer Tonabnehmer

Ja, richtig gelesen, auch bei Akustikgitarren kommt das Prinzip eines E-Gitarrentonabnehmers zum Einsatz, allerdings handelt es sich um Spezialanfertigungen. Da auf einer Akustikgitarre meistens eine umsponnene G-Saite zum Einsatz kommt und zudem Phosphor-Bronze-Legierungen verwendet werden, die zwar den schönsten akustischen Klang haben (siehe Klaviersaiten), aber auch nur ein sehr geringes Magnetfeld erzeugen, bedarf es einer anderen Ausrichtung der Magnete im Tonabnehmer.

Das Magnetfeld der G-Saite ist am schwächsten, von daher richten sich die Magnete angefangen bei der tiefen E-Saite bis zur G-Saite immer weiter nach oben aus, um bei der H-Saite dann wieder abzufallen. Macht man dies nicht, hat man in Sachen Einzellautstärken der Saiten einen völlig zerstückelten Sound. Klanglich klingt der elektromagnetische Tonabnehmer erwartungsgemäß recht „elektrisch“, in Kombination mit einem Piezo hingegen lassen sich sehr gute Ergebnisse erzielen.

C.) Stützmikrofon

Um den akustischen Klang nochmals zu unterstützen, arbeiten einige Systeme noch mit einem kleinen Kondensatormikrofon, das im Inneren des Korpus platziert wird. Je nach Ausrichtung kann dieses dann genau den Charakter unterstützen, der bei den anderen beiden Systemen etwas hinten überfällt.

Ihr seht, man benötigt fast schon ein eigenes Mischpult, um die ganzen Klangquellen entsprechend zu verwalten.

Im heimischen Studio

Wir gehen mal davon aus, ihr habt euch für den anspruchsvollen Weg der Mikrofonabnahme entschieden. Um eure Akustikgitarre optimal aufzunehmen, benötigt ihr ein oder zwei Mikrofone gleicher Bauart. Zwei Mikrofone, wenn ihr Stereo fahren wollt oder aber ein ähnliches Mischungsverhältnis generieren wollt wie bei den unterschiedlichen Tonabnehmersystemen. Doch Vorsicht, immer die Phase im Mono-Betrieb im Auge behalten, sonst klingt eure Gitarre wie in den ersten Takten von „Wish you were here“!

Position 12ter Bund

— Position 12. Bund —

Bleiben wir der Einfachheit halber bei einem einzigen Mikrofon. Hier kann man gar nicht hochwertig genug ansetzen. Klar, wir hätten alle gerne einen Schrank voll „Neumänner und Brauner“ zu Hause, das wird Budget-technisch wohl nicht hinhauen, aber ein Großmembran der mittleren Klasse sollte es schon sein, sonst kann man auch wieder mit der Tonabnehmerlösung vorlieb nehmen. Sollte die Gitarre alleine für sich aufgenommen werden und man sitzt in einem gut klingenden Raum, kann man das Mikrofon auch gerne in einem Meter Abstand platzieren, um genügend Atmosphäre einzufangen. Bei einem Einsatz in einem Bandgefüge hingegen empfehle ich eine Close-Mic-Position, die sich später in der Summenkomprimierung besser durchsetzt.

Position 5ter Bund

— Position 5. Bund —

Viele Musiker machen den Fehler und sehen das Schallloch als primäre Schallquelle für die Aufnahme. Hiervon ist aufgrund des sehr hohen Bassanteils abzuraten. Gerade bei einer Dreadnought oder Jumbo ersäuft bei dieser Platzierung alles im Bassgeschlabber unterhalb von 500 Hz. Besser geeignet ist eine Platzierung von ca. 30 cm Abstand, ungefähr am 12. Bund. Je weiter Richtung Sattel, umso weniger Bass. Auch hier gilt es auszuprobieren.

Position Schalloch

— Position Schallloch —

Probiert mal verschiedene Plektren aus. Möchte man ein gefühlvolles Strumming aufnehmen, sollte auch der eingefleischte 1,5 mm Hauer sich mal an ein Medium Pick wagen, da dieses die Dynamik aus dem Spiel nimmt und für ein gleichmäßiges Klangbild sorgt. Die Akustikgitarre folgt im Prinzip in Sachen Dynamik der Gesangsaufnahme. Auch hier ist man ständig bemüht, die Pegelspitzen zu entschärfen, was zu dem Punkt Kompressor führt.

Ganz einfach, wie auch bei Gesang gilt bei der Akustikgitarre die Einstellung „compressed to fuck“ (ein gängiger Begriff aus der Regieraum-Fachterminologie. Es empfiehlt sich, bereits nach dem Preamp einen Hardware Kompressor zu verwenden, bevor es in die Aufnahme geht. Viele 19“ Preamps haben in ihrer Konzeption bereits einen Kompressor verbaut, der sich genau für diese Zwecke bestens eignet.

Kleiner Tipp am Rande, auch wenn es bescheuert aussieht: Legt ein Paar Nasenstöpsel für die Aufnahmen parat. Teilweise finden durch die abwärts gerichteten Nasenöffnungen unangenehme Windgeräusche ihren Weg auf das Aufnahmemedium, die man bei leisen Solopassagen durchaus hören kann!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    janschneider  

    Nasenstöpsel hab ich jetzt noch nicht gehört, gibt es das wirklich? Ich kenne nur Ohrenstöpsel. Ist aber ein guter Tipp, ich gehöre nämlich leider auch zur Kategorie der „Schnaufer“… Ist immer doof, wenn dann durch das schöne Solo immer ein Wildschwein läuft ;-)

    Ich habe mit Akustikgitarren auch gute Erfahrungen gemacht, wenn man das Mikro nicht parallel zum Instrument ausrichtet, sondern zB am 12. Bund leicht zum Schallloch hin gekippt oder sogar leicht schräg von oben. Aber es ist jedesmal auch ein gewisses Glücksspiel, gerade wenn man alleine aufnimmt und nicht perfekt gegenhören kann.

    „Bei der Aufnahme“ komprimieren, und dann noch „compressed to fuck“ finde ich jetzt als Ratschlag in einem Einsteigerworkshop recht mutig, denn eine falsch komprimierte Akustikgitarre kann schon schnell recht scheisse klingen. Wobei das noch mehr für Picking gilt als für Strumming. Picking-Gitarren würde ich insbesondere als Anfänger nie bei der Aufnahme komprimieren, das kann schnell schiefgehen. Und wenn, nur ganz dezent. Ist jedenfalls meine persönlich Erfahrung.
    Und im Zweifelsfall lieber nur ein Mikro nehmen, besser eine gute Mono-Spur als zwei schlechte Stereo, die noch Phasenprobleme haben.

  2. Profilbild
    0gravity  

    Erst mal vielen Dank für den Workshop, der für mich noch ein paar wertvolle Hinweise enthielt.
    Nachdem ich jetzt gerade meine ersten Akustikgitarrenaufnahmen hinter mir habe finde ich besonders das Thema Kompression recht schwierig. Der Gitarrist, dessen Spiel ich aufzeichne, spielt extrem dynamische Strummings, bei denen ich massive Probleme mit der Aussteuerung habe. Trotzdem möchte ich natürlich, dass diese Dynamik bei der Aufnahme erhalten bleibt. Die nachträgliche Kompression in der DAW gelingt mir nur teilweise zufriedenstellend.
    Von daher würden mich noch detailliertere Informationen zur Kompression, speziell bei der Aufnahme von akustischer Gitarre interessieren.

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    Dalai Galama  

    Also, die Kernaussage dieses Workshops ist „Großmembraner am 12. Bund und alles gut“, und das finde ich ein wenig schwach. Ich arbeite bspw gerne mit einem MD 421 und erziele damit sehr gute Resultate.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hallo Dalaigalama,

      das freut mich ungemein wenn du mit dieser Kombination gute Ergebnisse für dich erzielst.

      Man kann auch Gesang mit einem SM57 aufnehmen, dennoch wird man in prof. Studios in 99% aller Fälle den Gesang mit einem Großmembran Mikrofon aufnehmen.

      Von daher, erlaubt ist was gefällt, aber mit einem Mikrofon dieser Bauart ist man auf der sicheren Seite.

  4. Profilbild
    ArvinG  

    Das mit den Nasenstöpseln kannte ich auch noch nicht. Ich hatte mir im Baumarkt mal Atemschutzmasken geholt um Schnaufer zu bekämpfen (oder besser, zumindest durch die Maske daran zu denken, nicht zu schnaufen). Ich habe ein Neumann TLM127 Stereoset die bei Acoustics, insbesondere Steelsstrings, sehr gut klingen, beim Schnaufen allerdings auch ;-).

  5. Profilbild
    tantris  

    Was ist von Kontakt-Mikrofonen wie z.B. dem Schertler DYN-G-P48 zu halten? Mein persönlicher Eindruck : es klingt immer irgendwie dumpf. Wenn jemand Erfahrung damit hat (speziell Konzertgitarre), danke für die Information.

    • Profilbild
      ArvinG  

      Das Schertler kenne ich nicht, aber ich hatte mal ein Kontakt-Mikro von, ich glaube AKG für die Steel String, davon war ich nicht gerade begeistert. Wenn Dein Budget es zulässt würde ich für hochwertige Aufnahmen das Neumann KM184 (auf Stereoschiene) für Nylonstring nehmen. Damit geht auf jeden Fall der Vorhang auf, würde ich sagen.

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        tantris  

        Danke, habe ich schon oft gehört, dass ein herkömmliches Mikrofon bei einer Konzertgitarre die besten Ergebnisse liefert. Jedoch liegt das Neumann KM184 nicht im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten, muss halt einige Nummern kleiner sein. Macht aber nichts, schliesslich bin ich weder ein Vincente Amigo noch ein Pepe Romero.

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