Workshop: Booking einer Newcomerband

10. Februar 2018

Verhasst, entehrend, erniedrigend - dennoch unersetzlich

Das Booking einer Newcomerband

Glamour, Reichtum, Frauen, Partys! Macht euch mal den Spaß und fragt in eurem Bekanntenkreis oder wegen mir sogar den berühmten kleinen Mann auf der Straße, welchen Beruf er als erstes mit diesen Substantiven in Verbindung bringt. Wahrscheinlich wird noch vor Zuhälter und Vorstandsmitglied bei Bayern München der sagenumwobene „Rockstar“ mit gehörigem Abstand auf Platz eins landen. Zurecht! Warum? Weil jeder, wirklich JEDER und mag er sein Heil im Free-Jazz mit Trainingsanzug auf der Bühne gefunden haben, irgendwann zu Anfang seiner Karriere neben den musikalischen Zielen, mit einem oder mehreren dieser Attribute geliebäugelt hat. So, das war der einzig angenehme Absatz in diesem Artikel, ab jetzt beschäftigen wir uns mit der dunklen Seite der Macht!

Denn um in den Genuss des Ganzen im vorherigen aufgeführten Kasperletheaters zu gelangen, bedarf es zu Anfang des genauen Gegenteils dessen, was man sich an Annehmlichkeiten im Laufe seiner Karriere erhofft. Es bedarf eines persönlichen oder aber Band-technischen Bekanntheitsgrades, den es zu etablieren gilt. Und trotz einer schier unübersichtlichen Anzahl von Online-Werbeplattformen, Facebook Profilen zum Totschlagen und HTML5, respektive Flash-Player, die dir neben Malware auch alle Songs des neuen Acts um die Ohren hauen, dass es nur so kracht, bleibt dennoch die Live-Show der ultimative Messgrad aller Dinge, der über die Wertigkeit einer Band entscheidet.

OK, natürlich hat auch hier schon lange der Betrug in Form von MacBook Backing Tracks Einzug gehalten, aber auch die fettesten Satzgesänge vom Sequencer und selbst das widerwärtig zunehmende  Einspielen der Leadvocals vom Rechner kann nicht darüber hinweg täuschen, ob die Band Entertainment-Charakter besitzt oder mehr als eine Ansammlung von Kleiderständern auf der Bühne bemitleidet werden sollte. Um dies zu erlangen, muss man sein persönliches Profil in möglichst viele Shows schärfen, womit wir zum eigentlichen Punkt dieses Artikels kommen.

Ungeduscht, geduzt und ausgebuht!

Kennt ihr die Situation im Proberaum einer Newcomerband, wenn es darum geht, wer sich denn jetzt mal um Auftritte kümmern soll und allesamt betreten auf den Boden starren? Wenn sich einer meldet, dann nur um zu erklären, warum er es zeitlich, mental, familiär, blablabla NICHT machen kann? Wir kennen alle den Grund. Selbst Künstler, die über gutes Selbstbewusstsein verfügen, sitzen nach spätestens zehn Telefonaten/E-Mails weinend in der Ecke und zweifeln an allem, was ihnen bisher so viel Freude bereitet hat. Selbstdarsteller sind wir ja alle, aber seine eigene Musik wie Sauerbier verzweifelt an den Mann bringen zu wollen, schaffen nur ganz Hartgesottene.

Warum ist Booking für eine Newcomerband so erniedrigend, abstoßend, entehrend oder anders gesagt, warum tut Booking weh? Nun, der Grund ist einmal mehr in der diametralen Ausrichtung von Musik/Kunst und Wirtschaftlichkeit zu suchen. Daher möchte ich eins zu Beginn dieses Artikels klar stellen. Es ist nicht so, dass wir es hier mit Gut gegen Böse zu tun haben, anders gesagt Musiker gegen Local Promoter (örtlicher Veranstalter). Auf jeden desinteressierten, desillusionierten Veranstalter kommt auch mindestens ein selbstherrlicher, überzogener Musiker, welcher seine kreativen Ergüsse nahe der künstlerischen Unsterblichkeit wähnt. Von daher fair bleiben und auch immer einen Blick für die andere Seite haben!

Erste Schritte

Wir nehmen der Einfachheit halber einmal an, deine Band besteht aus fünf Musikern. Ihr schreibt eigene Songs und ihr habt außer bei Vaters fünfzigsten Geburtstag und 2-3 Gartenfesten in der Nachbarschaft noch keine Erfahrung bzgl. Bühnenshows etc., sprich, alles spricht gegen euch! Bitte? Was soll denn so ein abtörnender Satz zu Anfang der Karriere? Nun, alles, mit dem man aus Veranstaltersicht Geld verdienen kann, ist bei euch nicht gegeben. Schauen wir uns das Ganze mal im Detail an.

Sicht der Band: spielen, spielen, spielen …

Sicht des Veranstalters: Ein oder mehrere Personen betreiben einen Club, der regelmäßig Livemusik präsentiert. Der Veranstalter ist von Jugend an Musik-Fan, muss aber verschiedene Mieten für den Club aufbringen, wird von der jährlichen GEMA-Erhöhung gequält und sieht sich dem zunehmenden Club-Sterben ausgesetzt, da immer weniger Menschen ihren Arsch aus dem TV-Sessel heben um sich eine Live-Show anzusehen. Live-Konzerte gibt es auf YouTube, Partner finden geht über die Kontaktbörsen und der schnelle One-Night-Stand lässt sich über Apps wie Tinder schneller, effektiver und kostengünstiger abwickeln als in der Prä-Internet-Ära, wo man für genau diese Dinge damals unter anderem zu Konzerten ging. Heute bleibt nur noch die Freude an der Musik, die den Musikinteressierten in die Clubs bringt.

Eine Coverband könnte man als Promoter evtl. noch auf Stadtfesten, Firmenjubiläen oder Privatpartys als Stimmungsanheizer platzieren, aber eigene, (noch) unbekannte Songs, welche womöglich noch das „Zuhören“ voraussetzen, haben bei öffentlichen Veranstaltungen keine Chance, es sei denn, ihr habt einen anderen Unterhaltungswert wie z. B. eine opulente Bühnenshow. Im Gegensatz zu etablierten, großen Bands, wo die Veranstalter bei den Managements anklopfen, um die garantiert vollen Häuser buchen zu dürfen, müsst ihr zu Anfang den Veranstalter überzeugen, dass sich eine Show mit euch lohnt oder aber zumindest ihm musikalisch gefällt.

Wer, wie, wo, was?

Ein großer Vorteil des Internets sind Datenbanken. Es gibt sie für alles, was das Leben betrifft, teils sehr gefährlich, in unserem Fall aber sehr hilfreich. Mehrere Anbieter im Netz offerieren teilweise kostenlos, teilweise mit Abo-Gebühren alle Kontaktdaten, die es zum Booken braucht. Jetzt kommt der erste kniffelige Teil. Es muss euch gelingen, dass der Clubbesitzer euch aus dem Wust der hunderttausend anderen Bands, die ebenfalls spielen wollen, herauspickt. Um ihm überhaupt zu zeigen, wer ihr seid, braucht ihr folgende Sachen:

1.) Eine gut gemachte Bandwebsite

Diese Seite ist das Aushängeschild für eure Newcomerband. Wenn der Promoter überhaupt auf eure Site klickt, bleiben euch maximal 10 Sekunden, die das Interesse des Promoters wecken müssen. Wenn hier der erste Eindruck Mist ist, habt ihr schon verloren. Billiges Hobby-Programming mit fehlerhaften Links schießt euch sofort in die falsche Liga. Mehrere tausend Euro für eine High-End-Website zu investieren, die zudem nur noch vom Programmierer verändert werden kann (z.B. Updates bei den Show-Terminen), ist aber ebenso kontraproduktiv.

Als guten Mittelweg empfehle ich Plattformen wie z.B. Reverbnation, die ausschließlich auf das Vermarkten von Bands ausgelegt sind. Die URLs sind zwar Schrott, aber die optische Aufteilung ist gut und liefert alles, was einen Promoter interessiert, womit wir auch schon beim zweiten Punkt sind.

2.) Demo

Um einem weit verbreiteten Denkfehler vorzubeugen, die Qualität eines Demos ist sehr wichtig, aber es sollte ein Demo bleiben. Eine fertige Albumproduktion, womöglich noch mit Blubber-Intro oder ähnlichem Blödsinn nervt nur und schießt euch von der Liste. Drei Songs reichen im Normalfall aus und auch in diese Songs wird der Promoter maximal bis zum ersten Chorus reinhören. Ich weiß, alle Gitarristen werden jetzt wieder weinen, aber letztendlich zählt leider nur der Gesang. Im Normalfall bedeutet es, dass sobald der Gesang einsetzt, innerhalb von Sekunden entschieden wird, ob man den Song weiter hört oder ob man auch schon wieder weg vom Fenster ist. Ich weiß, tut weh, aber man kann nichts machen.

3.) Fotos

Der nächste Fehler kommt bestimmt. Ja, ein iPhone kann tolle Fotos machen und ja, die Freundin hat ein gutes Gespür für den Gesichtsausdruck, aber ein professioneller Musik!!!-Fotograf ist nicht zu ersetzen. Ein Hochzeitsfoto-Willi wird euch natürlich niemals ins rechte Licht rücken, aber ein guter Mann hört sich eure Musik an, schlägt Locations vor und erarbeitet ein Konzept, was zu eurer Musik passt. Und vor allem, er ist gut im Post-Editing, der Nachbearbeitung, welche heutzutage (leider) auch schon Standard ist.

4.) Info

Ein sehr wichtiger Punkt, der alles zerstören kann, was man im Vorfeld mühsam aufgebaut hat. Versetzt euch immer in die Situation des Veranstalters, was will der wissen. Bestimmt nicht, ob man  schon im Sandkasten miteinander Förmchen gepresst hat, sondern Sachen die man vermarkten kann. Hat man schon mit anderen Künstlern gearbeitet, warum macht man genau diese Musik, gibt es Besonderheiten, die sonst niemand macht, an wen wendet sich die Musik etc.

So merkwürdig es klingt, damit hat es sich eigentlich schon. Wenn es ein gutes Video von euch gibt, was über eine SEHR gute Live-Tonspur verfügt, ist dies sehr hilfreich, da sich der Promoter direkt ein Bild von eurem Auftreten machen kann. Verzerrte Handy-Videos hingegen entwerten eure Musik nur und lassen euch einfach nur übel aussehen. Weg damit.

Kontaktaufnahme

Die meisten Veranstalter bevorzugen die E-Mail als erste Kontaktaufnahme der Newcomerband. Zeigt der Veranstalter Interesse, wird es irgendwann auf die telefonische Ebene wechseln. Dies bedeutet aber auch, dass ihr zunächst im Pool der knapp 30 E-Mail-Mitbewerber landet, die im Durchschnitt täglich! bei einem Local Promoter landen. Hier gilt es zunächst dem Spamfilter zu entrinnen, d.h. keine Fotos im Attachment und NIEMALS MP3s mitschicken. Ein kurzes Anschreiben wer ihr seid, was ihr wollt mit einem Link zu eurer Website, das genügt. Am besten Plain Text wählen und keine aufwändigen HTML Schriften, je nach PC Typ kommt beim Promoter sonst nur Buchstabenmüll an. Wenn ihr gutes Promomaterial im Netz habt, z.B. ein Video von einem fetten Auftritt auf YouTube, auch hier den Link einbetten, fertig. Alles Weitere ist sinnlos und versperrt nur die Sicht auf das Wesentliche.

Auch wenn es weh tut, 95% der Veranstalter werden sich bei Erstkontakt nicht zurück melden. Teilweise weil ihr ihnen nicht gefallt und sie keine Lust haben das auszuformulieren, teilweise weil sie arrogant sind (selten, aber leider auch vorhanden) größtenteils aber, weil sie dann 30x pro Tag eine separate E-Mail schreiben müssten. Hier darf man nicht einknicken, sondern sollte beim Promoter nach ca. 2 Wochen noch mal freundlich nachhaken. Wenn er dann immer noch nicht antwortet, hat er sehr wahrscheinlich keine Interesse an euch, an dem es dann auch nichts mehr zu rütteln gibt. Wöchentliches Nachfragen nervt nur und bringt für beide Seiten faktisch nichts. Im Allgemeinen setzt sich die 5 Prozent Regel durch, d.h. nur 5 Prozent der Veranstalter antworten, von denen es dann bei wiederum ca. 5 Prozent zu einer Show kommt.

Das bedeutet, dass man bei „Kalt-Aquise“ (keine vorherige Verbindung) ca. 200 Veranstalter anschreiben muss, um eine Show zusammen zu bekommen. Das ganze gilt auch für Facebook Einladungen, um 100 zahlende Gäste zu bekommen, musst du ca. 4000 Freunde einladen. Im Vorfeld sagen zwar alle immer zu, aber am Abend selber hat dann doch jeder schon etwas anderes vor.

Jetzt aber!

OK, ein Veranstalter bekundet Interesse für die Newcomerband! Für eine Show, bei der sich beide Parteien auf die Show freuen, gilt es vor allem darum, dem Veranstalter seine Ängste bzgl. der wirtschaftlichen Misere zu nehmen. Um aber nicht selber ein großes Loch in die Bandkasse zu reißen, gehören die sogenannten Prozente-Deals zum festen Bestandteil aller kleinen Bands. Diese variieren von 50:50 bis hin zu 80 (Band) : 20 (Promoter) des Eintrittspreises. Einige Veranstalter legen noch eine kleine Garantie für die Spritkosten drauf, das ist es aber dann auch schon in den meisten Fällen. Natürlich gibt es noch weitere Eigenarten wie „wer macht die Kasse“, aber das würde den Rahmen sprengen.

Auch wenn es hart ist, das Los einer Newcomerband mit eigenen Songs ist es, einige Jahre ohne jedes finanzielles Einkommen der Band arbeiten zu müssen. Die paar Euro, welche an Gage gezahlt oder beim Prozentedeal abfallen, werden unmittelbar von Benzin, Reparatur KFZ, Proberaummiete, Gitarrensaiten, Drumsticks etc. aufgefressen. Erst wenn ihr eine feste Fangemeinde aufgebaut habt, die zu jeder Show kommt und ihr dem Veranstalter garantieren könnt, dass die Zahl X an Fans kommen wird, wendet sich das Blatt.

Bleiben noch die Punkte Technik (P.A. – F.O.H. etc.) und Übernachtung, die es auszuhandeln gilt. Auch hier könnte man jeweils einen eigenen Bericht schreiben, aber wir wollen zu Anfang nicht zu sehr ins Detail gehen. Zunächst reicht es aus, möglichst viel Erfahrung auf den Bühnen zu sammeln und wenn möglich, die Kosten durch die Einnahmen zu deckeln. Wer das schafft und nicht vorher demoralisiert aufgibt, hat schon den ersten Fuß in der Tür des Rock-Biz ;-)

Wir wünschen viel Erfolg und noch viel mehr Durchhaltevermögen. Ach ja, bzgl. der 5-Prozent-Regel, auch nur ca. 5 Prozent aller Bands halten länger als 2-3 Jahre durch und geben nicht vorher entmutigt auf …

Forum
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    A.Vogel  AHU

    Sehr guter Bericht mit einem merklich vorhandenen Erfahrungshintergrund.
    Zum Glück sind viele junge Musiker
    a) primär musikgetrieben und nicht direkt auf das Ziel „Rockstar“ aus, und
    b) häufig auch robust mit ordentlichen Nehmerqualitäten.
    Wäre auch ansonsten sehr schade, wenn sich eine Band ausschließlich auf Basis eines Businessplans in die Welt hinaus trauen.
    Aber ein gehöriges Maß an Realitätssinn ist schon vonnöten, um mittel- und langfristig auch noch Spaß an der Musik zu haben. Selbstverständlich gibt es die bekannten Ausnahmen, die es nur über ihren Youtube-Kanal zu weltweitem Ruhm schaffen, aber unabhängig davon, wie wahr diese Geschichten im Einzelnen sind: Es sind Ausnahmen, und zwar im selben Bereich wie der berühmte 6er im Lotto.
    Wer ausschließlich (viel) Geld verdienen will, sollte andere Karrierewege einschlagen.
    Im Übrigen gilt das nicht nur für Musiker, ebenso für Schriftsteller, bildende Künstler, etc.. Idealismus, materielle Bescheidenheit und Liebe zur eigenen Kunst sind die echten Trigger.

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    TZTH  

    Sehr guter & notwendiger Artikel. Das betrifft nicht nur den Rockmusiker, sondern grundsätzlich alle die live präsentieren wollen. Nach dem ersten Schock weiss man woher der Wind weht & kann dann die richtige Schritte unternehmen. Es hat schon einen Grund warum Leute wie Daniel Miller (Mute) nur Leute „signen“ die bewiesen haben, dass sie auch im Live Umfeld nicht einknicken, sondern bestehen, ihre Musik beharrlich weiterverfolgen und das durchaus über mehrere Jahre & Releases.

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    Coin  AHU

    Hallo Leute,
    ich glaube es war Skrillex der sowas gesagt hat wie: „nur Künstler die Live überzeugen können, können erfolgreich werden“.
    Ich denke es geht um die „Vorzeigbarkeit“.
    Denn wenn man Ruhm erlangt ist man schnell für manche ein Idol.
    Steve Lillywhite sagte 2016 auch in einem Vortrag im Abbey Roads Studio in Berlin: „Nicht der Song ist entscheident für den Erfolg, sondern der Künstler“
    Es ist doch so, dass es einfach nicht gut ankommt, wenn man drogenabhängig ist und/oder kein gepflegtes Aussehen hat, weil die Zähne fehlen z.B.
    Ich selbst hatte in meiner Karriere 3 Liveauftritte, ohne Gage und ohne Erfolg.

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      Everpure  

      Naja, der Song hat mit Sicherheit auch Einfluss darauf, wie „sustainable“ so ein „Erfolg“ sein kann. Die Kombination macht es wohl eher, als nur die Einzelkomponenten. Aber Vorzeigbarkeit ist ganz sicher ein sehr wesentlicher Faktor, wenn man sich und seine Band live vor Publikum zeigen will. :)

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        Coin  AHU

        Hehe „sustainable“ …schönes Wort.
        Ja die Kombination muss stimmen,
        sozusagen das Gesamtpaket.
        Sobald einer der beiden Faktoren nicht stimmt,
        hat man schon schlechtere Chancen.
        PS: Kritikfähigkeit, Objektivität und Toleranz sind auch vom Vorteil, um die eigenen Chancen sowie die Qualität der eigenen und fremder Musik beurteilen zu können.

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          Everpure  

          Lustig, mir ist die Doppelbedeutung von „sustainable“ im Musikkontext gar nicht aufgefallen. Ich lebe offensichtlich schon zu lange nicht mehr in Deutschland… Mir ist nämlich nicht das richtige deutsche Wort eingefallen. Aber das allwissende Internet hilft: nachhaltig, tragfähig, zukunftsfähig wären die Begriffe gewesen… Und jetzt schön die Nerdbrille wieder absetzen und an den Songs weiterarbeiten!

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      TobyB  RED

      Hallo Coin,

      die Popgeschichte ist voll von Leuten auf Drogen, ohne Zähne. Oder schlicht die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Ich greif mal die Pogues raus. Mir persönlich ist die Optik sekundär, klar sie hilft. Aber entscheidend ist die Performance und die Glaubwürdigkeit des Künstlers als Mensch. Und dann ist das auch egal ob du vor einem Gast oder 1k Gästen spielt. Und wenn ich mich recht erinnere hat Lillywhite die Pogues und The Libertines (Doherty) produziert. Ich habe schon UB40, Status Quo, Trevor Burton und andere in kleinen englischen Pubs spielen sehen und das waren wesentlich bessere Konzerte, als z.b. eine Hochglanzpop Veranstaltung wie DM im Waldstadion. Nix gegen DM.

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        Coin  AHU

        Hallo Toby,
        puh die Pogues sind echt gruselig.
        Kannte ich bisher nicht.
        Die Sexpistols dagegen schon ;)
        Ist halt von mir eine subjektiv geprägte Aussage gewesen, weil ich neben iNet hauptsächlich Mainstreamfernsehen konsumiere.
        Und da kommen unvorteilhafte Attribute meist blos
        bei Bösewichten vor.
        (für VA´s fühle ich mich zu alt)
        Tja, viele nehmen Drogen, ja.
        Aber das wird größtenteils verschwiegen,
        weil das gibt ja ein negatives Bild und ist nichts
        auf das man stolz sein kann.
        Besonders Kinder müssen davor geschützt werden.
        Deswegen denke ich, ist ein positives Image
        in dem Business vom Vorteil.
        (auch wenn es nur vorgetäuscht wird)
        Schöne Grüße :)

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          TobyB  RED

          Hallo Coin,

          die Pogues sind 80er aber nicht gruselig ;-) Shane Mac Gowan ist der Patron Saint Of Fuckups. Ich mag die Pogues. Hab alle Vinyls. Aber ich war früher Zillo Leser. Zu Lillywhite, Augen auf bei der Berufswahl. Ein Producer ist nun mal auch Nanny. In UK hatte und hat Popkultur andere Wurzeln. Zum einen, früher selbst während der Thatcher Ära war das Studium an Art Colleges kostenlos. Zum anderen wird Kultur in UK nicht öffentlich subventioniert. Insofern geht Geld verdienen dort anders. Als ich dort in UK war, hatte man entweder eine Band or nothing. Die in einer Band haben, wenn sie aus der Off Szene kamen unter der Woche geprobt und sind am Freitag bis Sonntag durch die Paubs gezogen und hatten Gigs. Was in UK wirklich hartes Brot ist, das Publikum ist selten unter 1 Promille und die Erwartungshaltung ist hoch. Und der Kontakt zum Publikum ist hautnah. Wenn du das durchstehst, Chapeau. Ich hab einige coole harte Jungs gesehen, die ihre Gigs abbrachen.

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    lightman  AHU

    Mit diesem Booking-Mist bin ich manchmal ganz schön auf dem Allerwertesten gelandet. Kaum zu glauben, in was für Etablissements man da zum Teil geschickt wurde… gebracht hat es auch nichts, aber das muß nicht zwingend immer so sein, ich war und bin halt zu vielen Dingen nicht kompatibel (und auch kein Rockstar, sondern elektronischer Krachmacher und Tanzanreger). Man muß sich halt überlegen, was man machen und wie weit man mit der Prostitution gehen will, solange man sich morgens noch im Spiegel anschauen kann, ist alles okay. Musik zu machen war und ist alles, was mich bezüglich meiner künstlerischen Betätigung interessiert, der Rest war mir nie wichtig, demzufolge hat man mich zum Teil nach Strich und Faden ausgenutzt und mit aberwitzigen Gagen bzw. „Sachwertbezahlung“ abgespeist. Anfangs hat mich das nicht sonderlich gejuckt, aber irgendwann geht einem das schon unter die Haut, letztlich wird man oft wie ’ne Jukebox behandelt, die auf Knopfdruck gefällige Liedchen zum Besten zu geben hat. Tut man das nicht, ist man schnell raus aus der Nummer, den Beteuerungen diverser Agenturen, Labels, usw. zum Trotz, sie würden sich vornehmlich um musikalische Qualitäten bemühen. Ich möchte das nicht als Grundsatzrede verstanden wissen, eher als Anregung, genau hinzuschauen, mit wem man sich einläßt, und sich nicht zu sehr zu verbiegen, denn am Ende hilft das auch nix, wenn die Chemie nicht stimmt.

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      TobyB  RED

      Hallo Lightman,

      wenn ich es nicht selber schon erlebt hätte, würde ich sagen, du schreibst über den aktuellen Zustand der ETM(EDM) ;-) Ich für meinen Teil betrachte das Biz zwar etwas nüchtern was aber nicht heißt das ich unter kaufmännischen Gesichtspunkten alles gut finde. Und unter menschlichen noch weniger. Ich mein ich muss mir die Hornochsentour nicht geben, das ist schon mal okay. Andererseits möchte man ja doch mal auftreten und Live spielen. Wenn dann ein Veranstalter fragt, ob man nicht auch auflegen könnte oder Playback, fragt man sich obs noch geht ;-) Und die Verträge sind manchmal einfach nur zu geil ;-)

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        lightman  AHU

        Vollplayback-Anfragen hatte ich einige Male, besonders als meine ersten anderthalb Platten rausgekommen waren (der erste Release war auf der B-Seite einer EP) und diverse Veranstalter unbedingt Track soundso genau wie auf Platte im Liveset haben wollten. Ich hab das genau einmal für einen Track gemacht, indem ich ihn mit dem Sampler rekonstruierte und dann halt abspulte, aber das ist mir deart gegen den Strich gegangen, daß ich mir schwor: Nie wieder Konserve. Live heißt für mich Equipment aufbauen, Sequenzer an, und dann schauen wir mal, was passiert, alles andere ist Reproduktion, auf was ich nur bedingt stehe. Demzufolge wurde ich beim Booking eher gemieden, nur eine kleine Handvoll Clubs und Veranstaltungen wollten sich darauf einlassen. Finanziell hatte ich nicht viel von den Schaustellerjahren, ich war meist schon froh, wenn ich die Drinks nicht selbst bezahlen mußte. Hat insgesamt trotzdem Spaß gemacht, und wenn die Leute so richtig abgehen, sind die schlechten Vibrations durch die Rahmenbedingungen schnell vergessen. Die Mühle würde ich mir aber nicht nochmal geben.

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    costello  RED

    Sehr guter Artikel! Es ist nur tröstlich zu wissen, dass da buchstäblich jede Band durch muss. Habe gerade die Autobiographie von Phil Collins gelesen und der beschreibt recht anschaulich, wie Genesis in klapprigen Autos Stunden unterwegs war, um dann in irgendwelchen Käffern vor vielleicht 10 Leuten zu spielen. Eine solide Fanbasis fällt halt nicht vom Himmel.

  6. Profilbild
    Franz Walsch  AHU

    Sehr guter Artikel. Bis auf den Internet-Teil hat sich die letzten dreißig Jahre in dem Bereich nichts geändert. Ich nenne das »Lehrgeld« und gehört dazu. Aber es hat auch seine guten Seiten, denn es schweisst eine Band zusammen. Außerdem sollte man die ersten zweihundert Auftritte als bezahlte Übungsstunden sehen und nur aufpassen nicht zuviel drauf zu zahlen. Außerdem lernt man gut mit Stress und den unerfreulichen technischen Problemen klar zu kommen. Man lernt dabei viele Leute kennen, die einem später noch weiterhelfen. Wer sich dem nicht stellen mag, wird es auch nicht nach oben schaffen.

  7. Profilbild
    Franz Walsch  AHU

    Bei dem Artikel wurde nur der steuerliche Aspekt vergessen. Gerade dieser kann einer Band sehr schnell das Genick brechen und man sollte vorher wissen was auf eine Band zukommt. Es wäre schön auch »hier« einmal etwas zu dieser Problematik zu lesen.

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