Workshop E-Gitarre: DIY Distortion Stompbox

10. Juni 2009

DIY Stompbox

Workshop E-Gitarre: Bretter, die die Welt bedeuten

Multieffekt hin oder her – nichts geht über ein üppiges Pedal-Board zu unseren Füßen. Fast jeder Gitarrist nennt ein oder mehrere Bodeneffektgeräte sein eigen. Und das Angebot ist riesig, von billigen Chinateilen bis zu edlen Boutique-Geräten, handwired in USA. Erstere sind mitunter schlecht verarbeitet, letztere tendenziell unbezahlbar.
Da liegt es nahe, selbst Hand anzulegen und sich ein eigenes „Custom“-Pedal zusammenzulöten. Der DIY-Trend ist aus den USA auch zu uns herüber geschwappt, und es existieren einige Anbieter für Selbstbau-Effekte und -Amps. Im heutigen Workshop möchte ich interessierten Bastlern ein paar Infos mit auf den Weg geben.

-- Vorbild: Edelbox von Fulltone --

— Vorbild: Edelbox von Fulltone —

Je nach Elektronik-Kenntnissen kann sich jeder eine geeignete Schaltung im Netz zusammensuchen. Es gibt diverse Seiten und Foren, die bisweilen sehr ins Detail gehen, was Schaltungen und Bauteile betrifft. So kann der Austausch einzelner Transistoren oder ICs auch bei Geräten von der Stange Wunder wirken. Die in den Sechzigern üblichen Germanium-Halbleiter werden heute nur noch in den edlen Pedalen verbaut – unter den Selbstbauern gehören sie aber ebenfalls noch zur Standard-Ausstattung.

Doch warum gleich auf der Nerd-Schiene einsteigen – es geht auch einfacher. Auch hierzulande gibt es fertige Kits mit allen nötigen Bauteilen zu kaufen. Overdrive- und Distortion-Schaltungen bekommt man mit Gehäuse schon um die dreißig Euro. Es gibt aber noch etliche weitere Möglichkeiten, klassische oder modifizierte Schaltungen selbst zu realisieren. Die günstigste, aber auch aufwändigste Variante wäre, sich einen Schaltplan etwa von generalguitargadgets.com zu besorgen, die Bauteile einzeln zu kaufen und die Schaltung statt auf einer vorgeätzten Leiterplatte auf einer Streifenplatine zusammenzustellen. Für Anfänger ist dieser Weg nicht empfehlenswert, aber nach ein-zwei Bausätzen ist auch das kein Problem mehr.

-- Level 2: ein Fuzz Factory Klon --

— Level 2: ein Fuzz Factory Klon —

 

Tutorial E-Gitarre: Anforderungen

Bei einfachen Bodeneffekt-Kits können auch Neulinge relativ wenig falsch machen. Da die Geräte beinahe durch die Bank mit 9V-Batterien getestet werden können, treten hier in der Regel keine lebensgefährlichen Spannungen auf. Wesentlich heikler sind Bausätze, in denen Röhren zum Einsatz kommen, seien es Preamps oder komplette Verstärker. Hier sollten sich nur erfahrene Elektroniker heranwagen. Für diesen Workshop reicht es, wenn einige Standard-Werkzeug zur Verfügung stehen, ihr bestenfalls schon einmal eine Einweisung ins Löten bekommen habt (z.B. die beliebte Lichtschranke aus dem Physik-Unterricht) und ansonsten nicht gerade zwei linke Hände besitzt.

Workshop E-Gitarre: Auswahl und Vorbereitung

Die Auswahl an einfachen Tretern ist relativ groß, und es ist vom sanften Booster bis zum sägenden Fuzz alles dabei, was das Musiker-Herz begehrt. Die Qual der Wahl beim ersten Selbstbau-Projekt überlasse ich euch, die folgenden Infos sind relativ allgemein gehalten, lediglich die Fotos stammen von einem bestimmten Kit, dem Plus von Musikding. Der Name ist hier Programm – das Kästchen ist  ein Klon des legendären MXR Distortion+. Die Schaltung wurde wie bei den meisten Selbstbau-Kits leicht modifiziert, sicher auch, um rechtlich im grünen Bereich zu bleiben.

Wichtig ist in jedem Fall die Wahl der Chassis-Größe. Wer sich nicht mit Platzproblemen herumärgern möchte, sollte auch bei kleinen Platinen mit wenigen Potis ein größeres Gehäuse benutzen als das jeweilige Originalgerät. Diese sehen zwar häufig sehr spartanisch aus, aber die meisten Hersteller haben viel Zeit in das Design ihrer kleinen Lieblinge gesteckt und arbeiten mit Potis und Buchsen, die fest mit der Platine verbunden sind. Das spart Platz und ermöglicht wesentlich kompaktere Geräte. Wer mal eine Z.VEX Fuzz Factory von innen gesehen hat, weiß wovon ich spreche. Das Innenleben der Nachbauten wirkt dagegen fast schon grobschlächtig – ist dafür aber auch hand- und selbst gemacht.

-- Kleinvieh macht auch Mist: die Bauteile --

— Kleinvieh macht auch Mist: die Bauteile —

Beim Auspacken der Einzelteile sieht alles erst einmal ganz harmlos aus. Ist es eigentlich auch. Ein Distortion-Effekt besteht schließlich nur aus einigen Widerständen, Dioden und Kondensatoren, und es gibt eine Step-by-Step-Anleitung im Netz. Trotzdem ist Ordnung, Konzentration und ein bisschen Vorsicht geboten. Zunächst sollte man für einen freien, sauberen und hellen Arbeitsplatz sorgen. Alle nötigen Werkzeuge sollten greifbar sein. Fürs Erste genügt hier ein Fein(!)lötkolben oder besser eine richtige Lötstation, ein Seitenschneider und eine Pinzette. Bevor es nun richtig losgeht, ist es immer hilfreich, die komplette Anleitung einmal durchzulesen und- ganz wichtig- zu verstehen.

Workshop E-Gitarre: Schaltung löten

Während der Lötkolben vorheizt, kann mit dem Bestücken der Platine begonnen werden. Am einfachsten geht das Löten von der Hand, wenn zuerst flache Teile wie Widerstände und Dioden verbaut werden. Nach dem Entfernen der überstehenden Drähte mit dem Seitenschneider werden Kondensatoren und IC-Halter gelötet. Um kein Bauteil zu beschädigen, darf die Lötspitze immer nur kurz zum Erhitzen an die Lötstelle herangeführt werden. Besonders empfindliche Teile wie ICs dürfen immer erst nach dem Anlöten der jeweiligen Halterung eingesetzt werden. Sind alle Komponenten verlötet und die restlichen Drähte entfernt, solltet ihr alles noch einmal auf seine Richtigkeit überprüfen. Mögliche Fehlerquellen sind vergessene, kalte oder generell schlechte Lötstellen, bei billigen Platinen abgelöste oder durchtrennte Leiterbahnen und verpolte Bauteile.

-- Geordnetes Chaos: Innenleben des PLUS --

— Geordnetes Chaos: Innenleben des PLUS —

Der Einfachheit halber können auch die restlichen Bauteile für einen ersten Test komplett außerhalb des Gehäuses verdrahtet werden. Die Pläne dafür sind den Kits entweder beigelegt oder stehen zum Download bereit. Im Falle des Plus-Kits muss für den Einbau ins Gehäuse nur die 9V-Buchse noch einmal neu verlötet werden. Alles nochmals überprüft und für OK befunden? Dann Batterie ran, Gitarre und Amp ran, Footswitch drücken und testrocken! Weiche Distortion mit ordentlich Fuzz-Anteilen ab ein Uhr? Dann habt ihr richtig gebastelt. Teilweise gibt es in den Schaltplänen Angaben zu den jeweils abfallenden Spannungen, so dass Geübtere die Schaltung auch nachmessen können. In der Regel lassen sich Fehler bei den einfachen Bausätzen aber durch schlichtes Kontrollieren finden. Doch nun auf zum „kreativen“ Teil …

Workshop E-Gitarre: Metallarbeiten

Manche Bausätze werden mit vorgebohrtem Gehäuse angeboten, was sich natürlich im Preis niederschlägt. Unser Beispiel-Kit erfordert einige Bohrarbeiten, und die sind nicht zu unterschätzen. Im Notfall können die gängigen Alugehäuse in einen Schraubstock eingespannt und mit einem Akkuschrauber und den passenden Metallbohrern „durchlöchert“ werden. Das macht nicht all zu viel Spaß und ist nicht sonderlich professionell. Solltet ihr Zugang zu einer Schlosserwerkstatt mit einer Tischbohrmaschine haben, nutzt die Gelegenheit. Wichtig beim Bohren von Metall ist eine geringe Drehzahl und wenig Druck – das Aluminium wird vom Bohrer eher herausgeschabt als durchbrochen. Und: Schutzbrille ist wegen der Metallspäne Pflicht! Wer sich für ein kleines Gehäuse entschieden hat, sollte vor dem Bohren genau ausprobieren, wie und an welcher Stelle die Komponenten verbaut werden sollen bzw. müssen, damit alles Platz hat. Wer keinen Batterieanschluss benötigt, ist fein raus, das spart Fläche. Wenn die Positionen der Löcher feststehen (Musikding bietet hierzu auch Bohrvorlagen zum Download), müssen diese angezeichnet und mit einem Körner markiert werden, damit der Bohrer nicht abrutschen kann. Die Bohrungen sollten allesamt mit Schleifpapier oder einer Feile entgratet werden.

-- rohes, abgeschliffenes und lackiertes Chassis --

— rohes, abgeschliffenes und lackiertes Chassis —

 

Tutorials E-Gitarre: Lackierung

Wer möchte kann diesen Schritt überspringen, aber was so ein richtiges Custom-Pedal sein will, braucht auch ein vernünftiges Outfit. Benötigt wird mindestens ein (farbiger) Acryl-Lack in der Sprühdose, schönere Ergebnisse erhält man bei vorherigem Anschleifen des Gehäuses mit feinem Schleifpapier (220er Körnung) und Grundierung mit Alugrund. Bei allen Lackierarbeiten ist eine gute Belüftung nötig. Der Lack sollte bestenfalls in mehreren dünnen Schichten aufgetragen werden, damit keine Tropfnasen entstehen. In der Regel dauert es nun 12-24 Stunden, bis die Farbe komplett getrocknet ist. Die Krönung des Gehäuse-Designs ist schließlich das Aufbringen eines eigenen Drucks mit einer Decal-Folie aus dem Modellbau. Diese Folie ist direkt in den Effekt-Shops oder bei Ebay erhältlich und kann mit normalen Tintenstrahl- oder Laserdruckern beschriftet werden. Teilweise gibt es Vorlagen im .pdf Format im Netz, eigene Designs können aber auch sehr leicht in einem Grafikprogramm erstellt werden. Die Decal-Folie wird wie normales Fotopapier bedruckt und nach dem Trocknen der Tinte mit zwei dünnen Schichten Klarlack versiegelt, der auch etwa 12 Stunden trocknen muss. Dann werden die einzelnen Elemente ausgeschnitten und jeweils einzeln in ein lauwarmes Wasserbad gelegt. Nach kurzer Zeit lässt sich die Folie auf dem Trägerpapier verschieben. Jetzt können die Decals auf das angefeuchtete Pedal-Gehäuse geschoben und dort positioniert werden. Dies erfordert etwas Übung – ich empfehle dringend, mehrere Folien vorzubereiten, falls es nicht gleich klappt. Mit einem Wattepad müssen zum Schluss noch Wasser- und Luftbläschen beseitigt werden. Dann heißt es noch einmal zwei bis vier Stunden warten, bis alles trocken ist. Den letzten Schliff bekommt das Chassis mit einer edlen Klarlackschicht. Trocknen lassen und fertig.

Workshop E-Gitarre: Einbau ins Gehäuse

Wer alles schon außerhalb verdrahtet hat, könnte nun etwas Probleme mit den vielen langen Litzen haben (siehe Foto). Diese bändigt man am besten mit kleinen Kabelbindern. Natürlich kann das Ganze zugunsten optimaler Kabelführung auch im Gehäuse endverlötet werden. In diesem Fall sollten Potis und Buchsen vorverdrahtet und die Kabel erst zum Schluss an die Platine gelötet werden. Noch ein wichtiger Tipp zum Einbau: Die störenden kleinen Führungsnasen an den Potentiometern bricht man übrigens ganz einfach mit einer Flachzange ab. Nun sollte alles noch einmal auf Kurzschlüsse überprüft werden. Alles klar? Dann den Deckel drauf und fertig ist die erste eigene Stompbox. Viel Spaß beim Nachmachen – Fragen beantworte ich gerne per Kommentar!

-- des Heimwerkers Stolz: das komplettierte DistortionPLUS- Pedal --

— des Heimwerkers Stolz: das komplettierte DistortionPLUS- Pedal —

Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Toller Artikel. Der macht Mut. Danke sehr. (Gehe jetzt einen Schaltplan für einen Phaser suchen und wärme schon mal den Kolben vor … ;-)

  2. Profilbild
    ganter3000

    ein, zwei Soundsamples vom DistortionPLUS- Pedal wären sehr schön hewesen. Dennoch ein klasse Beitrach!

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    Markus Schroeder  RED

    Hach, da geht einem das DIY Herz auf.

    Es gibt soviel schöne DIY Sachen, wie den Gristlizer-Nachbau von Throbbing Gristle um beim Thema zu bleiben ( matrixsynth.blogspot.com )

    Toller Bericht!

  4. Profilbild
    Bolle  RED

    Schöner Artikel, hast mich grad mal ein wenig angefixt :)
    Ich hab in meinem DJ Setup nen Eventide Time Factor, allerdings auch einen TCelectronics Hall, mit dem ich nicht so zufrieden bin…vielleicht bau ich mir mal selbst etwas.

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