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Workshop: E-Gitarren Recording – die Grundlagen

5. Februar 2018

Von kratzig und beißend bis muffig und vermatscht!

Es gibt Themen, die sind so umfangreich, dass man entweder ein ganzes Buch darüber schreiben könnte oder aber man läuft in einem regulären Artikel aufgrund der reduzierten Wortzahl ständig Gefahr, ins Klo zu greifen. Ein ganz heißes Eisen ist zum Beispiel der Bereich E-Gitarren Recording. Warum, werden sich viele fragen. Warum sollte das Aufnehmen von cleanen, crunchigen und High-Gain-Sounds schwieriger sein als beispielsweise die Aufnahme eines E-Basses? Gitarre in die DAW rein, Amp Modul auswählen … und genau da beginnt bereits der lange Weg des Leidens. Aber immer schön der Reihe nach.

Vorbemerkungen

Kein anderes Instrument, ja nicht mal der Gesang, kann in der Kombination mit einem Mikrofon so unterschiedliche Frequenzspektren bedienen wie eine verzerrte E-Gitarre. Der Grund ist der Tatsache geschuldet, dass der Klang der E-Gitarre sich seit Dekaden nicht nur aus dem Instrument an sich, sondern in der Kombination Instrument – Kabel – Pedalen – Verstärker – Box – Lautsprecher – Mikrofon zusammensetzt. Hält man sich nun die große Vielfalt der genannten einzelnen Komponenten vor Augen, steigt die theoretische Klangvielfalt ins Astronomische. Und dabei sind die Räumlichkeiten während der Aufnahmen nicht einmal mit berücksichtigt.

Allerdings kann nur in diesem Aufbau der Klang einer E-Gitarre in der Form aufgefangen werden, wie sie der Empfindung unseres Gehörs am nächsten kommt. „Aber das kann man doch heute viel einfacher haben, ich habe da so eine Simulation an meinem Multi-FX-Pedal …“

Hierzu ein paar subjektive Kommentare

Auch wenn sich in Sachen Speaker-Simulation in den letzten Jahren sehr viel getan hat und die Qualität der Emulationen immer besser wurde, es handelt sich nach wie vor lediglich um das Nachempfinden eines analogen Aufbaus mit all seinen Interaktionen. Es gibt KEINEN (für das Wort gibt es wieder Haue …) Modeling Amp, der bei perfekter Mikrofonierung im direkten Vergleich zu dem nachempfunden Verstärker die gleiche Qualität liefern kann! Basta!

Der einzige Verstärker, der den Klang eines Verstärkers 1:1 reproduzieren kann, ist der Kemper Amp. Aber auch nur deshalb, weil er eigentlich kein Verstärker, sondern eher ein Sampler ist. Es kann EINEN perfekten Sound des Originals abspeichern, wenn man aber an der Klangregelung oder Ähnlichem dreht, entfernt er sich bereits wieder vom Original. Alle anderen Modeling-Amps ziehen ihre Qualität daraus, dass sie dem Original so nah wie möglich kommen, aber erreichen werden sie den Originalsound wohl nie.

Damit man mich nicht falsch versteht, Aufnahmen direkt ins Pult oder live direkt in die P.A. haben durchaus ihre Vorteile. Es geht schnell, je nach Qualität der Algorithmen sind die Ergebnisse ordentlich und im High-Gain-Bereich kann man ab einem bestimmten Verzerrungsgrad gerade bei einem hektischen Festivalbetrieb durchaus gute Ergebnisse erzielen. Dass im Publikum zumeist niemand den Unterschied überhaupt erkennt, ist allerdings noch mal eine ganz andere Sache.

Im Übrigen, die schlechtesten Emulationen befinden sich nach wie vor in der Plug-in Library von Logic: Wer richtig leiden will, sollte einmal versuchen, mit diesem Handwerkszeug einen hochwertigen Sound zu erzeugen.

Ein paar Basics vorab

OK, kommen wir nach dem ganzen „Oktruierungsgefasel“ zu der eigentlichen Aufnahme. Wir gehen einmal davon aus, dass du deinen Traumsound, in welcher Kombination auch immer, gefunden hast. Nun möchtest du ihn konservieren, sei es als Riff für kommende Songwriting Sessions oder aber der Song steht schon und verlangt nach dem passenden Gitarrensound. Um es direkt vorneweg zu sagen, lass dich nicht verwirren, wenn du deinen Gitarrensound das erste Mal aus den Monitorboxen hörst. Den Klang, den du von deinem Verstärker wahrnimmst, ist ein völlig anderer als der, den das Mikrofon empfängt. Überlege mal, wo sich deine Ohren befinden und wo das Mikrofon steht. Man kann zwar das Mikrofon in Ohrhöhe positionieren, was aber zur Folge hat, dass du alle Raumklänge mit aufnimmst, die sich im Nachhinein als störend entpuppen können.

Da man hingegen Raumklanginformationen (Reverb, Delay) im Nachhinein deutlich besser hinzufügen kann als bereits vorhandene zu entfernen, hat es sich auf der Bühne und zu einem Großteil auch im Studio etabliert, den Gitarrenklang in einer Close-Mic-Position, sprich nahe am Lautsprecher aufzunehmen. Dabei erhalten zwei Faktoren eine ganz besondere Wertigkeit. Die Rede ist vom Lautsprecher und dem davor positionierten Mikrofon.

Analyser Dynamisches Mikrofon - Membranrand

— Analyzer Dynamisches Mikrofon – Membranrand —

Hier tun sich wahrlich Welten auf. Ohne Übertreibung, verschiebt man das Mikrofon auch nur um einen Zentimeter zur Seite, verändert sich der Klang immens. Der eben noch gut definierte, vergleichsweise warme Klang ist vielleicht plötzlich scharf und spitz. Was ist passiert? Das Mikrofon wurde wahrscheinlich Richtung Kalotte verschoben. Allein über diesen Bereich könnte man schon wieder Bücher schreiben, siehe oben, daher möchte ich mich wirklich nur auf die absoluten Basics beschränken, mit denen man allerdings in der Praxis schon recht weit kommt. Auch der Bereich Preamp, Verkabelung und Filterstellung am Pult sind von großer Bedeutung, müssen aber leider hinten anstehen und werden in einem separaten Workshop erörtert.

1 – Der Durchmesser der Lautsprecher

Im Prinzip kommen für die E-Gitarre drei Größen von Lautsprechern infrage. 10″, 12″ und 15″ Speaker werden gerne im Blues verwendet, bei dem maximal ein crunchiger Sound gefragt ist. Ab Lead- bis High-Gain kommt nahezu ausschließlich der 12″ Lautsprecher zum Einsatz, da er zum einen träge genug ist, um die ätzenden Rasierapparat-Höhen zu verschlucken, zum anderen aber schnell genug, um sich bei schnellen Passagen in hohen Lautstärken nicht zu verschlucken. Das Prinzip aller dynamischen Lautsprecher ist das Gleiche, allerdings bleiben wir auch hier der Einfachheit halber bei der 12-Zoll-Variante.

2 – Die Leistung der Lautsprecher

Merke: Die Wattzahl eines Lautsprechers hat mehr mit dem Klang als mit der Leistung zu tun, warum sollte man sonst einen 50 Watt Head an eine 300-Watt-Box anschließen? Als grobe Faustregel kann man festhalten, dass je weniger Watt ein Lautsprecher hat, er umso höhenreicher klingt. Dazu kommt eine sehr schnelle Ansprache. 25-30 Watt Vintage Speaker eignen sich demnach sehr schön für crunchige Sounds mit vergleichsweise wenig Gain.

Soll es mehr in Richtung Hard ’n’ Heavy gehen, werden vermehrt Lautsprecher mit 50 Watt und mehr verwendet, da diese mehr komprimieren, über größeren Hub und mehr Stabilität im Bass-Bereich verfügen. Als Standard hat sich hier der 75 Watt Lautsprecher im 300 Watt Cabinet etabliert.

3 – Die Bauweise der Box

Merke: Ein nach hinten offenes Gehäuse erfreut den Drummer auf der Bühne, da er weniger Gitarre im Monitor benötigt. Das nimmt aber auch Druck und Kompression aus dem Sound. Im Blues/Pop gerne verwendet, wird im Rockbereich eher davon Abstand genommen. Ob der Lautsprecher von vorne oder hinten an der Schallwand montiert ist, macht sich zwar im Abstrahlverhalten im Proberaum deutlich bemerkbar, ist aber bei Close-Mic-Recordings eher sekundär in Sachen Klangverhalten. Eine geschlossene Box drückt zwar nach vorne wie die Wutz, aber geht man nur einen Meter zur Seite, ist auf der Bühne faktisch nichts mehr zu hören. Aber auch hier, für die Recordings eher sekundär.

4 – Die Mikrofontypen

A – Dynamisches Mikrofon

Bei einem dynamischen Mikrofon handelt es sich im Prinzip um einen kleinen Lautsprecher, in den man hinein singt/spielt. Diese Mikrofontypen sind sehr robust, mittenbetont und haben sich in Form zum Beispiel des Shure SM57 zum Standard in jedem Studio und auf jeder Bühne gemausert. Richtcharakteristik zumeist Niere oder Superniere (wenig Einstreuung von außen).

Recordings Gitarre Dynamisches Mikrofon Kalotte

— Recording: Gitarre dynamisches Mikrofon – Kalotte —

Dynamisches Mikrofon – Rand Kalotte

B – Kondensator Mikrofon

Deutlich feiner auflösend als ein dynamisches Mikrofon, mehr Höhen, mehr Bässe, mehr alles, was sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Aufgrund der Bauweise benötigen Kondensatormikrofone eine Phantomspeisung in Höhe von zumeist 48 Volt vom Pult oder Preamp. Für den Studiobetrieb einen Versuch wert, für den Livebetrieb meist zu empfindlich, es sei denn, man ist Eddie Van Halen, der seinen Sound prinzipiell mit Röhren-Kondensator-Mikrofonen live abnimmt. Richtcharakteristik zumeist umschaltbar zwischen Kugel, Acht oder den verschiedenen Nieren.

Recording Roehren Kondensatormikrofon

— Recording: Röhren-Kondensatormikrofon —

Röhrenkondensatormikrofon Rand Membran

Röhrenkondensatormikrofon Rand Kalotte

 

C – Bändchen Mikrofon

Gerne als der „natürlichste“ Klang im Mikrofonwald verschrien. Sind ausschließlich für den Studiobetrieb zu gebrauchen, da sehr empfindlich gegen äußere Einwirkungen und haben zudem immer eine Acht als Charakteristik, was bedeutet, dass auch immer der Raum mit aufgenommen wird. Der Klang ist vergleichsweise warm, weich und sehr basslastig. Achtung, während ein dynamisches Mikrofon eine versehentlich eingeschaltete Phantomspeisung vergleichsweise gut wegsteckt, zerstört die anliegende Spannung das Bändchenmikrofon umgehend.

Recording Bändchenmikrofon

Recording Bändchenmikrofon

Bändchenmikrofon Rand Membran

Bändchenmikrofon Rand Kalotte

5. Mikrofonplatzierung

Wie bereits erwähnt ist die Platzierung des Mikrofons von immenser Wirkung in Sachen Klang. Generell sollte man das Mikrofon zwischen 5 – 10 cm vor dem Lautsprecher platzieren und dann je nach gewünschtem Höhenanteil die Mikrofonkapsel Richtung Kalotte verschieben. Je weiter am Rand, umso höhenärmer. Abhängig vom Mikrofontyp kann man so seinen Sweet Spot finden. Was klanglich eher einen Schuss in den Ofen darstellt, ist die Ausrichtung in die Mitte der Kalotte. Quäkende Mitten und sägende Höhen sind die Folge.

Mein persönlicher Favorit ist ein dynamisches Mikrofon, 5 cm von einem 65 Watt Celestion Lautsprecher entfernt und mit Ausrichtung auf den Rand der Kalotte, bei Vintage Speakern bis 30 Watt auch gerne in der Mitte zwischen Kalotte und Membranrand mit Tendenz zum Rand.

Natürlich kann man den Gitarrensound auch mit mehreren Mikrofonen gleichzeitig abnehmen, aber das ist schon wieder so ein Buchthema. Allein die ganzen Phasenverschiebungen, ob wissend zur Mittenausdünnung eingesetzt oder aus Unwissenheit Sound zerstörend betrieben, würde den Rahmen dieses Workshop-Teils sprengen.

Recordings Gitarre Dynamisches Mikofon Membran

Recordings Gitarre dynamisches Mikrofon Membran

Dynamisches Mikrofon – Rand Membran

Fazit

Abschließend noch ein paar Worte im Allgemeinen. Alles, was ich hier geschrieben habe, ist zwangsweise eine komplett subjektive Meinung und damit nicht allgemeingültig, erst recht keine Doktrin. Wenn es Dir gelingt, mit einem iPhone, positioniert in einem Waschbecken mit daneben liegendem, eingedrückten 6″ Lautsprecher Deinen absoluten Traumsound zu generieren, ist das absolut OK! Musik und Klang sind ein in höchstem Maß subjektives Empfinden, daher kann man letztendlich auch nicht sagen, was besser oder schlechter ist.

Wenn Du aber auf Nummer Sicher gehen und bei dem nächsten Studioaufenthalt zumindest teilweise mit dem Tontechniker auf Augenhöhe kommunizieren möchtest, ist es sinnvoll, die vorgenannten Beispiele auszuprobieren. Dabei wünschen wir viel Spaß und eine Menge neuer Erfahrungen!

Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Gitarren aufnehmen kann ein sehr schwieriges Thema sein, man kann echt viele Jahre damit verbringen. So viele Faktoren spielen eine Rolle, und am Ende ist es Kunst, über lässt sich immer streiten. Man hats nicht leicht. Man könnte 200 Seiten hier füllen und wäre nicht am Ende. Das muss man sagen. Immerhin wurde das Thema gut angeritzt, ein schöner Bericht.

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      AMAZONA Archiv

      Wie man gut hören kann, in den Hör Beispielen, ist man mit einem gut positionieren shure sm57 in den meisten Fällen bestens bedient. Bändchen und Kondensator oder gar Kombinationen aus beiden in verschiedenen Abständen Richtungen etc…. Was will da eine läppische Simulation noch gegen ausrichten.

      Hier beginnt der Himmel sich zu öffnen.

  2. Profilbild
    harrymudd  

    Es gibt auch Bändchenmikrofone mit Nierencharakteristik z.B. von Beyerdynamic M160.
    Bei den Simulanten sollte unterschieden werden zwischen solchen, die den Übertragungsweg simulieren z.B. Kemper, POD und solchen, die den Amp teilweise elektronisch simulieren wie in SPICE z.B. s-gear2. Klanglich wie ich finde eine sehr gute Alternative zur Mikrofonabnahme.
    Schön wäre eine Gegenüberstellung der realen Mikrofon- und der virtuellen Abnahme – da geht schon heute eine Menge. Und leider kann nicht jeder einen Plexi in erforderlicher Lautstärke in seinem Homerecordingstudio per Mikrofon aufnehmen:)

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