Workshop: E-Gitarren Recording, Teil 2 – der Equalizer

19. Februar 2018

Equalizer? Filter? Entzerrer? Watt denn jetzt?

Willkommen zum zweiten Teil unserer E-Gitarren Recordingabteilung und ihren unerschöpflichen Möglichkeiten, den Klang deiner Liebsten zu konservieren. Wir gehen nunmehr davon aus, dass du dich durch den unübersichtlichen Dschungel der Mikrofonwahl gekämpft und ein für Gehör und Portemonnaie passendes Produkt gefunden hast. Kommen wir heute zum nächsten Werkzeug, das in seiner Radikalität die an sich schon massiven klanglichen Auswirkungen der Mikrofonwahl um ein Vielfaches in den Schatten stellt. Die Rede ist vom Equalizer, gerne als „Filter“ oder früher auch als „Entzerrer“ bezeichnet, einhergehend mit der richtigen Wahl des passenden Preamps.

Und schon geht sie los, die Reise in wilde Konfusionen, gepaart mit Youtube-Wissen und allerlei Tipps aus der Wunderwelt der Halbwahrheiten. Um jeglichen Anfeindungen vorzubeugen, ja, dies ist ein subjektiver Workshop! Ja, dieser Workshop kann nur eine begrenzte Auswahl an Möglichkeiten bringen. Ja, jedes Gehör ist anders und die sogenannten „Geschmäcker“ ohnehin, aber ein gesundes Basiswissen sollte jeder Gitarrist besitzen, sonst schraubt er sich bei der nächsten Aufnahme einen Wolf, ohne letztendlich zu erreichen, was er möchte.

Und als Abschlussanmache noch hinten dran, die Wahl des Equipments ist letztendlich sekundär, es ist deutlich wichtiger, was ihr aus dem Equipment heraus holt. Natürlich klingt ein Preamp für 2.000,- Euro im Durchschnittsbetrieb erwartungsgemäß „besser“ als einer für 200, aber ein falsch eingestellter Preamp für 2.000,- Euro klingt definitiv schlechter als ein perfekt eingestellter Preamp für 200! Diese These gilt übrigens für alle handwerklichen Bereiche – Sebastian Vettel fährt in einem Golf mit Sicherheit schneller um die Kurven als jeder von uns in einem Ferrari.

So viele Filter!

Wir gehen nach wie vor davon aus, dass wir ein Signal verwalten, welches von einem „echten“ Lautsprecher produziert und von einem „echten“ Mikrofon aufgenommen wird. Entsprechende Simulationen lassen wir wie bereits im ersten Teil des Workshops beschrieben außen vor. Aufgenommen wird in eine DAW deiner Wahl, der Einfachheit halber irgendein Mac/PC mit entsprechender Software im Logic/Cubase Style. Nun denn, fangen wir zunächst mit den verschiedenen Equalizerstufen an, welche das Signal vom Lautsprecher zum Aufnahmemedium durchlaufen muss. Verschiedene Equalizer?

Nun ja, letztendlich haben wir es mit drei verschiedenen Filtern auf dem Weg in den Rechner zu tun.

  • 1.) die Klangregelung des Verstärkers
  • 2.) der Filter des Mikrofon Preamps
  • 3.) der Equalizer im Plug-in des Rechners

Alle drei Filter haben so gut wie nichts miteinander zu schaffen und können vor allem so gut wie nie die Fehler, welche bei einem anderen Equalizer während der Aufnahme gemacht wurden, wieder egalisieren. Drum schön aufpassen, dass jeder Teil für sich gut klingt und Möglichkeiten der Bearbeitung nach hinten raus bietet.

Des Pudels Kern – die Dreibandklangregelung

Neben der Input Buchse

Schauen wir uns zunächst die Klangregelung des Amps an. Zumeist wird man dort eine Dreibandklangregelung vorfinden, bestehend aus Bässen, Mitten und Höhen, wobei man im Endstufensegment auch gerne noch den Presence Regler vorfindet. Der klangliche Unterschied zwischen Links- bzw. Rechtsanschlag der einzelnen Bänder fällt bei den meisten Verstärkern vergleichsweise moderat aus, weitergehende Filter wie zum Beispiel semi- bzw. vollparametrische Equalizer findet man überhaupt nicht. Warum ist das so? Könnte man mit einem effektiver arbeitenden Filter den Klang des Verstärkers nicht deutlich variabler gestalten? Und wie! Und man würde so direkt einen großen Fehler machen!

Die natürliche Grenze der Klangübertragung ist der Lautsprecher, welcher sowohl nach oben als auf nach unten aufgrund seiner Bauweise den Frequenzgang abregelt. Wie im letzten Workshop besprochen, werden unangenehme Frequenzen im Höhenbereich gerade bei einer verzerrten Gitarre durch die Trägheit des Lautsprechers geschluckt. Dem Lautsprecher jetzt einen Boost/Dämpfung oberhalb von 4 kHz zu spendieren, würde absolut nichts bringen, da unhörbar. Im Gegenzug würde eine übermäßige Bassanhebung nicht nur die verwendeten Bauteile übermäßig belasten, man würde sich auch noch in die Frequenzbereiche der Mitmusiker „einmischen“. Wer jemals versucht hat, live einen differenzierten Sound bei zwei Siebensaitern und einem Fünfsaiterbass zu generieren, weiß wovon ich rede.

Noch schlimmer wird es bei Achtsaiter Gitarren. Hier sind Bassisten massiv von einer aufkommenden Depression bedroht, da sie eigentlich nur noch im Klangbild stören und ständig damit beschäftigt sind, ein freies Frequenzloch zu finden. Am besten noch slappend auf der Flucht in den Höhenbereich. Einfach erniedrigend!

Letztendlich kann man nur den Grundcharakter des Verstärkers mittels seiner Klangregelung im Rahmen seines Einsatzgebietes vergleichsweise dezent verbiegen. Gerade im extrem wichtigen Mittenbereich wird der Klang der Kombination Gitarre / Verstärker geprägt und genau deshalb gibt es auch nur ein einfaches Bandpassfilter als Mittenregler! Hä? Wenn dieser Bereich so wichtig ist, warum dann diese Beschränkung? Ganz einfach, damit man weniger falsch machen kann! Bitte? Ja, schon Jim Marshall hat seinen Verstärkern vor 50 Jahren bewusst eine sehr ineffektive Klangregelung verpasst, auf dass, egal wie sehr man auch die Regler verdreht, kein schlechter Sound erzeugt werden kann! Ernsthaft, hat er selber in mehreren Interviews gesagt! Der Mann wusste schon damals, wie Gitarristen ticken. Und wer ist heute der erfolgreichste Verstärkerhersteller der Welt?

Die E-Gitarre verfügt nicht nur über einen sehr charakteristischen Sound, sondern auch über ein sehr spezifisches Frequenzspektrum, welches sie im Bandgefüge leicht orten lässt. Verbiegt man dieses Spektrum zu stark, mag das Instrument für sich allein genommen noch interessant klingen, im Bandkontext hingegen leidet der Klang massiv. Womit wir direkt zur zweiten Stufe kommen:

Jetzt auch mit parametrischen Mitten – der Preamp

Der Mikrofon Preamp

Bei dieser Stufe kann es sich um einen separaten Preamp handeln oder aber um den Kanalzug eines Mischpultes. Die Funktion ist die gleiche, es gilt den Pegel des Mikrofons auf Arbeitsniveau anzuheben, möglichst ohne parallele Anhebung der Nebengeräusche und zu starker bauartbedingter Einfärbung des Signals. Einige Preamps verfügen bereits über eingebaute Filter, ebenso wie jeder Mikrofon-Kanalzug eines Mischpults. Hier beginnt das eigentliche Schrauben am Klang der Gitarre, allerdings nicht ohne die Gefahr, zu viel des Guten zu tun. Wie immer gilt auch hier die Prämisse „weniger ist mehr“. Auch treffen wir hier auf unserem Signalweg die ersten parametrischen Equalizer, welche komplett neue Welten eröffnen. Zudem bedient der Höhenregler eines Pultes ganz andere Frequenzbereiche als zum Beispiel der Höhenregler eines Verstärkers.

Führt euch immer vor Augen, dass das Signal nun den Verstärker verlassen hat und ihr über den Tellerrand des reinen Gitarrensounds hinweg sehen müsst. Wo liegt der frequenzielle Fokus eurer Musik? „Downtuning High Gain“ oder doch eher „Standard Tuning Blues“? Wie ist die Besetzung der Band? In einem Trio muss die Gitarre weit mehr Frequenzen abdecken als zum Beispiel in einer Combo mit schwerem Keyboardeinsatz. Sucht die Frequenz, in der sich das Instrument am besten durchsetzt und versucht, diesen Bereich leicht (!) zu verstärken. Meistens wird sich der Bereich im Mittenspektrum (zwischen 800 Hz und 2 kHz) bewegen, abhängig von Stilistik und Verzerrungsgrad.

Massiver Basseinsatz unter 300 Hz mag bei Downtuning für sich alleine ganz toll klingen, aber welche Frequenz soll jetzt der Bass belegen? Wie soll er sich da zwischen Gitarre und Bassdrum quetschen? Fazit: Achtet darauf, dass die Gitarre weiterhin natürlich klingt und gebt dem Grundklang einen persönlichen Charakter. Der jetzige Klang birgt den Großteil eures Sounds in sich, ist aber noch nicht die finale Stufe. Denn jetzt kommt noch das

EQ Plugin im Logic Kanalzug – FLAT

EQ-Plug-in des Rechners (oder vergleichbares Outgear).

Jetzt wird die Sache richtig spannend, zumal ein Plug-in Equalizer je nach Typ eine große Auswahl an Werkzeugen bietet. Nicht nur, dass du zumeist zwischen allen Equalizer Typen (Shelving, Bandpass, High/Lowpass) wählen kannst, du deckst hier nun auch das gesamte Frequenzspektrum des Instruments im finalen Mix ab.

— EQ – Notch Search —

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Du MUSST hier gar nichts machen, aber Du KANNST! Wenn der Sound in den Stufen davor bereits so perfekt angelegt wurde, dass er perfekt ins Gesamtklangbild passt, umso besser, dann mach am besten gar nichts und erfreue dich am Klang. Befindet sich aber eine störende Frequenz in deinem Sound oder ist ein Bereich des Sounds durch ein anderes Instrument bereits hinreichend abgedeckt, kann man hier helfend einschreiten.

— EQ NOTCH FILTER —

In dieser Bearbeitungsstufe werden allerdings auch aufgrund der mannigfaltigen Möglichkeiten die meisten Fehler gemacht. Wer nicht ganz genau weiß, welche Frequenz er jetzt bearbeiten möchte, verläuft sich schnell in den unendlichen Möglichkeiten des I/O Wahnsinns. Schaltet am besten immer wieder zwischen unbearbeitetem und verbogenem Signal hin und her, sonst ermüden die Ohren sehr schnell. Denkt auch immer dran, ihr seid nicht dafür verantwortlich, den gesamten Frequenzbereich abzudecken, sondern nur den eures Instrumentes. Und das möglichst perfekt.

— EQ – HÖHENLASTIG —

Sollte dein Instrument irgendwo eine Überbetonung aufweisen, kann zum Beispiel ein Notch Filter einen sehr kleinen Frequenzbereich umreißen und diesen gezielt absenken. So kann man die störende Frequenz mit chirurgischer Präzision entfernen, ohne dass der gesamte Sound darunter leidet. Zur Analyse einfach das Gegenteil machen. Einen Frequenzbereich stark anheben, die Frequenzachse abfahren und da, wo es am meisten dröhnt, die Frequenz absenken.

Fazit

Versuche dein Gehör für die unterschiedlichen Mittenfrequenzen zu sensibilisieren. Keine Sorge, das passiert nicht von heute auf morgen. Ich selber habe mindestens zwei Jahre gebraucht, um einigermaßen sicher die Frequenz im Vorfeld zu „hören“, welche ich dann bearbeiten möchte. Das Ganze ist zu Beginn sehr anstrengend und frustriert einen schneller als einem lieb ist, aber die Mühe lohnt sich. Lege immer wieder Pausen ein, sodass sich dein Gehirn entspannen kann. Nach acht Stunden Schlaf klingen übrigens alle Frequenzen wieder viel frischer. Unter Stress arbeitet unser Gehör komplett in einer Art „Sumpfmodus“, hier ist kreatives Arbeiten faktisch nicht mehr möglich.

Wir wünschen viel Spaß beim Ausprobieren!

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